Goethe-Preis für Uwe Timm: Vergegenwärtigung der Vergangenheit
Von der Paulskirchen-Laudatio durch Shida Bazyar zum traditionellen Geburtstagsfest im Goethe-Haus
Von Uwe Kammann
Hat es das je gegeben? Kaum waren die letzten Töne der Harfenistin Anne-Sophie Bertrand verklungen, die sich mit dem heiteren Sommerlicht in der wie immer hellstrahlenden Paulskirche verbanden, da erklomm Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef noch einmal federnd das steinerne Pult und ergriff das Wort. Mit einem Lob für den himmlischen Hall, noch nie habe er eine Harfe so schön klingen hören wie in diesem Raum, und er sei froh über das Echo seines Anrufs beim Preisträger am ungewöhnlichen Ort. Das Klingeln nämlich hatte Uwe Timm in der Berliner U-Bahn erwischt, Station Spichernstraße. Folglich, so der bestens gelaunte Mike Josef, werde er künftig noch lieber im öffentlichen Nahverkehr kommunizieren.

Viel Beifall gab’s für den diesjährigen Goethe-Preisträger Uwe Timm in der Frankfurter Paulskirche, Foto: Alexander P. Englert
Genau mit der gleichsam anekdotischen Schilderung dieses Anrufs – ob er den ihm zuerkannten, nur alle drei Jahre vergebenen Goethe-Preis der Stadt Frankfurt annahmen werde? – hatte Timm seine Dankesrede begonnen, um aus der Stationsbezeichnung Spichernstrasse, die an den Ort Spichern und damit an eine Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870 erinnert, eine Erinnerungslinie zurück zu ziehen: an die Schlacht von Valmy im Dezember 1792. Denn die hatte Goethe in einer autobiographischen Schrift „Kampagne in Frankreich 1792“ beschrieben, sozusagen als seinerzeit beauftragter Kriegsreporter. Denn er war im Gefolge seines Landesherren, des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, ins französische Kriegsgebiet gereist, hatte dort den Feldzug preußischer und österreichischer Truppen gegen das revolutionäre Frankreich begleitet und beim Dörfchen Valmy fast körpernah die Einschläge der Artilleriekugeln erlebt.
Ungewöhnlich genug, dieser Auftakt der Rede fern von den Großwerken des in der Regel kriegsfern verehrten Dichters. Doch genau richtig, um die Werte der französischen Revolution zu beschwören, der Goethe – bei allem ja auch ein treuer Staatsdiener – nichts abgewinnen konnte, ganz im Gegenteil. Und so rief Uwe Timm kontrastierend den eigentlichen Kern der ja nur drei Jahre vor Valmy zurückliegenden Revolution hervor, ein Kern, der sich in einem Wort verdichten lässt: Aufklärung, verbunden mit der Vision universeller Freiheit und menschlicher Brüderlichkeit.

OB Mike Josef machte die Preisverleihung an Uwe Timm zu seiner Sache, Foto: Petra Kammann
Und damit war auf zwingende Weise die Überleitung geschaffen zu dem Ort, der in Frankfurt zum festen Synomym geworden ist für den Kampf um Aufklärung in jedem Sinne, um freie Willensbildung und politische Mündigkeit, um Demokratie und in den Jahren der Nachkriegszeit im hohen Maße auch um das freie Wort, um die geistige Auseinandersetzung – ein Weg, den der Architekt Rudolf Schwarz auch in der Wiederaufbaugestalt der Paulskirche materialisierte und manifestierte: vom Dunkel (der unteren Wandelhalle) zum Licht (dem weißstrahlenden Oval, einer puren Raumschöpfung) der Paulskirche.

Große Anteilnahme auch bei den Vertretern der Stadt wie der Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke und der früheren OB Petra Roth neben Timms Frau, der Übersetzerin Dagmar Ploetz, Foto: Petra Kammann
Dann, im dritten Schritt der Dankesrede, die weitere Wendung, von Timm verstanden als konsequente tagespolitische Schlussfolgerung: der Appell, sich gegen die Politik der AfD zu wenden („ich weiß, ich renne bei Ihnen offene Türen ein“), in der er die Gefahr der Wiederholung der nationalsozialstischen Propagierung völkischer Ideale sieht.

