home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Circus Gebrüder Barelli begeistert auf dem Frankfurter Festplatz am Ratsweg

Nostalgie unter dem Sternenzelt

Von Walter H. Krämer

Einmal mehr führt der Weg zum Festplatz am Ratsweg – Frankfurts traditionsreichem Gelände für große Veranstaltungen. Gut erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit ausreichend Parkplätzen ausgestattet und seit Jahrzehnten Heimat von Zirkusgastspielen. Es ist gut, dass sich die Stadt zu diesem Platz bekennt und ihn als Veranstaltungsort erhält und anderen Begehrlichkeiten eine Absage erteilt.

Klassische Zirkusatmosphäre empfängt uns auf dem Ratsplatz, Foto: Walter H. Krämer

Noch bis zum 9. August gastiert hier der Circus Gebrüder Barelli mit seinem neuen Programm – einem Circus, der klassische Zirkuskunst mit modernen Ideen verbindet und dabei bewusst an die große Tradition europäischer Circus-Kultur anknüpft. Von Spanien bis Chile, von Las Vegas bis zur Ukraine – weltbeste Artist*innen sind engagiert, um ein Programm zu zeigen, das begeistert.

v. links: Antony Barelli, jüngstes Mitglied der Famile; Clown Pieric und die Gebrüder Barelli Jimmy und Franz, Foto: Walter H. Krämer

Mit der Neugründung im Jahr 2024 wurde ein traditionsreicher Name wieder zum Leben erweckt. Die Familie Barelli knüpft damit an eine Zirkusgeschichte an, die Generationen von Besucherinnen und Besuchern begleitet hat. Der Neustart versteht sich jedoch nicht als nostalgische Kopie vergangener Zeiten, sondern als zeitgemäße Interpretation eines klassischen Familien Circus.

Schon der erste Eindruck bestätigt diesen Anspruch. Das große blau-weiße Chapiteau erhebt sich weithin sichtbar über dem Festplatz. Betritt man das nostalgisch gestaltete Vorzelt, fühlt man sich beinahe in eine andere Zeit versetzt. Historische Circus Wagen, liebevoll arrangierte Erinnerungsstücke und zahlreiche Exponate aus dem hauseigenen Circus-Museum erzählen die Geschichte einer Kunstform, die seit Jahrhunderten Menschen begeistert. Zwischen alten Plakaten, Fotografien und Requisiten wird Geschichte lebendig und die Musik spiel live dazu.

Blick in das Barelli Showorchester, Foto: Walter H. Krämer

Auch gastronomisch setzt Barelli auf klassische Circus Atmosphäre. Popcorn, gebrannte Mandeln, Zuckerwatte und weitere Leckereien gehören ebenso selbstverständlich dazu wie ein Getränk vor der Vorstellung oder während der Pause.

Eine Besonderheit, die heute nur noch wenige Circusse bieten, ist das zwölfköpfige Barelli-Showorchester. Die Musiker aus der Ukraine begleiten die gesamte zweieinhalbstündige Vorstellung live. Jeder Trommelwirbel, jede Fanfare, jede gefühlvolle Melodie entsteht in diesem Moment – unmittelbar und unverwechselbar. Die Musik trägt die Vorstellung, steigert Spannung und Emotionen und verleiht jeder Darbietung ihren eigenen Charakter. Gerade diese Live-Musik macht den Unterschied zwischen einer guten Show und einem echten Circus Abend. Zwölf Musiker – vereint in einer Kunst, die man nicht nur hört, sondern fühlt.

Es ist ein Klangteppich von außergewöhnlicher Qualität, der jede Darbietung veredelt und den Circus in eine Welt aus Musik und Magie verwandelt. Mit meisterhaftem Können, feinem Gespür und einer beeindruckenden Harmonie untereinander erschaffen diese zwölf Künstler ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht.

Und dass dieser Circus geführt und gelebt wird von einer Mehrgenerationen Circus Familie ist an vielen Stellen sicht- und hörbar. So beispielsweise, wenn die beiden Brüder Frank und Timmy ihren Vater vorstellen und das Orchester den Klassiker „Oh mein Papa“ intoniert. Die meisten Familienmitglieder haben sich dem Circus verschrieben und zeigen unterschiedliche Fähigkeiten und Talente.

Darüber hinaus gehören zahlreiche Künstler*innen aus vielen Teilen der Welt zur „Circus Familie“ und sind auch in organisatorische Aufgaben eingebunden. Verkaufen Popcorn, kontrollieren Tickets, weisen Plätze an und vieles mehr.

Elegant jongliert der Tänzer mit den Bällen, Foto: Walter H. Krämer

Das neu gegründete Barelli-Showballett aus Barcelona setzt elegante Akzente. Mit stilvollen Choreografien verbindet es die einzelnen Programmpunkte und verleiht der Produktion eine zusätzliche theatralische Note. Bewegung, Rhythmus und Ausdruck nehmen dabei eine tragende Rolle ein.

