Dr. Nikolaus Reinhuber – Der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Bachkonzerte
Spagat zwischen Exzellenz, Tradition und Nachwuchsförderung
Von Petra Kammann
FeuilletonFrankfurt wollte wissen, welche Persönlichkeit sich hinter den renommierten Frankfurter Bachkonzerten als Verantwortlicher verbirgt und was den Vorstandsvorsitzenden und international agierenden Juristen Dr. Nikolaus Reinhuber angetrieben hat, sich auch in schwierigen Zeiten ehrenamtlich so leidenschaftlich für die Tradition des Bach’schen Werkes zu engagieren. Aus dem zunächst knapp sachlich angedachten Interview wurde ein ausführliches Gespräch mit historischen Bezügen, mit im Frankfurter Raum verwurzelten persönlichen Geschichten und damit verbundener internationaler Vernetzung.

Dr. Nikolaus Reinhuber, der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Bachkonzerte privat, Foto: Petra Kammann
Petra Kammann: Zunächst einmal zum Hintergrund Ihrer Person: Wie kamen Sie als international arbeitender Anwalt eigentlich zur Musik? Haben Sie einen musikalischen Hintergrund?
Dr. Nikolaus Reinhuber: Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Musik hat in der Familie seit Generationen eine große Rolle gespielt. Meine Wurzeln liegen in Korsika: Mein Ururgroßvater, Jean-François Cavelli, war in den 1850ern nach Frankfurt-Bockenheim gekommen. Da hat er ein Mädchen aus Bockenheim geheiratet: Elisabeth, die sehr gut gesungen und Klavier gespielt hat. Sie hatten drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Beide Töchter wurden Opernsängerinnen, und die eine, Maria Calvelli-Adorno war die Mutter von Theodor W. Adorno. Die andere blieb kinderlos. Der Sohn Louis wurde später Bankier und ist mein Urgroßvater. Alle drei Kinder waren hochmusikalisch. Da der Vater aber ziemlich früh starb und die Mutter kein Geld hatte, gab sie dann in den 1870ern mit den drei Kindern in Frankfurt Konzerte, wozu sogar auch Zeitungskritiken erschienen. Sie galten als Wunderkinder.
Und der berühmte Frankfurter Soziologe, Philosoph, Musikkritiker und Vertreter der Frankfurter Schule Theodor W. Adorno hat Sie nicht zur zeitgenössischen, sondern eher zur Barockmusik geführt?
Wenige wissen, dass Theodor W. Adorno, der ein bisschen jünger war als mein Großvater Franz Calvelli-Adorno, nicht nur komponiert und Kompositionsunterricht bei Alban Berg gehabt hat, sondern auch ein sehr guter Pianist war. Und mein Großvater war ein hervorragender Geiger und ebenfalls sehr guter Pianist. Er und Teddie, wie Theodor Wiesengrund Adorno in der Familie genannt wurde, hatten ein enges Verhältnis. Immer wenn sie sich trafen, haben sie miteinander musiziert. Mein Großvater wurde dann Richter. 1933 wurde er von den Nazis rausgeschmissen, weil er eine jüdische Mutter hatte. Nach der Naziideologie wurden auch „halbjüdische“ Menschen als Folge des Gesetzes zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Staatsdienst entlassen. Das betraf Beamten, Richter, aber auch Musiker in den städtischen und staatlichen Orchestern.

Die drei Kinder Calvelli-Adorno mit ihrer Mutter ca. 1878 in Frankfurt: Links Louis, der spätere Bankier und Vater von Franz, dann Maria, die Mutter von Theodor W. Adorno, die den jüdischen Weinhändler Oskar Wiesengrund heiratete (daher das „W“), die kleine Agathe, ebenfalls Opernsängerin wie Maria, und schließlich die Mutter am Flügel. Der „Korse“ und Vater der drei Kinder, Jean-Francois, war da schon gestorben, Foto: im Familienbesitz
Daraufhin wurden 1933 zwei jüdische Kulturbundorchester gegründet: eines in Berlin, eines in Frankfurt. Sie setzten sich aus den entlassenen jüdischen Musikern zusammen. Da hat mein Großvater dann mitgespielt. Es wurde geleitet vom Generalmusikdirektor der Frankfurter Oper, dem Dirigenten Hans Wilhelm Steinberg. Er hatte im März ‘33 abends kurz vor der Aufführung der „Meistersinger“ einen Brief vom nationalsozialistischen Oberbürgermeister Krebs bekommen und wurde sofort beurlaubt. Steinberg ging 1936 nach Israel als Dirigent des Israel Philharmonic Orchestra und von dort aus dann in die USA, wo er eine große Karriere machte.
Und wie kamen Sie mit dieser Hintergrundgeschichte im Nachkriegsdeutschland dann zu Bach?
Ich bin als kleines Kind mit meinem Großvater Franz Calvelli-Adorno oft in die Bachkonzerte gegangen. Meine Tante war jahrelang Assistentin des Organisten Helmut Walcha. So hat Walcha gelegentlich bei uns zu Hause gespielt. Ich selbst habe Klavier, Fagott und eine Zeitlang auch Orgel gespielt, und wir haben immer viel gesungen. Insofern war Musik und speziell Bach immer ein Bestandteil unseres Lebens. Mit meiner ersten Freundin (und heutigen Ehefrau!) und meinem Großvater haben wir regelmäßig musiziert und z.B. alle Bach-Trio-Sonaten gespielt.
Später hatte ich wenig Zeit, selbst zu musizieren. Als ich nach vielen Jahren wieder nach Frankfurt zurückkam, wurde ich angesprochen: Man sagte mir, die Bachkonzerte bräuchten Hilfe. Dann habe ich angefangen, mich dort zu engagieren und bin 2006 in den Vorstand. Den Vorsitz habe ich 2009 übernommen.

