Schöner geht es nicht. Roland Kaehlbrandt umarmt die deutsche Sprache
Ein weiteres Buch des Autors zu seinem Herzensthema geht auf eine reichhaltige Entdeckungsreise
Von Uwe Kammann
Schon mehrere Auflagen erlebte das 2022 erschienene Buch „Deutsch – Eine Liebeserklärung: Die zehn Vorzüge unserer erstaunlichen Sprache“ von Roland Kaehlbrandt. Inzwischen hat der Autor – der siebzehn Jahre die Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt geleitet hat und nun neben vielen Aktivitäten an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft die Fächer Sprache und Gesellschaft lehrt – ein weiteres Buch seinem Herzensthema gewidmet: „Von der Schönheit der deutschen Sprache. Eine Wiederentdeckung“. Hat die Liebe neue Konturen bekommen? Unsere Rezension wird dies klären.

Der Autor Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Foto: Petra Kammann
„Deutschstunde“: Gerade wird im Hessischen Rundfunk der große Roman von Siegfried Lenz gelesen. Dessen Kern: Es geht um einen erzieherischen Aufsatz zu den „Freuden der Pflicht.“ „Deutschsommer“: den erleben gerade Drittklässler aus Frankfurt, denen deutsche Sprache beileibe nicht so geläufig ist. Dieses Projekt der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft fördert in drei Auftaktwochen der Ferien bei rund 150 Kindern in einer Kombination von Sprachunterricht, Theaterarbeit und Freizeitangeboten die Ausdrucksfähigkeit und die Persönlichkeit der Kinder. Deutschkenntnisse, Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit: Das sind die Kernziele.
Perfekte Rechtschreibung im Deutschen: Auch das verbindet man mit der Polytechnischen Gesellschaft, deren bis September 2022 amtierender Vorstandsvorsitzender Roland Kaehlbrandt mit durchschlagendem Erfolg eine Idee aus Frankreich aufgegriffen hatte: nämlich mit „Deutschland schreibt“ einen anspruchsvollen Diktatwettbewerb aufzulegen. „Es geht uns“, so Kaehlbrandt vor zehn Jahren in einem Interview, „um Sprachkultur, um eine Freude am großen Wortschatz der deutschen Sprache, um eine Bemühung um Beherrschung der Bildungssprache“. Leicht zu erkennen: Kaehlbrandt, der an der Sorbonne Nouvelle in Paris als Lektor die deutsche Sprache vermittelte, ist ein leidenschaftlicher Liebhaber eben dieser Sprache. Schon vor knapp vier Jahren erschien ein eindeutig betiteltes Buch: „Deutsch – eine Liebeserklärung“. Inzwischen ist eine weitere, die Leidenschaft begründende Liebesbekundung erschienen: „Von der Schönheit der deutschen Sprache“.

Roland Kaehlbrandt, der seinerzeit die Geschicke der Stiftung PolytechnischeGesellschaft leitete, Foto: Petra Kammann
Der Untertitel deutet zart eine einschränkende Fährte all’ der weitverzweigten Argumentationen an: „Eine Wiederentdeckung“. Was für viele der hiesigen Landessprecher wahrscheinlich noch eher bedeuten würde: eine (Erst-)Entdeckung. Denn einen besonders guten Ruf hat die deutsche Sprache nicht wegen ihrer Schönheit, weder in- noch ausländisch. Von Reiseportalen veröffentlichte Rangfolgen – Beliebtheit und Bewertung – führen zu ziemlich schlechten Noten und hinteren Plätzen. Italienisch, Französisch, Spanisch: Sprachen mit romanischen Wurzeln gewinnen mit ziemlicher Sicherheit, stehen oben auf dem Treppchen.
Ob bei ihnen das Melodiöse lockt, ein als angenehm empfundene Klangbild? Ob es an der automatischen Verbindung zu Sonne und Lebensart liegt? Ob ein vorauseilendes Urteil als bare Münze genommen wird? Wie auch immer (denn Begründendes ist in der Regel nicht zu vernehmen): Deutsch steht im Ruf, hart, grob und aggressiv zu klingen. Noch heute ahmen Franzosen gern ein knarrende, bellendes „Achtung!“ (der einst soldatischen Besatzersprache) nach, um zu beweisen: So hört es sich an, das Germanische. Heine, Hölderlin und Eichendorff sind da weit entfernt, ihre holden Verse, ihre schmeichelnden Satzmelodien sind (wie sollte es auch anders sein?) so unbekannt wie die Rückseite des Mondes.
