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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Das Festival der Entdeckungen für Alle – FRATOPIA in der Alten Oper Frankfurt

Ein Gespräch über die Festivalausgabe und Zukunftspläne mit Dr. Markus Fein, Intendant der Alten Oper

Die Vorbereitungen des 5-tägigen Festivals FRATOPIA, das von Mittwoch, 23., bis Sonntag, 27. September stattfindet, sind in vollem Gange. Das Konzerthaus am Opernplatz heißt alle Bürger und alle Bürgerinnen der Stadt willkommen und gewährt ihnen freien Eintritt. FeuilletonFrankfurt-Chefredakteurin Petra Kammann traf Dr. Markus Fein vorab zu einem Hintergrundgespräch.

Der Intendant der Alten Oper Dr. Markus Fein in seinem Büro, Foto: Petra Kammann

Petra Kammann: Auf der Fassade des Gebäudes der Alten Oper liest man eingemeißelt in Stein die hehren Begriffe: „Dem Wahren Schoenen Guten“. Für Sie als Intendant des Hauses, das von hochwertigen Veranstaltungen auf diesem traditionellen Hintergrund lebt, steht die Alte Oper für die Menschen in Frankfurt offen. Bei einer früheren FRATOPIA- Veranstaltung wurde aus der Inschrift: „Open. Enjoy.Explore“. Und in diesem Jahr haben Sie daraus „Music for You“ gemacht. Verändern Sie dieses Motto nach Ihren jeweilig gemachten neuen Erfahrungen? Was wollen Sie damit sagen? Und warum in Frankfurt auf Englisch?

Dr. Markus Fein: Wenn Sie mich auf die Inschrift ansprechen, dann ist es in der Tat so, dass ich gemeinsam mit meinem Team versuche, dieser Formel von einst einen neuen Anstrich zu geben. Im 19. Jahrhundert war es ja etwas Neues – ein Konzerthaus dem Schönen, dem Wahren, dem Guten, also den Künsten selbst, zu widmen und nicht etwa den Fürsten oder der Kirche. Es war damals also eine durchaus in die Zukunft gerichtete Formel, die wir nun für das 21. Jahrhundert neu formulieren müssen.

Das historische Gesicht der Alten Oper, Foto: Petra Kammann

Und für das Festival FRATOPIA tun wir das auch mit einem Augenzwinkern. Damit wollen wir keinesfalls diese schöne und gültige Inschrift übermalen. Es ist lediglich ein Spiel mit der Aussage. Das Festival FRATOPIA ist schließlich ein utopischer Entwurf und stellt nicht die Wirklichkeit, so wie sie ist, dar. Wie auf dem Plakat wird unser Haus nie wirklich aussehen. Was wir aber wollen, ist, das Haus klug und sinnvoll in die Zukunft zu führen. Und dazu gehört symbolhaft auch, dass wir eine Entsprechung für die Inschrift, die inzwischen etwas Patina angesetzt hat, und die in unseren Ohren so sehr nach bildungsbürgerlicher Vergangenheit klingt, in der Gegenwart finden. Ja, und, dass es jetzt Englisch ist, das muss nicht sein, kann es aber auch. Frankfurt ist eine internationale Stadt.

Das klingt durchaus einsichtig. Im diesjährigen Motto “Music for you“ steckt aber außerdem noch eine unmittelbare Ansprache an das Publikum. Und da lautet meine Frage: Steckt in dem You das Du? Inzwischen sind ja viele dazu übergegangen, auch ungefragt ihr Gegenüber zu duzen. Oder ist es eher eine unpersönliche Personalisierung?

„Music for you“ hat eine simple Botschaft: Diese Musik ist für Dich gedacht. Die Alte Oper ist kein sich selbst genügender Kultur-Tempel. Uns ist es wichtig, dieses Festival für die Menschen im 21. Jahrhundert zu konzipieren, das Festival also mit unserer Lebenswirklichkeit zu verbinden. Wer hat denn schon ausgerechnet zwischen 20 und 22 Uhr Zeit, Konzerte zu besuchen? Da gibt es womöglich familiäre Aufgaben. Oder man sitzt noch am Schreibtisch. Viele können sich lange vorher noch nicht verpflichten, oft wissen sie noch gar nicht, was sie in zwei Wochen machen. Fratopia bietet den Menschen die Möglichkeit, den Besuch von Konzert nach den eigenen Bedürfnissen auszurichten und maßzuschneidern.

