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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Johann Wolfgang Goethe und Friederike Elisabeth Brion

Zum 277. Geburtstag des Dichterfürsten

Im Goethe-Haus am Hirschgraben flackerten am 28. August nach alter Tradition die lebendigen Kerzen für die Besucher, welche dort – nach einem musikalisch-dichterischen Auftakt den Geburtstag des großen Frankfurters feierten. Charmante Gastgeberin war Prof. Anne Bohnenkamp-Renken, die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und Romantik-Museums, die in ihrem Festvortrag Einblicke in die Goethischen Geburtstagsrituale gab, bei denen es an Gedichten für den Freundeskreis nicht fehlte. Für Erhard Metz war der 277. Ehrentag die schönste Gelegenheit, um für FeuilletonFrankfurt einen Streifzug durch Goethes Liebesleben zu unternehmen, das mit Friederike Elisabeth Brion seinen eigentlichen Auftakt in einem elsässischen Pfarrhaus gefunden hatte. Es war nicht die letzte Station, aber sicher eine der dichterisch ertragreichsten. -pk-

Von Erhard Metz

Friederike Elisabeth Brion, Lithographie von Georg Engelbach (1817-1894); wikimedia commons/COM: TAG United States

„Dem Mädchen aus Sesenheim geschah Leid von dem Halbgott. Leid war der Preis für das Licht der Unsterblichkeit“
(Friedrich Ernst Peters [1890-1962], Schriftsteller und Pädagoge)

„Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie,
so reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh“
(Inschrift auf dem 1866 errichteten Grabstein nach einem Vers von Ludwig Eckhardt [1827-1871], Lyriker und Schriftsteller)

Nach zwei gescheiterten Jugendverliebtheiten – bei der ersten war er gerade mal 14 Jahre und zu jedwedem altersgerechten Leichtsinn aufgelegt, der ihm im konkreten Fall recht viel Ärger mit dem strengen Vater einbrachte, einem Kaiserlicher Rat mit hoher Reputation nicht nur in Frankfurt, bei der zweiten immerhin mit 17 Jahren als recht lebenslustiger Student in Leipzig, der der Rechtswissenschaft nicht gar so viel abgewinnen konnte – war Johann Wolfgang Goethe als Verlassener und Getäuschter zweifellos verletzt, wenngleich auch vom weiblichen Geschlecht nach wie vor fasziniert und von tiefer Sehnsucht nach ihm erfüllt. Da sein Jurastudium in Leipzig keinen zufriedenstellenden Abschluß gefunden hatte, schickte ihn der Vater zur Vollendung des Begonnenen nach Straßburg. Immerhin ritt er dort statt intensiv zu studieren zu Pferde (!) durch die elsässische Landschaft und lernte in Sessenheim (der künftige Dichterfürst schrieb stets Sesenheim) einen Pfarrhaushalt kennen, in welchem er sich wohl angenommen und geborgen fühlen konnte. Von Anfang an hatte es ihm im besonderen die offenkundig hübsche und liebreizende Pfarrerstochter Friederike angetan. Beide verliebten sich alsbald recht innig ineinander.

„In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. Beide Töchter trugen sich noch deutsch, wie man es zu nennen pflegte, und diese fast verdrängte Nationaltracht kleidete Friedriken besonders gut. Ein kurzes weißes rundes Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als daß die nettesten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes weißes Mieder und eine schwarze Taffetschürze – so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin. Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehn und zu erkennen“ (Johann Wolfgang Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Zehntes Buch).

Goethe verstand sich wohl mit der ganzen Familie recht gut, die ihn freundlich aufnahm. So half er beispielsweise dem Pastor bei der Planung und dem Bau eines neuen Pfarrhauses, das er auch (mitsamt einem Kranausleger) mit dem Rötelstift festhielt. Vieles schien hin auf eine glückliche Enwicklung zu deuten.