Blick auf die Orgel in der Thomanerkirche in Leipzig, Foto: Petra Kammann
Sie arbeiteten viele Jahre als Jurist in internationalen Anwaltskanzleien. Wie kamen Sie denn wieder zurück zur Musik? Waren Sie in Ihrer Berufslaufbahn nicht auch zwischenzeitlich mal in Leipzig? Und hat das speziell für Ihr Bachverständnis eine Rolle gespielt?
Ich habe ab 1994 für meine damalige Kanzlei Bruckhaus Westrick Stegemann (heute Teil von Freshfields) das Leipziger Büro mit aufgebaut. Da hatte ich allerdings soviel Arbeit, dass ich mich eigentlich um Bach nicht kümmern konnte, obwohl man gerade in Leipzig Bach förmlich mit Händen greifen konnte. Es gab z.B. samstagnachmittags die sogenannte „Motette“, wo in der Thomaskirche jeweils eine Bachkantate aufgeführt wurde (und noch immer wird). Und der Eintritt war frei. Unsere Kinder waren in dieser Zeit in der Thomasschule. Unser Sohn war sogar in der Thomanerklasse. Das ging ab der 3. Klasse los. Diese Thomanerkinder mussten am Ende der 2. Klasse die Gymnasialreife erwarten lassen und besonders musikalisch sein. Sie hatten hoch motivierte Lehrer. Beispielsweise wurde im weihnachtlichen Krippenspiel nicht einfach „O Tannenbaum“ gesungen, sondern dreistimmig „Maria durch den Dornwald ging“. Und dazu gab es ein kleines Streichquartett der Dritt- und Viertklässler. Er aber war nicht dauerhaft in der Klasse, weil wir dann wieder aus beruflichen Gründen nach Frankfurt zurückzogen.
Welche anderen Berufserfahrungen haben Sie geprägt?
Ich war viele Jahre bei der Kanzlei Freshfields tätig, ähnlich wie übrigens auch zwei andere Frankfurter Kollegen: Klaus Albert Bauer, der als Vorsitzender für die „Freunde der Alten Oper“ fungiert, und Burkhard Bastuck, der sich um die „Museumsgesellschaft“ kümmert. Und da sagten wir uns im Spaß: als Dreiergespann haben wir die Musikwelt in Frankfurt gut unter Kontrolle. Klaus Bauer gründete sogar ein Orchester bei Freshfields, die „Freshfields Sinfonietta“. Er hat mich damit tatsächlich dazu gebracht, mein Fagott wieder auszupacken, und meine Frau Cornelia Kuther-Reinhuber als Flötistin sollte auch mitspielen. Sie ist ausgebildete Flötistin, die bei Karl-Heinz Zöller von den Berliner Philharmonikern studiert hat. Heute spielt sie regelmäßig in den Orchestern, die Klaus Bauer dirigiert.

Dr. Klaus Albert Bauer, verantwortlich für die Freunde der Alten Oper, Foto: Petra Kammanbn
Und die verschiedenen Musikinstiutionen stehen nicht in Konkurrenz zueinander?
Nein, wir drei verstehen uns sehr gut. Burkhard mit seiner Frau Ursula Maria Berg haben z.B. bei einem Hauskonzert bei uns zu Hause die Brahms-Sonaten für Violine und Klavier gespielt.

Die Violoinistin Ursula Maria Berg bei einem gemeinsamen Auftritt mit ihrem Mann Dr. Burhard Bastuck im Deutschen Romantik-Museum, Foto: Petra Kammann
Ist sie nicht Konzertmeisterin im Gürzenich Orchester in Köln?
Genau.
Doch nochmal zurück zu den Frankfurter Bachkonzerten, die ja 1961 auf Initiative von Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank etabliert wurden. Wie war es denn dazu gekommen?
Nun ja, Abs war großer Musikliebhaber und hat 1961 die Gründung des Vereins Frankfurter Bachkonzerte initiiert. Gründungsmitglieder waren u.a. Gustav von Metzler, Klaus Westrick, Fritz Dietrich, Volkmar Muthesius und Helmut Winschermann. Abs selbst war von 1964 bis 1979 Vorsitzender. Die Konzerte fanden damals überwiegend in den Räumen der Deutschen Bank statt, zum Teil auch in der Dreikönigskirche, der „Hauskirche“ von Helmut Walcha, den Abs sehr schätzte. Walcha hatte in den 50er Jahren in der Musikhochschule die sogenannten wöchentlichen „Bach-Stunden“ etabliert, die öffentlich waren. Dort hat Walcha durch das Bach’sche Tastenwerk geführt, d.h. er hat gespielt und dazu erklärt. Das waren eigentlich die ersten Gesprächskonzerte. Das war sicher ein Anstoß für die Frankfurter Bachkonzerte.
Hat sich das musikalische Geschehen, verbunden mit der Disziplin in der Ausbildung, nicht in den letzten Jahren insgesamt nach Osten verlegt, weil da mehr trainiert wurde, vor allem im asiatischen Raum? Auch in der ehemaligen DDR war die Ausbildung viel strenger s. die Thomaner-Ausbildung.
Strenger ist nicht gleichbedeutend mit besser. Also ja und nein. In den 80er und 90er Jahren ging es oft ums Schnellspielen, also um die perfekte Technik. Und da kamen eben manche dieser „Nähmaschinen“ aus Taiwan und Korea, die einfach schneller als alle anderen gespielt haben. Wie wir wissen, reicht das aber nicht. Es war immer klar: Hohe Begabung allein reicht auch nicht aus. Als meine Frau studierte, waren schon viele Asiaten an den Hochschulen. Das war durchaus ein Weckruf, weil sie oft einfach härter und intensiver geübt haben und technisch brillant waren. Und dann haben sich bei uns Europäern manche am Riemen gerissen und an Tempo zugelegt. Heute sind diejenigen, die sich dann international durchsetzen, egal von woher sie kommen, technisch brillant und gleichzeitig hochmusikalisch. Früher habe ich in China gelegentlich einen Fernsehkanal gesehen, der rund um die Uhr lief und wie „Jugend musiziert“ aufgezogen war. Vieles war grauslich, aber manches ließ einem den Atem stocken. Wenn man bedenkt, dass das Land 1,3 oder 1,4 Milliarden Einwohner hat, also dreimal so viel wie die ganze EU, dann gibt es da schon ein sehr großes Potenzial. Und in Japan ist die Begeisterung für Bach und klassische Musik groß. Der legendäre Dirigent Kurt Masur in Leipzig, der mit einer Japanerin verheiratet war, hatte dort die Sanierung des Mendelssohnhauses angestoßen. In diesem Zusammenhang wurde in den 90er Jahren in Leipzig ein Mendelssohn-Verein gegründet. Da waren eine Zeitlang mehr Japaner Mitglied als Deutsche. In dem sanierten Haus haben wir übrigens unser Abschiedskonzert gegeben, als wir 2001 von dort wegzogen.