Das FRATOPIA Plakat 2026, Entwurf: Alte Oper

Die Aufforderung lautet also: Komm einfach! Es geht am Nachmittag los und endet kurz vor Mitternacht. Hier erlebst Du nicht Musik für alle Ewigkeit, sondern „ Music for you“,  Musik für Dich, für uns, für Dein Leben, wie Du es wahrnehmen willst und einrichten kannst. Du kannst selbst bestimmen, was Du hörst. Das „You“, das Individuum, wird bei Fratopia großgeschrieben.

Sie stellen das angebotene Spektrum auch bildlich als Einheit auf einem Plakat dar. Alles rankt sich um dieses Haus in der Mitte: Die Menschen auf der Terrasse, das darüber schwebende Luftschiff, die begrünte Fassade, die transparente Kuppel über dem Fries auf dem Dreiecksgiebel mit einem blühenden Wald, der Weltraumfahrer, der dem All entgegen fliegt, das Windrad auf der einen Seite, das Keyboard an der anderen Seite, dann der einsame Bläser an einer kleinen Ecke. Wirken sich dieseverschiedenen Elemente auf die spezifische Wahl der Veranstaltungen aus? Oder entstanden die symbolträchtigen Bilder aufgrund der geplanten Veranstaltungen?

Es war definitiv umgekehrt. Wir versuchten, Grundideen dieses Musikfestivals in ein Bild zu fassen. Grundsätzlich definiert sich FRATOPIA als „Festival der Entdeckungen“. Und also sagten wir uns: Lass uns ein Plakat machen, bei dem ebenso etwas entdecken kann. Tatsächlich gibt es eine ganze Menge in diesem Plakat zu entdecken, wenn man es genau betrachtet. Da gibt es zum Beispiel Inschriften auf der Mauer. Da schaut jemand aus dem Fenster heraus undundund. Neben dem „Entdecken“ haben wir bildliche Elemente gesucht, die den innovativen Ansatz symbolisieren. So kam etwa der Astronaut ins Spiel: Jemand der aufbricht, um Neuland zu entdecken. Das ist eine wichtige Grundidee des Festivals.

Die Gruppe Humanophones aus Frankreich, Foto: Humanophones

Fällt Ihnen dazu ein passendes musikalisches Format ein?

Nehmen wir die „Humanophones“. Das ist ein Ensemble aus Frankreich, die dieses Jahr bei Fratopia auftreten werden. Die machen eine noch nie dagewesene experimentelle Chormusik, indem sie Gesang und Body-Percussion auf faszinierende Weise kombinieren. Sie machen im wahrsten Wortsinne Körpermusik, kombinieren futuristische Polyphonien mit prägnanten und organischen Claves (Klanghölzer) und produzieren Geräusche, die von Händen, Mündern und Zungenschnalzen erzeugt werden. Früher hatten wir schon einmal Weltmusik aus dem Iran oder unbekannte Jazz-Musik. Das Entdecken von Neuem ist eine der Kernideen des Festivals. Wir versuchen zudem, immer wieder neue Musiker zu präsentieren, die bislang bei uns noch keiner kennt.

Wie entdecken Sie selbst denn diese Musiker? Natürlich sind Sie bestens in der Welt der Musikszene vernetzt. Läuft das über Flüsterpropaganda oder kommen Ihnen dabei Ihre eigenen Festivalerfahrungen als früherer Leiter der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern zugute? Oder werten Sie andere Festivalprogramme aus?

Ich setze mich jedenfalls nicht hin und mache mir zwei Wochen lang Gedanken, wie das Programm aussehen könnte. Nein. Wo auch immer mir ein Künstler auffällt, dem gehe ich dann nach, recherchiere und überlege. Eigentlich halte ich ständig die Augen und Ohren auf, suche immer, das ist ein permanenter Zustand. Bei der Auswahl der Fratopia-Musiker geht es mir übrigens auch darum, welcher Mensch hinter dem Musiker steckt. Ich will Musiker einladen, die Fratopia verstehen und den Geist mittragen. Der persönliche Kontakt zu den Musikern ist wichtig. Deshalb spreche ich mit ihnen persönlich im Vorfeld. Verstehen die Musiker, was wir mit Fratopia im Sinn haben? Haben wir ein gemeinsames Verständnis davon, wie Musik auf Menschen wirken soll? Es reicht nicht, nur zu buchen und Kreuzchen zu machen, sondern Menschen zu finden, die den Spirit haben, die aufbrechen wollen und Lust dazu haben, mit Menschen über Musik zu kommunizieren. Das muss ein Musiker auch wollen. Nicht alle wollen das. Natürlich gibt es auch fantastische introvertierte Musiker, die für einen solchen Zusammenhang aber eben nicht geeignet sind.

