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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Florentine Holzingers „A year without a Summer“ beim Asphalt Festival in Düsseldorf

Freud, Frankenstein, Facelifting und ein Frauentorso

von Simone Hamm

Kunst könne Kriege nicht verhindern, dennoch sei sie unverzichtbar, sagt Sasha Salzmann in ihrer Eröffnungsrede „Kunst in Kriegszeiten“ des asphalt Festivals in Düsseldorf. Doch Kunst könne dem Schrecken des Krieges Empathie, Menschlichkeit und Schönheit entgegen setzen, könne ein Lichtsignal setzten. Für Salzmann ist das Theater qua Form die politischste aller Kunstformen: Alle Formen kommen zusammen. Dennoch könne Kunst nicht nach ihrem politischen Nutzen beurteilt werden.

„ A Year without a Summer“, Foto: Nana Franck / asphalt Festival

Beim asphalt Festival werden knapp drei Wochen lang performances, Theaterstücke,Tanz, Musik, Fotokunst an verschiedenen Orten gezeigt. Vieles findet im öffentlichen Raum statt, soll zugänglich für alle sein. Das asphalt Festival ist mehr als eine Ansammlung von Aufführungen, es ist eine Begegnungsstätte.

Den Auftakt machte Florentiner Holzinges „ A Year without a Summer“ im Düsseldorfer Schauspielhaus. Der Abend beginnt ungewöhnlich. Bei Florentine Holzinger spielen nur nackte Frauen. Bei dieser performance kommt im wabernden Kunstnebel eine vollständig bekleidete Frau auf die Bühne und erzählt von einem Vulkanausbruch 1815 in Indonesien und davon, dass es in Folge dessen in einem darauffolgenden Jahr einen Sommer lang nicht hell, nicht warm wurde: „A year without a Summer“.

Mehr und mehr Frauen kommen auf die Bühne: junge, alte, über Achtzigjährige Sie trotzen der Dunkelheit, der Kälte. Sie blicken sich in die Augen, streicheln sich, ziehen sich aus, küssen sich, lecken sich, eine hat einen Penis umgeschnallt und stößt ihn in eine andere hinein. Eine masturbiert und stöhnt sich zum Orgasmus. Eine quälend lange Szene. Dabei stehen die älteren mit den Hängebrüsten am Rand. In der Mitte liegen die beiden Frauen mit den längsten Beinen und den längsten Haaren und haben Sex.

Ich kann mir nicht helfen: das hat etwas vom Porno. Ohne Witz, ohne Ironie. Der fehlt an diesem Abend fast völlig (oder ich kann ihn nicht erkennen). Und das macht ihn so schwer erträglich.

„ A Year without a Summer“, Foto: Nana Franck

Wenn bisweilen doch so etwas wie Humor und Ironie aufblitzen, wird es sofort sehenswert. Etwa, wenn Sigmund Freud seinen Kopf in einen Berg aus Koks steckt oder sein Penis beim Onanieren unter der Decke riesengroß wird, wenn er erschrickt, während er eine Frau auf dem Gynäkologenstuhl untersucht und in ihrer Vagina Zähne über Zähne sieht, die bereit sind zum Zubeißen.

„ A Year without a Summer“, Foto: Nana Franck

Holzingers „Ophelia’s got Talent“ war ein hinreißender Theaterabend gewesen –  herrlich ironisch, wagemutig. Mit viel Witz wurden die Leistungen eines Talentwettbewerb gezeigt. Um Optimierung, um überhöhte Ansprüche geht es auch bei „A Year without Summer“. Um Schönheit und Alterslosigkeit. Ein riesiger Frauentorso wird aufgeblasen, es ist eine gebärende Frau. Aus  ihrem blutenden Oberschenkel wird eine kleine Gasfigur gezogen: “It’s a Musical“ schreien die Hebammen. Ein Musical also, bei dem die Protagonistinnen nicht singen können. Das Zuhören erfordert viel Geduld.

„ A Year without a Summer“, Foto:Ralf Puder 

Das derbe, allzu Eindeutige überwiegt an diesem Abend. KZ Arzt Mengele trifft auf den Rassisten Dr. Cuvier. Frankenstein steht über die Bühne. (Mary Shelley, die ihren Roman 1818 veröffentlichte, war angeblich durch das Jahr ohne Sommer zu ihrem Roman angeregt worden)

Was Unsterblichkeit für Holzinger bedeutet, das zeigt sie in einer Altenheimszene. Die alten Frauen werden gefüttert, gewindelt. Dann werden die vollen Windeln wieder ausgezogen und literweise Kunstkot und Kunstkotze auf die Bühne gespritzt, in dem sich alle suhlen. Dazu wird auch noch „Who want’s to live forever“ gesungen, damit auch der allerletzte/ die allerletzte versteht, worum es Holzinger geht.

Dennoch: Auch an diesem Abend gibt es einige wenige, sehr schöne poetische Szenen: Beim ultimativen Facelifting wird eine Performerin scheinbar an den Haken, die sie sich vorher live durch die Wange hat bohren lassen, in einen Sternenhimmel gezogen – ganz wie eine Trapezkünstlerin. Eine alte, kranke ehemalige Ballerina wird im Rollstuhl auf die Bühne geschoben.

Eine Eiskunstläuferin dreht Pirouetten hoch oben auf einer Eisfläche. Sie wird immer weiter tanzen. Auch, nachdem alle das Theater verlassen haben.

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