Soweit ich weiß, ist die Dichte an Profiorchestern und Opernhäusern nirgends in der Welt höher als in Deutschland. Wenn Sie sich nur in der Nähe von Frankfurt aufhalten, dann stoßen Sie auf 5 oder 6 sehr gute Opernhäuser. In London dagegen gibt es eine große Debatte, ob man dort außer der Oper Covent Garden noch die English National Opera braucht! Die Orchesterwelt hier ist ein natürliches Sammelbecken für Musiker aus der ganzen Welt. Und das ist gut so. Wir leben nun mal in einer sehr internationalen Welt.

Reinhuber blickt auf seine beruflich internationlen Erfahrungen zurück, Foto: Petra Kammann
Apropos internationale Welt. Sie selbst haben diese globale Welt ja auch beruflich erlebt. Können Sie da ein paar Schwerpunkte herausgreifen, was Sie in Ihrem Berufsleben besonders beeindruckt hat, sei es in musikalischer, sei es in beruflicher Hinsicht?
Zunächst einmal muss ich erklären, warum ich das überhaupt gemacht habe: Ich habe parallel Jura in England und in Deutschland studiert. Das war ganz schön viel Arbeit. Ich wusste, dass man mit Jura in Deutschland an das Land gebunden ist. Schon mein Großvater wollte mit seiner Familie in den 30er Jahren auswandern und konnte es nicht. Seine Erfahrung steckte mir in den Knochen. Im Ausland war sein Beruf als deutscher Jurist nutzlos. Er hatte nach seiner Entlassung, als er mit Familie und drei kleinen Kindern auf der Straße stand, das Musiklehrerexamen gemacht und bekam glücklicherweise eine Musiklehrerstelle in Schottland angeboten. Meine Mutter und mein Onkel wurden im Juni 1939 als Kinder mit einem der letzten Kindertransporte nach England geschickt. Meine Großeltern wollten nachkommen. Dann brach der Krieg aus, und sie mussten in Deutschland zurückbleiben.
Also wollte ich unter allen Umständen eine Ausbildung machen, die es mir möglich machte, jederzeit Deutschland zu verlassen, wenn es sein muss. Mein Onkel kam in den 50er Jahren als englischer Wirtschaftsprüfer mit einem englischen Namen zurück, um für seine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse ein Büro in Deutschland aufzubauen. Später hat er dann noch das deutsche Wirtschaftsprüferexamen gemacht. Er war einer der ganz wenigen, die beides konnten. Das war also in gewisser Weise eine Zwangsinternationalisierung, die ich im familiären Umfeld erlebt hatte. Auf diese Weise habe ich natürlich auch andere Kulturen kennengelernt, und fand das immer sehr spannend. Auch deswegen wollte ich immer möglichst international arbeiten. Ich finde es faszinierend zu erleben, wie unterschiedlich manche Kulturen an die Dinge rangehen. Wenn wir bei Baker McKenzie, wo ich zuletzt lange gearbeitet habe, eine internationale Partnerversammlung hatten, war das so, als kämen die Vereinten Nationen zusammen. Da saßen Chinesen neben Vietnamesen neben Franzosen und Spaniern neben Amerikanern und Brasilianern, etc. Alle kamen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen. Natürlich wurde auch immer gestritten. Aber wir hatten einen gemeinsamen Wertekanon, den wir auch nach außen vertreten haben.
Was gehörte denn zu dem Wertekanon?
Natürlich vor allem Toleranz und Respekt.
Bedeutete das: erst einmal zuhören, was jemand zu sagen hat, und dann darauf reagieren?
Man denke nur daran, was jetzt gerade beim Christopher Street Day in Berlin passiert ist. Baker McKenzie bekennt sich bei solchen Gelegenheiten zu Diversivität. Und auch im Büro in Istanbul hängt die Kanzlei Baker McKenzie solidarisch Fahnen raus. Ein anderes Thema ist die Frauenförderung. Da die Juristerei ein klassischer Männerberuf war, hatten Frauen es sehr schwer, sich durchzusetzen. Baker McKenzie war zum Beispiel die erste globale Kanzlei, die weltweit das Prinzip 40/40/20 eingeführt hat, also bei Beförderungen in Führungspositionen 40% Frauen, 40% Männer und 20% was auch immer zu nehmen…
Und wie sieht es in islamischen Ländern aus?
Bei einem Partnertreffen ging es in einer Sitzung um Homosexualität. In einem bestimmten islamischen Land steht darauf offiziell die Todesstrafe. Einer der Partner von dort sagte in der Diskussion: Wir wissen genau, wer bei uns homosexuell ist. Wir bieten ihnen im Büro einen geschützten Rahmen, in dem sie sich nicht verstecken müssen. Das sind nur so kleine Beispiele für den Wertekanon.
Und übertragen auf die verschiedenen musikalischen Genres: Was bedeutet Internationalität da? Da gibt es zweifellos verschiedene Vorstellungen von harmonischen Melodien oder Rhythmen. Wie gelingt da eine sinnvolle Kommunikation, die erst ein Ganzes ergibt? Im Orchester ist das vielleicht klar, weil die Partitur den Rahmen vorgibt.
