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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989“ im Museum für Kommunikation (2)

Die Waffe der Worte im Widerstand

Von Petra Kammann

Es geht um die Geschichte des „Samizdat“, jener im Verborgenen entstandenen Literatur, die in der Tschechoslowakei (ČSSR) unter Umgehung staatlicher Zensur des repressiven sowjetrorientierten Regimes heimlich vervielfältigt und verbreitet wurde. Mit ihren teils auf abenteuerliche und kreative Weise entstandenen Herstellungsweisen und Kopieverfahren der Samizdat-Publikationen verteidigten Schriftsteller, Künstler und oppositionelle Gruppen das Recht auf freie Meinungsäußerung. Zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung gehörte der spätere tschechische Präsident Václav Havel

v.l.n.r.: Dr. Mihal Přibáň, Ausstellungskurator, Martin Krafl, Programmdirektor Buchmesse Ehrengast Tschechien, Prof. Tomáš Kubíček, Generaldirektor Mährische Landesbibliothek, Dr. Annabelle Hornung, Direktorin Museum für Kommunikation Frankfurt, Annika Grützner, Presse, Foto: Petra Kammann

„Selbstverlag“ heißt Samisdat wörtlich und meint die private Herstellung von Texten mittels Schreibmaschinen, Kohlepapier, improvisierten Druckverfahren und selbst hergestellten Vervielfältigungsgeräten. In der ČSSR und anderen kommunistischen Staaten Osteuropas wurden diese Texte zu Werkzeugen einer unabhängigen Gegenöffentlichkeit wie auch zu einer Form des Widerstands, die die Verbreitung von Informationen trotz der staatlichen Zensur möglich machte.

Blick in die MfK-Schau mit den Ausstellungsverantwortlichen, Foto: Petra Kammann

Gerade weil es verboten war, kritische Inhalte zu verfassen und zu vervielfältigen, stellten Samizdat-Texte ein zentrales Kommunikationsmittel für Andersdenkende aller Art dar und wurden so zum Spiegel von deren Lebenswelten sowie Ausdruck einer vielfältigen Untergrundkultur in einer Gesellschaft, in der der Staat Verlage, Medien und die Produktion von Papier und Vervielfältigungstechnik kontrollierte.

Beim Gang durch die Samizdat-Ausstellung im Museum für Kommunikation (MfK), bei der es um die tschechische Tradition geht, wurden unwillkürlich in mir schlummernde Erinnerungen plötzlich wieder wach. So kam mir ein jahrelang zurückliegendes Gespräch von einem Treffen in einer Kölner Küche ganz nach Moskauer Vorbild, wo sich seinerzeit immer alles abspielte und verhandelt wurde, wieder in den Sinn.

Dort nämlich traf ich die kluge und einflussreiche russische Anglistin, Amerikanistin und Literaturkritikerin Raissa Kopelewa (1918 -1989), die gerade ihr erstes Buch „Die Türen öffnen sich langsam“ auf Deutsch veröffentlicht hatte, zum Gespräch. Die Literaturliebhaberin und zuvor einflussreiche Dozentin für Literatur in Tallinn und Moskau, Frau des Friedenspreisträgers Lew Kopelew (1912–1997), berichtete mir zum ersten Mal persönlich, was Samisdat in der Sowjetunion bedeutete, wenn man nur – wie sie – die feindlich westliche amerikanische und englische Literatur übersetzen wollte.

Die russische Bürgerrechtlerin Raissa Orlowa-Kopelew, Frau des Friedenspreisträgers Lew Kopelew, Foto: Petra Kammann 

Sie war inzwischen vollends von der Haltung einer einst überzeugten Kommunistin desillusioniert, nachdem sie den ukrainischen, Germanisten und Heine-Kenner Lew Kopelew kennen und lieben gelernt hatte. Der Gulag-Häftling Lew hatte nicht nur viele Jahre in sowjetischen Lagern und Gefängnissen zugebracht, sondern war auch Zellengenosse des Systemkritikers und späteren Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn (1918 – 2018), der sich kritisch über den Stalinismus geäußert hatte. Dessen lange verstecktes Manuskript Archipel Gulag erschien zuerst 1973 in russischer Sprache in Paris als Buch, nachdem der KGB Teile des Manuskripts entdeckt hatte. Ein Samisdat-Exemplar war herausgeschmuggelt worden. Die beiden literaturbegeisterten Lew und Raissa blieben auch in der Zeit des „Tauwetters“ kritisch und wachsam.

