Zwischen Operita und Oratorium „María de Buenos Aires“ an der Deutschen Oper am Rhein
Verloren in der Nacht
Von Simone Hamm
Tangomusik von Astor Piazzolla im Düsseldorfer Köbogen. Zur letzten Aufführung von „Maria de Buenos Aires“ hat sich die Oper Düsseldorf etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie übertrug die Lieder zu Bandoneonklängen und großem Orchester live in der Innenstadt.

Szenenbild aus „María de Buenos Aires“, Deutsche Oper am Rhein, Foto: Andreas Etter
Astor Piazzola hat den Tango von Grund auf erneuert. Er änderte den Rhythmus, nahm neue Instrumente hinzu. Er schuf den Tango Nuevo und wurde dafür von Traditionalisten heftig kritisiert. 1968 komponiert er „María de Buenos Aires“.
Ob „María de Buenos Aires“ eine Oper, eine Operita, ein Oratorium, eine Antipassionsgeschichte ist, darüber streiten die Kritiker. Nach den ersten Takten fragt sich das niemand mehr draußen in der Stadt und im bis auf den letzten Platz ausverkauften Haus.
Ein Geist erzählt die traurige Geschichte Marías: „Ich bin María…María Tango. María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft. María der Liebe zu Buenos Aires bin ich“. Gott war betrunken, als María geboren wurde. María verliert sich in der Nacht, lässt sich mit dubiosen Typen ein, wird verraten, ermordet.
Die Texte des Tangos, so Dirigent der Düsseldorfer Aufführung Mariano Chiacchiarine erzählen von Melancholie, von Nostalgie, von Liebe und Exil. Horacio Farrer hat ein Libretto geschrieben, das viel mehr ist als ein Libretto: ein lyrischer, rätselhafter, wunderschöner Text. „Jetzt, da die Stunde ist und ein Rascheln von Geisterkraut / Nachtwache hält in deiner Ruhe, muss ich durch den Riss des Asphalts / deine Stimme heraufbeschwören“, heißt es zu Anfang.
Horacio Farrer erzählt nicht geradlinig, sondern assoziativ. Sein Text bleibt surreal.

Regisseur Johannes Erath inszenierte zuletzt an der Oper Frankfurt Händels Oper „Alcina“, Foto: Petra Kammann
Und genauso inszeniert Johannes Erath „María de Buenos Aires“. Es ist ihm eine traumhafte, vielschichtige Inszenierung gelungen. Er erzählt in opulenten, stets wechselnden Bildern.
An mehreren Stellen ist Johann Sebastian Bach zu hören. Musik aus der Matthäuspassion, aus dem Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“, ein Adagio aus dem Klavierkonzert d-Moll. Das fügt sich ganz organisch ein. Das Tiefreligiöse wird dem Verruchten gegenübergestellt. María, die Heilige und die Hure. María die Projektionsfläche für Wünsche, Hoffnung, Fluch.
Katrin Connan stellt in die Mitte der Bühne ein gigantisches, verschnörkeltes M aus Metall. Tanzlokale, Bordelle, sinistre Kneipen, Kirchen ploppen auf.
Jorge Jara hat die María und bisweilen den männlichen Erzähler (Jorge Espino) in pinke Kostüme gesteckt, alle anderen sind schwarz gekleidet.

Carmen Delgado, eine brillante Bandoneonspielerin, Foto: Andreas Etter/ Deutsche Oper am Rhein
Mariano Agustin Messad, Andrés Sautel und Agostina Tarchini (letztere ist die Weltmeisterin im Bühnentango und hat die Choreografien geschaffen) bringen mit ihrem Tanz bisweilen unterkühlte Erotik, dann wieder heiße Leidenschaft auf die Bühne. Sie tanzen virtuos, manchmal mit spektakulären Showeinlagen.
Maria Kataeva ist María de Buenos Aires. Sie singt, tanzt und spielt einfach wunderbar. Sie ist eine Dame mit voller tieftönender Stimme und im nächsten Moment die spöttische Frau aus den Favelas.
Morenike Fadayomi flaniert als Marías Schatten durch Buenos Aires. Alejandro Guyot als el Duende wechselt vom Liebhaber zum Anbeter und zum Zuhälter. Schauspielerisch und auch stimmlich.
Jorge Espino beherrscht die wechsenden Rollen, die er spricht und singt. Dirigent Mariano Chiacchierine macht aus den Düsseldorfer Symphonikern ein veritables Tangoorchester.
Carmen Delgado gilt als einer der weltbesten Bandoneon-Spielerinnen. Sie holt alles aus ihrem Instrument heraus, alle Spielarten der Liebe, des Schmerzes.
Und schenkt uns einen phantastischen Abend.
