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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Kommunikationsmuseum zeigt „Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989“ (1)

Hartnäckige Sehnsucht nach freier Meinungsäußerung

Von Hans-Bernd Heier

Mit der Ausstellung „Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989“ macht das Frankfurter Museum für Kommunikation den Auftakt für das Kulturprogramm zum Ehrengast Tschechien bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte des „Samizdat“, jener im Verborgenen entstandenen Literatur, die während der kommunistischen Diktatur in der Tschechoslowakei unter Umgehung staatlicher Zensur heimlich vervielfältigt und verbreitet wurde. Sie informiert über Schriftsteller, Künstlerinnen und oppositionelle Gruppen, die mit ihren Publikationen das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt haben. Zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung gehörte der spätere tschechische Präsident Václav Havel.

Ausstellungsansicht; Foto: Salome Rosseler /Frankfurter Museum für Kommunikation

Samisdat bedeutet wörtlich „Selbstverlag“. In einer Gesellschaft, in der der Staat Verlage, Medien und die Produktion von Papier und Vervielfältigungstechnik kontrolliert hat, wurde die private Herstellung und Weitergabe von Texten zu einer Form des Widerstands. Schreibmaschinen, Kohlepapier, improvisierte Druckverfahren und selbst hergestellte Vervielfältigungsgeräte wurden zu Werkzeugen einer unabhängigen Gegenöffentlichkeit. Die hochinteressante Ausstellung macht sichtbar, wie aus wenigen Exemplaren eines Textes ein weit verzweigtes Netzwerk des Austauschs entstehen konnte.

Die Geschichte des tschechoslowakischen Samisdat reicht dabei weiter zurück als bis in die kommunistische Zeit. Bereits im 19. Jahrhundert wurden verbotene Texte handschriftlich kopiert. Auch während der nationalsozialistischen Besatzung entstanden illegale Zeitschriften und Publikationen im Untergrund. Nach dem kommunistischen Putsch von 1948 verschärften sich die staatlichen Kontrollen drastisch: 400 Verlage wurden geschlossen, nur 36 blieben zugelassen. Veröffentlichungen mussten zudem von den Zensurbehörden genehmigt werden. Zahlreiche Autor:innen verloren dadurch ihre Möglichkeit zu publizieren. Für sie wurde der Selbstverlag zu einem der wenigen Wege, ihre Texte weiterzugeben.

Ausstellungsansicht; Foto: Salome Roessler / Frankfurter Museum für Kommunikation

Eine vorübergehende Liberalisierung in den 1960er-Jahren ließ die Hoffnung auf eine freiere Gesellschaft wachsen. Das literarische Leben erlebte einen Aufbruch: Milan Kundera veröffentlichte seine ersten Erzählungen, 1963 erschien Bohumil Hrabals erstes Buch, Franz Kafkas Werke wurden wieder zugänglich. Im Zuge des Prager Frühlings wurde die Zensur 1968 aufgehoben, Schriftsteller:innen gewannen wieder Einfluss auf den öffentlichen Diskurs. Mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 endete diese Entwicklung jedoch abrupt. Die anschließende sogenannte „Normalisierung“ brachte neue Verbote und Repressionen. Zahlreiche Autor:innen durften nicht mehr veröffentlichen, ihre Bücher verschwanden aus Bibliotheken. Gleichzeitig gewann der Samisdat eine neue Dynamik.

Bücher unter Verschluss

Ein Schwerpunkt der beeindruckenden Ausstellung, die bis zum 24. Januar 2027 zu sehen ist, liegt auf den Samisdat-Verlagen, die unter größter Geheimhaltung Strukturen eines regulären Verlagsbetriebs nachahmten. Besonders bedeutend war die „Edice Petlice“ (Metapher für die Bücher, die „unter Verschluss“ waren), die 1972 von verbotenen Schriftsteller:innen gegründet wurde. Sie trafen sich in der Wohnung des Prosa-Autors Ivan Klíma und Pavel Kohout. Bis 1989 erschienen dort rund 400 Titel. Die Bücher wurden von Hand oder mit Schreibmaschinen vervielfältigt, von den Autor:innen signiert und anschließend von Lesern weiter abgeschrieben. Die signierten Exemplare wurden damit zu wichtigen Referenztexten, die nach dem Ende des Kommunismus als Grundlage für reguläre Veröffentlichungen dienten.

