Sein ist Design
Zum 90.ten des Designers und Typografen Olaf Leu
Von Jürgen Pitzer
Es war längere Zeit etwas stiller um Olaf Leu geworden, nachdem er sich aus den vielen Verpflichtungen, wie der Hochschultätigkeit in Mainz und verschiedenen Jury-Mitgliedschaften Schritt für Schritt gelöst hatte. Als Begründung zitierte er im Scherz den Ausspruch von Giovanni Trapattoni, dem ehemaligen Trainer von Bayern München „Ich habe fertig“. Aber das war und ist nicht die ganze Wahrheit…

Olaf Leu, Foto: Valentin Heisters
Denn spätestens mit den Vorbereitungen zu seinem 90ten Geburtstag am 28. Juni 2026 erlebt die Branche den Jubilar scharfzüngig und fit wie eh und je, werden seine Schriften und Vorträge neu editiert oder zitiert, kurzum wird die rekordverdächtige Berufsspanne von insgesamt 75 Jahren als beispielloses Beispiel für die hartnäckige Beschäftigung mit der Kunst des Designs und dem Handwerk der Typographie entdeckt.
Mitgezählt sind dabei die drei Lehrjahre als Schriftsetzer in einer Buchdruckerei in Biberach/Riß und Ulm, danach rund drei Jahre typografischer Gestalter im künstlerischen Atelier der legendären Bauerschen Gießerei in Frankfurt/Main, den vielfältigen Aktivitäten im Ausland, vornehmlich in England, den USA, Chile, Australien, Argentinien und Indien.
Überhaupt spielte die „bleierne Zeit“ für die theoretische Auseinandersetzung mit dem, was gute Typografie und überzeugendes Design ausmacht, eine prägende Rolle. In den frühen 50er Jahren gab es noch hart geführte Debatten darüber, welche Schriften wie zu verwenden waren, ob Antiqua, ob mit oder ohne Serifen, alles Debatten, die im weiteren Verlauf durch die Einführung der Mac-basierten Schriftkreationen in den 80gern Jahren überflüssig wurden.
Andererseits eröffnete diese Innovation auch neue Perspektiven. So schuf Leu eine eigene Schriftsippe, die Compatil, als maßgeschneidertes Werkzeug für die Unternehmenskommunikation. Typografie und Design sind offenkundig wieder „in“. Frankfurt profiliert sich derzeit die World Design Capital 2026 (WDC), ährend der amerikanische Außenminister die Anweisung an sein Haus gibt, künftig nur noch die Schrift „Times New Roman“ zu verwenden.
Die Innovationen bei der Schriftgestaltung waren nicht die einzigen Merkmale einer quirligen Zeit, in der vieles neu gedacht und gemacht wurde. Leu brachte nach seinem Aufenthalt in New York und der Verleihung eines Awards vom Type Directors Club 1959 die Erfahrung mit, wie man die vielstimmige Neuprofession der Gestalter in Deutschland zu einer berufständigen Schlagkraft verhelfen konnte. Das war u.a. die Geburt des Deutschen Design Club.
Es ist maßgeblich dem kreativen Engagement von Olaf Leu zu verdanken, dass sich auch in Deutschland eine professionell bedeutende Szene im Bereich des Designs etablieren und weiterentwickeln konnte. Dazu beigetragen hat sicher auch seine Lehrtätigkeit als Dozent an der Fachhochschule Mainz, wo er fast zwei Jahrzehnte Vorlesungen über Corporate Identity und Corporate Design abhielt. Seine Lehrtätigkeit übte er auch international aus, so als Dozent in England, den USA, Brasilien, Israel und Chile sowie als Referent für Graphic-Design des Goethe-Instituts in Australien, Neuseeland, Urugay, Argentinien und Indien.
Im Kern ging es ihm um die Frage nach der Relation zwischen Form und Funktion im Kontext mit der dazu gehörigen Gestaltung und der Frage, ob Design eine spezifische Kunstform oder doch eine handwerkliche Disziplin ist.
Laut Leu ist gutes Design „nicht Folge einer Funktion, sondern Ursache seiner selbst, also auch Ursache seiner Funktionen“. Das ist eine souveräne Definition, die klar gegen das Credo von Funktionalisten wie Buckminster Fuller gerichtet ist, der eine klare Hierarchie einfordert, nach der Formel “form follows function“. In der zweiten Frage ist die Position etwas differenzierter. Für Leu ist Design in der Einordnung eher der Kunstfertigkeit zuzurechnen, die es ermöglicht, mit handwerklich präzisen Lösungen kreative Momente zu schaffen, die sich nachhaltig einprägen.
So wie der Lebensweg von Olaf Leu, der aus heutiger Perspektive einem konsequent geplanten und verfolgten Plan entspricht, dem Design in Deutschland und darüber hinaus ein auch persönlich überzeugendes Beispiel zu geben. Möge er dies Beispiel noch lange sein.
Einige wichtige Lebensstationen von Olaf Leu
Geboren 28. Juli 1936 in Chemnitz
1951 Lehre als Schriftsetzer
1959 selbstständig als Graphic Designer und Art Director
1971 Gründung des Studios Olaf Leu Design – 1991 beendet
1986 – 2003 Dozent an der Fachhochschule Mainz
300 Auszeichnungen, darunter:
2000-17 Ehrenmitgliedschaft DDC
2010 Preis für das Lebenswerk als Kalendermacher (Grafischer Club Stuttgart )
2018 Ehrenmitglied Typografische Gesellschaft München (tgm)
2025 Hessischer Verdienstorden am Band
