home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Im Modus der Serie“ – Serialität im Wohnungsbau der Gegenwart im Museum Angewandte Kunst

Standards und individuelle Lebensqualität in der Stadt – von den 1920er Jahren bis heute

Von Petra Kammann

Die Ausstellung „Im Modus der Serie“ thematisiert die Entwicklung der seriellen Produktion im Neuen Frankfurt seit den 1920er-Jahren bis heute. Sieben Studien dokumentieren die Auseinandersetzung mit dem Thema Serialität im Bereich des Produkt-, Kommunikations- und Interiordesigns. Initiator und Ideengeber der ästhetisch so übersichtlich wie stringenten Schau im Museum Angewandte Kunst war die Frankfurter Stiftung urban future forum. Kuratiert wurde sie von Prof. Axel Sowa, RWTH Aachen University, Forschungsgebiet Architekturtheorie, unterstützt von Florian Eschner und dem Team von Lehrenden und Studierenden der RWTH Aachen University. Außerdem ist sie Teil des umfangreichen Veranstaltungsprogramms der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026.

Blick auf die seriell gestalteten dreiteiligen Paneele der Ausstellung, Foto: Petra Kammann

Das Wort Serie fällt häufig im Zusammenhang mit so erfolgreichen TV- Soap Operas wie „Dallas“ in den Siebzigern oder Krimi-Serien wie „Tatort“, heute auf publikumswirksame Netflixserien, die auf vertraute Gesichter rekurrieren und damit die kommende Folge schon anvisieren. Motive, die im Modus der Serialität erdacht, erzeugt, rezipiert oder konsumiert werden, verweisen stets auf verwandte Gegenstände oder wiedererkennbare Personen der gleichen Serie, die in der kommenden Folge so weitergesponnen wird. Es ist publikumswirksam, aber dem Seriellen haftet häufig auch etwas Billiges an, verliert das einzelne Werk, ein individuell gestalteter Film, die entsprechende atmosphärische Aura und wird somit theoretisch austausch- oder gar verzichtbar.

Diskussion in der Pressekonferenz, v.li: Lina Natalie Pitzer, Presse, Prof. Matthias Wagner K, Direktor Museum Angewandte Kunst, die Kuratoren Prof. Axel Sowa und Florian Eschner (beide RWTH Aachen), Foto: Petra Kammann

Geht es um Stadtentwicklungen, so sparen vorgefertigte Versatzstücke und mehrfach verwendbare, schnell einsatzbare Prototypen Kosten, was angesichts der in etlichen Großstädten herrschenden Wohnungsnot heute als ein mehr als triftiges Element erscheint, weswegen serielle Herstellungsprozesse beschleunigt, Verfahren vereinfacht und Kosten gedämpft werden, denn serielle Baukomponenten können in hohen Stückzahlen bereitgestellt werden, so dass Prototypen und Module jederzeit schon bereitstehen, um gewissermaßen auf Knopfdruck in Serie gehen zu können. Unterstützend ist dabei zweifellos heute die derzeitig allseits diskutierte KI.

Individuelle Eckgestaltung im „Neuen Frankfurt“ in der Römerstadt, Foto: Petra Kammann

Aber denken wir doch auch nur an manch monotone Plattenbausiedlung der Nachkriegszeit, sei es in der ehemaligen DDR oder auch in der Bundesrepublik, wo solche Bausteine aus der Not heraus erfunden wurden. Aber werden oder wurden in der Vergangenheit die mit Hilfe seriell vorgestanzter Elemente gestalteten Welten deshalb auch lebenswerter? Erzeugt nicht die Wiederkehr des monotonen Immergleichen vielmehr Langeweile und damit einhergehend auch Frustration? Was aber ist es, dass eine Serie zur Serie macht, die ein Stück Lebensqualität verspricht? Zweifellos war schon im 19. Jahrhunder das aufkommende industrielle Zeitalter der Ausgangspunkt.