Ausstellungsansicht; Foto: Salome Roessler /Frankfurter Museum für Kommunikation

Auch Václav Havel war nicht nur Autor und Dissident, sondern selbst Samisdat-Herausgeber. 1975 gründete er die Reihe „Edice Expedice“, in der insgesamt 232 Publikationen erschienen, darunter literarische und philosophische Übersetzungen. Havel nutzte den Samisdat zudem für seine politischen Essays. Sein Text „Die Macht der Ohnmächtigen“ wurde zu einem der meistverbreiteten und meistübersetzten Werke der tschechischen Samisdat-Literatur. Im Oktober 1989 wurde Václav Havel in Frankfurt am Main der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Er konnte jedoch nicht persönlich teilnehmen, da ihm das kommunistische Regime die Wiedereinreise verweigert hätte. Seine Dankesrede erschien in Prag als einer der letzten Samisdat-Drucke –  einen Monat vor der „Samtenen Revolution“.

Breite Kultur des Mitmachens

Die Ausstellung richtet den Blick nicht allein auf prominente Dissident:innen. Samisdat war vor allem eine Angelegenheit vieler Menschen, die im Verborgenen Texte abschrieben, banden, transportierten und weitergaben. Unter ihnen waren Bibliothekarinnen, Studierende, Wissenschaftler, Arbeiter, Künstlerinnen, Pfarrer und technische Angestellte. Viele riskierten ihre berufliche Existenz, Gefängnisstrafen oder eine erzwungene Ausreise.

Die große Zahl dieser Beteiligten zeigt: Der Samisdat war keine reine Literaturgeschichte. Er war eine Form gesellschaftlicher Selbstorganisation. Leserinnen und Leser wurden zu Kopistinnen und Kopisten, private Wohnungen zu Redaktionsräumen und alltägliche Gegenstände zu Werkzeugen einer unabhängigen Öffentlichkeit.

Besonders anschaulich widmet sich die Ausstellung den konkreten Herstellungsweisen. Da Vervielfältigungsgeräte staatlich kontrolliert wurden, entstanden die meisten tschechoslowakischen Samisdat-Publikationen als maschinenschriftliche Texte. Mithilfe von Kohlepapier konnten auf einer mechanischen Schreibmaschine sechs bis 15 Kopien hergestellt werden. Mimeographen (Matritzen-Vervielfältigungsgeräte) ermöglichten größere Auflagen. Daneben entwickelten Herausgeber eigene improvisierte Druckverfahren.

Ausstellungsansicht; Foto: Salome Rosseler /Frankfurter Museum für Kommunikation

„Worte der Freiheit“ aus vielen Bereichen

Die „Worte der Freiheit“ beschränkten sich keineswegs auf Literatur. Samisdat wurde für politische Informationen und Diskussionen ebenso genutzt wie für Philosophie, Religion, Pädagogik, Soziologie, Ökologie und die Vermittlung von Wissen. Auch verbotene Theater- und Musikveranstaltungen, bildende Kunst und alternative kulturelle Szenen fanden ihre eigenen Wege jenseits der staatlichen Kontrolle.

Museumsdirektorin Dr. Annabelle Hornung testet eine alte Schreibmaschine, Foto: Petra Kammann

„Gerade darin wird die besondere Bedeutung des Samisdat deutlich: Er war nicht nur ein literarisches Phänomen, sondern eine Form unabhängiger Kommunikation, die nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche erfasste. Ende der 1980er-Jahre entstanden Samisdat-Zeitschriften von Musikerinnen und Musikern, Theater- und bildenden Künstlern, Philosophen, Pädagoginnen, Ökonomen, Umweltschützern und sogar Sportlern“, so Museumsdirektorin Dr. Annabelle Hornung.

