Mutiges Förderprojekt Existentia, unterstützt vom International Women’s Club (IWC) Frankfurt – „To be or not to be „
Brücken von den Ufern des Main in die Ukraine
Von Petra Kammann
Alle Jahre wieder schreiben sich die Frauen aus mehr als 50 verschiedenen Nationen des IWC Frankfurt ein kulturelles oder ein karitatives Spendenprojekt auf die Fahnen. In diesem Jahr galt es der Initiative Existentia e.V., die Menschen in der Ukraine hilft, die sich in existentieller Not befinden. Gründerinnen des Vereins sind Ulrike von Waitz sowie die polnische Filmemacherin Elwira Niewiera, die den hochgelobten und prämierten Film „Das Hamletsyndrom“ gedreht hatte, einen Film über junge Menschen, die seit 2014 mit den Schrecken des Krieges im Donbas und den damit verbundenen schweren Traumata leben. Existentia e.V. begleitet betroffene Frauen therapeutisch, juristisch, menschlich – und auch vor Gerichten, in Gesellschaft und Politik…

v.l.n.r: IWC-Präsidentin Yun Kruse, Filmemacherin Elwira Niewiera und Ulrike von Waitz erläutern das Förderprojekt, Foto: Petra Kammann
Traditionell ist das Spendenprojekt des Frankfurter IWC auch mit dem Internationalen Freundschaftsfest im sonnigen Monat Juni gekoppelt. Natürlich dient das gemeinsame Feiern dieser gemeinnützigen, politisch und religiös unabhängigen Vereinigung von ausländischen und deutschen Frauen aus über 50 verschiedenen Nationen mit Betroffenen und Unterstützern immer auch dem lebendigen interkulturellen Austausch der Mitglieder untereinander.

Frankfurter Botschaft mit heiterem Sommerfest an den Ufern des Main, Foto: Petra Kammann
Diesmal fand das an den heiteren Ufern des Main in der Frankfurter Botschaft statt. Welch hintersinnige Bezeichnung des dafür ausgewählten Restaurants! Die Botschaft: hier sollten buchstäblich Brücken für ein unbeschwerteres Leben gebaut werden hin zu einem Land, in dem es nun schon seit mehreren Jahren alles andere als heiter zugeht, in der Ukraine. Der Gegensatz zwischen diesem freundlich-beschwingten Sommertag und dem zerstörten Land könnte kaum größer sein. Aber vielleicht spenden die von Frankfurt ausgehenden Sonnenstrahlen – über das Pekuniäre hinaus – ein wenig Wärme und Hoffnung in den Osten. Denn dort geht es ganz existenziell „um Sein oder Nicht-Sein“.

IWC-Präsidentin Yun Kruse, Schirmherrin Dr. Nargess Eskandari Grünberg, Chairpersons Ulrike Feuillet und Susanne Held, Foto: Petra Kammann
Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 sei eine brutale Attacke auf das friedliche Leben gewesen, die uns alle betreffe. Das Sich-wehren der Ukraine gegen den Aggressor habe eine große Bedeutung „für uns und den Rest der Welt“, sagte die derzeitige IWC -Präsidentin mit chinesischen Wurzeln Yun Kruse. Aus ihrer eigenen Vergangenheit und den Ereignissen am „Platz des Himmlischen Friedens“ weiß sie, was Aggression und subtile Machtausübung bedeuten. Das verbindet sie auch mit der Schirmherrin und zur Zeit der Veranstaltung noch amtierenden Frankfurter Bürgermeisterin mit iranischen Wurzeln Nargess Eskandari-Grünberg, die nach ihrer Flucht aus dem Iran eine Ausbildung als Psychologin gemacht hat. Beide wissen aus eigener Erfahrung, was Unterdrückung bedeutet. Sie empfinden das Leben in Europa, das von Freiheit, Humanität und einer Vielfalt an Kulturen geprägt ist, als Privileg. Deswegen fühlten sie sich verpflichtet, Frauen zu helfen, die dieses Privileg nicht genießen.