Große Anziehungskraft hatte auch der Jazz beim FRATOPIA-Festival 2025, Foto: Petra Kammann

Brauchen Sie denn keine Höreindrücke aus Live-Konzerten, die mit einer bestimmten Atmosphäre verbunden sind? Besuchen Sie selbst überhaupt noch Festivals, um die Künstler persönlich zu erleben?

Dazu komme ich selber leider viel zu wenig. Aber die allermeisten kenne ich aus meiner Arbeit. Und, wie gesagt, ich spreche mit jedem Musiker, den wir engagieren. Und zwar gleich zu Beginn. Das ist zwar viel Arbeit. Aber ich finde es wichtig, dass die Künstler von mir selbst erfahren, wie ich darüber denke.

Gehört für das Publikum das Erleben einer Art Ausnahmezustand mit zur Utopie?

Zur Utopie gehört auch eine gewisse Maßlosigkeit. Es ist für uns alle eine Utopie. Natürlich darf uns die Utopie dann natürlich nicht über den Kopf wachsen.

Wer hat das Plakat entworfen?

Das hat eine Kollegin aus dem Team grafisch entwickelt. Es steht also keine externe Agentur dahinter, das Alte Oper Team selbst hat dieses key visual entwickelt. Die Kolleginnen in der Grafik sind in Details verliebt und haben die Bildsprache mit viel Herzblut erfunden.

Und Sie selbst? Sie scheinen ja auch eine gewisse Spiel- und Experimentierfreude zu haben und müssen dennoch dabei immer die ganze komplexe Struktur im Kopf haben, nicht zuletzt, um am Ende auch noch alles finanzieren können.

Nunja, das ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe, aber genau darum geht es in meinem Beruf. Als Intendant muss ich versuchen, die verschiedenen Bereiche eines Konzert- und Kongresshauses, die eigentlich in gewisser Weise auseinanderdriften, zusammenzuhalten und unter ein gemeinsames Ziel zu stellen. Nur gute Ideen zu haben, ist das Eine. Das reicht aber nicht. Nur eine gute Struktur zu haben, ebenfalls nicht. Und nur tolle Künstler einzuladen, ebenso wenig wie nur ein Zahlenmensch zu sein. Intendanten sind Brückenbauer und Netzwerker.

Lässt sich das heute schon besser mit KI bewerkstelligen. Gehört das schon bei Ihnen dazu?

Nein, überhaupt nicht.

Dann muss man allerdings auch auf ein perfekt eingestimmtes Team mit  kompetenten Personen zurückgreifen können, denen man auch etwas delegieren kann.

Das Team ist wirklich außergewöhnlich, wofür ich sehr dankbar bin. Das Pensum, das wir im Team absolvieren, ist gewaltig. Aber gilt das nicht für so viele Arbeitsbereiche? Wir alle sind enorm gefordert, seien es die Ärzte, die Wissenschaftler, die Finanzdienstleister. Früher hat ein Professor vor allem seine Forschung betrieben. Heute muss er dafür erst einmal selber die Gelder akquirieren. Früher hat ein Rundfunkmoderator nur die eigentliche Sendung geschrieben. Heute muss er zugleich alles technisch beherrschen und eine Sendung selbst fahren können. Früher hat ein Zahnarzt in den Mund geguckt und festgestellt, was getan werden muss. Inzwischen muss er noch alles Mögliche dokumentieren. Ähnliches gilt für die Kultur. Unsere Arbeit ist komplexer, spezifischer geworden.

Markus Fein auch auf dem Opernplatz präsent: 2025, hier neben IHK-Präsident Ulrich Caspar, Foto: Petra Kammann

Wie viele Mitarbeiter brauchen Sie denn allein für die 5 Festival-Tage, damit alles ineinandergreift und funktioniert? Da kommen sicher auch jede Menge Dienstleister hinzu.

Das gilt bei uns für jedes Konzert. Wir haben ein sehr schlankes festes Mitarbeiterteam, so um die 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das heißt im Umkehrschluss. Wir brauchen viele externe Dienstleister. Da haben wir viele erfahrene Partner, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Für Fratopia dürften auf diese Weise etliche hundert Personen zum Alte Oper-Team dazustoßen.