Pfarrhaus Sessenheim (Rötelzeichnung von Johann Wolfgang Goethe); wikimedia commons/COM: TAG United States

Friederike Elisabeth Brion wurde 1752 als drittes von fünf überlebenden Kindern von Johann Jakob und Maria Magdalena Brion in Niederrödern im Elsass geboren. Die beschriebene Begegnung mit Goethe fand im Herbst 1770 statt. Friederike und der 21-jährige Johann Wolfgang verbrachten viele Stunden zusammen, unternahmen gemeinsame Spaziergänge und Wanderungen. Manche Abende verbrachte er im Kreis ihrer Familie, was auch ihrem jeweiligen persönlichen Umfeld nicht verborgen blieb. Vor allem inspirierte Friederike ihn zu einer Wiederbelebung seiner Dichtkunst, was sich auch in den „Sesenheimer Liedern“ (gemeinsam mit seinem Dichterfreund Jakob Michael Reinhold Lenz) niederschlug. Sie rechnen zu einem bedeutenden Teil zur Sturm- und Drang-Lyrik.

Erwache, Friederike …

Vertreib die Nacht,
Die einer deiner Blicke
Zum Tage macht.
Der Vögel sanft Geflüster
Ruft liebevoll,
Daß mein geliebt Geschwister
Erwachen soll.

Es zittert Morgenschimmer
Mit blödem Licht
Errötend durch dein Zimmer
Und weckt dich nicht.
Am Busen deiner Schwester,
Der für dich schlagt,
Entschläfst du immer fester,
Je mehr es tagt.

Die Nachtigall im Schlafe
Hast du versäumt;
So höre nun zur Strafe,
Was ich gereimt.
Schwer lag auf meinem Busen
Des Reimes Joch;
Die schönste meiner Musen,
Du – schliefst ja noch.

„Goethe y Federica Brion“, Illustrationen aus: Germania: Dos mil años de historia alemana/por Juan Scherr, Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla, wikimedia commons cc

Maifest

Wie herrlich leuchtet
mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten
aus jedem Zweig
und tausend Stimmen
aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne
aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!
O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
wie Morgenwolken
auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
das frische Feld,
im Blütendampfe
die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
wie lieb ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst Du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
und Morgenblumen
den Himmelsduft,
wie ich dich liebe
mit warmem Blut
die du mir Jugend
und Freud und Mut
zu neuen Liedern
und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
wie du mich liebst!

Goethe und Friederike Brion, Die Gartenlaube – Illustriertes Familienblatt, 1899 Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig; wikimedia commons

Zu den Sturm- und Drang-Gedichten gehört auch das weltberühmte Heidenröslein, das Goethe zur Zeit seiner Liebesbeziehung zu Friederike (wohl zum Ende hin) für sie schrieb:

„Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt’ es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.“

Das Gedicht wird heute vielfach als eine Vergewaltigungsandrohung an eine sich männlicher Zudringlichkeit erwehrenden Frau gelesen, das Röslein kann für Friederike stehen. Man mag dazu stehen wie man will. Der stürmische Liebhaber kommt nicht ungeschoren davon, denn er erhält den schmerzenden Stich, der ihn „ewig“ an seine Frivolität denken lassen soll.

Bereits im Frühsommer 1771 dachte Goethe daran, nach dem schriftlichen Teil seiner Promotion (am Ende reichte es nur zu dem Lizenziat) die Beziehung zu beenden. Friederike schien ein bevorstehendes Ende zu spüren und kränkelte. Goethe erkannte, dass ihn sein „leidenschaftliches Verhältnis zu Friederiken nunmehr zu ängstigen anfing … Friederike blieb sich immer gleich; sie schien nicht zu denken noch denken zu wollen, daß dieses Verhältnis sich so bald endigen könne“ (a.a.O., Elftes Buch). Am 7. August 1771 traf Goethe sie vor seiner Heimkehr nach Frankfurt zum letzten Mal. Erst aus Frankfurt schrieb er Friederike einen Brief, der das Verhältnis endgültig löste. „Die Antwort Friederikens auf einen schriftlichen Abschied zerriß mir das Herz: Ich fühlte nun erst den Verlust, den sie erlitt, und sah keine Möglichkeit, ihn zu ersetzen … stets empfand ich, dass sie mir fehlte, und was das schlimmste war, ich konnte mir mein eignes Unglück nicht verzeihen“ (a.a.O.).

Goethe soll noch einmal – 1779 – auf einer Reise in die Schweiz auf dem Pfarrhof von Sessenheim eingekehrt sein. Ob 1782 ein weiterer Besuch zur Hochzeit von Friederikes älterer Schwester Maria Salome stattfand, bleibt ungeklärt.

