Gifte faszinieren — sie töten, heilen, schützen. Eine Schau für jedes Alter
Museum Wiesbaden präsentiert „GIFT – Tödliche Gaben“ (2)
Von Hans-Bernd Heier
Das Museum Wiesbaden lädt große wie kleine Besucher zu einem ebenso spannenden wie informativen Streifzug durch die Welt der giftigen Tiere, Pflanzen, Pilze, Stoffe und Umweltsünden ein. Bei den meisten Menschen schrillen die Alarmglocken, wenn von Gift die Rede ist. Doch Gifte können nicht nur tödlich wirken, sie können auch schützen und sogar heilen. Das Museum Wiesbaden beleuchtet in der großen Familien-Sonderausstellung „GIFT – Tödliche Gaben“ die vielen verschiedenen Facetten der Giftstoffe.

Cover des exzellenten Begleitbuches; ©Museum Wiesbaden; Foto: Hans-Bernd Heier
In dem brillant bebilderten zweisprachigen Begleitbuch schreibt Museumsdirektor Dr. Andreas Henning: „Was wir umgangssprachlich ‚Gift‘ nennen, wirkt oft wie eine klar definierte Kategorie: gefährlich, verboten, und fern vom Alltag. Doch schon ein kurzer Blick auf unser Leben zeigt, dass Gifte keine feste Stoffklasse ist, sondern eine Beziehung – zwischen Substanz, Dosis, Zeit und Körper. Genau diese Perspektive steht im Zentrum dieser Ausstellung und des begleitenden Katalogs“.
In Wikipedia heißt es: „Als Gift, fachsprachlich auch Toxikum, bezeichnet man einen Stoff, der Lebewesen über ihre Stoffwechselvorgänge, durch Eindringen in den Organismus ab einer bestimmten, geringen Dosis einen Schaden zufügen kann“,und weiter: „Mit der Zunahme der Expositionsmenge eines Wirkstoffes steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gesundheitsschädigungen durch eine Vergiftung auftreten. Ab einem bestimmten Dosisbereich ist somit nahezu jeder Stoff als giftig (toxisch) einzustufen“. Das wusste auch schon der berühmte Arzt Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 – 1530): „Alle Ding sind Gift und nichts ohn Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“. Seine Erkenntnis ist bis heute gültig.

Das Gift des Roten Fingerhuts wird bei Herzinsuffizienz eingesetzt; Foto: Museum Wiesbaden ⁄ Dirk Uebele
Die großartige Familienschau im Wiesbadener Museum ist in zwei Bereiche gegliedert: Im ersten Teil – „Gift und Natur“ – finden sich bekannte giftige Lebewesen wie Kobra, Skorpion oder Pfeilgiftfrösche aus Südamerika. In der Natur übernehmen Gifte unterschiedliche Funktionen: Sie dienen dem Schutz vor Fressfeinden wie bei den Baumsteigerfröschen oder ermöglichen den Beutefang wie bei der Kobra.
Zudem sind hier Organismen zu entdecken, deren Giftigkeit überraschen mag. So gibt es nur wenige giftige Säugetiere. Der Plumplori, der einzige giftige Primat, schützt seine Jungtiere indem er sein Gift in ihr Fell reibt. Auch das Schnabeltier besitzt einen Giftsporn, allerdings ist dieser nur bei den Männchen zu finden, die diesen bei Kämpfen mit Konkurrenten einsetzten.
Hier erhalten Besucher auch Antworten auf Fragen wie: Was ist Gift überhaupt? Wie sind Gifte evolutionär entstanden? Welchen Vorteil hat es giftig zu sein? Und hat es auch Nachteile?