Besteht vielleicht die Ausnahme darin, dass bei einem Gang durch das offene Haus die Sicherheit zwangsläufig eine noch größere Rolle spielen muss?

Wir haben verschienste Hochsicherheitsveranstaltungen im Laufe eines Jahres. Fratopia hat ein eigenes Sicherheitskonzept und wir arbeiten mit Sicherheitspersonal, sichtbar und nicht sichtbar. Jenseits dieser Sicherheitsfragen, die wir ernst nehmen: Ist es nicht wunderbar zu erleben, wie achtsam die Menschen bei Fratopia miteinander umgehen? Das trifft übrigens genauso auf das Public Viewing auf dem Opernplatz zu. Da sind wir immer wieder erstaunt, welche enorme Wertschätzung wir beobachten können. Zu Anfang hatten wir uns noch den Kopf gemacht, ob die Leute überhaupt ein ganzes Konzert als public-viewing-Veranstaltung erleben wollen. Und dann erlebten wir, dass dort sogar oft eine größere Stille und Aufmerksamkeit herrscht als im Konzertsaal. Das ist doch fantastisch. Oder?

Worauf führen Sie das zurück? Liegt es daran, dass viele die Musik in dieser Qualität wahrnehmen? Können Sie ermessen, ob Menschen darunter sind, die sonst nie in die Alte Oper kommen würden, die bei FRATOPIA ins Haus kommen?

Weil der Eintritt frei ist, haben wir keine verlässliche Kundendaten. Aber ich selber bin oft im Eingangsbereich oder auch auf dem Opernplatz präsent und beobachte, wer kommt. Und dann lautet zigmal am Tag die Standardfrage an die am Eingang Spalier stehenden ehrenamtlichen Mitarbeiter, die die Menschen begrüßen: Wo ist denn der Große Saal? Um also auf Ihre Frage zu antworten: In der Tat ziehen diese Veranstaltungen ein völlig anderes Publikum an. Und das freut uns.

Also entdecken viele bei der Gelegenheit auch das Hausinnere?

Auf jeden Fall. Und nicht nur das. Sie entdecken auch einander – Menschen, die sie irgendwoher kennen und dort zufällig treffen und sich dadurch neue Gesprächsanknüpfungspunkte entwickeln.

FRATOPIA 2025 im Mozart-Saal, Foto: Petra Kammann

Von den menschlichen Begegnungen einmal abgesehen­­ oder der Tuchfühlung mit den Musikern,  muss im Haus ja auch eine Menge umgeräumt werden. So entsteht nicht nur im Mozartsaal jenseits der  Bühne in der Mitte ein neuer Spielraum  usw., damit die Besucher den Künstlern nahekommen. Sind eigentlich alle so wohlerzogen, dass es dort nicht zu Störungen oder aggressiven Auseinandersetzungen kommt? Oder erzieht Musikhören zu einer Art von Respekt im Umgang miteinander?

Ich glaube, dass die Menschen spüren, dass das Programm ein großes Geschenk des Hauses an sie und an uns alle ist, und zwar eines mit einem exzellenten Programm und Top-Leuten und das an 8 verschiedenen Stellen des Hauses. Alles bei freiem Eintritt. Jemand, der ein Geschenk entgegennimmt und sich wertgeschätzt fühlt, verhält sich zweifellos anders und drückt seine Dankbarkeit im Verhalten aus.

Spielt nicht auch eine Rolle, dass sich die Menschen hier nicht als anonyme Wesen erleben – so wie in einem unpersönlichen Kaufhaus, wo zwar Detektive aufpassen, aber mehr geklaut wird als in einem persönlich geführten Laden. In der Alten Oper hingegen werden die Ankommenden persönlich begrüßt. Spielen solche Gesten nicht auch eine positive Rolle, zumal uns solche verbindlichen Formen in der Gesellschaft ja inzwischen etwas abhanden gekommen zu sein scheinen?

