Brandaktuelles Thema zur 14. Verleihung des Prix AbiBac vom Deutsch-Französischen Kreis
Stadt oder Land? Wie wollt Ihr künftig leben, mit welchen Konsequenzen?
Von Petra Kammann
Diese Frage stellte sich nicht allein am Höhepunkt der ersten Hitzewelle im Herzen der Düsseldorfer Altstadt bei der Verleihung des Prix AbiBac im Rathaus. Es spielte auch in das Thema des schriftlichen „Examens“ hinein, welches die Jury des Deutsch-Französischen Kreises (DFK) den nominierten AbiBac-Absolventen vorab gestellt hat. In diesem Jahr kamen die Kandidaten jedoch ausschließlich vom Lycée français international Simone Veil (LsiSV), denn in den deutschen Gymnasien wurde von G8 auf G9 umgestellt, so dass es diesmal keinen AbiBac-Jahrgang gab, der das deutsch-französische zweisprachige Abitur ermöglicht hätte. Entsprechend der Situation wurden daher im Gegensatz zu den vorherigen Jahren diesmal zwei statt der sonst üblichen drei Preise ausgelobt.

Die nominierten und prämierten AbiBac-Kandidaten, umrahmt vom französischen Generalkonsul Etienne Sur (li) und OB Stephan Keller (re), daneben DFK-Präsidentin Ariane Bommers, Foto: Petra Kammann
Unabhängig vom derzeitig dauerdiskutierten Klimawandel in beiden Ländern hat das Thema Stadt und Land im zentralistisch regierten Frankreich darüberhinaus noch einen anderen Stellenwert als in der föderalistisch organisierten Bundesrepubilk mit ihren Länderhoheiten und vielfältigen Großstädten mit ihren jeweiligen Spezialitäten. Da war es zunächst einmal interessant zu erfahren, ob sich die Befragten dieser unterschiedlichen Ansätze überhaupt bewusst sind.

Silence! Schriftliche Prüfung im Lycée français, Foto: Petra Kammann
Das war nur ein weiterer Aspekt bei den Vorüberlegungen der Jury (Petra Kammann (Publizistin, Romanistin und DFK-Präsidiumsmitglied), Prof. Dr. Vera Gerling (Heinrich-Heine-Universität) und Emmanuel Beaufils, (Attaché de langue et de culture für NRW und Hessen am Institut français), als es um die Auswahl des auf Deutsch zu diskutierenden Textes im schriftlichen Teil des „Examens“ ging.
Hinzukommt, dass sich in Frankreich in den vergangenen Jahren eine Neubewertung der Provinz gegenüber der Metropole Paris entwickelt hat, etwa durch den verstärkten Ausbau des TGV (Train à Grande Vitesse), den französischen Hochgeschwindigkeitszug,. Damit sind etliche Großstädte von Paris aus schneller erreichbar und werden damit auch attraktiver für künftige Arbeitsplätze jenseits von Paris. Gleichzeitig schrumpften Dörfer noch schneller und hinterließen in weiten Strecken leere Landschaften.

Die Prüfungskommission nach getaner Arbeit im Lycée (LfiSV), v.li: Dr. Vincent Stelzhammer (DFK), Petra Kammann (Jury und Präsidium DFK), Ariane Bommers (DFK-Präsidentin), Prof. Vera Gerling (Jury / HHU)). Emmanuel Beaufils (Jury/ Institut français) Fiona von Vaernewyck (DFK)-Generalsekretärin (Stelzhammer/Selfie)
So gilt auch für die französischen Muttersprachler des Lycée français Paris zwar nach wie vor die Metropole als erste Anlaufstelle, in der man vielleicht seine Ausbildung macht oder auch erst einmal seine Karriere einfädelt, während andere, meist ältere Familienmitglieder auf dem Land oder in der Provinz leben, wo es weniger stressig zugeht, was durchaus anziehend auf heutige Jugendliche wirkt.
So interessierten uns bei der Diskussion des Themas in der Fremdsprache Deutsch sowohl die beruflichen Perspektiven wie auch die subjektiven Überlegungen der Schulabgänger, die mit dem abgeschlossenen AbiBac in eine neue Lebensphase eintreten. Sie müssen sich zwangsläufig anders mit der Zukunft beschäftigen als noch vor wenigen Jahren.

v.li: Emmanuel Beaufils (Jury), Dr. Vincent Stelzhammer (DFK ), Generalkonsul Frankreich Dr. Etienne Sur Franz. Generalkonsul, Petra Kammann (Juryvors.), Prof. Vera Gerling (Jury) DFK-Präs. Ariane Bommers, OB Dr. Stephan Keller, Foto: Claus Gielisch
Wie auch schon früher stoßen nach der schriftlichen Auswertung der Arbeiten durch die Jury die Repräsentanen des DKF hinzu: Präsidentin Ariane Bommers, DFK-Generalsekretärin Fiona von Vaernewyck und Präsidiumsmitglied Dr. Vincent Stelzhammer, der selbst ein AbiBac absolviert hat und sich daher auf seine gemachten Erfahrungen berufen kann.
Sie sind eingeladen, den Kandidaten ebenfalls Fragen zu stellen und erfahren dabei, mit welchen Zukunftsperpektiven sich die jungen Menschen beschäftigen. Außerdem diskutieren sie mit, wie souverän sich die Lernenden in der jeweilig anderen Sprache ausdrücken können und ob sie auch in der Lage sind, den jeweils anderen Kulturansatz zu vertreten.

