„Die Wiedereinführung der Sanduhr“ und das Rieseln der Zeit
Langzeitbeobachtungen in Kurzform
Michael Krügers luftige und verschlüsselte Gedichte der letzten fünf Jahre

Die Zeit bekommt in den Gedichten des einstigen Hanser-Verlegers Michael Krüger eine völlig neue Bedeutung. Sie ist für ihn während der Pandemie – wie vielleicht für uns alle – aus den Fugen geraten, hat Risse bekommen. Während er in seinem „Holzhaus überm See“ seine lebensbedrohliche Krankheit auszukurieren sucht, wird er zu einem speziellen Komplizen der Natur, sucht die Nähe zu Pflanzen und Tieren. Dabei beobachtet er seine Umgebung sehr genau, erinnert an besondere Menschen, nimmt die politisch bedrückenden Ereignisse wahr. Und dann wieder hält er die Zeit für einen Moment fest wie in der Impression vom Anfang Juli, die ob der Hitzewelle kaum aktueller sein könnte… pk
Anfang Juli
In diesem Sommer überlegen die Vögel,
ob sie nicht jetzt schon aufbrechen sollen
zu ihrem langen Flug zu sich selbst um die Erde.
Es ist kalt, es regnet, wir bereiten uns vor
auf die Ankunft der Zukunft,
von vertrauensbildenden Maßnahmen
kann keine Rede mehr sein in diesem Sommer.
Ein nasser Frühling bedeutet viel Heu, sagt
der Bauer, dann schneit es im frühen November,
und wenn der Kohl zu Kraut gehobelt wird,
verkaufen wir die Zunge dem Metzger.
Der Milchpreis ist nie raufgegangen, sagt der noch,
wohl aber der Preis für den Diesel.
Die Schatten der Vögel auf der Wand
des Schobers sind so dünn wie die Messer,
mit denen die Vergangenheit abgetrennt wird.
Geldwäsche? Nein, wir erhöhen die Schulden,
das ist uns der Gewerbefleiß wert.
Nur die Amseln zeigen die alte Beherztheit,
für sie ist die Luft ein tragfähiges Konzept.
Auf der Wiese am Wald hat man Knochen gefunden,
rätselhaft schön wie ein verschlüsselter Text.
Die Fliegen haben nichts zu befürchten.
aus: Michael Krüger:
Die Wiedereinführung der Sanduhr. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
160 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783518475362
Der Autor Michael Krüger
geb. am 9. Dezember 1943 in Wittgendorf/Kreis Zeitz geboren, absolvierte nach dem Abitur an einem Berliner Gymnasium er eine Verlagsbuchhändler- und Buchdruckerlehre. Daneben besuchte er Veranstaltungen der Philosophischen Fakultät als Gasthörer an der Freien Universität Berlin. Von 1962-1965 lebte Michael Krüger als Buchhändler in London. 1966 begann seine Tätigkeit als Literaturkritiker. Zwei Jahre später, 1968, übernahm er die Aufgabe des Verlagslektors im Carl Hanser Verlag, dessen Leitung er im Jahre 1986 übernahm und bis 2013 innehatte. Seit 1981 war er Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente. 1972 veröffentlichte Michael Krüger erstmals seine Gedichte, und 1984 debütierte er als Erzähler mit dem Band Was tun?…