Mit der Verbreitung des Samisdat wuchs zugleich das Risiko für diejenigen, die ihn herstellten und verbreiteten. Die Staatssicherheit überwachte Schreibmaschinen anhand charakteristischer Abdrücke einzelner Typen, durchsuchte Wohnungen und setzte Drohungen, Verhöre und Haftstrafen ein. Nach der Gründung der Charta 77 (Name der Anfang 1977 veröffentlichten Grundsatzerklärung der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung) intensivierte das Regime seine Verfolgung. Die Aktion „Asanace“ zwang schließlich fast 300 Dissidentinnen und Dissidenten zur Ausreise in den Westen.

Samisdat ohne Grenzen

Die Geschichte des Samisdat ist zugleich eine Geschichte internationaler Solidarität. Texte wurden heimlich aus der Tschechoslowakei in den Westen gebracht, dort von Exilverlagen veröffentlicht und in verschiedene Sprachen übersetzt. Diplomaten, Kuriere und Exilantinnen und Exilanten halfen dabei, die Verbindung zwischen der tschechoslowakischen Dissidentenszene und der freien Welt aufrechtzuerhalten. Auch in Deutschland entstanden wichtige Exilverlage, darunter der Index Verlag in Köln sowie Verlage in München und Frankfurt am Main. Die Ideen von Václav Havel und der Charta 77 wurden auch zu einem wichtigen Impuls für oppositionelle Publizistik in der DDR. Dort entstanden in den 1980er-Jahren unter anderem die „Umweltblätter“ und weitere unabhängige Zeitschriften im Umfeld der Friedens- und Umweltbewegung.

Vom Samisdat zur „Samtenen Revolution“

In den 1980er-Jahren veränderten neue Vervielfältigungstechniken die Möglichkeiten der Untergrundpublizistik. Die Zeitschrift „Lidové noviny“ wurde zunächst in 400 Exemplaren gedruckt, anschließend von Bürgerinnen und Bürgern mithilfe von Kopierern auf bis zu 10.000 Exemplare vervielfältigt. Parallel dazu wuchs die Bereitschaft, öffentlich gegen das Regime aufzutreten. Aufrufe wie Havels „Einige Sätze“ fanden zehntausende Unterstützerinnen und Unterstützer.

Im November 1989 mündete diese Entwicklung in die „Samtene Revolution“. Studenten sowie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler schlossen sich den Protesten an. Im Dezember 1989 übernahm dann in der Tschechoslowakei eine nichtkommunistische Regierung die Führung und Václav Havel wurde Präsident.

Der Samisdat hatte seine ursprüngliche Funktion verloren – und wurde zum historischen Zeugnis einer Gesellschaft, die sich mit Worten, Ideen und persönlichem Mut gegen die Unterdrückung behauptet hatte. Der ehemalige Dissident Jiří Gruntorád gründete in Prag die Bibliothek „Libriprohibiti“ (Verbotene Bücher), in der die größte Sammlung samisdatischer Literatur in der Tschechischen Republik zusammengeführt wurde. Dort befinden sich mehr als 21.000 tschechoslowakische Samisdat-Bücher und fast 500 Titel samisdatischer Zeitschriften.

Was bleibt vom Samisdat?

Die sehenswerte Ausstellung schlägt schließlich den Bogen in die Gegenwart. Denn das grundsätzliche Problem ist geblieben: „Wo freie Meinungsäußerung eingeschränkt, Informationen kontrolliert und kritische Stimmen unterdrückt werden, entstehen neue Formen unabhängiger Kommunikation. Digitale Archive, Schattenbibliotheken und alternative Verbreitungswege können heute Funktionen übernehmen, die einst Schreibmaschine, Kohlepapier und heimliche Kurierdienste erfüllten. Damit versteht sich die Ausstellung nicht allein als Rückblick auf eine besondere Epoche der tschechischen Kulturgeschichte. Sie stellt eine aktuelle Frage: Was würden wir tun, wenn wir unsere Gedanken nicht mehr frei veröffentlichen dürften?“, so Museumsleiterin Dr. Hornung.

Weitere Informationen

„Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989“ ist eine Ausstellung der Mährischen Landesbibliothek in Brünn und des Museums für Kommunikation in Frankfurt anlässlich des Ehrengastauftritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026.

„Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989“ im Museum für Kommunikation (2)

www.mfk-frankfurt.de 

 

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