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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Das Netz der Hoffnung: Exempel für Kunst im öffentlichen Raum?

Auswahl, Wirkung, Kosten: nicht nur in Frankfurt ein intensives Streitthema

Eine Zwischenbetrachtung von Uwe Kammann

„Sehr überrascht“ sei sie, sagt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig, wegen der teils heftigen Kritik an dem seit kurzem über der Konstabler Wache hängenden Netz, das den vielversprechenden Titel trägt: A Sky full of Hope. Eine Kritik, die sich nicht nur an den Kosten reibt, sondern auch am Verfahren bei diesem von der Stadt vergebenen Auftrag. Auch die Qualität des Werks der amerikanischen Künstlerin Janet Echelman wird in Frage gestellt, bis hin zu einem harschen Urteil des ehemaligen Feuilletonchefs der Frankfurter Rundschau. Das sei eher keine Kunst, sondern Kitsch zum „Aufbrezeln“ eines „urbanen Unorts“. Die Stadt habe sich in einem „Schnickschnack“ verfangen. 

Kulturdezernentin Ina Hartwig im Gespräch mit der Netz-Künstlerin Janet Echelman, Foto: Petra Kammann

Von städtischer Seite hört sich das natürlich ganz anders an. In den Begleittexten klingt fast reine Begeisterung durch, immer mit dem Tenor, dieses Netz transportiere die Hoffnung zur Transformation des Platzes, sei Inspiration zur sozialen Interaktion, sei perfekte Interpretation der Großaktion World Design Capital. Und verhelfe ihr, die ja nun schon Monate läuft, eine bislang unterentwickelte Sichtbarkeit, verleihe ihr ein wahrnehmbares Zeichen. 

Sicher, so heißt es weiter, die Kritik an den Kosten von 2,3 Millionen Euro sei angesichts oft schwieriger individueller und öffentlicher Haushaltslagen verständlich, sie werde auch ernstgenommen. Aber letztlich sei die Entscheidung aus verschiedenen Blickrichtungen gut zu begründen, nicht zuletzt, weil sie in der Realisierung auch ganz praktisch – als Attraktion für Touristen – zu positiven Wirtschaftszahlen beitrage. Wobei, auch das betonte die Kulturdezernentin, das Werk nicht aus ihrem Etat finanziert werde (kein dort budgetierter Euro werde den Kulturschaffenden und -institutionen abgezwackt), sondern aus dem der Wirtschaftsförderung. Wobei, so wird ebenso betont, es dort einen nicht genutzten Restbetrag gegeben habe, der bei Nicht-Ausgabe verfallen wäre (gemäß dem kameralistischen Prinzip). Dass es gleichwohl Steuergelder sind, bleibt/blieb unerwähnt (obwohl es gerade an Sinn und Zweck der Millionenausgabe viel Kritik gibt).

Wie das Ganze sich letztlich auf Besucherzuspruch und Publikumseinschätzung auswirke, das soll – verbucht unter der Zielsetzung „objektive Daten“ – in einer wissenschaftlichen Begleitung durch die University of Applied Sciences untersucht werden. Das ist jene universitäre Einrichtung, die auch schon dem Verkehrsdezernat nach der Einrichtung eines Fahrradlehrstuhls jene Gutachten geliefert hat, nach denen die vom grünen Mobiltäts-Chef vorangetriebene Verkehrswende lauter positive Effekte nach sich gezogen hat. 

Das Netz über dem Erzeugermarkt auf der Konstabler Wache, Foto: Petra Kammann

Doch wie auch immer: Dass die an vier eigens verankerten Pylonen aufgehängte, ohne jede vorherige öffentliche Diskussion realisierte Netz-Installation für kritische Rückmeldungen sorgen könnte, das hatte der kleine Keis der Stadtentscheider (die eine freiberufliche Kuratorin mit einer Präsentation möglicher Künstler beauftragt und sich dann einstimmig für Janet Echelman entschieden hatten) in gewisser Weise einkalkuliert. Und deshalb herausgestellt, wie immer bei zeitgenössischer Kunst üblich, dass sie polarisieren und anecken könne. Und weiter, dass dies Anstößige schon vom Grundprinzip zu ihrem Auftrag, auch zu ihrem Wesen gehöre. Oberbürgermeister Mike Josef erwähnte (rechtfertigend?) diesen Gedanken bei der abendlichen Eröffnung, bei der das Werk mit eigens komponierter Musik und einer Licht-Interpretation zusätzlich angereichert wurde.