Da haben Sie sicher recht. Hinzu kommt: Die Fratopia-Besucher spüren, dass sie hier im Haus Teil des Geschehens werden. Die Bühne ist nichts Abgehobenes, sie ist mittendrin im Saal, das Publikum sitzt 360 Grad um die Musiker herum. Das schafft Verbindung und Nähe. Weil wir gerade über das Publikum sprechen: Natürlich achten wir etwa darauf, dass die Türen zu sind, sobald das Spiel der Musiker beginnt. Aber was wir auf keinen Fall wollen, wie sonst in Deutschland oft üblich: Verbotsschilder aufstellen. Bevor man in den Hörgenuss kommt, muss man erst die 10 Gebote lesen? Nein, unsere Message lautet: Herzlich willkommen!

Zarte Klänge der französischen Harfenistin Anne-Sophie Bertrand begleiten das Trio für Flöte, Bratsche und Harfe von Debussy im Duftsalon, Foto: Petra Kammann

Ja, und dann entwickeln Sie von Jahr zu Jahr das Festival auch thematisch weiter. So haben Sie in diesem Jahr zum ersten Mal das Thema Duft mit einbezogen. Das erinnert mich natürlich an Strömungen des Symbolismus im 19. Jahrhundert. Da fällt mir das Gedicht des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire „Correspondances“ ein, in dem der Dichter die unsichtbaren Verbindungen – Korrespondenzen – zwischen Natur, Symbolen, Düften, Klängen und Farben schafft,  Düfte wie Ambra, Moschus und Weihrauch beschwört oder erinnert auch an den süßen Duft der Oboen. Wie kamen Sie dazu? 

Oder denken Sie nur an das Stichwort „Madeleines“ bei Marcel Proust.

Klar, in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ löst der Erzähler mit dem Eintauchen des jakobsmuschelartigen Gebäcks namens Madeleine in den Lindenblütentee ein ganzes Universum der Erinnerung aus. Das 19. Jahrhunderts wimmelt voller Synästhesien, es gab sogar auch Duftorgeln.

Ich selbst habe vor etwa 25 Jahren mal ein Konzert unter dem Aspekt Skrjabin und Duft gemacht. Das war seinerzeit als Nachtkonzert angelegt. Aber es blieb bei einer Veranstaltung. Jetzt in dem Festival haben wir die Möglichkeit, einen der acht Veranstaltungsräume des Festivals dem Thema „Duft“ zu widmen und unterschiedlichste Konzerte zu veranstalten, die sich mit verschiedenen Düften verbinden.

Die Flötistin Dora Donata Sammer schüttet ein Füllhorn barocker „Fiori musicali” aus und mit ihrer Kontrabassflöte experimentiert sie, Foto: Petra Kammann

Ist das so eine Art spirituelles Projekt? Düfte sollten neben Tönen und Klangfarben als gleichberechtigte künstlerische Elemente wirken. Und das in unterschiedlichen Räumen?

Nein. Die Duftkonzerte finden wirklich nur im gleichen Raum statt. Aber eben mit verschiedenen Musiken und dazu passenden Düften.

Da gibt es offensichtliche Verbindungen wie die zu Harfenklängen, welche die berühmte Harfenistin Anne-Sophie Bertrand anschlagen wird? Oder zu Debussy in den Préludes, in dem eines den Duft schon im Titel trägt:Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir“ („Die Klänge und Düfte wirbeln durch die Abendluft“) frei nach Baudelaires Gedicht „Harmonie du soir“  („Abendliche Harmonie“).

Genau. Hier wollen wir die Verbindung zur poetischen Idee von Duft herstellen. Töne und Klänge sind nicht greifbar, nicht sichtbar. Aber es geht von ihnen etwas Schwingendes, etwas Schwebendes aus. Und sie schaffen eine Atmosphäre. Das verbindet die Musik mit dem Duft. Und hier gibt es viele Verbindungslinien zur Musik des Impressionismus. Deswegen wird es in der Tat Musiken von Ravel oder Debussy bei den Duftkonzerten geben. Aber nicht nur. Wir haben einige der eingeladenen Musiker im Vorfeld gefragt, welche Musik sie mit Düften assoziieren. Auf diese Weise sind noch ganz andere Werke auf das Programm der Duftkonzerte gekommen.

Nun hat Duft so zweierlei Aspekte, was sich auch in der Alltagssprache ausdrückt. Man sagt, dass man jemanden nicht riechen kann. Oder auch, dass man von einer Duftwolke erdrückt wird, gegen die man sich nicht wehren kann. Wenn dann noch viele Menschen in einem Raum zusammenkommen… Wie wollen Sie das angehen?