Wenn man die Zusammensetzung der heutigen modernen Orchester sieht, dann muss es einfach so sein. Ja, wenn man miteinander Musik macht, dann verbindet das. Und es kommt etwas Gemeinsames dabei herum. Ein ganz großartiges Beispiel dafür ist die Barenboim-Said Akademie in Berlin, in der junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern zusammen studieren und musizieren.
Ist das in der Musik anders als zum Beispiel in der Bildenden Kunst oder im Theater, wo die Sprache oder Bildsprache von größerer Bedeutung ist. Wenn alle ein Pidgin-Englisch miteinander sprechen, bedeutet das nicht, dass man einander auch versteht.
Beim gemeinsamen Tun gibt es für mich zwei Felder, wo das verbindende Element besonders intensiv sichtbar wird und auch gelingt: einmal beim gemeinsamen Musizieren, sei es im Orchester oder im Chor. Das andere ist beim Mannschaftssport. So eine Bundesligamannschaft hat 25 Spieler im Kader. Die sind meist aus 18 Nationen mit 15 Sprachen und 4 Religionen zusammengestellt. Und die müssen dann auf dem Platz als Team funktionieren, während sich woanders ihre Landsleute vielleicht die Köpfe einschlagen. Es ist eine große Herausforderung, das hinzubekommen. Es funktioniert am Ende, weil es ein gemeinsames Ziel gibt und alle wissen, dass der Erfolg nur kommt, wenn alle als Team mitmachen. Ich will eigentlich schon lange mit einem Trainer sprechen, um zu verstehen, welche Mittel sie einsetzen. Dazu bin ich leider bisher noch nicht gekommen.
Ich erinnere mich gern an mein Führungsteam in den letzten Jahren meiner Tätigkeit bei Baker McKenzie. Da kamen meine Partner:innen aus Tokio, Shanghai, Düsseldorf, London, Washington, Chicago, Sao Paulo und München. Die Kolleginnen aus Washington und London redeten sofort drauf los, während die Kolleginnen aus Shanghai und aus Tokio gar nichts sagten. Und dann denkt man vielleicht: Was sind denn das für Schnarchnasen? Doch weit gefehlt. Aber man musste sie persönlich fragen: „What do you think?“ Und dann kamen ganz strukturierte, durchdachte und wertvolle Beiträge. In deren Kultur heißt es: Ich warte erst einmal ab. Ich bin in der Hierarchie nicht so weit oben. Ich dränge mich nicht vor. Ich sage erst etwas, wenn ich gefragt werde. Natürlich haben wir viel über interkulturelle Zusammenarbeit nachgedacht.

Blumen auf der Grabtafel für Johann Sebastian Bach im Chorraum der Leipziger Thomanerkirche, Foto: Petra Kammann
Ist das nicht auch ein Thema für die Nachwuchsförderung bei den Frankfurter Bachkonzerten? Wie erreicht man eine neue Generation, die mit anderen, nicht zuletzt globalen Erfahrungen aufgewachsen ist? Für sie wird das zunehmend auch ein Zeitproblem, sich zu engagieren.
Darauf habe auch ich keine schlüssige Antwort. Das ist in der Tat ein Dilemma, das nicht nur uns betrifft. Wer besucht heute eigentlich Konzerte? Und das sogar regelmäßig? Mit Mitte 30 hätte ich das auch nicht gekonnt. Da arbeitete ich im Schnitt 12 Stunden täglich und hatte drei kleine Kinder zuhause. Es ist Zufall, weil man mit jemandem ins Gespräch darüber kommt, was wir veranstalten, und der den Schluss zieht: Ist ja interessant, da mache ich mal mit. Diese Frage stellen wir uns auch bei der Überlegung, welche Art von Abos wir anbieten.
Wenn man ein Abo einnimmt, ist man ja gewissermaßen schon angefixt und weiß, worauf man sich einlässt und worauf man sich freuen kann.
Ich muss mir die Frage stellen: Welche Zielgruppe habe ich im Sinn? Eigentlich können wir die Menschen unter 55 gar nicht ernsthaft ansprechen. Entweder haben sie keine Zeit oder zu wenig Geld. Ich kenne das ja von mir selbst. Im Rhein-Main-Gebiet fehlt es eigentlich sicher nicht an Geld, es ist also auch eine Frage des Ausgabeverhaltens. Ein Beispiel: in München sind Eintrittskarten bei einem entsprechenden Programm sehr viel teurer. Erst recht in Luzern oder in Boston in den USA. In Boston sind die großen Konzerte oft drei Tage hintereinander komplett ausverkauft. In der großen Konzerthalle haben immerhin 2700 Leute Platz. Und Boston ist so groß wie Frankfurt. Bei uns sind hingegen die Leute bereit, für einen Stadionbesuch bei der Eintracht einen viel höheren Eintritt zu zahlen als für den besten Platz in einem Bachkonzert, ganz zu schweigen von den hohen Preisen bei Popkonzerten, die sie gerne und mühelos bereit sind zu zahlen.

Raphaël Pichon (Mitte) und das Ensemble Pygmalion mit der Johannes-Passion und Julian Prégardien (li) als Evangelist in der Alten Oper, Foto: Petra Kammann
Sie geben sich ja in Ihrer Programmbroschüre das Motto: Mehr Passion. Mehr Freude. Mehr Bach. Was bedeutet besonders die letzte Aussage? Gab es früher weniger Bach oder ist heute mehr Bach dazugekommen?