Viele Beispiele für eine kontroverse Einstufung

War/Ist das alles die ganz normale Begleitmusik beim Großthema Kunst im öffentlichen Raum? Ja und nein. Im jetzigen Fall ist es ein Frankfurter Spezifikum, das mit dem Großetikett World Design Capital zu tun hat. Zum anderen gibt es Beispiele für ein großes anerkennendes Ja von Anfang an, aber auch für eine vehemente Ablehnung. Zu den ersteren zählt in Frankfurt der Hammering Man von Jonathan Borowsky, der seit 1991 vor dem Messeturm auf die Arbeitsstadt einstimmt. Auch vor dem KulturBahnhof in Kassel sorgt seit der documenta der Man Walking to the Sky von Borowsky für allseits erstaunte, in der Regel bewundernde Blicke. Henry Moores Large Two Forms waren seit 1979 ein identitätsstiftender Teil des Kanzleramtes in Bonn; beim Berliner Pendant ist die Stahlskulptur Berlin von Eduardo Chillida weithin anerkanntes (und TV-wirksames) Symbol deutscher Nach-Wende-Identität.

Die 7000 Eichen des provokativen Künstlers  Joseph Beuys in Kassel haben Wurzeln geschlagen 

Kassel steht auch für weitere vielzitierte Beispiele. Positiv mit der flächendeckenden Aktion 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stattverwaltung, bei der Joseph Beuys überall im Stadtgebiet Bäume in der Begleitung eines Basaltsteins pflanzen ließ, beginnend mit der documenta 1982. Vor 25 Jahren wiederum ließ die Stadt nach jahrelangen politischen und juristischen Auseinandersetzungen eine 1992 auf dem Königsplatz errichtete Treppe ins Nichts abreißen, ein als Kunstwerk deklariertes Bauwerk von Gustav Lange, das viele Bürger nur als monströse Verschandelung in repräsentativer Lage empfanden. Eher gleichgültig gehen die Bürger mit den Skulpturen um, welche an vielen Stellen der Arbeiterstadt Marl im Ruhrgebiet ein besonderes Gesicht verleihen – mit der ideellen Vorstellung, Kultur über eine offene Präsentation auch zu jenen Menschen zu bringen, deren Alltag ganz anders geprägt ist.

Günther Uecker vor einem seiner Nagelreliefs – eine Hommage an Yves Klein, Foto: Petra Kammann

Ein äußerst kurioses Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum ist in Frankfurt gleich gegenüber den gläsernen Zwillingstürmen der Deutschen Bank am Rand der Taunusanlage zu finden – eine steinverkleidete Röhre mit einem Gitter über einem Kanalisationsloch. Zur Eröffnung schwamm 2021 im Mai der Künstler Cyprien Gaillard durch den Main (die Kunstszene liebt performance als Geschmacksverstärker ). Es lohnt sich, den erläuternden Text des Museums für Moderne Kunst zu lesen, um zu erfassen, wie man dies stets offene und erstaunlich saubere Uni-Klo (mit freiem Blick in den Himmel) interpretieren kann. Beim zwei Meter hohen bronzenen Nagel, den Günther Uecker scheinbar tief in den Düsseldorfer Boden getrieben hat, erübrigt sich jede Deutung: Er steht für das Lebenswerk selbst.

