home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Verleihung des 20. Ilse-Hannes-Preis an die Bildhauerin Wanda Pratschke im Nebbienschen Gartenhaus

Wohlverdient und Unbesiegbar

Kulturdezernentin Ina Hartwig gratuliert, Kunsthistorikerin Hanneke Heinemann laudiert

Im sonnendurchströmten Nebbienschen Gartenhaus wurde am am 24.06.2026 die Ausstellung „Die Wohlverdiente“ mit den Skulpturen und Zeichnungen von Wanda Pratschke eröffnet. Verbunden damit war die Verleihung des 20. Ilse-Hannes-Preises. Die diesjährige Preisträgerin verkörpert ideal die Konzeption des Ilse-Hannes-Preises, der ältere Künstlerinnen und Künstler mit einem qualitätsvollen Werk auszeichnet, die in Frankfurt und Umgebung wohnen und arbeiten und nicht durch z.B. eine Professorenpension abgesichert sind. Kulturdezernentin Ina Hartwig, vertreten durch die Frankfurter Kulturamtsleiterin Sybille Linke, gratulierte der Bildhauerin Pratschke und dankte der Künstlerin im Namen der Stadt Frankfurt. Die Kunsthistorikerin Hanneke Heinemann hielt bei der Feierstunde die Laudatio.

Dr. Andreas Hansert, Vorstand der Ilse Hannes-Gesellschaft, begrüßte die Preisträgerin und führte in den Preis ein, Foto: Barbara Walzer

Und hier die Laudatio der Kunsthistorikerin Dr. Hanneke Heinemann:

Eine Kurzformel, die Wanda Pratschke als Person und ihr künstlerisches Werk zusammendampft, bestände aus nur einem Wort:

Wanda Pratschke Bildhauerin  (!!! mit mindestens 3 Ausrufezeichen) . Sie ist „Bildhauerin durch und durch“ – wie sie selbst sagt – und Form, Figur, Volumen und Raum sind ihr tägliches Denken und Tun.

Einige Zahlen stecken den weiteren Rahmen ihres künstlerischen Wirkens ab: 65 Jahre in Frankfurt (zunächst als Bühnenbildnerin, recht bald dann als freie Künstlerin), 40 Jahre in ihrem Atelier in der Ostparkstraße und viele nicht zu übersehende Skulpturen von ihr im Stadtraum Frankfurt und Rhein-Main: Ihre „Schöne“ (von 1987/88) empfängt die Fluggäste im Terminal 1 direkt nach der Gepäckausgabe, ihre etwas früher entstandene „Betty“ steht etwas weiter in den Wallanlagen.

Kurze Zeit darauf entstand die „Große Liegende“ vor dem Landratsamt in Hofheim. Ihre noch einmal neu aufgefasste „Große Liegende“ von 2010 hat nun in der Dienstvilla des Hessischen Ministerpräsidenten Platz gefunden. – Ganz frisch enthüllt ist der liegende Kopf „Traum II“, der nun im Rosengarten des Universitäts­klinikum steht.

Wanda Pratschke ist nicht nur in Frankfurt präsent.

Im Publikum waren auch viele Preisträger und -trägerinnen aus früheren Jahren anwesend wie Nicole van den Plas, Dorothee Rocke, Birgit Luxenburger und Bernd Fischer, Foto: Barbara Walzer

Weibliche Figuren, mehrmals eine „Große Liegende“ – das hört sich wie Wieder­holung an, doch Wanda Pratschke ringt der bildhauerischen Befragung ihrer Themen immer wieder neue Formen und Lösungen ab. Selbst in einem Alter, in dem andere sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückziehen, sucht sie nach etwas Neuem, kehrt an den Anfang zurück und unterzieht ihr bisheriges Schaffen einer künstlerischen Neuuntersuchung.

Sie will dabei bewusst bisheriges Wissen ausblenden und neue Lösungen zu Fragestellungen finden, die sie seit Anbeginn bewegen. Sie sucht nach dem Zeitlosen, nach einem stimmigen Werk, das Abbild ihres künstlerischen Sehens und Fühlens ist.  Ihre Augen und ihre Stimme strahlen, als sie erzählt, wie ihr genau das nach vielen vorbereitenden Zeichnungen und Arbeiten mit dem Modell der „Schönen“ gelungen ist. Dieses Modell, das in nur 3 Tagen entstanden ist, hat sie mitgebracht. Man spürt das Glücksgefühl des gelun­genen Wurfes, wenn man vor ihr steht.

Dieses Prinzip von Wanda Pratschkes Arbeit, ihr Wissen auszuklammern und sich nicht mehr auf Vorhandenes stützen zu wollen, lässt uns den Typ „Sesselfrau“ wieder­erkennen, nun allerdings in einem anderen Ansatz. Diese andere Auffassung von Volumen ist verbunden mit einer neuen, lebendigen Oberflächengestaltung.