Beethoven sagte schon: Bach sollte nicht Bach, sondern Meer heißen, weil er so unendlich vielschichtig Musik geschrieben hat. Fast jeder Komponist nach Bach hat sich, soweit ich weiß, mit Bach auseinandergesetzt. Mozart hat z.B. Fugen von Bach für sein Streichquartett bearbeitet. Auch Beethoven, Mendelssohn, Brahms, Busoni bis hin zu Schönberg und Schostakowitsch haben Musik und Bach studiert und in ihren Kompositionen verarbeitet. Auch Jazzmusiker „spielen“ mit Bach, selbst in Songs der Beatles oder der Beach Boys tauchen Bach‘sche Motive auf. Die Musiker kommen an Bach nicht vorbei. Als unser jüngster Sohn in Boston am Berkeley College of Music Music Production & Engeneering und Contemporary Writing (nach deutschem Verständnis: U-Musik) studierte, gehörte der Kontrapunkt zum Standardrepertoire, und er musste Fugen schreiben. Ist das alles nicht genügend Beweis für die Singularität von Bach, auch heute noch? Sicherlich wirken manche Texte aus der Barockzeit in der modernen Welt nicht ohne weiteres unmittelbar. Aber bei Bach werden schlicht alle Emotionen angesprochen. Das reicht von größter Freude bis zur tiefsten Verzweiflung. Da ist eben alles drin: Spiritualität, aber auch Lebensfreude, Humor und Witz. Manches ist ganz schlicht und natürlich, aber es gibt eben auch hochkonstruierte Strukturen, wie in der „Kunst der Fuge“. Nur klingt das anders und sehr viel besser, als 12-Ton-Musik, die auch hochkonstruiert ist. Seine Musik ist ungeheuer vielfältig. Und deswegen kann man Bach auch mit allem anderen kombinieren.
Wie stehen die Musiker dazu, die Sie einladen?
Es gibt z.B. unterschiedliche Positionen zwischen Alfred Brendel und András Schiff zur Frage von Bearbeitungen. Schiff ist seit vielen Jahren, seitdem Brendel 2008 nicht mehr öffentlich konzertierte, bei uns der Anker-Pianist. Vorher war es Brendel, der bei uns allerdings nie Bach spielte. Er spielte in Frankfurt nur bei den Frankfurter Bachkonzerten, weil wir nach seiner Meinung das beste Publikum hatten. In seinem letzten Konzert hat er dann schließlich Bach-Busoni als Zugabe gespielt. In der Festschrift zum 60-jährigen Bestehen der Frankfurter Bachkonzerte gibt es einen Beitrag von Brendel, in dem er Bearbeitungen Bach’scher Musik positiv sieht. In einem anderen Beitrag äußert sich Schiff sehr kritisch dazu. Die Pianisten sollten z.B. die d-Moll-Chaconne von Bach den Geigern überlassen, es gäbe genug Musik von Bach für Pianisten: „Seien wir Pianisten bitte großzügig und überlassen wir sie den Geigern“. Am Ende ist aber auch Schiff versöhnlich, trotz der Misere, wie er Bearbeitungen nennt: „Bach kann man nicht ruinieren: Er ist der Großzügigste von allen, er verzeiht am Ende alle musikalischen Sünden.“

Der „Anker-Pianist“ der Frankfurter Bachkonzerte András Schiff, Foto: Petra Kammann
Weil das so ist, hatten wir auch einmal die Goldberg-Variationen von einem Fagott-Oktett gespielt. Sie werden auch von Blechbläsern gespielt, und ich habe sie auch von einem Saxophon-Quartett gehört. Es geht, weil die Musik einfach so gut ist. Im Casals Forum hatten wir in unserer gemeinsamen Reihe mit der Kronberg Academy den Akkordeonisten Richard Galliano. Bei ihm steckt in jeder Haarspitze Musik. Auch mit dem Akkordeon lässt sich die Stärke der Bach‘schen Musik entdecken.
Sie suchen also auch gezielt nach Transformationsmöglichkeiten für das Bach‘sche Werk?
Es geht mir weniger um Transformationsmöglichkeiten der Musik, sondern was mich umtreibt, ist vor allem die Art der Vermittlung. So hat man vor hundert Jahren durchaus zwischen den Sätzen geklatscht. Und dann galt es später als völlig stillos und unkennerhaft. Und die es heute tun, werden schräg angeguckt. Das ist nicht gut. Es schreckt Menschen eher davon ab, ein Konzert auszuprobieren. Die meisten wissen ja nicht viel über die Musik, die sie in einem Konzert zu hören bekommen. Mit Glück gibt es dazu dann ein Programmheft. Das liest man dann wahrscheinlich eher nach dem Konzert zu Hause. Wir haben das Glück, dass Christian Kabitz, der langjährige Leiter des Cäcilienchors, so eingängig und gleichzeitig kenntnisreich für uns schreibt.
Und wie kann man das im Konzert kommunizieren?
Die Unkenntnis ist ja nicht schlimm, sondern normal. Aber man kann und sollte dem Publikum helfen. Deswegen erläutert heute Andràs Schiff immer seine Konzerte. Dann hört das Publikum anschließend ganz anders zu. Es gibt zum Beispiel von Mozart sechs Sonaten für Violine und Klavier, 5 in Dur, nur eine ist in e-Moll komponiert. Wenn man weiß, dass er diese Sonate wenige Tage nach dem Tod seiner geliebten Mutter geschrieben hat, dann spielt der Geiger sie anders und der Zuhörer hört sie auch anders. Vor 100 Jahren gab es weder Radio, Fernsehen noch Internet, da wurde schlicht Hausmusik gemacht. So habe ich von meinen Großeltern jede Menge Bearbeitungen von Sinfonien und Streichquartetten von Mozart und Beethoven für Klavier vierhändig zu Hause. Damals haben sie sich da durchgefingert. Natürlich haben sie das dann im Konzert anders gehört. Deswegen finde ich es wichtig, dass Musiker nicht nur schön spielen, sondern auch in der Lage sind, dem Publikum etwas Hintergrund zu vermitteln. Und natürlich gilt auch: Wenn ich das Publikum nicht im Herzen erreiche, habe ich etwas verkehrt gemacht. Musik, die nicht die Emotionen anrührt, hilft nicht. Und idealerweise kann man dazu etwas Sinnvolles verbal kommunizieren.