Monsieur Clown Pieric beweist anschließend, dass große Clownerie keiner lauten Effekte bedarf. Sein feiner französischer Humor lebt von Gestik, Mimik und perfektem Timing. Er bringt Kinder ebenso zum Lachen wie Erwachsene. Ein gebürtiger Franzose, dessen feiner Humor und stille Komik weit über Worte hinausgehen.

Salima Folco Barelli zeigt an den Vertikaltüchern eine poetische Luftakrobatik voller Eleganz und scheinbarer Schwerelosigkeit. Hoch unter der Zirkuskuppel verbindet sie Kraft und Anmut zu einer beeindruckenden Darbietung. In ihrer Tücher-Luftakrobatik verbindet Salima Folco Barelli Kontrolle, Ausdruck und ein feines Gespür für den Moment zu einem fließenden Zusammenspiel, das den Raum vollständig einnimmt.

Dompteur Franz Barelli bei der Arbeit, Foto: Walter H. Krämer

Francesco Barelli begeistert mit seiner außergewöhnlichen Bouncing Ball Jonglage. Präzision, Rhythmus und Eleganz verschmelzen zu einer modernen Form der Jonglierkunst. Wenn Musik auf Bewegung trifft und jede Geste sitzt, entsteht ein Moment, der sofort Aufmerksamkeit verlangt.

Der Anzug sitzt, das Haar liegt – und mit jedem Impuls folgt die Bewegung einem klaren Rhythmus. Alles wirkt durchdacht, kontrolliert und gleichzeitig selbstverständlich. Seine Bouncing Ball Jonglage verbindet Timing, Gefühl und eine besondere Form der Präsenz zu einer Darbietung mit unverwechselbarem Charakter.

Mit der Luna Magic Show hält ein Hauch von Las Vegas Einzug in die Manege. Licht, Illusionen und raffinierte Tricks sorgen für staunende Gesichter und erinnern an die großen amerikanischen Unterhaltungsshows. Direkt aus den Vereinigten Staaten bringt die Luna Magic Show den unverwechselbaren Charakter der großen Las-Vegas-Bühnen in die neue Produktion 2026 des Circus Gebrüder Barelli. Zwischen Licht, Illusion und der besonderen Atmosphäre einer Stadt, die seit Jahrzehnten für spektakuläre Unterhaltung steht – geprägt von Legenden wie Elvis Presley – entsteht eine Darbietung, die genau dieses Gefühl in die Manege überträgt.

Luftakrobatik vom Feinsten mit Salima Folco Barelli, Foto: Walter H. Krämer

Zu den spektakulärsten Nummern gehören zweifellos die Brothers Rivera aus Kolumbien. Auf dem Todesrad verbinden sie artistische Höchstleistungen mit tänzerischer Leichtigkeit. Jeder Sprung scheint den Gesetzen der Schwerkraft zu widersprechen. Ihre Bewegungen sind fließend, fast tänzerisch – Leichtigkeit trifft auf absolute Kontrolle, während sich unter ihren Füßen das Rad unaufhaltsam dreht. Mit jeder Drehung, jedem Schritt und jedem Sprung bewegen sie sich an der Grenze – und schaffen dabei Momente, die zwischen Eleganz und purer Waghalsigkeit wechseln.

Nicht minder beeindruckend präsentieren sich die spanischen Brüder Kevin und David Tonitos auf dem Drahtseil. Ihre Balanceakte verlangen höchste Konzentration und absolute Körperbeherrschung und sie bewegen sich auf dem Drahtseil mit beeindruckender Sicherheit und technischer Raffinesse.

Wenn Menschen beginnen zu fliegen und die Manege sich in eine Welt über den Köpfen des Publikums verwandelt, entsteht einer der eindrucksvollsten Momente des Circus. The Flying Milla aus Chile bringen eine Energie in die Höhe, die sich sofort überträgt. Sprünge, die den Raum durchbrechen, Begegnungen in der Luft und Augenblicke, in denen alles nur an einem einzigen Griff hängt. Mit ihren dreifachen Salto Mortale wagen sie das Äußerste – ein Zusammenspiel aus Mut, Vertrauen und absoluter Beherrschung, das jeden Blick nach oben zwingt.

Das spektakuläre „Todesrad“ der kolumbianischen Brothers Riviera, Foto: Walter H. Krämer 

Ashley Barelli fasziniert mit ihrer temperamentvollen Hula-Hoop-Darbietung, bei der Präzision und Eleganz eine harmonische Einheit bilden. Mit jeder Bewegung zeigt Ashley Barelli, wie viel Ausdruck in Rhythmus und Kontrolle liegen kann. Die Ringe kreisen um ihren Körper, folgen ihrem Takt, werden Teil ihrer Ausstrahlung – nicht geführt, sondern gelebt. Ihr Stil ist unverwechselbar: kraftvoll, präzise und gleichzeitig voller Temperament. Jede Drehung trägt ihre Handschrift, jeder Moment spiegelt die Leidenschaft wider, mit der sie auftritt.