Unsere zentrale Fragestellung lautete wie immer so auch dieses Mal: Wie kann es uns gelingen, dass Menschen neu zuhören, sich interessieren, neugierig sind, hin-gucken, hin-hören? Wie können wir sie zum intensiven Zuhören verführen? Bei den Duftkonzerten wird das eingelöst – denn jeder fragt sich ja: Wie verbindet sich diese Musik mit diesem oder jenem Duft? Das ist wie eine Aufgabenstellung. Was macht das mit der eigenen Wahrnehmung? Uns geht es also um die künstlerische Erweiterung oder Intensivierung der eigenen Erfahrungen. Das ist die Idee, die dahinter steht. Und was jetzt die Umsetzung anbelangt, so haben wir in Frankfurt zwei tolle Menschen gefunden, die auch darauf Lust hatten, und, nachdem wir ihnen Musiken vorgespielt haben, haben sie sich ihrerseits Gedanken gemacht, Assoziationen entwickelt und verschiedene Düfte kreiert.

Der umgebaute Große Saal bei FRATOPIA 2025, Foto: Petra Kammann

Nochmal zum Offenen des Hauses. Da muss enorm viel umgebaut werden. So werden etwa die Sitze im Großen Saal entfernt. Hinterlässt das nicht langfristig Gebrauchs- bzw. Abnutzungsspuren an den Möbeln, auf den Fußböden etc.? Das ist doch auch ein großer Aufwand für die 5 Tage, den Sie da betreiben? Wir erleben gerade in den Museen, wie viel im Anschluss an große Ausstellungen immer wieder renoviert werden muss.

Nein. Um Himmelswillen, wir müssen nach Fratopia das Haus nicht renovieren. Dadurch haben wir über keine besonderen Abnutzungserscheinungen zu klagen. Vielleicht unterschätzen Sie, was hier im Haus ständig alles passiert. Dieses Haus wird quasi jeden Tag „umgebürstet“. Nach einem großen Konzert haben wir am nächsten Tag einen Banking Kongress, dann eine Entertainment-Veranstaltung, dann wieder einen Klavierabend. Dieses Haus ist jeden Tag im Vollbetrieb. Nachts wird oft umgebaut. Da ist das Festival geradezu noch relativ entspannt, weil ja 5 Tage fast das Gleiche bespielt wird. Dafür haben wir auch einen Tag Vorlauf, wo das Haus frei ist. Und das ist für uns fast ein großer Luxus.

Wie viele Veranstaltungen haben Sie denn pro Jahr, also reine Konzertveranstaltungen? Und wie viele insgesamt?

Insgesamt gibt es ungefähr 500 Veranstaltungen im Haus. Die Fratopia Konzerte sind darin nicht mitgezählt, die kann man nicht wirklich in einer solchen Statistik erfassen. Eine ganze Menge kommt da zusammen. Genau dafür ist unser Haus da, wir wollen, dass die Menschen es nutzen – so oft wie möglich. Ein Haus wie die Alte Oper ist voll ausgelastet. Das Haus soll doch nicht leer stehen.

Sind demgegenüber die Museen eher gut dran? 

Das will ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Da gibt es vermutlich auch wenig Leerlaufzeiten. Wir sind glaube ich alle heute sehr durchgetaktet; die Orchester ebenfalls, der Kulturbetrieb insgesamt. Schon aus Ersparnisgründen holen wir alle das Optimum heraus. Wir sind längst über den Zeitpunkt hinaus, dass wir uns luxuriös nur inhaltlich beschäftigen können. Alle Klangkörper, die Oper, die Theater sind Hochleistungsbetriebe. Ich habe den höchsten Respekt vor den technischen Abteilungen all dieser Häuser.

Und wie blicken Sie in die Zukunft? Muss nicht in ganz Deutschland noch mehr gespart werden? Derzeit scheinen Sie ja finanziell und wirtschaftlich noch gut ausgelastet zu sein. Bekommen Sie persönlich die Aussichten schon zu spüren?

Zwei Drittel der Einnahmen erwirtschaftet dieses Haus selbst. Das ist schon eine sehr stolze Zahl und eine enorme Herausforderung. Diese große Zahl an Einnahmen erwirtschaften wir durch Vermietungserlöse, durch Drittmittelerlöse, also Sponsoren und Stiftungen, durch die Pacht. Wir sind sehr stolz, dass uns das gelingt. Ob uns das in ein zwei drei Jahren auch noch gelingen wird, kann heute niemand sagen. Aber wir arbeiten hart dafür.