Friederike Brion blieb unverheiratet. Zum Ende ihres Lebens erkrankte sie und bat ihre Schwester Jacobea Sofie, sie zu versorgen. Sie starb am 3. April 1813 kurz vor ihrem 61. Geburtstag und wurde am 5. April auf dem Friedhof der Kirche Meißenheim bestattet.

Grab der Friederike Brion neben ihrer Schwester Maria Salome Marx auf dem Friedhof von Meißenheim (Ausschnitt), Foto: Andreas Schwarzkopf, wikimedia commons cc

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts setzte ein regelrechter Friederike-Kult ein, der ihre Verbindung mit dem Dichtergenie und ein Sessenheimer Idyll regelrecht verklärte. So wurde 1866 auf dem inzwischen verwilderten Grab der bekannte Grabstein des Bildhauers Wilhelm Hornberger (1819-1882) mit ihrem Porträt errichtet.

Franz Lehar (1870-1948) komponierte unter dem Titel Friederike nach dem Libretto von Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Breda ein Singspiel zu dieser Thematik; es wurde 1928 im Berliner Metropoltheater uraufgeführt. Der Tenor und Schauspieler Richard Tauber verkörperte den jungen Goethe, die Schauspielerin Käthe Dorsch die junge Friederike. 1932 entstand auf der Basis dieser Operette der gleichnamige Spielfilm. Bereits 1925 hatte sich ein Stummfilm dieser Liebesgeschichte gewidmet.

Goethe wurde seinerzeit und wird zum Teil bis heute wegen seines als egoistisch, rüde und kaltschnäuzig empfundenen Umgangs mit Friederike gescholten. Der Psychoanalytiker und Schüler von Sigmund Freud Theodor Reik (1888-1969) vermutete bei ihm eine unbewußte Kastrationsangst, Angst vor Bindung und endgültiger Festlegung (Monografie Warum verließ Goethe Friederike?).

In seinem Gedicht „Willkomm und Abschied“ (in der späten Fassung „Willkommen und Abschied“) verarbeitete der Dichter seinen Rückzug von Friederike:

Willkommen und Abschied frühe Fassung 1771 (erschienen 1775)

„Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft es, ich verdient es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!“

Man beachte die letzte Strophe i.d.F. von 1789:

„Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück! geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!“

Die Goethe-Forschung weist dazu auf die bedeutende Änderung der letzten Strophe hin: In der frühen Version, wohl bereits verfaßt vor dem Vollzug seiner Trennung, gab Goethe wahrheitswidrig Friederike die Schuld an ihr: „Du gingst, ich stund und sah zur Erden / Und sah dir nach mit nassem Blick“; in der späteren Fassung bekannte er sich –  wie bereits in „Dichtung und Wahrheit“ – selbst für schuldig: „Ich ging, du standst und sahst zur Erden, / Und sahst mir nach mit nassem Blick“. Die eine Erklärung für den Wechsel geht dahin, dem klassischen Goethe von 1795 sei in seiner Eitelkeit die Vorstellung, eine Frau habe ihn verlassen und nicht umgekehrt, unerträglich geworden, die andere geht dahin, Goethe kehre auch hier zur Wahrheit zurück, er habe als souveräner Klassiker deren Leugnung nicht nötig.

Literatur:

Theodor Reik, Warum verliess Goethe Friederike? Eine psychoanalytische Monographie, Verlag: Ed. diskord, Tübingen, 1990
Claudia Schülke, Goethes Muse starb vor 200 Jahren, Sonntagsblatt 2013
Friederike Brion, Biografie, in: fembio.org
Günter Ott, Johann Wolfgang Goethe – Der Dichter und die Frauen, der Tragödie zweiter Teil in: unternehmen-lyrik.de
Goethes Liebschaften Eine Auswahl von Goethes Lieben und Leiden, telekolleg/ARD alpha
Goethe und die Damen seines Herzens, mdr Wissen
Aus fünf mach eins – Eine Handvoll Frauen stecken in Fausts Gretchen, grabbe-gymnasium.info
Goethe erzählt – Geschichten, Märchen, Schilderungen, Abenteuer und Geständnisse; Hanser Verlag 1996
Ettore Ghibelino, Goethe und Anna Amalia – Eine verbotene Liebe, 4. Auflage, Weimar, Dr. A. J. Denkena Verlag
Martin Walser, Ein liebender Mann, Rowohlt, 2. Auflage 2008

Weitere Literatur im ausführlichen Verzeichnis von wikipedia zum Stichwort Friederike Brion

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Annex: Goethes Liebschaften

(Vollständigkeit kann leider nicht garantiert werden.)