Eines der aktuellen Beispiele ist das Projekt „Lot petit“ in Paris 2026 von Kuehn Malvezzi, Foto: Petra Kammann

Jede einmal begonnene Serie lässt sich durch ähnliche identifizierbare Personen in der TV-Serie oder durch steinerne bzw. Betonelemente in der Bauwelt erweitern. Daher beschäftigte die Ausstellungskuratoren die Frage, welche Bedeutung Serialität für die Gestaltung von Alltagswelten hat und an welchen Dreh- und Angelpunkten sie individuelle Anpassungen erlaubt. Wie in der Musik kann Serialität einen gewissen Rhythmus vorgeben oder neue atmosphärische Wahrnehmungen erzeugen.

Interessant wird es da, wo individuelle Anpassungen vorgenommen werden und im Bauwesen nicht allein das Prinzip Quadratmeter x Euro vorherrscht. Jüngstes Beispiel in der Ausstellung ist das 2026 fertiggestellte Wohnungsbauprojekt Lot Petit vom Architekturbüro Kuehn Malvezzi auf dem ehemaligen Gelände der ZAC Saint-Vincent-de-Paul in Paris mit variablen Innenhöfen und Balkonen sowie individuelle Gestaltungsmöglichkeiten von Wohnungseingängen. In den Ernst-May-Siedlungen der 20er Jahre war für die Möblierung eine Farbtafel vorgegeben, die die sachlichen Einbauten samt der „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky frisch und fröhlich aussehen ließen.

Erfinder und Visionär, der Konstrukteur Jean Prouvé

Interessant auch das Beispiel von Jean Prouvé (1901-1982), dessen Tragelemente und Paneele mit Bullaugen aus profiliertem Aluminium Schule gemacht haben. Seine Gestaltung des Pariser Flughafens in Orly ging sogar in den französischen Film der Nouvelle vague ein. Da nämlich wurden seine Ideen der industriellen Vorfertigung von Bauelementen filmisch ästhetisch aufgegriffen. Geschichte machte auch – basierend auf der Maison tropicale – Prouvés zerlegbares Haus, das er auf wenigen Quadratmetern für die heimatlos gewordenen Opfer des Krieges in Lothringen geschaffen hatte.

Prouvés Tochter Catherine (re) und Enkelin Delphine (li) bei der historischen Prouvé-Ausstellung 2007 im NAi in Maastricht:„Jean Prouvé: Die Poetik des technischen Objekts“, Foto: Petra Kammann

Immer entschied er vor Ort („sur le terrain“) über die notwendige Anpassung an das Gelände, so wie er 1954 auf einer schwierigen steilen Hanglange in Nancy sein Privathaus, die Maison Prouvé, errichtete mit der „Resteverwertung“ vorgefertigter Bauteile aus seiner eigenen Fabrik „Les Ateliers Jean Prouvé“ in Maxéville und diese dem schwierigem,Terrain anpasste. Und das kurz nach seinem Rauswurf aus dem eigenen Unternehmen in Maxéville, begleitet von vertrauten Handwerkern aus der Fabrikationssttätte, in der einst die ersten Experimente mit dünnen Stahlblechen entstanden.

Das typisch Hausmann’sche Paris mit den langgezogenen Fenstern und den gusseisernen Balkonen durchzieht auch die Nebenstraßen, Foto: Uwe Kammann

Stellt sich die Frage: Gibt das Serielle dem Sehen und Wahrnehmung nicht auch so etwas wie Halt und Stabilität, dient der Orientierung im Stadtraum? Man denke nur an die von Haussmann geschaffenen ellenlangen Boulevards im Paris aus der zweiten Jahrhunderthälfte des 19. Jahrhunderts, die den Stadtraum beim Flanieren erlebbar machen. Etliche Gebäude von gleicher Traufhöhe erscheinen auf den ersten Blick gleich, die Fassadengestaltung mit den sie unterbrechenden Elemente der minikleinen gusseisernen vorgesetzten Balkone.

Besonders gestaltete Pariser Eckbebauung an Straßenkreuzungen, Foto: Petra Kammann

Auf den zweiten Blick erkennt man andere individualisierende dekorative Elemente wie Stukkaturen, Simse, Spolien oder dergleichen. Auch sind die Gebäude an den Straßenkreuzungen entsprechend  individualisierend gestaltet. Schließlich lohnt der Blick nach oben bis auf die berühmten Pariser Zinkdächer allemal. Das ist bewusste Stadtgestaltung, die den Blick und das damit einhergehende Lebensgefühl nicht veröden lässt.

