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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die vollständig restaurierte Kirche St. Leonhard: Ein „Gewinn für Frankfurt und seine Gäste“

Lob für „grandiose Leistung“ an komplexer Wiederherstellung

Von Uwe Kammann

Ein unglücklicher Zufall – es gab ja eigentlich nur noch ein Thema in Frankfurt, ein Ja oder Nein zum farbigen Deko-Netz über der Konstabler Wache. Dabei waren und sind, gar nicht weit entfernt, zur fast gleichen Zeit zwei architektonische Kunst-Denkmale wiederzuentdecken: die subtil und sorgfältig renovierte Katharinenkirche an der Hauptwache und die nun auch mit ihrer nördlichen Vorhalle vollends sanierte und restaurierte Kirche St. Leonhard.

Schaukasten am Eingang zeigt Bilder der renovierten Nordvorhalle, Foto: Uwe Kammann

Und, keine Frage, sowohl Goethes Taufkirche im Herzen der Stadt als auch die eher kleine Kirche am nördlichen Mainufer werden kein Streitgespräch hervorrufen. Speziell bei St. Leonhard werden sich alle Frankfurter einig sein und sich als Liebhaber bekennen: ein wahres Kleinod.

Höchst beeindruckt: eine erste Vorbesichtigung der renovierten Nordvorhalle, Foto: Uwe Kammann

Und sie werden dem noch bis Ende des Monats im Amt weilenden Stadtkämmerer Bastian Bergerhoff – der für die von der Kommune finanzierten acht Dotationskirchen zuständig ist – ohne Wenn und Aber zustimmen, dass es sich um „eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler“ der Stadt handelt. Lange mussten die Bürger warten, bis mit der nördlichen Vorhalle auch das letzte Teilstück der im Hauptbau bereits 2019 wiedereröffneten Kirche wieder zugänglich sein wird. 

Bronzefiguren von Franziska Lenz-Gerharz, die an die Pilgerer erinnern, Foto: Barbara Walzer

Bei einer Vorbesichtigung erläuterte die Dombaumeisterin Julia Lienemeyer (Amt für Bau und Immobilien), warum es noch einmal so viele Jahre brauchte, bis auch dieser Teilabschnitt vollständig saniert werden konnte und damit nun St. Leonhard integral zu erleben und zu bewundern ist – wozu auch der wiederhergestellte Vorplatz mit den drei Bronze-Figuren (1990) von Franziska Lenz-Gerharz einlädt. Beim näheren Hinsehen erkennt man an Stab, Hut, Tasche und Jakobsmuschel sofort, dass es sich um Pilger handelt, was wiederum an eine der wichtigen Funktionen der Kirche erinnert. Sie war nämlich m Mittelalter eine wichtige Station am Jakobsweg.

Höchst filigran: das hängende Gewölbe von St. Leonhard, Foto: Stadt Frankfurt

Zur Hauptschwierigkeit, so Lienemeyer, gehörte die Stabilisierung des Baugrunds, um dann die Restaurierung des Inneren gesichert in Angriff nehmen zu können. Es habe umfangreicher Untersuchungen bedurft, um genau festzustellen, wie die Vorhalle gegründet worden sei. Ohne diese Sicherheit habe man die Restaurierung der Deckengewölbe, der Wände, der zwei romanischen Portale, der Sandstein-Elemente (Rippen, Bögen und Stürze), der Bleiverglasung aus den 90er Jahren (von Ludwig Schaffrath), der hölzernen Eingangstüren und der zwei Beichtstühle nicht in Angriff nehmen können. Auch für die Erneuerung der Technik (Klimatisierung, Beleuchtung) habe die Standsicherheit zur Voraussetzung gehört. 

Großzügig und ruhig gestaltet – der Vorplatz der St. Leonhardskirche, Foto: Petra Kammann

Technisch war dies durchaus aufwendig, es ging um per Schlauchwaagen überwachte Toleranzen von höchstens zwei Millimetern bei der „Unterfangung“ der Nordvorhalle mit 70 Betonsäulen (zwischen zwei und vier Metern Länge und einem Durchmesser bis zu 1,40 Metern). Die auf Pfeilern aus dem 16. Jahrhundert ruhende Nordwand der Vorhalle war zuvor „rückverankert“ worden – alles Aufgaben für eine Spezialtiefbaufirma.

All’ diese Rekonstruktionsarbeiten galten der Raumfolge aus  der Zeit um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, die, wie Niemeyer erläuterte, im Laufe der folgenden Zeit mehrfach verändert wurde, beispielsweise durch einen 1808 höher gelegten Boden, weiter durch die Öffnung der Wand zwischen Nordvorhalle und Hauptschiff mit großen Rundbögen, was den Charakter der Halle veränderte: Sie wurde durch diese Umgestaltung zu einem offenen Seitenschiff. Zudem wurde damals die bestehende Heilig-Grab-Kapelle von der Vorhalle getrennt und als zusätzliche Sakristei genutzt.