Gretchen

Der junge Goethe verliebte sich 1763/64 als Vierzehnjähriger in einem (sic!) Offenbacher Wirtshaus in „das schöne Gretchen“. Laut Bettina Brentano (der späteren Bettina von Arnim) sagte Goethes Mutter Catharina Elisabeth, „Frau Aja“, Gretchen sei die erste gewesen, von der sie wisse, dass ihr Sohn sie lieb hatte.

Goethe (a.a.O, Fünftes Buch): „Als es aber doch zuletzt an Wein gebrach, rief einer nach der Magd; allein statt derselben trat ein Mädchen herein, von ungemeiner und, wenn man sie in ihrer Umgebung sah, von unglaublicher Schönheit … Ihre Gestalt war von der Rückseite fast noch zierlicher. Das Häubchen saß so nett auf dem kleinen Kopfe, den ein schlanker Hals gar anmutig mit Nacken und Schultern verband. Alles an ihr schien auserlesen, und man konnte der ganzen Gestalt um so ruhiger folgen, als die Aufmerksamkeit nicht mehr durch die stillen treuen Augen und den lieblichen Mund allein angezogen und gefesselt wurde … Die Gestalt dieses Mädchens verfolgte mich von dem Augenblick an auf allen Wegen und Stegen: es war der erste bleibende Eindruck, den ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte … Ich drückte mein Gesicht auf ihre Hände und eilte fort. In meinem Leben hatte ich mich nicht in einer solchen Verwirrung befunden.“

Gretchen – einige Jahre älter als Goethe – verschwand aus seinem Leben so plötzlich, wie sie darin eintrat. Näheres über ihre Person wurde, soweit ersichtlich, nie bekannt. Sie war aber wohl mit ursächlich dafür, dass der junge Goethe in einige Turbulenzen geriet und von seinem Vater unter strenge Beobachtung gestellt wurde. „Als ich Gretchen bis an ihre Türe begleitet hatte, küßte sie mich auf die Stirn. Es war das erste und letzte Mal, daß sie mir diese Gunst erwies: denn leider sollte ich sie nicht wiedersehen“ (Goethe, a.a.O.)

Als Goethe nachträglich erfuhr, dass sie ihn anderen gegenüber als „Kind“ bezeichnete – er zitierte das ihm Zugetragene (a.a.O.): „Ich kann es nicht leugnen, daß ich ihn oft und gern gesehen habe, aber ich habe ihn immer als ein Kind betrachtet und meine Neigung zu ihm war wahrhaft schwesterlich“ – wendete er sich von ihr in tiefer Enttäuschung ab.

Es wird angenommen, dass Goethes erste Liebschaft, wie später dann auch vor allem Susanna Margaretha Brandt, nicht nur mit ihrem Namen Gretchen in einigen Facetten in sein berühmtes Faust-Drama Eingang gefunden hat.

Anna Katharina Schönkopf (1746-1810)

1766/67, nun das Leben genießender Jung-Student in Leipzig, war es die drei jahre ältere (sic!) Gastwirtstochter Anna Katharina „Käthchen“ Schönkopf, die Goethes Herz erwärmte, seine, wie es heißt, „erste große Liebe“. Goethe nannte sie Anette. Als dichterisches Produkt aus dieser Zuneigung resultierten seine als Büchlein „Anette“ zusammengefaßten 19 Gedichte und Prosastückchen. Doch wie ein Schatten lag über den beiden der Standesunterschied – Gastwirtstochter und Jurastudent. Käthchen heiratete auch alsbald einen anderen. Goethe erkrankte, körperlich wie seelisch, sicherlich auch aus diesem Grund und floh zur Genesung zurück ins Elternhaus nach Frankfurt.

Friederike Elisabeth Brion (1752-1813)

Sie war – 1770/71 – sozusagen die dritte, als eine wiederum kurze, aber innige und beglückende Liebesbeziehung ein noch sehr viel ernsterer Fall, von dem in diesem Beitrag gehandelt wird. Sie inspirierte Goethe zu Gedichten wie „Mailied“, „Abschied und Widerkehr“ oder dem weltberühmten „Heidenröslein“. Goethe beendete die Beziehung aber abrupt nach wenigen Monaten, was ihm daraufhin erhebliche Kritik eintrug.