Das ist Brendel großartig gelungen. Man lese nur seine Bücher.

→ In diesem Buch erzählt Alfred Brendel von seinem Leben und seiner musikalischen und literarischen Arbeit. Vielleicht hört man besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Die Gespräche mit Martin Meyer erschienen im Carl Hanser Verlag
Allerdings. Und das lernen die Jungen noch zu wenig. In Kronberg gibt es eine Reihe, die sogenannten „Mittwochskonzerte“. Da stellen Studierende ein Konzert vor, das sie komplett eigenständig gestaltet haben, das Programmheft und Moderation inklusive. Das ist eine tolle Übung, und manche machen das hervorragend. Eine Cellistin hat einmal ein abgründig-trauriges Werk von Schostakovitsch von 1944 präsentiert. Sie erwähnte aber nicht, dass der Komponist das Konzert unmittelbar schrieb, nachdem er von den Vernichtungslagern der Nazis erfahren hatte. So etwas muss man doch schlicht wissen und dem Publikum sagen.
Haben Sie die Reihe „Bach im Fluss“ in Kooperation mit der Kronberg Academy wegen anderer Vermittlungsmöglichkeiten entwickelt?
Die Genese ist ganz einfach. Wir haben als Frankfurter Bachkonzerte ein Wahrnehmungsproblem. Viele wissen gar nicht, dass es uns gibt, dass wir als Verein der eigentliche Veranstalter der Bachkonzerte in der Alten Oper sind. Da wir sehr gut mit der Alten Oper zusammenarbeiten und einen entsprechenden Kooperationsvertrag haben, denken viele Leute, dass der Veranstalter die Alte Oper selbst ist. Insofern müssen wir auch etwas nach außen tragen und uns sichtbarer machen. Denn in unserer großen Konzertreihe haben wir typischerweise Weihnachtskonzerte, Passionskonzerte, Soloklavier, Sologeige, ein Nachwuchsensemble als Eckpfeiler. Und dann bleiben noch so zwei, drei Dinge, mit denen man etwas freier spielen kann. Die Struktur ist in gewisser Weise vorgegeben. Und es ist nicht einfach, dann zu sagen: wir machen jetzt mal eine Saison, wo wir auch programmatisch anders arbeiten können.
Und das Holzhausenschlösschen als weiteren Ort in Frankfurt haben Sie aufgegeben?
Ja, wir hatten eine schöne Kooperation mit dem Holzhausenschlösschen. Das war aber schwierig. Es ist nicht so gut angenommen worden, wie wir erhofft hatten. Der Veranstaltungsraum ist leider so klein, dass wir das Programm selbst dann, wenn wir den Saal ausverkaufen und höhere Preise nehmen, nicht finanzieren können. Und nun bereiten sie gerade ihr 300jähriges Jubiläum vor. Und es gibt einen Umbau. Und dann haben wir gesagt: da pausieren wir mal.
Gründer und Intendant der Kronberg Academy Raimund Trenkler bei der Begrüßung der Gäste vor dem Konzert, Foto: Petra Kammann
Und nun arbeiten Sie mit der Kronberg Academy zusammen…
Ja, Raimund Trenkler sprach mich an und fragte mich, ob ich ihm eine Reihe konzipieren könnte. Ich schlug ihm vor, dass wir als Frankfurter Bachkonzerte lieber unter einem programmatischen Oberthema etwas zusammen machen könnten. Mir war es ganz wichtig, dass das Ergebnis unserer Kooperation etwas ganz anderes ist, als es unsere Konzerte in der Alten Oper sind. Wir wollten den Akademiegedanken aufnehmen, die jungen Akademisten mit etablierten Solisten zusammenbringen und bei der Vermittlung Geprächselemente einbauen.
Deswegen beginnt jedes Konzert mit einem Soloauftritt einer Akademistin oder eines Akademisten. Dann gibt es ein Gespräch mit dem Hauptkünstler. Es ist faszinierend zu sehen, wie z.B. ein 60-jähriger erfahrener Musiker mit eine(r)m 25-Jährigen ins Gespräch kommt und die beiden ihre Erfahrungen austauschen. Es macht viel Spaß, das zu erleben.

Olivier Latry , der Titulatorganist von Notre-Dame, kommt am 14. September in die Alte Oper, Foto: Deyan Parouchev
Wären nicht auch die Kirchen ein alternativer Ort in Frankfurt gewesen, in denen Bach mit seiner kirchlichen Musik natürlich gut aufgehoben ist, zumal in der kommenden Saison der Domtitularorganist von Notre Dame in Paris kommen wird, Olivier Latry. Wie kam es dazu?
Er kommt bereits zum dritten Mal zu uns. Ein Kirchenort war früher die Dreikönigskirche in Sachsenhausen. Wenn wir das jetzt machen wollten, haben wir ein Dilemma, weil die Kirchen alle soviel kleiner sind als der Große Saal der Alten Oper. Und wenn man hergeht und sitzt im Großen Saal der Alten Oper in Reihe dreizehn, dann können Sie in der Kirche nicht gewährleisten, dass Abonnenten dann auch einen freien Blick auf das Geschehen haben. Leider steht der organisatorisch-technische Aufwand in keinem Verhältnis zu dem, was dabei herauskommt. Das kann man nur als Sonderkonzert machen. Nun ja, und die Orgel in der Alten Oper ist wirklich ein tolles Instrument. Und die ausgereizt zu bekommen, ist ja auch schon großartig.
Waren Sie eigentlich in Notre Dame beim spektakulären Eröffnungskonzert mit Latry ?
Leider nicht.
Wie waren Sie denn an ihn geraten?
Man wusste von ihm. Und als Notre-Dame nach dem Brand saniert wurde, hatte er natürlich mehr Zeit, woanders hinzukommen, weil er nicht in Paris sein musste. Das war die Gelegenheit, ihn zu fragen. Früher hieß es länger, dass Orgelkonzerte nicht laufen. Deshalb wurde die Orgel in der Alten Oper viele Jahre in den Bachkonzerten nicht gespielt. Wir haben das geändert und haben jetzt regelmäßig Orgelkonzerte im Programm, unter anderen mit der fabelhaften lettischen Organistin Iveta Apkalna.