Wanda Pratschke, Die Wohlverdiente, Foto: Barbara Walzer

In diesem Abwägen von Volumen, Haut und Raum sucht und findet die Bildhauerin das Wesen der Figur. Dieses ergibt sich nicht einfach so – viel Zufall ist ebenfalls in diesem Schaffensprozess dabei. Und es steckt in ihm eine nicht zu verleugnende, fortwährende Beschäftigung mit künstlerischen Fragestellungen – sei es in Zeich­nungen, kleinen Modellen oder den großen Skulpturen –,  die eine hohe geistige und mentale Präsenz erfordern. Der manchmal eigenwillige Wider­stand des Materials gibt Zeit zur Reflexion. Und vergessen wir nicht, dass die Bearbeitung der Gips- und Tonmodelle auch viel Schweiß und körperliche Anstren­gung erfordert.

Wer Wanda kennt bzw. ihr auf den Social Media folgt, weiß, wie selbstkritisch und kompromisslos sie in diesem Prozess ist und sie einen bereits eingeschlagenen Weg auch wieder verwerfen kann. Dabei landen ältere, nicht mehr für stimmig und überzeugend gehaltene Arbeiten im Schmelztiegel, um in einer neuen Skulptur wieder aufzugehen. – So postete sie im letzten Jahr offen und freimütig zur „Wohl­verdienten“ lapidar: „Leider ist der erste Versuch fehlgeschlagen. Ich fange neu an.“

Dankesworte der Preisträgerin Wanda Pratschke,  Foto: Barbara Walzer

Auf dem großen Foto hier mit dem Jetztzustand der Skulptur sehen wir, dass der Neuanfang sich gelohnt hat, es war die richtige Entscheidung. Aber noch ist sie nicht fertig. Ihr Dialog mit der Form geht weiter – die Bildhauerin wird noch viele Stunden diszipliniert im Atelier an der Figur Masse wieder abtragen, abschlagen und wieder neu ergänzen, bis sie zufrieden ist.

Viele der Skulpturen, gerade die aus den letzten Jahren, haben kompakte Formen, die eine sofort spürbare Präsenz im Raum haben, und Volumina, die in der menschlichen Figur Rhythmen bilden und zum Schauen und Tasten einladen. Um einen konzentrierten Kern bewegen und spannen sich Formen und bilden dabei weitere Schwerpunkte aus.

So lebt die „Wohlverdiente“ von der Spannung eines starren, wenn auch mit Run­dungen versehenen Sessels, in dem eine Frau mit unter­geschlagenem Bein und zwei locker abgelegten Armen sitzt. Es sind keine Gegensätze, denn die Formen des Sessels werden in der Figur wieder aufgenommen und weitergeführt. Dabei spürt man in den unterschiedlichen Ansichten unterschiedliche Ausdrucksformen. Wirkt sie von vorne vergleichsweise lässig, hat die Seitenansicht etwas von der Majestät einer thronenden Figur. – Diese Mehransichtigkeit ist Skulptur pur.

Häufig wird bei diesen Figuren ein Bezug zu einem Berg hergestellt. – Berg nicht nur wegen des massiven Volumens, sondern auch wegen der erdhaften Anmutung der Oberfläche.
Der Impuls zu dieser neuen Sichtweise auf die Oberfläche kam aus der Beschäftigung mit Hans Josephsohn, dessen große, fast abstrakt wirkende Bronze­köpfe in der Ausstellung 2008 im MMK auch auf mich einen großen Eindruck gemacht haben. Seitdem arbeitet Wanda Pratschke hauptsächlich mit Gips. In der plastischen Textur der Oberflächen lassen sich Prozesse der Bearbeitung nach­vollziehen. Sie fügt immer wieder Material hinzu, um es dann wieder zu entfernen.

 In der Ausstellung ist ein Querschnitt ihres Schaffens zu sehen,  Foto: Barbara Walzer

Die raue, teilweise zerklüfte Oberfläche entstand dabei nicht als bloße Endbear­beitung, sondern als sichtbares Ergebnis dieses Suchprozesses, in dem nicht nur Schauen, sondern auch der Zufall eine Rolle spielt. Sie bricht die Oberfläche auf, bzw. bildet sie mit Gipsplättchen neu, und materialisiert so die Lebendigkeit des Prozesses. – In ihnen fließen Konstruiertes, Demontiertes und Verbindendes zusammen und geben der Oberfläche eine neue Qualität.

Hatte sie bis vor kurzem ihre Bronzen gerne noch edel patiniert, um der Skulptur einen dunklen, einheitlichen Abschluss zu geben, lässt sie in ihren heutigen Bronzen gerne die Spuren des Gusses stehen und lässt die unterschiedliche Farbig­keit und Textur des abgekühlten Metalls und auch die noch schwer zu entfernende Schamotte weitgehend stehen.