↑ Wie Christo die Verpackung des Triumphbogens vorbereitet, Ausstellung anlässlich der Verhüllung des Arc ↓ de Triomphe auch mit dem verhüllten Pont Neuf, Fotos: Petra Kammann

In Deutschland gab es sicher einen Moment, der als Kunst-Werk und als Ereignis alles überstrahlte, was je als Kunst im öffentlichen Raum zu sehen und zu erleben war – nicht dauerhaft, sondern lediglich für zwei Wochen im Sommer 1995. Der von Christo und seiner Frau Jeanne Claude mit silbernem Stoff komplett verhüllte Reichstag betörte und verzauberte nicht nur all’ jene, die zum mächtigen Bau an der Spree pilgerten und zeitweise Tage und Nächte auf der vorgelagerten Wiese verbrachten. Sondern auch alle, die auf Bildern oder per Video diese Aktion auf sich wirken ließen, eine Aktion, die tatsächlich das einlöste, was in der Regel nur versprochen wird: einen Ort total zu verwandeln (hier auch: ihn im übertragenen Sinne von Geschichtsimprägnierungen zu entgiften, ihm ein Zukunftsversprechen zu entlocken).

Ausflug nach Frankreich mit dem Künstler JR

Dass dieses auch bei großem äußeren Aufwand nicht so einfach ist, musste gerade der in Frankreich lebende Künstler JR erfahren. Landesweit berühmt wurde er vor allem durch seine auf Reisen im Kamera-Kastenwagen eingefangenen  Begegnungsaktionen mit Alltagsmenschen, deren von ihm aufgenommene fotografische Großporträts er mit Folien überlebensgroß an Fassaden anbringt. Die Filmemacherin Agnès Varda widmete ihm den wunderbaren Reise- und Dokumentarfilm Augenblicke, die vor einigen Jahren im Deutschen Filmmuseum ihre Filme höchst charmant vorstellte. 

Die Filmemacherin Agnès Varda im Filmmuseum Frankfurt, Foto: Petra Kammann

Dieser ganz unkonventionelle, mit Street Art hervorgetretene JR, der auch mit Christo zusammenarbeitete, verwandelte im Juni die älteste Brücke von Paris in eine aufblasbare Grotte, in die Caverne du Pont Neuf. Gedacht war das merkwürdige Gebilde als Hommage an Christo und Jeanne-Claude, welche die Brücke 1985 verhüllt hatten; 2021 folgte dann der weltbekannte Arc de Triomphe. Freunde, welche jetzt die Brücken-Grotte besucht haben, waren trotz des geschätzten Namenskürzels JR eher enttäuscht. Aber wer wissen will, wie Arbeitsweisen, Vorstellungen, Skizzen und Gedanken bei einem solchen prominenten Öffentlichkeitswerk aussehen, kann dies in einem eindrucksvollen großformatigen Bild- und Textband des Taschen-Verlags sowie in einer ebenfalls dort erschienenen begleitenden Künstler-Biographie nachvollziehen – für uns immer noch eine lohnende Entdeckung.

Entdeckungsbücher für den französischen Straßenkünstler JR, Abb. Taschen

Aber dies ist natürlich eine ganz andere Art der Annäherung als die direkte Anschauung vor Ort. Das gilt in gleicher Weise für das in Wirklichkeit gar nicht so große Echelman-Netz, das mit seinen blau-roten dominierten Farbtönen und seinen leichten, vom Wind abhängigen Bewegungen der Konstablerwache in überschaubarr Höhe ein ungewohntes Element hinzufügt. Ob dies belebender ist als der Wochenmarkt, der zwei Mal in der Woche die Funktion des Ortes als Verkehrsknotenpunkt aufweicht und Lebensfrische bringt? 