Eine geniale Zusammenarbeit von Le Havre mit August Perret und Raymond Camus, Foto: Petra Kammann

Ganz anders wiederum ein Beispiel in der Ausstellung: der Wiederaufbau der 1944 zu 80 Prozent zerstörten Hafenstadt Le Havre für 80 000 Menschen durch den Architekten Auguste Perret (1874-1954), der dafür bekannt war, mit armiertem Beton virtuos und effektiv umgehen zu können.

Er arbeitete zusammen mit dem algerischen Ingenieur Raymond Camus (1889-1980). Das von ihm entwickelte System Camus basierte auf großformatigen Betonplatten, die in Fabriken maßgenau vorgefertigt wurden. Die Vorkonfektionierung und standardisierte Montage der Elemente verkürzte die Bauzeit und senkte mithilfe der industriellen Serienfertigung die Baukosten enorm, um die Stadt in kürzester Zeit wieder aufzubaue zu können. So wurden etwa Sanitäranlagen und Elektrik bereits im Werk in die Betonplatten eingebaut, was natürlich auch die Montage auf der Baustelle vereinfachte.

Beispiel des Procédé Camus für den Wiederaufbau des zerstörten Le Havre, Foto. Petra Kammann

Mit seinem „Plan Perret“ und seiner „Unité sans Conformité“ legte der Architekt und Städteplaner Perret allerdings Block für Block Regeln gegen die Monotonie fest, was Volumen, Maß bzw. variable Geschosshöhen und Proportion sowie die individuelle Fassadengestaltung betrifft. So erschuf er auf dem Grund des zerstörten Le Havre eine städtische Gesamtkonzeption nach dem Credo: „Mein Beton ist schöner als der Stein. Ich bearbeite ihn, ich ziseliere ihn. Der Beton ist ein Stein, der zur Welt kommt“. So revolutionierte er den Bau von Großsiedlungen. Heute steht das von ihm gestaltete Zentrum der einst bedeutenden Hafenstadt in der Normandie unter UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Betondorp (Betondorf) wurde von 1923 bis 1925 im Osten von Amsterdam als experimentelle Gartenstadti erbaut, Foto: Petra Kammann

In der Frankfurter Schau sind herausragende Bespiele bestens herausgearbeitet, gleich ob aus Norddeutschland, Hessen oder Amsterdam. Sie geben uns Anregungen, darüber zu sinnieren, welches die Vorzüge, Chancen und Widersprüche serieller Gestaltung sind. Zweifellos möchte die Ausstellung die Besucher anregen, innezuhalten und nachzufragen: Was genau ist mit dem Appell zur Serialität gemeint?

Der Architekturtheoretiker und Kurator Prof. Axel Sowa, Foto: Petra Kammann

Was bedeutet das im Hinblick auf ethische, ökologische oder auch ästhetische Fragen? Und inwiefern erweist sich Serialität als Spiegel gesellschaftlicher Leitbilder und Forderungen, die jeweils mit unterschiedlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit bei der Standardisierung und Normierung verbunden sind. Zunehmend interessanter wird heute die Weiterverwendbarkeit des verbauten Materials, wie zuletzt auf der Osaka Expo zu sehen war. Auch dazu hat im vergangen Jahr hat der Architekturtheoretiker Axel Sowa gemeinsam mit der Architektin und Kuratorin Murielle Hladik einen wichtigen Beitrag geleistet.

Die „futura“ von Paul Renner – Entwicklung einer sachlichen Typografie im „Neuen Frankfurt“; hier im Nachbarraum auch zum Ausprobieren und Mitmachen; Foto: Petra Kammann

Dieses Spiel mit Nuancen und Differenzen führte zu der Ausstellung, die auch in Kooperation mit Studierenden der HfG Offenbach unter Leitung des dort lehrenden Prof. Matthias Wagner K entstand, während Prof. Norbert Hanenberg mit Studierenden der TH Gießen zur Entwicklung der Ausstellungsmöbel beigetragen hat.