Wer nun weiter das (gängige) Negativ-Vorurteil bedient oder es einfach nachplappert, wer keinen der großen Dichter oder Prosa-Autoren deutscher Sprache kennt, wem ohnehin das Deutsche herzlich egal ist, der sollte das neue Buch Kaehlbrandts links liegenlassen und lieber zu Regionalkrimis jeglicher Provenienz greifen. Wer allerdings doch noch einen kleinen Reiz oder gar den Willen verspürt, den Eigenheiten unseres unmittelbaren täglichen Kommunikationsmittels nachzuspüren und dessen Qualitäten zu untersuchen, der sollte die knapp 400 Seiten sorgfältig studieren, um mit dem Autor in der letzten Passage zum Fazit zu kommen: „Sprachliche Schönheit, das ist der Reichtum der Variationsmöglichkeiten, insbesondere die Fähigkeit zu geschmeidiger Inszenierung, die der Sprachbau des Deuzschen in Satzbau und Wortbildung bietet.“ Vorher bietet Kaelbrandt – der in seinem Studium der deutschen und romanischen Philologie zwei Sprach- und Kulturräume erschlossen und ausgemessen hat – eine Vielzahl von Beispielen und Belegen für genau die Vielfalt sprachlicher Erzeugnisse, welche die positive Schlussfolgerung nicht nur zulassen, sondern geradezu heraufbeschwören.
Allerdings, man muss Geduld und Aufnahmewilligkeit mitbringen. Denn das Ganze ist auch eine spezifische, punktuelle Art der Literaturgeschichte, nicht zuletzt mit all jenen Namen, die kaum oder gar nicht mehr geläufig sind. Wenn am Anfang zwar auch Richard Wagner und Herbert Grönemeyer herhalten müssen, um sie als populäre Zeugen für Sprachkraft aufzubieten, so soll das sicher nicht mehr als ein Anreiz sein. Dann aber finden sich an vielen Stellen Namen, die auch Literaturkenner noch einmal nachschlagen müssen. Andererseits ist es von besonderem Reiz, bei bekannten Autoren genau zu zeigen, wann, wie und warum ihre Literatur jegllichen Schönheitspreis verdient.

2017: Liebeserklärungen an das Deutsche und an das Französische – Prof. Kaehlbrandt (Polytechnische Stiftung), Prof. Hélène Correre d’Encausse (1929–2023) (Académie française), Prof. Heinrich Detering (Akademie für Sprache und Dichtung) und Walther von Wietzlow, (1946-2018), Präsident der Polytechnischen Gesellschaft und Vorsitzender des Stiftungsrats, Foto: Petra Kammann
Nehmen wir nur Peter Weiss, der in der Regel als politisch engagierter Dramatiker klassifiziert wird, als Dokumentarist, als minutiöser Protokollant. „Marat/Sade“ wird sofort einfallen, dann „Die Ermittlung“, wohl auch der Roman „Die Ästhetik des Widerstandes“. Was nun wählt Kaehlbrandt? Eine, wie er es nennt, „literarische Selbststudie“, die Kindheit und Jugend vergegenwärtigt: „Abschied von den Eltern“. Und fragt – sich zu einem „Leserausch“ bekennend –: „Wie kann ein Mensch die Erinnerungen vor allem an seine weit zurückliegende Kindheit nur so unglaublich genau, so existentiell dramatisch und zugleich sprachlich über weite Strecken so verstörend schön in Worte fassen?“
Dem in eine Frage gekleideten Lob folgt eine Passage des Textes, die dann in der Methodik untersucht und deren Mittel genau beschrieben und seziert werden („szenisches Präsenz“, „vorvergangenes Plusquamperfekt“), so wie überhaupt Grammatik immer in ihrer Funktion nachgezeichnet wird. Das hat nichts Trockenes, Papiergelehrtes, sondern ist eine zugleich präzise als auch anschauliche Hin- und Beweisführung. Die hier sofort eine zusätzliche Farbigkeit und Schattierung bekommt, indem das Thema Kindheitserinnerung bei einem aktuellen Autor wieder aufgenommen und in seiner Darstellung verglichen wird: bei Sascha Stanisic. Auch hier wieder ein markantes Zitat und die Auflösung eines ungewöhnlichen Sprachbildes (die identifizierende Gleichsetzung der erzählenden Person und der Aufnahmestadt); und gleich danach der örtliche Wechsel vom Neckartal zum Böhmerwald, um die Kunst des „großen Stilisten des Biedermeier“, Adalbert Stifter, in all ihren Feinheiten zu beschreiben und einzuordnen; auch hier wieder mit einem Textausschnitt, um zu zeigen, wie ein solches „Sprachgemälde“ auf uns, die Leser, wirken kann.