Die Konstablerwache ist und wird kein Wohnzimmer

Dass dieses Netz nicht, wie es Janet Echelman als Schöpferin euphemistisch behauptet, als „Kronleuchter im Wohnzimmer“ gefeiert werden kann, dürfte klar sein. Der fast quadratische Platz ist kein anheimelndes Wohnzimmer, das verhindern schon die Wände, hier also die äußerst banalen, nichtssagenden Fassaden der umliegenden Geschäftshäuser. Sie sind es ja in erster Linie, welche zum Prädikat unwirtlich beitragen. Das leicht erhöhte steinerne Podest mit seinen Baum-Rändern ist es eher nicht, ganz im Gegenteil. Nicht von ungefähr erntete die Neugestaltung Anfang der 80er Jahre (zu der die Bürger mit Spenden namensbezeichneter Pflastersteine beitragen konnten) einiges an Lob. Wie auch beim Technischen Rathaus (Ex), beim kantigen Historischen Museum (Ex) oder bei der Schirn (mit verschwundenem Tisch) zu konstatieren: Zeiten des Lobs können schnell durch gesenkten Daumen abgelöst werden.

Konstabler Wache im „Normalzustand“ mit dem U-Bahn-Eingang als Abschluss, Foto: Uwe Kammann

Zum schlechten heutigen Ruf der Konstablerwache trugen und tragen eher die sichtbaren sozialen Begleitumstände bei (Drogenhandel schien lange Zeit eher geduldet zu sein), und nicht zuletzt die äußere Verwahrlosung. Der östliche Abschluß mit seinem grobschlächtigen und außen vollgemülltem U-Bahn-Eingang dominiert den üblen Eindruck, den die aktuellen Fahrrad-Abstellanlagen auf ihre Art verstärken. Ob ein einmal in Erwägung gezogenes Abschlussgebäude das verändern würde? Kaum. Man darf schon froh sein, dass das renovierte Bienenstock-Haus als westlicher Abschluss immerhin einen besseren architektonischen Akzent (im Grunde den einzigen nennenswerten) setzt.

Das Netz in einer Abendstimmung bei der Eröffnung, Foto: Barbara Walzer

An all’ dem ändert das Netz gar nichts, dessen kräftige tragende Pylone sind beileibe kein Gewinn. Und da in den Wintermonaten der farbige Dachakzent abgehängt wird, braucht es viel Phantasie, um sich Schönes, gar Erheiterndes vorzustellen. Das Wissen um die Knüpftechniken, das Material und Datenbezüge verändert ja nichts am Werk selbst – da zählt nur die unmittelbare Anschauung. Die ohnehin nach drei Jahren erst einmal passé sein wird. Dann soll nach der ‚Miete‘ des Werks über einen Ankauf nachgedacht werden. Was die Dauerhaftigkeit kosten soll? Schweigen – es geht ja auch nur um Steuergeld, also eine flüssige Öffentlichkeit.

All’ das vermittelt eher den Gedanken: Ja, ganz hübsch, eben eine etwas größer dimensioniere Dekoration (mit dieser kunstgewerblichen Perspektive hat es, wie oben erwähnt, der frühere Feuilletonchef Christian Thomas gesehen). Nicht wenige im Bekanntenkreis finden übrigens, dass alleine Fotos, die das Netz auf e⁄ne zweidimensionale Konfiguration ganz ohne Umgebung reduzieren (also zur Abstraktion konzentriert), die Arbeit aufwerten.

Der Hang zur Stadt als Rahmen für Events 

Ohnehin, in der Summe der Elemente ist das zu sehen, was nicht wenige Politiker heute als wesentlichen Schub für die Entwicklung der zunehmend in Frage gestellten Qualität der Städte sehen: Event über alles. Nicht der bauliche städtische Rahmen zählt danach vorrangig, sondern das, was in ihm möglichst in einer Dauerschleife veranstaltet wird – zuvörderst Spielen in allen Spielarten rund um die Uhr, Gastronomie inklusive. Insofern sagt es schon etwas, dass die mit Janet Echelman in der praktischen Realisierung eng verbundene Frankfurter Agentur Markgraph vor Jahren ein Werk von ihr am Münchener Odeonsplatz verwirklicht hat, als Werbe-Hingucker für eine Mercedes-Präsentation bei der IAA Mobility 2021. Dass Ausrichtungen an bester Inszenierung, auch in funktioneller Form, höchste Qualitäten haben können, zeigt Markgraph übrigens hier in Frankfurt bei der Fußball-Akademie des DFB. Vom dortigen Ideenreichtum inspiriert, hätte die Mannschaft eigentlich Weltmeister werden müssen.