Wie können Sie sich denn auf solche Zeitenwenden einstellen?

Wir versuchen schlicht, unsere Arbeit gut zu machen – künstlerisch, von unserem Auftrag her, von unserer Kommunikation. Wir arbeiten an ideenreichen Konzepten. Und wirtschaftlich versuchen wir, so effizient wie möglich zu agieren, um so wenig wie möglich öffentliche Gelder zu benötigen.

Fasziniert lauschen die Kinder den Erzählungen der zwei Cellisten 2025, Foto: Petra Kammann

Weitere Herausforderungen sind sicher jüngere Zielgruppen, die Sie an das Haus binden wollen oder auch müssen. Insbesondere bei FRAOTPIA setzen Sie wohl auch auf ganz junge Zielgruppen. Aber naturgemäß überträgt sich das nicht zwangsläufig auf ein Abonnementgeschäft. Und die jungen Erwachsenen haben heute ganz andere berufliche und familiäre Anforderungen, so dass sie sich nicht auf Abos einlassen können. Ist das nicht ein Vabanque-Spiel?

Nur zur Klarstellung: Das FRATOPIA-Festival hat nicht das Ziel, neue Abonnenten zu gewinnen. Es möchte das Haus für neue Besuchergruppen und für möglichst viele Menschen öffnen. Wenn ein Besucher kommt und dieses Festival erlebt, und trotzdem nie mehr wiederkommt, dann ist das genauso viel wert, wie wenn ein Mensch hierherkommt und dann Stammgast der Alten Oper wird. Wir inszenieren das nicht als Marketingveranstaltung mit anschließender Verpflichtung. Wir machen das, um unser Haus zu öffnen. Was die Menschen mit dieser Öffnung und diesem Geschenk dann anfangen, das ist ihre persönliche Sache. Das ist uns fundamental wichtig.

Und das wird auch so von den Sponsoren gesehen?

Fratopia wird nicht von Sponsoren im eigentlichen Sinne, sondern von Stiftungen ermöglicht. Das sind verschiedene Paar Schuhe. Diese Stiftungen sehen in Fratopia kein Gegengeschäft, sie wollen etwas ermöglichen. Sponsoren sind Firmen, die Geld geben, für das man ihnen einen Gegenwert bieten muss. Es handelt sich in diesem Fall aber nicht um Sponsoren im engeren Wortsinn, sondern nur um Stiftungen. Und für diese Unabhängigkeit bin ich den Stiftungen auch sehr dankbar. Insgesamt versuchen wir natürlich, mit den verschiedensten Zielgruppen ins Gespräch zu kommen und sie einzubinden. Das ist eine zentrale Aufgabe für uns.

Aber Sie haben doch auch gezielt neue Formate für verschiedene Persönlichkeitstypen konzipiert.

Natürlich will ich das Haus in die Zukunft führen, auch für Jüngere öffnen. Aber das Festival steht für sich. Klar, ich möchte auch junge Menschen als zahlende Gäste ansprechen. Und dazu trägt am Ende vielleicht das unabhängige Festival als Basis bei.

Kinderveranstaltungen sind ein zentraler Bestandteil von Zukunftsideen?

Absolut. Jeder erkennt das, jeder weiß, dass Kinder die Zukunft sind. Das gilt im Bereich der Bildung, der Gesellschaft und auch für die Kultur. Und ist es nicht eindrucksvoll, wie sehr diese Angebote für Kinder und Familien von den Menschen heute angenommen werden? Das stimmt mich sehr optimistisch. Meine Wahrnehmung ist: mehr als jemals zuvor versuchen etwa heute sehr viele Kinder, ein Instrument zu erlernen. Die Musikschulen sind proppenvoll. Es gibt oftmals Wartelisten. Alle Institutionen des Kulturbetriebs, gleich ob Musik, Theater, Museen, Oper oder Literaturinstitutionen, sie alle bieten Veranstaltungen für Kinder an. Wir können wirklich froh sein, dass wir in einem Land leben, in einem Kulturraum, wo es überhaupt als wichtig angesehen wird, etwas für die Kinder zu tun. Noch nie haben so viele Menschen, so viele Familien, so viele Kinder die kulturellen Angebote so wahrgenommen wie heute. Ich finde es wichtig, dass wir das auch mal konstatieren.