1968 dann hatte Kopelew den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei scharf kritisiert, was ihn erneut zum Staatsfeind werden ließ. So engagierten sie sich in der sowjetischen Bürgerrechtsbewegung und wurden zum Zentrum der Dissidentenszene. Viele suchten in ihrer Moskauer Küche Zuflucht und Halt. Auch Heinrich Böll (1917–1985) besuchte sie dort. Nach einem durch den Schriftsteller  organisierten Deutschlandaufenthalt zu Studienzwecken wurden Raissa und Lew Kopelew schließlich auf Befehl des damaligen KP-Chefs Breschnew 1981 aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebten seither in Köln. Eine Rückkehr in die UdSSR war ihnen viele Jahre nicht mehr möglich. Ein hoher Preis für ihre Zivilcourage.

Havels verlorengelaubte Notizen erscheinen demnächst auf Deutsch, Mitteldeutscher Verlag

Eine weitere Erinnerung aus dem Wendejahr 1989 blitzt auf: Die unvergessliche Friedenspreisfeier in der Frankfurter Paulskirche, konnte doch der eigentliche Preisträger selbst nicht anwesend sein, um den Ehrenpreis entgegenzunehmen: der Regimekritiker, Dramatiker und Essayist Václav Havel hatte zu den Initiatoren der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 gehört und war dadurch zum Staatsfeind geworden. Gerade mal vier Wochen später wurde nach der „Samtenen Revolution“ Václav Havel zum ersten Präsidenten der neuen freien Tschechoslowakischen Republik und später der Tschechischen Republik gewählt.

In der Paulskirche verlas statt seiner der österreichisch-schweizerische Schauspieler Maximilian Schell (1930-2014) höchst eindrucksvoll Havels Dankesrede. Wäre Havel persönlich angereist – wenige Monate vorher war er noch inhaftiert –, so hätten ihm die tschechoslowakischen Behörden die Rückreise in sein Land verweigert und ihn ausgebürgert. Die Worte des Abwesenden hallten mit Schells eindringlicher Stimme umso mehr nach.

„Es mag Ihnen… scheinen, daß ich die Bedeutung des Wortes einfach deshalb überschätze, weil ich in einem Land lebe, wo für das Wort immer noch ins Gefängnis geworfen wird. Ja, ich lebe in einem Land, wo das Gewicht und die radioaktive Strahlung des Wortes tagtäglich von den Sanktionen bestätigt werden, die das freie Wort auf sich zieht“, sagte Havel in der Friedenspreisrede, und er erinnerte an die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Französischen Revolution, die mit den Maximen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit 200 Jahre zuvor verbunden blieb.

Seine Rede war so philosophisch tiefgreifend – er ließ die Pervertierung der hehren Moralbegriffe  unter repressiven politischen Bedingungen nicht außer acht – wie auch persönlich angelegt. So erwähnte er etwa seinen Freund Frantisek Stárek, der zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, nur, weil er die unabhängige Kulturzeitschrift „Vokno“ herausgegeben hat – aber „nicht etwa in einer privaten Druckerei, sondern auf einem quietschenden, vorsintflutlichen Vervielfältigungsapparat!“  Entsprechende benutzte Geräte und Multiplikationsverfahren lassen sich übrigens im Museum betrachten und nachträglich die mit ihnen verbundenen Mühen nachvollziehen.  