Antony Barelli – jüngstes Mitglied der Familie – überzeugt mit seiner Trompete und ersten komischen Einlagen. Man spürt, dass hier bereits die nächste Generation einer Circus Familie heranwächst. Mit seiner Trompete zaubert Antony Barelli klare, lebendige Töne in den Raum und lässt die Musik sprechen – leicht, verspielt und voller Gefühl.

Man spürt sofort: Hier steht ein Junge, der liebt, was er tut. Doch nicht nur die Musik gehört zu ihm. Mit seinem natürlichen Charme und einem feinen Gespür für Humor entdeckt er bereits die Welt der Komik. Sein Herz schlägt für die Manege, für die Musik – und für all die kleinen magischen Momente, die nur der Circus zu bieten hat. Ein junges Talent mit großem Herz und großem Klang.

Timmy Barelli hat mit der Neugründung des Circus Gebrüder Barelli im Jahr 2024 seinen Kindheitstraum zurück ins Leben geholt. Ein Comeback, das nicht nur eine Bühne geschaffen hat, sondern ein Imperium. Sein Kindheitstraum ist wieder wahr geworden. Und er selbst vereint etliche Talente in sich: Zirkusmusiker, leidenschaftlicher Baumeister, gelernter Schweißer, Clown und im Herzen ein Komiker.

Artisten am Trapez vor dem Absprung, Foto: Walter H. Krämer

Überraschend modern zeigt sich der Circus an mehreren Stellen. Immer wieder taucht ein Roboterhund in der Manege auf, der mit seinem täuschend echten Bewegungsablauf für erstaunte Blicke sorgt. Er ist kein Ersatz für klassische Artistik, sondern ein augenzwinkerndes Symbol dafür, dass Tradition und technische Innovation durchaus miteinander harmonieren können.

Zum klassischen Circus gehören für viele Besucher nach wie vor Tierdarbietungen. Franz Barelli beeindruckt mit Kamelen und Araberhengsten und thematisiert damit gleichzeitig die Frage: Gehören Tiere in den Zirkus? Für die Gebrüder Barelli und Ihren Seniorchef ganz bestimmt. Ein leidenschaftliches Plädoyer für eine gesunde Tierhaltung im Zirkus kurz vor der Pause, mit der Möglichkeit, den Tieren näher zu kommen, bestätigt dies eindrücklich.

Eindrucksvoll wirkt die Hohe Schule der Reitkunst, bei der Ramona Barelli gemeinsam mit ihrem Andalusier Quiero eine fein abgestimmte Dressur zeigt.

Der Zirkus macht einen Schritt in die Zukunft. Statt der Tiere agieren Roboter, Foto: Walter H. Krämer

Gleichzeitig bleibt die Frage bestehen, ob Tiere heute noch in einen Circus gehören. Diese Diskussion wird seit Jahren gesellschaftlich kontrovers geführt. Tierschutzorganisationen lehnen Tierdressuren grundsätzlich ab und fordern ihren Verzicht. Circus Unternehmen hingegen verweisen auf jahrzehntelange Erfahrung, intensive Pflege, veterinärmedizinische Betreuung und die enge Bindung zwischen Tier und Tierlehrer.

Barelli geht offensiv mit dieser Debatte um. Kurz vor der Pause erläutert Franz Barelli seine Haltung zur Tierpflege und öffnet anschließend den Stallbereich für interessierte Besucher. Wer möchte, kann die Tiere aus nächster Nähe erleben und sich selbst ein Bild von ihrer Unterbringung machen. Ob dies Kritiker überzeugt, bleibt jedem selbst überlassen. Bemerkenswert ist jedoch, dass sich der Circus der Diskussion stellt und Transparenz sucht.

Zum großen Finale versammeln sich alle Mitwirkenden noch einmal gemeinsam in der Manege. Artisten, Clowns, Tänzerinnen und Musiker feiern gemeinsam mit dem Publikum den Abschluss eines abwechslungsreichen Programms.

Blick in das Circus Museum, Foto: Walter H. Krämer 

Der Circus Gebrüder Barelli gelingt dabei eine bemerkenswerte Balance. Nostalgie wird hier nicht museal konserviert, sondern lebendig gehalten. Historische Circus Romantik trifft auf moderne Lichttechnik, ein Live-Orchester auf spektakuläre internationale Artistik und klassische Traditionen auf überraschende Ideen wie den Roboterhund.

 

So verlässt man am Ende das blau-weiße Zelt mit jenem besonderen Gefühl, das wohl nur ein gelungener Circus Abend erzeugen kann: Für ein paar Stunden schien die Welt draußen ein wenig stillzustehen – und genau darin liegt bis heute die ungebrochene Magie des Circus.

 

 

 

https://gebrueder-barelli.de/

https://gebrueder-barelli.de/Tickets-Preise

 

 

 

Comments are closed.