Haben Sie dem französischen Organisten übrigens Vorgaben für das Konzert im September gemacht?
Er hat – und das ist neu – diesmal ein reines Bachprogramm vorgeschlagen, worüber wir uns sehr gefreut haben. Er wird sicher auch improvisieren, was er auf allerhöchstem Niveau macht. Latry ist ein ausgesprochen feiner Mann, klug, humorvoll, und er spricht sehr gut Deutsch.
Wie sieht denn Ihre Vorlaufzeit insgesamt für die Planung aus?
In der Regel zwei bis drei Jahre, weil die Stars und großen Ensembles frühzeitig gebucht werden müssen. Wir haben bestimmte Konzerte schon für 2029 vereinbart. Allerdings weiß ich nicht, ob wir dann das Geld haben werden, die Künstler zu bezahlen. Das ist ein Dilemma, weil wir langfristige Verbindlichkeiten mit kurzfristigen Einnahmen decken müssen. Denn wir bekommen keine öffentlichen Mittel und finanzieren uns ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und den Verkauf von Eintrittskarten. Bisher hat es glücklicherweise am Ende immer geklappt, auch wenn es manchmal sehr eng wurde. Inzwischen haben wir eine kleine Rücklage als Puffer aufgebaut. Aber wir müssen sehr aufpassen, behutsam haushalten und können manche Dinge schlicht nicht machen.

Der Pianist, Organist und Komponist Kit Armstrong trat schon mit 18 bei den Frankfurter Bachkonzerten auf, Foto: Petra Kammann
Wenn Sie auf etwas eingehen, sind Ihre Stifter dann schon im Vorhinein darüber informiert oder lassen sie sich überraschen? Oder haben die schlichtes Vertrauen zu Ihnen?
Nein. Sie vertrauen uns glücklicherweise. Die wissen, was wir tun, und wir sind regelmäßig im Gespräch.
Sie vertrauen also auf die Exzellenz, die Sie auszeichnet?
Sie vertrauen auf die Exzellenz der Frankfurter Bachkonzerte und kennen uns schon lange. Wir fördern regelmäßig Nachwuchsleute oder junge Ensembles und geben ihnen bei den Frankfurter Bachkonzerten am Anfang einer hoffentlich großen Karriere Auftrittsmöglichkeiten. Wir vergeben pro Saison fünf Stipendien an herausragende Studierende der HfMdK, die sich in einem besonderen Stipendiatenkonzert vorstellen. Mit der Einbindung der Akademisten in Kronberg betreiben wir auch Nachwuchsförderung. Und Musiker, die wir sehr früh in ihrer Karriere in die Alte Oper geholt haben waren z.B. das Aris Quartett, Julia Leszneva, Raphaël Pichon und das Pygmalion Ensemble oder Kit Armstrong, der zu uns kam, als er 18 war. In der kommenden Saison haben wir Jan Čmejla bei uns, einen tollen Pianisten, der 2025 den Bachwettbewerb in Leipzig gewonnen hat. Mit Michael Maul, dem Intendanten des Bachfests Leipzig und Leiter des Bachwettbewerbs, habe ich vereinbart, dass wir als Nachwuchsförderung bei uns den jeweiligen Gewinner des Bachwettbewerbs in der Saison darauf einladen. Uns hilft es, dass Musiker am Anfang ihrer Karriere noch nicht so teuer sind, wie etablierte Weltstars. Aber es erfordert auch eine gewisse Weitsicht und Mut. Und es kann am Ende sein, dass wir bei einem großen Projekt trotz sehr gut verkauftem Großen Saal einen Verlust machen. Finden wir einen Sponsor? Das ist nicht immer garantiert.
Hilft Ihnen Ihr früherer Job dabei, immer wieder Sponsoren zu finden?
Eigentlich nicht. Früher gab es in Frankfurt Unternehmen wie z.B. die Metallgesellschaft, die Degussa, Hoechst, die die Konzerte finanziert haben. Auch Banken sind sehr viel zurückhaltender geworden. Es wird zunehmend schwieriger, und wir müssen noch mehr auf bürgerschaftliches Engagement setzen.
Nehmen Sie auch politische Engagements wahr, so wie Sie schon mal medizinische Hilfstransporte in die Ukraine unterstützt haben?
Als der Krieg begann, hatten wir eine ukrainische Familie eines jungen Kollegen aus Kiew aufgenommen, die zwei Jahre bei uns gewohnt hat und mit der wir nach wie vor eng verbunden sind. Der Vater leitet die Chirurgie in einem großen Krankenhaus in Charkiv. Wir haben mehrfach medizinische Geräte für das Krankenhaus organisiert und zunächst mit Spenden aus unserem persönlichen Umfeld finanziert. So haben wir einen laparoskopischen OP-Turm im Wert von 200 000 Euro nach Charkiv liefern können, mit Unterstützung der Uniklinik Frankfurt. Im Moment organisieren wir wieder einen Container mit medizinischen Hilfsgütern mit der Hilfe von amerikanischen Spendern im Wert von einer halben Million. Der Container wird gerade gepackt, und wir müssen erfreulicherweise „nur“ die Frachtkosten finanzieren.
D.h. dass Sie auch mit anderen musikfernen Institutionen zusammenarbeiten.