Doch wie auch immer: Das alles macht die Sache nicht besser. Was aber vor allem mit jener Aktion zu tun hat, der, so die Kulturdezernentin, das Konstabler-Netz endlich ein weithin sichtbares Zeichen und damit Wahrnehmbarkeit verleihen sollte: Fankfurts Auftritt als World Design Capital. Inzwischen ist auch früheren Befürwortern dieses – ja, was ist es, ein Festival? – Fast-Jahres-Ereignisses klar geworden, dass die Stadt sich mit diesem von der World Design Organisation verliehenen Titel eine riesige Luftblase erworben hat.

Urban Design Frankfurt, Foto: Uwe Kammann

Eine Blase, die sich – und das zeichnete sich schon bei der Vorstellung auf der vergangenen Messe Ambiente ab – auszeichnet durch eine mehr als diffuse Zielrichtung, Begrifflichkeit und Ausgestaltung. Design sollte danach nicht bloß im herkömmlichen Sinne verstanden werden, sondern als allmächtige Gestaltungsmacht über alle Aspekte des gesellschaftlichen und individuellen Lebens. Deshalb auch der beigefügte Themen-Untertitel Design for Democracy. Atmospheres for a better Life. 

Da verbindet sich schon auf den ersten Blick höchste Ambition mit größtmöglicher Offenheit, als praktisch-moralisch aufgeladene Einladung an alle und jeden gesellschaftlich Aktiven in der RheinMain-Region, sich mit Aktionen aller Art einzubringen in dieses Zukunftsfestival. Wer in dessen örtlichem Zentrum, dem Museum für Angewandte Kunst, im dort untergebrachten sogenannen Hub aus erster Neugier die Faltblätter der vielen beteiligten Gruppen und Initiativen einsammelte und studierte, dem schwirrte (nicht übertrieben) der Kopf. Es entstand ein Wimmelbild, bei dem eine sprachliche Darstellung dominierte, welche englische Slogans kombinierte mit einem in bestimmten Milieus so beliebten Sozio-Psycho-Sprech – ein verbaler Stuhlkreis für eine als progressiv deklarierte Gestaltung der Umwelt(en).

Auf dem Tresen des schneeweißen Museums aus dem Richard-Meier-Universums liegen gleichzeitig zwei Bücher aus anderen Zeiten, gewidmet einem Menschen und einem Unternehmen, welche den Begriff Design so ausgelegt haben, dass die Umwelt davon tatsächlich profitiert hat. Dieter Rams und Braun . Und ältere Frankfurter Bürger werden sich noch an eine Messe erinnern, die Mitte der 80er Jahre begann und Anfang der 00er Jahre begraben wurde; public design. Da ging es um alle Dinge, die den öffentlichen Raum in ihrer Gestaltung prägen, von Sitzbänken über Abfallbehälter bis zu den Beleuchtungssystemen. Es war eine Zeit, als sich der damalige Baudezernent Hans-Erhard Haferkampf noch persönlich darum kümmerte, wie eine Fußgängerampel aussehen sollte.

Frankfurt: Stadt des Nicht-Designs

Heute? Frankfurt präsentiert sich als optisch verlotterte Stadt. Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst berichtete im letzten Jahr bei einem Fachtreffen zur Attraktivität Frankfurts (laut einer Studie für Auswärtige nur mittelmäßig, mit abnehmender Tendenz), dass sie allen Magistratsmitgliedern vorgeschlagen habe, einmal eine Woche zu Fuß durch die Stadt zu gehen. Das Ergebnis? Genau, diese gründliche Erkundung auf Augenhöhe ist nie zustandegekommen. Fraglich ist allerdings, ob alle potentiellen hauptamtlichen Fußgänger wirklich wahrgenommen hätten, woran die Stadt krankt; oder das, was vor allem das Mobitliätsdezernat der Stadt antut, im Namen der Aufenthaltsqualität, wie es heißt.