Zeitzeuge Milan Horáček war nach den Ereignissen des Prager Frühlings 1968 in die Bundesrepublik Deutschland emigriert, Foto: Petra Kammann

Havel erinnerte in seiner Rede auch an seinen Freund Petr Cibulka, der im Gefängnis, saß, weil er im Samizdat herausgegebene Texte und Aufnahmen von non-konformistischen Sängern und Musikgruppen verbreitet hat, was der anwesende Milan Horáček, der bei uns zu den Mitbegründern der „Grünen“ wurde, in der Ausstellung bezeugen konnte. Nach den Ereignissen des Prager Frühlings war er nämlich 1968 in die Bundesrepublik Deutschland emigriert, wo er zunächst in der Industrie und für eine Gewerkschaftszeitschrift arbeitete…

„Ja, ich lebe wirklich in einem System, wo das Wort alle Machtapparate erschüttern kann, wo das Wort stärker sein kann als zehn Divisionen, wo das wahrhaftige Wort Solschenizyns als etwas so Gefährliches empfunden wurde, daß es notwendig war, seinen Autor mit Gewalt in ein Flugzeug zu setzen und auszufliegen. Ja, ich lebe dort, wo das Wort Solidarität imstande war, einen ganzen Machtblock zu erschüttern.“  Havels Friedenspreisworte hatten den Raum ergriffen. In der Paulskirche war es mucksmäuschen still. 

Zweifellos stand für viele in der Stadt der Internationalen Frankfurter Buchmesse, der Plattform für die Vielfalt von Verlagen, die Frage im Raum: Was würden wir tun, wenn wir unsere Gedanken nicht mehr frei veröffentlichen dürften? Bis heute hat Havels Friedenspreisrede nichts an Aktualität verloren.

Havels Sehnsucht nach Freiheit der Meinungsäußerung ist nach wie vor aktuell, Foto: Petra Kammann

Und in der Ausstellung wird sichtbar, wie aus nur wenigen Exemplaren eines Textes, die in privaten Räumen und in Zirkeln Gleichgesinnter entstanden, ein weit verzweigtes Netzwerk des Austauschs entstehen konnte. Private Wohnungen waren zu verborgenen Redaktionsräumen mutiert.

Es waren viele Menschen, die die Texte abschrieben, banden, transportierten und weitergaben. Viele riskierten dabei ihre berufliche Existenz, Gefängnisstrafen oder die erzwungene Ausreise und es waren Bibliothekarinnen, Studierende, Wissenschaftler, Arbeiter, Künstlerinnen, Pfarrer und technische Angestellte.

Da Vervielfältigungsgeräte staatlich kontrolliert wurden, entstanden viele Texte als händisch getippte Typoskripte, Kohlepapier-Durchschläge oder mithilfe anderer improvisierter Kopierverfahren.

Die Bücher wurden von Hand oder mit Schreibmaschinen vervielfältigt, von den Autor:innen signiert und anschließend von Lesenden weiter abgeschrieben und verbreitet. Die signierten Exemplare wurden damit zu wichtigen Referenztexten, die nach dem Ende des Kommunismus als Grundlage für reguläre Veröffentlichungen dienten.

Horáček war der leibhaftige Zeitzeuge in der Frankfurter Ausstellung. Von Deutschland aus hatte er zahlreiche politische Aktionen zur Unterstützung von Dissidentinnen und Dissidenten organisiert und war selbst auch Herausgeber von Exilzeitschriften und Samizdat-Publikationen. Seine Ausbürgerung aus der Tschechoslowakei hatte Václav Havel 1990 zurückgenommen und Horáček auch in seinen Beraterstab aufgenommen; von 1991 bis 2004 war er Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Prag. Seit 2000 ist er Teilnehmer des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums.