Eine Beweinungsszene in der Heilig-Grab-Kapelle, Foto: Uwe Kammann

Mit der jetzigen Rekonstruktion wurde das seit 100 Jahren verborgene Raumvolumen wieder hergestellt, verbunden eben mit einer Absenkung des Bodenniveaus, abgestimmt auf die anderen Teile der Leonhardskirche. Das alles waren Arbeiten, für die das Wort „komplex“ (Lienemeyer) eher untertrieben ist. Zahlreiche Gespräche zwischen den Beteiligten – darunter natürlich auch wesentlich die Denkmalschutzbehörden – wurden zu gegenseitigen Abstimmung und zur wissenschaftlichen Absicherung geführt; 50 Firmen waren zu koordinieren und in der Ausführung der Arbeiten zu kontrollieren. 

Aus dem Schutt geborgene Schätze wie die Einzelteile des Heilig-Grab-Altars, Foto: Uwe Kammann

Wer sich vor Augen führt, welche konstruktiven Untersuchungen zu unternehmen waren, um die Stabilität des hängenden Gewölbes im Salvatorchor zu gewährleisten, kann sich leicht vorstellen, wie aufwendig alle notwendigen Vorbereitungen und Schritte zu verbinden waren. Dazu gehörte die sorgfältige Auswertung der einzelnen Befunde, beispielsweise auch die genaue Lokalisierung (die  „Kartierung“) der zahlreichen Schäden. Zu beheben waren Risse im Sandstein, offene Bleifugen, Abbrüche an den Rippen des Gewölbes. In der Grabeskapelle konnten, wie es jetzt heißt, große Flächen an Originalbefunden freigelegt und gesichert werden, die sich unter dem dicken Putz der vorherigen Umbauten befanden.

Freigelegte Schichten zeigen die verschiedenen Zeitebenen, Foto: Uwe Kammann

Zur jetzigen Rekonstruktionsgeschichte gehört auch, dass bei der Innenrestaurierung der gesamten Kirche, also einschließlich der nördlichen Vorhalle, zahlreiche im Schutt verborgene „Schätze“ gefunden und geborgen wurden (diese restauratorisch bearbeiteten Fragmente waren zwischenzeitlich im nur einen Steinwurf entfernten Archäologischen Museum zu bestaunen).

Praktisch staunen kann man auch über den finanziellen Aufwand, der nötig war, um all die vorbereitenden und praktischen Arbeiten der Beteiligen (rund 50 ausführende Firmen inklusive der Steinmetze, Planer, Vermesser, Historiker, Restauratoren) zu bezahlen. Denn 4,3 Millionen Euro scheinen fast ein Nichts zu sein, verglichen beispielsweise mit dem 2,3 Millionen-Aufwand für das auf drei Nutzungsjahre angelegte Netz über der Konstablerwache (eine Ausgabe, welche der Hauptgrund für die teils vehemente Kritik am Projekt ist). Hier, bei der Leonhardskirche, beteiligten sich neben der Stadt auch das Hessiche Landesamt für Denkmalpflege und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz an den Kosten, die im Rahmen des Kostenvoranschlags blieben.

Voll der Bewunderung: Stadtkämmerer Bastian Bergerhoff und Dompfarrer Johannes zu Eltz, Foto: Uwe Kammann

Nicht umsonst stellte Stadtkämmerer Bastian Bergerhoff bei der Vorbesichtigung fest, dass alle Beteiligten „stolz und zufrieden auf das gemeinsam geschaffene Werk“ („grandiose Leistung“) zurückblicken könnten. Dompfarrer Johannes zu Eltz nannte die „Beharrlichkeit“, mit der die Stadt die „komplizierten, langwierigen und teuren Baumaßnahmen“ zu Ende gebracht habe, „wirklich der Bewunderung wert“. Belohnt werde diese Arbeit jetzt „mit der Schönheit der vielgestaltigem Vorhalle, die nicht ihresgleichen hat.“ Und er fügte hinzu: „St. Leonhard im neuen Glanz ist ein Gewinn für Frankfurt und seine Gäste.“

Blick in den Kircheninnenraum: sorgfältige Restaurierung, wohin man schaut, Foto: Barbara Walzer

Zusatzinfo

Im Schaukasten erfährt man die Öffnungszeiten, Foto: Petra Kammann

Ab dem 16. August ist die rekonstruierte und sanierte Nordvorhalle der Kirche St. Leonhard wieder für das Publikum geöffnet. Am Tag des offenen Denkmals – 13. September – gibt es vier öffentliche Führungen. Weiter begleitet ein Kulturprogramm des Dommuseums mit zwei Arkadenkonzerten und einer Theatralischen Lesung mit Musik den Wiedergewinn dieses, wie es heißt, „ganz besonderen Raumes“, der so auch „musikalisch und szenisch erlebbar“ werden solle.

 

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