Alleine diese Textverbindungen belegen das Einzigartige der Darstellungskunst Kaehlbrandts: Er zeigt sonst eher verborgene Verbindungen auf, überrascht mit Vergleichen, nimmt Epochen nur als Anstöße, um Ähnlichkeiten zu entdecken und deren innere Kraftpunkte zu umkreisen. Und dies immer in einem Erzählton, der selbst geschmeidig daherkommt, einem feinen Rhythmus gehorcht, jederzeit lebendig ist, Frische und Nähe ausstrahlt, aber nie auf Kosten der Genauigkeit. Wenn bezwingende Klarheit zu den Kennzeichen von schöner, gelingender und gelungener Sprache gehört, wenn Erkennen und Genießen ein glückliches Paar bilden, dann zieht sich dies durch das ganze Buch. Ein Buch, dessen innere Gelehrsamkeit sich im anhängenden Apparat mit allein 16 Seiten Literaturverzeichnis offenbart.
Insofern: Es ist eine mehr als gelungene Entdeckungsreise zu den Schönheiten des Deutschen, die Kaehlbrandt auch unternommen hat, weil die Qualitäten dieser Srache “eher unterschätzt“ werden, ganz im Gegensatz „zum sprachverliebten Frankreich, das die Kunst beherrscht, zu sich selbst aufzublicken“. Das berührt allerdings einen Punkt, der bei allem Verliebtsein doch zumindest in seiner Brisanz deutllch hätte ausgeführt werden müssen. Denn Frankreich, immerhin, hat mit einem Gesetz den Versuch unternommen, die sprachliche Authentizität zu bewahren. Deutschland hingegen ist in eine ganz andere Sprache vernarrt, ins Englische. Nicht wenige – auch Kultur- und Sprachwissenschaftler – sehen darin keinerlei Problem oder gar Bedrohung, verweisen stattdessen auf höchstens vier, fünf Prozent, die Anglizismen ausmachten, sehen darin gerade den Beleg für die Lebendigkeit imd Anpassungsfähigkeit einer/unserer Sprache.
Doch wer sich umschaut, wer liest und sieht, dass speziell der Kunst-, zunehmend der komplette Kulturbetrieb sich in Richtung des Nur-Englischen bewegt, wer Werbung, Technik und Wirtschaft als wichtige Bereiche auch des Alltagslebens begreift, der wird nicht umhin kommen zu sagen: Da wird das Englische zur Normalsprache, welche das Deutsche verdrängt. Nicht schlimm? Das ist also kein Ausschluss von vielen Menschen (wo sonst Inklusion gepredigt wird), das ist keine Entfremdung in dem Sinne, wie sie einst ein Ernst Bloch als schlimme individuelle und gesellschaftliche Velusterscheinung kritisiert hat? Wer die beiden Sprach-Bücher Kaehlbrandts ernst nimmt, wer überwältigt ist – gerade beim letzten – von der Fülle und vom Reichtum gerade der geschriebenen Sprache in einem schönen Deutsch, der wird, besser: der muss besorgt sein, wie die wuchtige Welle des Englischen in bestimmten Milieus (die sich nicht selten für besonders fortschrittlich, weltoffen und modern halten) eine in vielen Ausprägungen schöne, liebes- und lebenswerte Sprache und Sprachkultur überrollt, vielleicht sogar auslöscht.
Was bedeutet das für das Bewusstsein, für die Ausdrucksfähigkeit, die Persönlichkeitsentwicklung, also all’ jene Hauptziele, welche – siehe den Anfang dieser Rezension – die Polytechnische Gesellschaft mit ihren verdienstvollen Initiativen verfolgt? Ist das vergleichbar mit früherer deutscher Beflissenheit, sich übers Lateinische oder Französische in vermeintlich höhere Sphären der Bildung pder der Politik zu begeben? Die Fragen nach der Schönheit der Sprache sind das Eine, die Fragen nach ihrer Stellung, ihrer Wirkung und ihrer gesellschaftlichen Funktion sind das Andere. Die Antwort auf die erste Frage hat Roland Kaehlbrandt auf wunderbare Weise und sehr überzeugend beantwortet. Die zweite Frage ist noch offen. Wer könnte die Beantwortung übernehmen? Nun, vielleicht die Brandenburger CDU-Fraktion. Denn die hat gerade per Instagram die Schüler des Landes so in die Ferien geschickt: „Erholt euch gut für das nächste Schuhljahr.“ Kein Irrtum: Schuljahr mit h.

Roland Kaehlbrandt.
Von der Schönheit der deutschen Sprache.
Eine Wiederentdeckung
Piper Verlag . Taschenbuch
14 EUR