Plakatgestaltung: Florian Eschner (RWTH Aachen)

Um den angestoßenen Fragen weiteren Raum zu geben, lädt die Frankfurter Stiftung urban future forum e.V. zu drei begleitenden Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen ein: den sogenannten Serienparlamenten. Diese sind jeweils einem übergreifendem Themenblock  (s.u.) gewidmet. Eingeladen  dazuwurden  Architekt:innen, Designer:innen, Hersteller:innen, Politiker:innen und Bürger:innen, um ihre Gedanken und Positionen zu serieller Planung und Produktion zu präsentieren und mit dem Publikum  zu diskutieren.

Zur Diskussion steht u.a die Frage, wie der vermeintliche Widerspruch zwischen Serialität und guter Gestaltung aufgelöst werden kann, und auf welche Weise ästhetische Qualitätsansprüche mit industrieller Verfertigung vereinbar sind. Dabei soll konstruktiv herausgearbeitet werden, wie es gelingen kann, den (vermeintlichen) Widerspruch zwischen Seriengestaltung und guter Gestaltung aufzulösen und anhand von Beispielen zu belegen, dass Qualität mit den Mitteln industrieller Verfertigung durchaus vereinbar ist.

Die Serienparlamente: 1. Bauen mit vorgefertigten Komponenten aus Beton

Mittwoch, 12. August, 18–21 Uhr

Moderation:

Günseli Güler, Stiftung urban future forum e.V., Frankfurt am Main

Gäste:

Prof. Silke Langenberg, ETH Zürich

Prof. Angelika Mettke, Uni Cottbus

Prof. Manfred Grohmann, Bollinger & Grohmann Ingenieure, Berlin

Julian Biermann, Informationszentrum Beton, Berlin

Anja Knura, Firma Goldbeck, Bielefeld

Prof. Lucio Blandini, ILEK / Werner Sobek AG, Stuttgart

 

Bauen mit vorgefertigten Komponenten aus Lehm und Stein (2)

Mittwoch, 2. September, 18–21 Uhr

Moderation:

Prof. Helmut Kleine-Kraneburg, Stiftung urban future forum e.V., Frankfurt am Main

Gäste:

Prof. Wilfried Kuehn, TU Wien, Kuehn Malvezzi, Berlin

Martin Rauch, Rankweil

Prof. Laurens Bekemans, RWTH Aachen und BC Architects

Hermann Graser, Bamberger Natursteinwerk, Bamberg

 

Bauen mit vorgefertigten Komponenten aus Holz und Metall (3)

Mittwoch, 30. September, 18–21 Uhr

Moderation:

Jens Jakob Happ, Stiftung urban future forum e.V., Frankfurt am Main

Gäste:

Louisa Hutton, Sauerbruch Hutton Architekten, Berlin

Milena Karanesheva, Karawitz Architekten, Paris

Andreas Krawczyk, NKBAK Architekten, Frankfurt am Main

Prof. Herrmann Kaufmann

Dr. Manfred Sennff, Kaufmann Bausysteme GmbH, Reuthe, Österreich

Ernst Böhm, B&O Gruppe, Bad Aibling

Ernest Pacarada, Pacarada Group, Kelkheim

Während 20 Fallstudien von Studierenden der RWTH Aachen University zu herausragenden Beispielen im Bauen anhand von Bildern, Plänen und Modellen dem Publikum zugänglich gemacht werden, zeigen sechs Studien von Studierenden der HfG Offenbach die Auseinandersetzung mit dem Thema im Bereich des Produkt-, Kommunikations- und Interieurdesigns. Sie erzählen über das Paradoxon der seriellen Handarbeit und die Möglichkeiten additiver Fertigung in der seriellen Rennradschuhproduktion, behandeln Referenzen im Interieurdesign und der Schriftgestaltung im Neuen Frankfurt der 1920er-Jahre oder lassen das von König Sejong 1443 entwickelte Hangul, das Schriftsystem der koreanischen Sprache, als generatives System verstehen. Diese Studien stehen exemplarisch für die Vorzüge, Chancen und Widersprüche serieller Gestaltung und Produktion und wollen daran erinnern, dass jede Serie nicht nur Produkte hervorbringt, sondern auch Vorstellungen davon, wie wir leben wollen.

 

Comments are closed.