Die polnische Filmemacherin von „Hamlet-Syndrom“ Elwira Niewiera, Foto: Petra Kammann
Um von den mit dem Krieg verbundenen Erlebnissen ein lebendiges Bild zu vermitteln, waren eigens die polnische Filmemacherin Elwira Niewiera und die ehemalige Kriegsgefangene der Russen Olena Piekh angereist. „Diese Grausamkeiten in der Ukraine sind schwer zu ertragen“, sagt Elwira Niewiera, die rund zweimal monatlich in die Ukraine fährt, um ukrainische Bataillone, in denen seit 2022 wieder Protagonisten ihres Films Das Hamlet-Syndrom kämpfen, mit Hilfsgütern zu unterstützen. In dem Film Das Hamlet-Syndrom verarbeiten 2021 fünf Protagonisten – junge Frauen und Männer – ihre Traumata aus dem Krieg im Donbas auf der Bühne – frei nach Shakespeares Hamlet und frei nach der Devise „To be or not to be“.
„Dieser Film bringt das Dilemma von Hamlet für die ukrainische Jugend auf brillante Weise zum Ausdruck. Der Film vermittelt die Erfahrung, wie schwer es ist, Entscheidungen treffen zu müssen, wenn wegen des Krieges die Möglichkeiten begrenzt sind. Die Filmemacher zeigen uns mit einer großartigen Kamera, Scharfsinn und einem persönlichen, intimen Ansatz, dass jeder Konflikt individuell ist“, kommentierte die Jury des 75. Locarno Film Festivals 2022 den Streifen.
Filmisch und dokumentarisch begleitet Niewiera darin die Darsteller bei diesem Prozess. Später gingen einige der Protagonisten nach dem Überfall auf die Ukraine erneut an die Front. So trifft und traf Elwira in der Ukraine auch auf etliche ukrainische Frauen, die Folter und sexuelle Gewalt überlebt haben. „Der Krieg geht in der Psyche weiter, selbst wenn der Krieg irgendwann einmal beendet sein wird“, weiß sie, nachdem sie deren Leid gesehen hat. Hinzukommt, dass der Terror durch Russlands Drohnen und stundenlang kreisenden Flugzeugen, die Raketen geladen haben könnten, die gesamte ukrainische Bevölkerung treffen kann.

Große Freude über das Spendenergebnis: Ganze 22.150 Euro sind zusammengekommen, Foto: Petra Kammann
Die Frauen sind durch die Gewalterfahrungen schwer traumatisiert und können nun dank der Spenden eine Langzeittherapie (eineinhalb Jahre), die von renommierten, auch in der Ukraine ausgebildeten Fachleuten konzipiert wurde, bekommen. Nächstes Ziel sei es, in den etwas entlegeneren Karpaten ein Therapiezentrum zu errichten. Nur so könne auf Dauer eine Gesellschaft wieder stabilisiert werden.

Die Ukrainerin Olena Piekh, Betroffene des Kriegs in der Ukraine, und ehemalige russische Kriegsgefangene, war zu Gast, Foto: Petra Kammann
Die polnische Filmemacherin Elwira Niewiera und die ehemalige Kriegsgefangene Olena Piekh hatten einander in einem Kiewer Krankenhaus kennengelernt, nachdem Olena aus der russischen Gefangenschaft befreit worden war. 2018 war sie in ihrer Heimat Donbas von Separatisten verschleppt und in Gefangenschaft misshandelt worden. Ihre Hüftgelenke waren durch die Folter mit Elektroschocks und Vergewaltigungen deformiert worden, was man ihr heute glücklicherweise nicht mehr ansieht. Dank mehrerer Operationen hat sie künstliche Hüftgelenke bekommen, die ihr ermöglichen, wieder aufrecht zu gehen und zu stehen, was ihre beeindruckend aufrechte Haltung, die von Freiheit und Lebensmut zeugt, widerspiegelt.
Eigentlich hatte die Kunsthistorikerin und Lyrikerin ihre Heimat, den seit 2014 von Separatisten umkämpften Donbas im Osten der Ukraine, schon 2014 verlassen. Doch als ihre Mutter 2018 schwer krank wurde, kehrte sie fast todesmutig zurück, um sie zu pflegen und für sie da zu sein. Kurz darauf wurde sie von einem vermummten Mann als „Spionin“ festgenommen, der sie mit einer Tüte über dem Kopf in ein unbekanntes Ziel abführte.