Selbst an Fußgänger wird auf Frankfurts Straßen gedacht, Foto: Uwe Kammann

Inzwischen stehen fast an jeder Straße Poller der hässlichsten Art, rot-weiß gestreift wie Miniaturleuchttürme, oder auch kurzfüßig in orange, um Räume zu trennen. Dazu malen die fleißigen Trupps weiße Markierungen aller Art, mit Logos, die begriffsstutzigen Fußgängern ihre Bewegungsräume zeigen und Autofahrer zu Außerirdischen degradieren. Absperrgitter und -geländer bestehen aus billigsten Rohren (jede französische Kommune würde sich dafür schämen), Pflasterungen gleichen Musterbüchern und sind oft nur Flickenteppiche. Dass in der Töngesgasse die modernen Stadtgestalter mit Schrebergärtenzäunen die Vegetation schützen wollen, ist das Tüpfelchen auf dem i der Gutmeinenden.  Und, nicht zuletzt, die Stadt ist inzwischen an jeder Stelle übersät mit Fahrradbügeln, welche als neues gebuckeltes Wahrzeichen gelten können.

Kunstinstallation im öffentlichen Raum?, Foto: Uwe Kammann

Zyniker werden diese sich ausbreitende Bügelei unter den Kunstbegriff stellen, vielleicht noch enger gefasst als Installation, welche das Serielle betont und in ihrer Gleichförmigkeit eine permanente Kritik an einem als eintönig empfundenen Leben darstellt. Wer will, kann das dann als eisernen Willen der Stadt sehen, Kunst im öffentlichen Raum als Verpflichtung zu sehen und tausendfach sichtbar zu verankern. Dass Stahl allerdings in Reinform ein höchst problematisches Material ist und selbst in einer einstigen Stahlmetropole nicht einfach akzeptiert wird, musste die Stadt Bochum erfahren, als sie Richard Serras documenta (6)-Kunstwerk Terminal – vier kunstvoll aneinandergelehnte knapp dreizehn Meter hohe Platten aus rostimprägniertemerm Cortenstahl – ankaufte und vor dem Bahnhof aufstellte. Die Skulptur (damals ging es um rund 300.000 Mark, Köln war mit dem Domplatz Konkurrent) wurde vielfach angefeindet, beschmiert, beklebt, im Inneren als Klo benutzt – noch nie dürfte leidenschaftlicher (und aggressiver) über Kunst im öffentlichen Raum gestritten worden sein.

Auch ein Netz: vor dem Museum Angewandte Kunst, Foto: Uwe Kammann

Ein Objekt allerdings hat in diesem Sommer dem Frankfurter Echelman-Netz mit seinen hoffnungsgetränkten Himmelsambitionen in der Öffenlichkeit den Rang abgelaufen: ein Schwimmbecken mit 25 Metern Länge, dass der neue Intendant der Volksbühne in Berlin, Matthias Lilienthal, direkt vor dem Theater aufbauen ließ. Dass er die dafür notwendigen 300.000 Euro aus seinem Theater-Budget (gut 20 Millionen) abzweigte, war und ist für ihn kein kameralistisches Problem. Wenn sich zwei der Badegäste im Wasser anspritzten, so dekretierte er, dann sei das eben eine Theaterszene. Sprich: Auch das wäre Kunst im öffentlichen Raum. 

Nur, als er in einem bestimmten timeslot das Becken ausschließlich  für eine schwarze Community freigeben wollte, da hatte er den Bogen überspannt. Die Öffentlichkeit, so befanden (fast unisono) nicht nur die Kritiker dieser theatralischen stand-up-Aktion, die Öffentlichkeit wird von allen gebildet, unabhängig von der Hautfarbe. Das ist an der Konstablerwache bestens zu sehen. Da lässt sich Frankfurt nicht übertreffen, ob mit oder ohne Netz.

 

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