Glanz und Elend auf der Ruhrtriennale
Flamenco at it’s best: RI TE mit Israel Galván und Marlene Monteiro Freitas und ein verkorkstes David Bowie Musical
Von Simone Hamm
Dreimal hat Ivo van Hove die Ruhrtriennale mit Stücken begonnen, die nur auf Songs beruhen. Sandra Hüller sang songs von PJ Harvey und zeigte, dass sie erheblich besser spielen als singen kann. Immerhin hatte sie Spaß daran und das übertrug sich aufs Publikum. Vor einem Jahr versuchte Lars Eidinger sich an Sinatra und scheiterte auf der ganzen Linie.

Ivo Van Hove, David Bowie (v.l.n.r.) © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026
In diesem Jahr hat Ivo van Hove ein Musical mit David Bowie Songs erarbeitet. Mit einer ziemlich dünnen Story. Jugendgangs terrorisieren ihr Viertel. Liebe ist verboten. Doch ein Junge und ein Mädchen setzen sich darüber hinweg, werden Rebellen, siegen.
Auch bei seiner 3. Auftaktinszenierung „Rebel, Rebel“ läßt Ivo van Hove die unendlichen Möglichkeiten, die Jahrhunderthalle zu bespielen, außen vor. 2023 etwa inszenierte Dmitri Tcherniakov Leos Jánaceks „Aus einem Totenhaus“ nach Dostojewski . Die Zuschauer blickten nicht in die Hölle. Sie waren selbst im sibirischen Verbannungslager. Standen in engen Gängen auf einem dreigeschossigen Stahlgerüst oder im Gefängnishof.
Ivo van Hove bleibt beim Guckkastentheater. Aus Musik, Tanz und Ort wird kein Ganzes.
In bunten, zerfransten, zerrissenen und natürlich dennoch gestylten Kleidern tanzen Mitglieder des flämischen Ensembles „Eastman“ in dreckigen Hinterhöfen, vor demolierten Containern, prügeln sich. Bisweilen zeigen sie einen Anklang von Ironie, versuchen, die schale Handlung zu konterkarieren. Einmal ein toll getanztes Solo von Nelson Parrish Earl. Sonst ist das alles sehr banal, ein Hintergrundballett für einen Star eben. Was den großen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui dazu bewogen hat, die Tänzer so wenig zu tanzen und so viel hüpfen zu lassen, das verstehe wer will. Sie alle können es so viel besser.
Der muskulöse Daniel Donskoy ist der Leader of the Gang, ein Bösewicht wie aus einem schlechten Film. Ari Notartomaso und Diego Rodriguez sind girl und boy. Und singen, das können sie. Ihre Charaktere hingegen entwickeln sich nicht. Mit „Golden Years“ endet der Abend unerwartet fröhlich.
Rebel Rebel, Regie: Ivo Van Hove. Daniel Donskoy © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026
Das Arrangement bleibt im Bowie Stil. Der musikalische Leiter Henry Hey und die Sänger dürfen nichts Eigenes, keine Interpretation zeigen. Sie wagen es nicht, die Songs des großen David Bowie neu zu interpretieren. Das ist schade – und doch ist es letztlich die Musik, sind es die Sänger, die den Abend nicht vollends zum Fiasko werden lassen. Vor allem, wenn sie die unbekannteren Lieder vom Album „Diamond Dogs“ singen, überzeugen sie.
Das ist nicht genug für das große Kultur Festival Ruhrtriennale. Der Ziggy Starlight Express „Rebel, Rebel“ hätte nicht in der Jahrhunderthalle auf der Ruhrtriennale, sondern im Starlight Express Theater nebenan laufen sollen. Dafür hätte es gereicht.
RI TE
Eine Holzkiste steht auf der Bühne. Die Vorderseite ist aufgeklappt. Ein Mann und eine Frau gehen auf und ab: Die von den Kapverdischen Inseln stammende Tänzerin, Choreographin und Performancekünstlerin Marlene Monteiro Freitas und der berühmte Flamenco Tänzer aus Sevilla, Israel Galván. Freitas vermischt die Genres, Galván hat die Grenzen des Flamenco eingerissen, einen radikal neuen Flamenco geschaffen.

RI TE, Israel Galván und Marlene Monteiro Freitas © Bea Borgers
Rite bedeutet lacht! auf Portugisisch, kann aber auch Ritus sein – mit einer Pause zwischen RI und TE. Es wird ein sehr humorvoller Abend.
Galvan hat sich Blüten so ins Haar geflochten, dass es wie ein Irokesenschnitt aussieht. Marlene Monteiro Freitas hat weiße Blüten in ihre hochgebundenes Harr gesteckt. Beide haben weiße Overalls an. Sie trägt türkise Stiefelchen, er klobige pinkfarbene Gummistiefeletten. Das sieht so ganz und gar nicht nach Flamenco aus.
Sie setzen sich auf zwei Stühle in der aufgeklappten Kiste. Sie trommeln mit Händen und kleinen Kastagnetten. Auf ihre Körper. Sie kratzen an der Wand. Kleine Gesten wie ein Augenrollen, ein gespieltes Erschrecken, ein Schmunzeln erzielen große Wirkung.
Sie klopfen mit den Füßen auf den Holzboden der Kiste. Das ist Musik, das ist Energie, das ist Spannung auf kleinstem Raum.Sie tanzen wilden Salsa und stolzen Flamenco.

RI TE, Israel Galván und Marlene Monteiro Freitas © Laurent Philippe
Dabei schlüpfen sie aus den vorgegebenen Rollen von Mann und Frau beim Flamencotanz heraus. Sie steht da wie ein Matador, spuckt auf den Boden und animiert das Publikum Olé zu rufen. Immer wieder.
Er wirft Kusshändchen ins Publikum. Immer wieder. Sie zieht Grimassen, kaut Kaugummi. Er ist in sich versunken. Seine Füße trommeln schnelle Rhythmen. Manchmal könnten sie gegensätzlicher nicht sein. Dann wieder fühlen sie sich zueinander hingezogen. Und brauchen doch die Freiheit.
Ein überzeugendes Spiel aus Annäherung und Entfernung. Ein Genuss.