Charlotte Sophie Henriette Buff, verheiratete Kestner (1753-1828)

Im Juni 1772 lernte der 23-jährige Goethe in Wetzlar Charlotte Buff, Verlobte seines Juristenkollegen Johann Christian Kestner, kennen und verliebte sich leidenschaftlich in sie. Wenige Monate später, nachdem Buff und Kestner geheiratet hatten, nahm er per Brief Abschied und reiste aus Wetzlar ab. Ob die Aussichtslosigkeit seiner Liebe oder die Angst vor einer Eskalation ihn dazu veranlasste, ist in der Goetheforschung umstritten. Goethe schrieb sich seinen Liebeskummer in dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von der Seele und landete damit, sogar weltweit, einen damals zeitgeistbestimmenden Bestseller, der ihn weit und breit berühmt machte. Kein geringerer als Thomas Mann griff den Stoff 1939 mit seinem Erfolgsroman „Lotte in Weimar“ auf.

Anna Elisabeth Schönemann „Lili“ (1758-1817)

Im April 1775 verlobte er sich mit der Frankfurter Bankierstochter Anna Elisabeth Schönemann, genannt Lili; im Oktober löste er die Verbindung im beiderseitigen Einvernehmen ebenso rasch wieder auf. Goethe befürchtete wohl, eine Ehe würde für seine sich abzeichnende künstlerische Entwicklung nicht förderlich sein. Außerdem sprachen sich beide Elternpaare gegen eine Verbindung der beiden aus.

Charlotte Freifrau von Stein (1742-1827)

Anfang November 1775 folgte Goethe dem Ruf von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach an den Weimarer Hof. Bereits kurz darauf begegnete er der sieben Jahre älteren Hofdame der vormaligen Herzogtum-Regentin Anna Amalia und Mutter von sieben Kindern, Charlotte Freifrau von Stein; sie war mit dem Oberstallmeister Gottlob Ernst Josias Friedrich Freiherr von Stein verheiratet. Goethe und Charlotte befreundeten sich eng, er verehrte sie glühend, schrieb ihr rund 1700 Briefe. Charlotte machte ihn mit den höfischen Verhaltensweisen vertraut und war für ihn Freundin, Muse und geistreiche Gesprächspartnerin. Spekulationen der Goetheforschung, dass es zwischen beiden auch zu einer heißen Liebesbeziehung kam, konnten sich nicht bestätigen. Im September 1786 brach Goethe in aller Heimlichkeit und ohne sich von irgend jemandem zu verabschieden zu seiner ersten italienischen Reise auf. Nach seiner Rückkehr 1788 mußte er feststellen, dass er am Hof und auch bei Charlotte in Ungnade gefallen war.

Die schöne Römerin („Faustina“?)

Goethes Italienreise von 1786 bis Mai 1788 ist eine Zeit erotischer Abenteuer, die er in seinen „Römischen Elegien“ – zunächst unter dem Titel „Erotica Romana“ – in ursprünglich 24 (später 20) Gedichten nach seiner Rückkehr literarisch verarbeitete.

Auszüge aus den Elegien V und XVIII:

„Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?
Dann versteh ich den Marmor erst recht: ich denk und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen,
Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.
Oftmals hab ich auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand
Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer,
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust.“
(V)

„Darum macht Faustine mein Glück: sie teilet das Lager
Gern mit mir, und bewahrt Treue dem Treuen genau.
Reizendes Hindernis will die rasche Jugend; ich liebe,
Mich des versicherten Guts lange bequem zu erfreun.
Welche Seligkeit ists! wir wechseln sichere Küsse,
Atem und Leben getrost saugen und flößen wir ein.
So erfreuen wir uns der langen Nächte, wir lauschen,
Busen an Busen gedrängt, Stürmen und Regen und Guß.“ (XVIII)

Die Elegien erschienen 1795 in einer frühen, aber bereits gekürzten Fassung; eine weitere Ausgabe folgte – überarbeitet und umsortiert – im Jahr 1800. Die Verse lösten wegen ihrer Frivolität und Freizügigkeit eine zum Teil heftige Kritik aus, was ihren Bekanntheitsgrad jedoch schon damals steigerte.