Die Schriftstellerin Shida Bazyar hielt die Laudatio auf uwe Timm und auf Goethe, Foto: Petra Kammann
Das alles war, als rednerischer Schlusspunkt der Verleihungsfeier, ein klarer Dreischritt, der allerdings nur einen Teil des Denkens und Könnens des Preisträgers zeigte. Dessen großes Spektrum an Themen und Fertigkeiten zuvor die Schriftstellerin Shida Bazyar in ihrer Laudatio in den Sachpunkten so überzeugend wie rhetorisch glänzend beschrieben, nachgezeichnet und analysiert hatte: als immer wieder neue Anstrengung, die Vergangenheit so zum Sprechen zu bringen, dass sie die Gegenwart verständlich macht. Es ist eine Anstrengung, welche über 100 Jahre der deutschen Geschichte in detail- und variantenreicher literarischer Form durchmisst, von der grausamen Kolonialherrschaft über die Verbrechen und Gräuel der Nazi-Zeit bis zur Phase der studentischen Revolte in den Spätsechzigern – dies alles aber nie in absolutierenden Zuschreibungen, sondern neugierig und wirklichkeitsnah, mit einem so offenen wie genauem Blick.

Gespannt lauscht das Publikums Uwe Timms historisch-fundierter Dankesrede, Foto: Petra Kammann
Das Timm zugewandte Publikum – zumeist sommerlich gekleidet, mit einem ganz anderen Gesamtbild als beim adelnden Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – folgte mit hellwacher Aufmerksamkeit einer Lobesrede, welche in ungewöhnlich warmherziger Form die oft ganz und gar nüchtern formulierten Alltagsbefunde des nun schon 86jährigen Uwe Timm nachzeichnete und sein Werk – das von Romanen und Lyrik über Essays und Hörspiele bis zu Drehbüchern reicht – in differenzierter Weise auffächerte.
Die Harfenistin Anne-Sophie Bertrand, Foto: Petra Kammann
Auch dies war – in ganz individueller Form – als zielführende Aufklärung zu verstehen. Der wiederum die im hr-Orchester herausragende Harfenistin Anne-Sophie Bertrand einen musikalischen Rahmen verlieh, der mit vorwiegend impressionistischen Anklängen (so Gabriel Fauré und auch Hindemith) eine offen schwebende Charakteristik betonte.

Geselliges Beisammensein im Gartensaal des Goethehauses im Großen Hirschgraben, Foto: Petra Kammann
So erlebte das Frankfurter Kulturpublikum einen Lobes-Nachmittag, der nur wenige Hundert Meter weiter zur ersten Wohnstätte des Namenspatrons führte, dem immer wieder schlicht als Dichterfürst titulierten Johann Wolfgang von Goethe. Wie immer zu seinem Geburtstagsfest am 28. August – in diesem Jahr dem 277. – waren die Räume im großbürgerlichen Elternhaus am Großen Hirschgraben mit Kerzen illuminiert und boten den wie immer staunend-bewundernden Gästen ein unnachahmliches Ambiente.

Kerzenbeleuchtetes und blumengeschmücktes Ambiente des Goethehauses, Foto: Petra Kammann
Vorausgegangen war ein vom Freien Deutschen Hochstift ausgerichtetes Bühnenprogramm im Cantate-Saal der heutigen Volksbühne, in dem musikalische Unterhaltung – von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert und Jan Vanhal – den Festvortrag von Anne Bohnenkamp-Renken spielerisch-heiter umrahmte. Die Direktorin des Hochstifts und des Romantik-Museums versetzte die Gäste im vollbesetzten Saal in das durchaus eigensinnige Geburtstagsambiente Goethes, das auch mit Distanzen, nicht zuletzt aber auch mit Gedichtgeschenken für die Gäste verbunden war.

So anspielungs- wie kenntnisreich die Rede der Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts Prof. Anne Bohnenkamp-Renken, Foto: Petra Kammann
An seinem 77. Geburtstag, also vor nunmehr 200 Jahren, war es ein besonderes Gedicht, weil es als Dankeserwiderung an die Glückwünsche seiner Freunde verfasst war; so dass es nicht nur unter dem (so gedruckten) Titel „Am acht und zwanzigsten August 1826“ bekannt ist, sondern auch unter jenem „Den Freunden“. Es beginnt mit den Worten „Des Menschen Tage sind verflochten“ und endet mit der Sentenz „Das bleibt zuletzt erprobtes Glück“, ein Erfahrungsweg, der in drei Strophen durchmessen wird.
Was daraus zu ziehen ist, wie dies bei offenen historisch-kulturellen Deutungsebenen verstanden und mit Goethes Leben (und seinen so eigenen Lebensgewohnheiten) verbunden werden kann, das erläuterte Anne Bohnenkamp-Renken in feiner Interpretationskunst. Die dann überleitete zum Flanieren in die bürgerliche Vergangenheit, deren Ambiente die Heutigen verzaubert. Und ihnen damit jedes Jahr einen ganz eigenen Geburtstag schenkt.