So erscheint die Figur nicht in einem abgeschlos­senen, idealen Zustand, sondern wie eine Momentaufnahme in einem vielleicht noch andauernden Prozess. Den Moment der Geburt der Figur aus Feuer und Erde wird so zeitlos festgehalten. Es bringt in die Figuren eine Erinnerung an den Ursprung aus der Natur hinein, eine Dimension, die ihnen eine weitere Tiefe verleiht. – Es ist ein altersweiser Blick, der sich durchaus der Begrenztheit des menschlichen Wollens bewusst ist und das darin eingeschlossene gesund­heitlich- und altersbedingte Nachlassen der Kräfte einbindet.

In einem Interview zu ihrem 75. Geburtstag wurde Wanda Pratschke nach den Plänen für ihre Zukunft gefragt, was sie noch vorhabe. Sie antwortete kurz und knapp: „Großes!“

Liebe Wanda, wir sehen, dass du weiterhin an Großem arbeitest. An dieser Disziplin, deiner mentalen Fitness und Deiner nicht enden wollenden Leidenschaft für die Bildhauerei sollten wir uns ein Vorbild nehmen.

Einen von Herzen kommenden Glückwunsch auch von mir für die Skulpturen, die Leben und Form auf eine so unnachahmliche Art verbinden. Der Ilse-Hannes-Preis 2026 an Wanda Pratschke ist wohlverdient und wird sicherlich ein weiterer Ansporn sein, weiterhin „Großes!“ zu verwirklichen und uns damit zu bereichern. – Herzlichen Glückwunsch und weiterhin ein gesegnetes Schaffen.

Geradezu märchenhaft ist der Charme des Nebbienschen Gartenhauses, Foto: Barbara Walzer

Rede I Ina Hartwig lse-Hannes-Preis_Wanda Pratschke

Nebbiensches Gartenhaus
Bockenheimer Anlage 3,
60322 Frankfurt

Ausstellungsdauer:
25.06 – 05.07.2026
Öffnungszeiten:
Mi – So 12 – 18 h

Erreichbarkeit: 
Parkmöglichkeiten:
Parkhaus Alte Oper, Parkhaus Börse
U-Bahn Station Eschenheimer Tor ( U1, U2, U3, U8)
(In der Parkanlage hinter dem Hilton Hotel, zwischen Alte Oper und Eschenheimer Turm)

 

Hintergrundinformationen zur Ilse-Hannes-Gesellschaft

Wer war Ilse Hannes? Sie war eine Künstlerpersönlichkeit, die Frankfurt durch ihre Arbeiten und ihr engagiertes Wirken in der Kunstvermittlung sehr viel gegeben hat. Ihr Leben und Werk waren entscheidend von der Stadt geprägt, in der ab 1945 ihre eigentliche künstlerische Laufbahn begann und der sie viele Ausstellungen schenkte.

Geboren 1916 in Swinemünde, kam sie nach Kriegsende 29-jährig nach Frankfurt, hier schulte sie sich zunächst autodidaktisch, später studierte sie an der Werkakademie in Kassel und belegte Farbkurse beim Bauhauskünstler Johannes Itten.

In den 60er Jahren studierte sie Radiertechnik in Paris. Aber immer wieder zog es sie nach Frankfurt zurück, auch um hier im Unterricht an höheren Schulen etwas von ihrer Kunst zu vermitteln. Damit hat sie sich große Verdienste in der Kunstpädagogik und die Anerkennung und den Respekt ganzer Schülergenerationen erworben.

Ihr reiches Œuvre, das Zeichnungen, Ölgemälde, Radierungen und Collagen umfasst, fasziniert bis heute. Aus Anlass ihres 90. Geburtstags wurde 2006 im Frankfurter Karmeliterkloster eine große Retrospektivausstellung gezeigt. Nur wenige Wochen nach dieser Retrospektivausstellung verstarb Ilse Hannes.

Noch zu Lebzeiten hatte sie einen Kreis von Freunden zur Gründung der nach ihr benannten Ilse-Hannes-Gesellschaft veranlasst und zum Erben ihres Nachlasses eingesetzt. Die Gesellschaft heißt mit vollem Namen: „Verein zur Förderung der Kunst und des Werkes von Ilse Hannes e. V.“

Traditionell verleiht die Ilse-Hannes-Gesellschaft ihren Kunstpreis  im Juni – im Monat, in dem die Künstlerin Ilse Hannes, deren Name und Wirken mit dieser Auszeichnung verbunden sind, geboren wurde. In diesem Jahr wäre es ihr  110. Geburtstag  gewesen.

Dank eines Zuschusses der Stadt konnte in diesem besonderen Jahr das Preisgeld verdoppelt werden. Wanda Pratschke nahm ihn dankbar entgegen – es wäre der erste Preis, für den sie vorgeschlagen wurde, erstaunlich angesichts der Präsenz ihrer Skulpturen im Stadtbild und dem Renommee bei Sammlerinnen und Sammlern.

 

 

Comments are closed.