Kuratorin Katriina Ott neben dem Super-Präparat einer Seewespe, eines der giftigsten Tiere der Welt; Foto: Hans-Bernd Heier
„Gift ist eine Strategie. Manche Arten nutzen Gift wie ein Schwert, um Beute schnell zu überwältigen. Andere nutzen es wie ein Schild, um nicht gefressen zu werden, wie beispielsweise der Clownfisch, der Schutz zwischen den Tentakeln der giftigen Seeanemone sucht“, erklärt Kuratorin Katriina Ott. Auch der Mensch versteht die Gifte aus seiner Umwelt für seine Zwecke zu nutzen. „In der Ausstellungkonzeption war es uns wichtig nicht nur giftige Organismen zu präsentieren, sondern dabei auch die dahinterstehende Funktion des Giftes zu erläutern.“
Eigens für die Ausstellung wurden unter anderem ein lebensgroßes Modell einer Seewespe und ein Abguss eines Komodowarans angefertigt. Präparationstechnisch eine Meisterleistung, Die Seewespe steht für die Superlative unter den giftigen Tieren. Ihr potentes Gift kann bei Kontakt mit den Tentakeln innerhalb weniger Minuten zum Tode führen. Der Komodowaran hingegen gab lange Rätsel auf. Sein Biss galt als Ursache einer bakteriellen Infektion. Heute weiß man: Drüsen im Unterkiefer beherbergen ein Gift.

Auffallend grell sind die südamerikanischen Giftfrösche gefärbt; mit dem Gift des kleinen roten Frosches (links oben) soll der russische Systemkritiker Alexej Nawalny neusten Erkenntnissen zufolge ermordet worden sein; Foto: Hans-Bernd Heier
Der zweite Bereich der natur- und kulturwissenschaftlichen Ausstellung – „Mensch und Gift“ – beleuchtet die Kulturgeschichte des Giftes und zeigt an eindruckskräftigen Beispielen, wie die Menschheit schon in der Antike mit dieser Substanz umgegangen ist, zum Beispiel beim „Schirlingsbecher“ oder die legendäre Kleopatra, die sich durch einen Schlangenbiss das Leben genommen haben soll. Das Thema Giftmord zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Weltgeschichte. Gezeigt wird auch, wie indigene Völker, toxische Substanzen zur Jagd, zu rituellen Zwecken oder zur Berauschung einsetzen.
Die interaktive Schau thematisiert ebenfalls die Wirkung von Arsen in Tapeten, Pestiziden auf Feldern und von Wirkstoffen in Tabletten. Pestizide schädigen Insekten und dezimieren das Bodenleben erheblich, tragen aber auch dazu bei, die Menschen ausreichend und zu günstigen Preisen zu ernähren. Doch wie lange noch?

Der giftige Fliegenpilz ist durch seinen auffälligen rot-weiß gepunkteten Hut leicht zu erkennen; Foto: Museum Wiesbaden ⁄ Bernd Fickert
Besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf den pharmazeutischen Einsatz von giftigen Substanzen wie: Tollkirsche, Fingerhut, Krustenechse und Kegelschnecken. Ihre toxischen Inhaltsstoffe dienten als Ausgangspunkt für die Entwicklung von Medikamenten wie einem Schmerzmittel aus dem Gift der Kegelschnecke oder im Fall der Krustenechse für ein Diabetes-Medikament. Für die Pharmazie steht sinnbildlich der gut gefüllte historische Apothekerschrank: Er lädt mit seinen 45 Schubladen Besucher zur Entdeckung ein, welche Substanzen in den Apotheken der Vergangenheit zur Wiedererlangung der Gesundheit angeboten wurden.
Die so anregend wie lehrreiche Schau – aufgelockert durch interaktive Mitmach- und Multimedia-Stationen – belegt spannend und überzeugend: Gifte sind äußerst vielschichtig; von sich aus sind sie weder gut noch böse. Gifte mögen bedrohlich wirken und doch können sie auch schützen oder gar heilen – es kommt auf die Dosis an und wie wir Menschen damit umgehen.
Der Besuch der vielseitigen Jahresausstellung, die noch bis zum 4. April 2027 gezeigt wird, ist für alle Altersgruppen, insbesondere für Familien und Schulklassen, sehr empfehlenswert. Einige Vermittlungsstationen wie das Quiz wurden speziell für Jugendliche konzipiert. Zudem steht eine kostenlose Mediatour zur Verfügung. Der begleitende Katalog kostet an der Museumskasse 12 €.
Ein umfangreiches Programm begleitet die Ausstellung: beispielsweise gibt es Filme zum Thema Gift imWiesbadener Programmkino Caligari am 18. September, am 5. November 2026 und am 18. Januar 2027 sowie Vorträge am 8. September und 13. Oktober im Museum selbst.
Weitere Informationen unter:
www.museum-wiesbaden.de/kalender