Ein Teil der Goetheforschung meint, den Namen seiner Liebschaft „Faustina“ und den Ort der Begegnungen, die „Osteria alla Campana“ in Rom, bestätigen zu können, in der eine Faustina, Tochter des Gastwirtes Agostino di Giovanni, 1764 geboren, seit 1784 verheiratet und kurz darauf verwittwet mit dreijährigem Sohn, als Kellnerin gearbeitet habe. Goethe habe dies 1827 in einem Gespräch mit dem Maler Wilhelm Zahn bestätigt. Andere Autoren widersprechen mit dem Hinweis, Goethe habe bewußt eine falsche Fährte gelegt, um die Anonymität seiner römischen Geliebten unter allen Umständen zu wahren. Andere Stimmen gehen dahin, Goethe habe in Rom mit Prostituierten verkehrt. Für weiteres muß auf die Diskussion in der Literatur verwiesen werden.

Christiane Vulpius (verheiratete Geheimrätin von Goethe, (1765-1816)

Kurz nach seiner Rückkehr nach Weimar begegnete der 39-jährige Goethe im Juni 1788 der 23 Jahre alten, aus einfachen Verhältnissen stammenden, bodenständigen und praktisch veranlagten Christiane Vulpius und begann alsbald eine Liebesbeziehung. Der Weimarer Hof wie auch die Stadtgesellschaft reagierten entsetzt. Bereits Ende 1789 wurde ihr Sohn August geboren. Die weitere Entwicklung ist bekannt: Im Oktober 1806 – Christiane hatte kurz zuvor das Haus am Frauenplan mutig gegen Plünderung durch französische Soldaten verteidigt – ließen sich die beiden evangelisch trauen. 1816 starb Christiane nach einem Schlaganfall und einem Nierenversagen. Goethe hielt sich von der stark leidenden Schmerzpatientin fern und kam nicht zu ihrer Beisetzung. Er schrieb an seinen Freund Johann Sulpiz Boisserée: „Leugnen will ich Ihnen nicht, … daß mein Zustand an die Verzweiflung grenzt“. Zu ihrem Tod reimte er:

„Du versuchst, o Sonne, vergebens,
Durch die düstren Wolken zu scheinen!
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.“

Marianne von Willemer (1784-1860)

Hier kann auf den Beitrag in diesem Magazin Schicksalsort Gerbermühle – Goethe und Marianne von Willemer bei seinem letzten Besuch in Frankfurt verwiesen werden.

Ulrike von Levetzow (1804-1899)

In Marienbad begegnete der 72-jährige Goethe 1821 zum weiteren Mal der dann erst siebzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Sozusagen unsterblich in sie verliebt bot er ihr, vermittelt durch seinen Brautwerber, den inzwischen zum Großherzog ernannten Carl August, die Eheschließung an, verbunden mit einer umfangreichen materiellen Ausstattung. Ulrike lehnte freundlich, doch entschieden ab. Goethe reiste unmittelbar danach, in großem Schmerz und tiefer Depression, nach Weimar zurück. Noch während der Fahrt dichtete er die „Marienbader Elegie“:

„Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide …

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.“

Martin Walser setzte dieser letzten Begegnung der beiden mit seinem Roman Ein liebender Mann ein sehr lesenswertes literarisches Denkmal.

Ein großes Fragezeichen: Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739-1807):

Eine interessante These mit bedenkenswerten Begründungen geht dahin, Goethe habe in Wirklichkeit ein heimliches Liebesverhältnis mit der verwitweten Herzoginmutter und vormaligen Regentin des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, Anna Amalia, Wegbereiterin der Weimarer Klassik, gehabt: Ettore Ghibelino, Goethe und Anna Amalia – Eine verbotene Liebe, 4. Auflage, Dr. A. J. Denkena Verlag Weimar. Der große Teil der Goetheforschung hat dieser These allerdings bis heute aus gewichtigen Gründen widersprochen. Für weiteres muß auf die Diskussion in der Fachliteratur verwiesen werden.

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→ Schicksalsort Gerbermühle – Goethe und Marianne von Willemer bei seinem letzten Besuch in Frankfurt

→ Vom Darmstädter „Kreis der Empfindsamen“ zu „Goethes Ruh“ in Bad Homburg – Goethe und Louise Friederike von Ziegler, genannt „Lila“

→ Der Goethe-Tempel auf dem Frankfurter Mühlberg

 

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