Und  dann kann man vielleicht darauf vertrauen, dass auch irgendwann diejenigen, die schon positive Erfahrungen mit dem Kultur- bzw. Musikbetrieb gemacht haben, das auch auf die eine oder andere Art weitertragen wollen. In den Schulen fehlt es ja nur allzu oft an Kunst- oder Musikunterricht, was früher zur Grundausstattung einer guten Schulbildung zählte. Da haben Sie als Institution auch eine wichtige Funktion übernommen…

Wir haben allein in unserem eigenen Programm der Alten Oper knapp 40.000 Kinder pro Spielzeit. Wenn Sie noch externe Kinderveranstaltungen hinzuaddieren, bedeutet dies, dass jeder 10. Besucher der Alten Oper ein Kind ist. Ist das nicht großartig? Das stimmt mich wirklich positiv.

Feins Blick auf das Programm der näheren Zukunft 26/27, Foto: Petra Kammann

Und obwohl Sie die verschiedenen Formate bedienen, können Sie nicht einfach „anything goes“ machen. Wie schaffen Sie es, dass Sie genreabhängig trotzdem auch einen gewissen qualitativen Standard beibehalten können? Wie tarieren Sie das aus? Bei einem Blick ins neue Jahresprogramm entdeckt man dann plötzlich eine Loriot-Veranstaltung. Oder in der Vergangenheit haben Sie Veranstaltungen mit Künstlern wie Sebastiao Salgado, mit Filmemachern wie Wim Wenders gemacht. Im kommenden Frühjahr wird der hier bekannte Museumsmacher Max Hollein aus New York zu Ihnen kommen und über seine Metropolitan Museums-Erfahrungen berichten. Da greifen Sie auf lokale Verankerungen von Repräsentanten zurück, die zu internationalen Stars wurden.

Tatsächlich versuche ich, den weitausstrahlenden Leuchtturm der Alten Oper zu vergrößern und gleichzeitig lokal zu verankern. Es gehört schon zum Profil des Hauses, die internationale Kunstwelt hier zu präsentieren, gleichzeitig den hier ansässigen lokalen Klangkörpern ein optimales Umfeld zu bieten. Es gehört genauso zur Aufgabe dieses Hauses, den Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst – in welcher spezifischen Form auch immer – ein Klangforum zu bieten und auch den lokalen Ensembles der freien Szene eine Plattform zu geben. Das ist natürlich unterschiedlich proportioniert, wieviel Gewicht was hat. Aber grundsätzlich sollte ein solches Haus wie die Alte Oper das in der Totalität erfüllen. Es ist die vielfältige Verknüpfung von Regionalem und Internationalem, die überzeugend wirkt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Wohin soll es weitergehen? Thematisch, personell oder sonst wie? 

Unabhängig von Musikern, die ich gerne hier hätte, fände ich es schön und wichtig, wenn dieses Haus tagsüber noch öfter den Menschen zur Verfügung stünde, und zwar nicht so sehr als Veranstaltungs- bzw. Konzertort, sondern als ein Raum, in dem die Menschen sich aufhalten, sich austauschen und inspirieren lassen können, Freunde treffen oder einfach nur mal einen Kaffee trinken.

Ein traditionelles Café allein würde dafür vielleicht nicht ausreichen. Sie hatten doch auch schon mal zeitlich begrenzte Lunchkonzerte angeboten? Ist das ein Ansatz?

Die gibt es auch weiterhin. Aber ich denke, dass da noch sehr viel mehr kommen kann und kommen muss. Wir sollten die Kulturorte als dritte Orte begreifen, nicht nur als einen Konzertort, sondern als einen Raum, in dem die Menschen sich aufhalten und zur inneren Ruhe kommen können, der zu einem Ort der Kommunikation und öffentlichen Diskussion wird. Unsere Kulturhäuser haben doch eigentlich ein viel größeres Potenzial, als nur Abendspielstätte zu sein.

Noch Zukunftsmusik: Hereinspaziert, auch tagsüber!, scheint Goethe zu sagen, der in die zeitgenössische Ferne blickt… , Foto: Petra Kammann

Man kann so ein Haus auch als Raum begreifen, wo man nachmittags hingehen kann und sich in Teilen des Gebäudes aufhalten oder einfach nur dasitzen und nachdenken oder schmökern oder mit anderen ins Gespräch kommen kann. Es wäre wunderschön, wenn uns diese Öffnung des Hauses in immer neuen Formulierungen gelänge.

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