Während Düsseldorfs OB Stephan Keller die Grußworte spricht – ein Blick in den Jan-Wellem-Saal, Foto: Uwe Kammann
Auch hier haben sich zunehmend Gewichte verschoben, spielt doch der Erwerb der anderen Sprache selbst fast eine untergeordnete Rolle. Natürlich nur fast. Denn reicht es aus, wenn in Europa mehr oder weniger gut Englisch gesprochen und verstanden wird? Steht dahinter ein echtes Verständnis der anderen Mentalität? Ist das historische Verhältnis Deutschland – Frankreich, die Amitié franco-allemande, wirklich inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden?

2. Preis: Reinhart Sepolt Marcos mit OB Keller und DFK-Präsidentin Ariane Bommers, Foto: Petra Kammann
Interessant erschien uns hier die Ausführung von Reinhart Sepolt Marcos, der den 2. Preis (100 Euro) des Prix AbiBac erhielt. Er brachte erweiterte kosmopolitische Aspekte mit ins Spiel. Er selbst ist in einem deutsch-französisch-spanischem Umfeld aufgewachsen, hatte seine ersten 10 Lebensjahre in Frankreich verbracht und dort das französische Schulsystem kennengelernt.

Stephan Krespach, Deutschlehrer und -koordinator des LsiSV, hier im Gespräch mit Ariane Bommers, Foto: Petra Kammann
Während Reinhart zuhause Spanisch sprach, lernte er nach dem Umzug in die Bundesrepublik erst einmal das hiesige deutsche Schulsystem kennen und fand schließlich den Weg zum Lycée français, wo sich für ihn „beide Welten organisch miteinander verbunden haben“. Er dankte daher speziell seinem Deutschleher Stephan Krespach, der ihn motiviert habe, seine Deutschkenntnisse zu erweitern. Heute empfindet er es als großen Vorzug, verschiedene Perspektiven einnehmen zu können. Für ihn steht daher das AbiBac für „Austausch, Verständigung und ein gemeinsames europäisches Miteinander“. Vielleicht wird er in Paris oder Köln Jura studieren und irgendwann in Brüssel bei der EU arbeiten. Wer weiß?

Der erste Preis ging an Caroline Bouquet – hier mit OB Stephan Keller und DFK-Präsidentin Ariane Bommers, Foto: Petra Kammann
Unabhängig davon fällt es grundsätzlich leichter, jede zusätzliche Sprache zu erlernen, wenn man erst einmal zwei fremde Sprachen beherrscht. Das eröffnet weitere Perspektiven für das Verständnis von anderen Lebensentwürfen als den eigenen.
Die erste Preisträgerin Caroline Bouquet wiederum bringt Erfahrungen aus dem englischsprachigen Kanada, aus Frankreich und aus Deutschland mit. Aufgrund ihrer deutsch-französischen Nationalität besuchte sie zunächst eine französische Grundschule, ging dann auf ein deutsches Gymnasium, wo sie die deutsche Kultur und unterschiedliche Lernweisen kennenlernte, hatte aber nach fünf Jahren das Bedürfnis, ins frankophone Umfeld zurückzukehren. Wegen ihres familiäreren französisch geprägten Umfelds wechselte sie daher schließlich ins Lycée français international Simone Veil.
Auch wenn das Lesen für sie zur wichtigen Freizeitbeschäftigung zählt, zielen ihre Berufswünsche eher ins wissenschaftlich Biologische oder Medizinische. Überzeugend und interessant war ihre Beurteilung der verschiedenen Ausbildungswege, die sie ganz sachlich abwägen konnte: sie verglich das französische Exzellenz-Studium an (meist Pariser) Eliteuniversitäten und die fachliche Toppspezialisierung an Universitäten wie Heidelberg oder Stuttgart in verschiedenen deutschen Städten, wenn es zum Beispiel um die Krebsforschung geht. Ihr jedenfalls stehen nun beide Ausbildungswege offen.
Dankesrede der Preisträgerin Caroline Bousquet, Foto: Uwe Kammann
Interessant in allen Äußerungen war, auch bei den Nominierten, dass das „natürliche Leben“ in der Provinz oder das Leben auf dem Land wegen der Naturverbundenheit eine höhere Attraktivität genoss und geradezu so etwas wie Sehnsuchtsgefühle auslöste. Dennoch überwog insgesamt die Rationalität, wenn es um die Zeit der Ausbildung ging. Das Bewusstsein, dass das Angebot von Wirtschaftsbetrieben, Kultur- und Sportanlagen dort gegenüber der Großstadt eben doch begrenzt oder überhaupt nicht vorhanden ist.
Zum Dank und zur Erinnerung an den Prix AbiBac erhielten alle Kandidaten und Kandidatinnen zum Abschluss den dreisprachigen Gedichtband „O, ma mémoire“ (Grupello Verlag) des französischen Diplomaten, Lyrikers, Essayisten, politischen Aktivisten und KZ Buchenwald-Überlebenden Stéphane Hessel (1917 – 2013), der hochbetagt noch den kleinen, bei jungen Menschen besonders beliebten Bestseller „Empört Euch!“ schrieb.
Er war noch kurz vor seinem Tod im DFK zu Gast und dort das lebende Beispiel für die immense Bedeutung des Verinnerlichens fremder Sprachen für die Verständigung zwischen den Menschen. Ebenso kann das Memorieren von Gedichten für das Überstehen schwieriger Situationen hilfreich sein. Hessel konnte viele der französischen, deutschen und englischen Gedichte auswendig vortragen. Dem Weltbürger Stéphane Hessel haben die verinnerlichten Gedichte geholfen zu überleben, sie haben ihn bis zum Schluss begleitet. Er kannte sie „par coeur“.
Preisträger und Nominierte des Prix AbiBac 2026:
Caroline Bouquet (1. Preis)
Reinhart Sepolt Marcos, (2. Preis)
Nominierte:
Chiara Blecker Jiménez
Julien Caruyer
Allioune Diallo
Charlotte Zimmermann