Kreativität war auch bei den Einbänden gefragt. Links aus nordkoreanischem Zigarettenpapier, Foto: Petra Kammann

Jiří Gruša (1938-2011), der Lyriker, Dissident und Diplomat, ein Vermittler der deutschen Literatur für die Tschechen, als Diplomat ein Brückenbauer zwischen Deutschland beziehungsweise Österreich und der Tschechischen Republik, schreibt über den Kollegen-Schriftsteller Böll: „Stellen Sie sich vor, wie Heinrich Böll das Manuskript von „Ansichten eines Clowns“ zum Buchbinder trägt, um 14 Kopien der Erstausgabe anfertigen zu lassen, die er anschließend heimlich an seine Freunde verleihen kann“ …. So wird das Zitat auf einer der Ausstellungswände dokumentiert. Der Vergleich macht die Absurdität sichtbar.

Mit der „Samtenen Revolution“ endeten die Samizdat-Publikationen, Foto: Petra Kammann

Nun, Heinrich Böll hat seinen Einfluss durchaus verantwortlich geltend gemacht, indem er die Kollegen tatkräftig unterstützt und dabei selbst einiges riskiert hat. Und seine Ermutigung zur zivilgesellschaftlichen Einmischung in die Politik „die Verteidigung durch Freiheit, Zivilcourage, streitbare Toleranz sowie die Wertschätzung von Kunst und Kultur als eigenständigen Sphären des Denkens und Handelns“ zu begreifen, bleibt der Nobelpreisträger in der deutschen Nachkriegsgeschichte bis heute vorbildhaft.

Auch das führt uns die Ausstellung, die an die Kreativität des Individuums auf den verschiedensten Ebenen appelliert, vor Augen. Mit einem Bestand von vier Millionen Medien ist heute die Mährische Landesbibliotek die zweitgrößte Bibliothek der Tschechischen Republik, nach der Nationalbibliothek in Prag. Und die Exponate machen die kreativen Strategien sichtbar, mit denen die Kulturbewegung im Untergrund gegen das repressive Regime aufbegehrte.

Die Ausstellung

Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989
Museum für Kommunikation

Schaumainkai 53

 60596 Frankfurt
Tel +49 (0)69 60 60 0
mail: mfk-frankfurt@mspt.de
www.museumsstiftung.de

Die Ausstellung entstand durch eine intensive Kooperation der Mährischen Landesbibliothek in Brünn und des Museums für Kommunikation in Frankfurt anlässlich des Ehrengastauftritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026.

Kommunikationsmuseum zeigt „Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989“ (1)

Besondere Veranstaltung

Václav Havel: Ich habe es irgendwo versteckt

Mittwoch, 28. Oktober 2026, 19 Uhr

Die Veranstaltung widmet sich Václav Havel und seinem erstmals auf Deutsch erscheinenden Buch „Ich habe es irgendwo versteckt“ (Někam jsem to ukryl ). Die darin versammelten Aufzeichnungen entstanden 1977, unmittelbar nach der Veröffentlichung der Petition Charta 77 gegen die Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes.

Václav Havel war Dramatiker, Essayist und eine der prägenden Persönlichkeiten der tschechoslowakischen Dissidentenbewegung, bevor er nach der Samtenen Revolution zum Präsidenten der Tschechoslowakei und später der Tschechischen Republik wurde. Er verfasste das Manuskript zu „Ich habe es irgendwo versteckt“, das er vor dem Zugriff der Geheimpolizei verbarg. Es tauchte erst im Nachlass eines 2008 verstorbenen engen Freundes wieder auf. Die wiederentdeckten Texte zeigen Havel nicht als historische Ikone, sondern als Menschen, der über Verhaftung, Verhöre, Angst und das eigene Handeln nachdenkt. Anna Freimanová, Dissidentin und ehemalige Mitarbeiterin von Hável, leitet gemeinsam mit Tilman Spreckelsen (Literatur-Journalist, FAZ) durch den Abend. Die Veranstaltung findet am Nationalfeiertag der Gründung der ersten Tschechoslowakischen Republik statt.

Aus dem Buch liest Martin Krafl, ehemaliger enger Mitarbeiter Havels. Partner der Veranstaltung sind die Václav-Havel-Bibliothek und der Mitteldeutsche Verlag.

 

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