Informeller interkultureller Austausch mit Elwira Niwiera und Olena Piekh, Foto: Petra Kammann
In der Gefangenschaft war es Olena dann strikt verboten, Ukrainisch zu sprechen. Getragen von dem Wunsch nach Freiheit, schrieb sie daher Gedichte auf Russisch, was im Osten der Ukraine durchaus auch eine gängige Sprache war. Ihre Zeilen über Schmerz, Verrat und Hoffnung sowie ihr unerschütterlicher Glaube und die Hoffnung, ihre Tochter wiederzusehen, gaben ihr in den schwersten Momenten die Kraft zu überleben. Ende 2024 kam sie durch einen vom Vatikan initiierten Gefangenenaustausch schließlich frei.

Olena Piekh dankte der Initiative von Existentia, dass sie heute in Deutschland leben kann, Foto: Petra Kammann
Ihr Credo „Glaube an Dich, auch wenn du am dunkelsten Ort bist. Würdige deinen Atem, deinen Körper, dein einzigartiges Sein. Das wirft Licht in die Dunkelheit. Und du kannst den nächsten Schritt gehen. Du bist es wert zu leben – du bist ein Geschenk.“
Diese fest verankerten Gedanken halfen ihr, psychisch zu überleben. Ihr Bericht und ihre Worte über sechs Jahre Haft und Arbeitslagererfahrungen sowie ihre außergewöhnliche Resilienz – sie blieb ungebrochen – berührten alle Anwesenden tief.

Wunderbare Brückenbauer- und Mutmacherinnen: Existentia-Gründer Ulrike von Waitz, Olena Piekh, Schirmherrin Nargess Eskandari-Grünberg, die polnische Filmemacherin Elwira Niewiera, IWC-Präsidentin Yan Kruse, Foto: Petra Kammann
Ulrike von Waitz wiederum, die Vereinsvorsitzende von Existentia, hatte mit ihrer Familie bereits gleich nach Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine geholfen und Spenden gesammelt, um Sanitäter im Kriegsgeschehen mit aufrollbaren Tragen, mobilen Ultraschallgeräten oder auch Tourniquets zum Abbinden von Blutungen zu unterstützen. Mit ausrangierten, gepanzerten Geldtransportern konnten dann Menschen aus Frontgebieten evakuiert werden. Im Rahmen dieser Aktionen hatte sie auch Elwira Niewiera kennengelernt, die noch Monate zuvor in der Ukraine einen Film gedreht hatte und gleich Mitbegründerin von Existentia wurde.

Swingen zwischen Licht und Schatten mit dem Jazz-Saxophonisten Sebastian Bittorf, Foto: Petra Kammann
Der Verein Existentia setzt sich dafür ein, „dem Entsetzen die Tatkraft entgegenzusetzen“. Besonders Frauen leiden unter Kriegstraumata, häufig durch Vergewaltigung und Folter. Bereits bestehende Pilotprogramme begleiten daher traumatisierte Frauen über längere Zeiträume. „Unser großer Wunsch ist es, den Menschen in der Ukraine Mut und Zuversicht zu geben, beim verzweifelten Ringen um ihre Existenz“, so Ulrike von Waitz.
Das ist allen Engagierten bei diesem Internationalen Freundschaftsfest gelungen.
Ein Trailer des Films „Das Hamlet-Syndrom“ von Elwira Niwiera, dem eindringlichen Porträt einer Generation, die sich ihrem Kriegstrauma stellen und die schmerzhafte Vergangenheit bewältigen muss, ist unter
https://www.existentia-ev.org/der-film
zu finden.
Ein Bild der Solidarität in Frankfurt am Main

Die internationalen Frauen senden durch ihr Zusammenstehen den traumatisierten Frauen in der Ukraine einen Funken Hoffnung, Foto: Andreas Held
Existentia e.V.
Emmerichshofen 1
63796 Kahl am Main
IWC Frankfurt