Ja, aber in anderem Kontext. Wenn meine Frau und ich junge Musiker unterstützen, kommt das Geld eher aus dem privaten Umfeld. Wir haben jetzt gerade eine junge Bratschistin, die an der Barenboim-Said Akademie studiert und dort in Berlin ihren Abschluss gemacht hat. Sie hat eine ukrainische Mutter und einen palästinensischen Vater und ist in Ramallah im West Jordanland aufgewachsen. Dieses hochmusikalische Mädel hatte nie strukturierten Unterricht und landete dann trotzdem an der Barenboim-Said Akademie. Sie spielt auf einer geliehenen Bratsche. Und sie hat jetzt einen Studienplatz bekommen an der Akademie in Kopenhagen. Weil sie keine EU- Staatsbürgerschaft hat, muss sie 14.000 Euro Studiengebühren bezahlen. Da fiel sie mir vor die Füße. „You have to find something für Katja“, lautete der Hilferuf. Ein junger Pianist aus Israel, der bei András Schiff studiert, hat mich angesprochen. Also haben wir bei Freunden und Bekannten, die wir regelmäßig zu unseren Hauskonzerten einladen, das Geld gesammelt. Und das hat erfreulicherweise geklappt. Damit kann sie jetzt immerhin die Studiengebühren begleichen, aber davon kann sie weder wohnen noch sich etwas zu essen kaufen, und eine neue Bratsche braucht sie auch noch.
Sorgen Sie auch für Instrumente bei der Nachwuchsförderung?
Das ist ganz schwierig, und da können wir nicht viel tun. Bei der Stiftung Deutsches Musikleben müssen die Leihinstrumente nach begrenzter Zeit wieder zurückgegeben werden. Wir haben noch einen Kontakt. Ein guter Freund, ein Frankfurter Geigenbauer, ist kürzlich verstorben. In seinem Nachlass gibt es noch einige Instrumente, die jetzt erst einmal hergerichtet werden müssen. Vielleicht findet sich da ein Instrument, das für junge Spitzenmusiker geeignet ist.
Haben Sie solidarische Mitstreiter im Vorstand?
Ja, da bin ich sehr glücklich. Jeder bringt sich da ein, wo er kann. Catharina Bürklin mit ihrer langen Erfahrung als Leiterin unserer Geschäftsstelle und bei Live Music Now, unser sehr erfahrener Schatzmeister Christof von Dryander oder Bettina Brandis, die Sonderprojekte organisiert, um nur einige zu nennen.
Sie machen auch Reisen auf Bachs Spuren?
Wenn es geht, ja. Wir haben im Juni eine Reise zum Bachfest nach Leipzig gemacht. Da sind 20 Leute mitgefahren. Da haben wir im Rahmen des „Kantaten-Marathons“ die Top-Bachkantaten erlebt. Niemand wusste vorab, was er hören würde. Die genauen Kantaten erfuhr man erst am Tag des Konzerts.
Dann haben wir mal eine Reise nach Weimar gemacht. Da lebt der Bachforscher und Cembalist Alexander Grychtolik mit seiner Frau, die ebenfalls Cembalistin ist. Er ist auch promovierter Architekt und hat uns eine Führung durch Weimar gemacht zu den Stätten, an denen Bach tätig waren, das Ganze verquickt mit Musikbeispielen aus der Zeit. Anschließend gab es ein Doppelkonzert bei ihnen zu Hause.
Oder wir haben mit Hilfe meines Schwagers, der Diözesankirchenmusikdirektor des Bistums Limburg ist, Orgelausflüge organisiert. Allein im Umkreis von Frankfurt gibt es viele phantastische Orgeln. Wir waren einen Tag lang in Kiedrich und in Flörsheim, wo wir die Barockorgel in St. Gallus erlebten, die bis 1808 dem Karmeliterkloster in Frankfurt stand. Die war nach der Säkularisierung zu Napoleons Zeiten gerettet und aus der Stadt geschafft worden und landete dann in der Sankt Gallus Kirche in Flörsheim. Dort gibt es eine fabelhafte Akustik, weswegen dort auch die schönen Galluskonzerte stattfinden. Ein anderes Mal sind wir zu Orgeln nach Mainz gefahren, unter anderem in den Dom. Mein Schwager kennt eben sämtliche bedeutenden Orgeln im Umkreis.

Gewinner des Leipziger Bachwettbewerbs Jan Čmejla, Foto: © Alena Borlová
Können Sie uns noch ein paar Highlights aus dem neuen Jahres Programm nennen?
Wie schon erwähnt, kommt der Leipziger Bachpreisträger Jan Čmelja zum ersten Mal zu den Frankfurter Bachkonzerten in die Alte Oper mit den Goldberg-Variationen. Besonders ist diesmal auch das Programm von Raphaël Pichon mit Madrigalen. Er präsentiert ein vielfältiges Programm mit mehrchörigen Werken von Monteverdi, Schütz und Scheidt, Praetorius etc. Das wird ein Weltklasse-Konzert werden. Außerdem spielt die Geigerin Antje Weithaas mit dem Cembalisten Alexander von Heißen einen Duo-Abend. Darauf freue ich mich sehr. Ich finde sie ungeheuer spannend. Antje Weithaas spielt mit höchster Intensität und intellektueller Durchdringung. Da kommen auch Schmerz, Wut und Tragik zum Ausdruck. Ich freue mich auch auf das „Ensemble BachWerkVokal Salzburg„.
Und ein besonderes Highlight unserer Reihe „Bach im Fluss“ kurz vor Weihnachten ist das Konzert mit dem fantastischen Flötisten Emmanuel Pahud, der mit Akademisten die Trio-Sonaten von Bach spielen wird, die man viel zu selten in Konzerten hört.
Wie auch immer: An oberster Stelle steht für uns nach wie vor die Exzellenz, die wir durch nichts verwässern wollen. Wie auch immer wir das hinbekommen, es bleibt ein Spagat.
Haben Sie herzlichen Dank für das interessante und ausführliche Gespräch.
Weitere Infos:
FRANKFURTER BACHKONZERTE e. V.
Geschäftsstelle
Monica Haberland / Rozana Weidmann
Hasengasse 21
60311 Frankfurt am Main
Tel.: 069-2100 6448 (NEU)
E-Mail: info@frankfurter-bachkonzerte.de
abo@frankfurter-bachkonzerte.de

