Pina Bausch revisited: „Nelken“ und „Sweet Mambo“in Wuppertal
Immer noch anrührend. Immer noch großartig.
Von Simone Hamm
Behutsam schreiten die Tänzer durch ein Meer aus Nelken, darauf bedacht, keine Blume zu zertreten. Am Ende des Abends werden die 8000 Nelken niedergetrampelt sein. Peter Pabst hat viele wunderbare Bühnenbilder geschaffen. Das für „Nelken“ ist sein berühmtestes.

Das Wuppertaler Ensemble in „Nelken“, einem Stück von Pina Bausch. Foto: Laszlo Szito
Richard Tauber singt :„Schön ist die Welt, wenn das Glück Dir ein Märchen erzählt.“ Aus der Operette von Franz Lehar.
Männer ziehen ihre Anzüge aus, Kleider an und hoppeln wie Kaninchen durchs Nelkenfeld. Reginald Lefebvre tanzt ein Solo zu Sophie Tuckers „The man in love“ – mit Gebärdensprache. Ein hoffnungslos verliebter Mann erträumt sich ein kleines Idyll. Doch der Abend läuft auf etwas anderes hinaus.
Spätestens, als Schuberts Variationssatz au dem Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ erklingt, wird klar, dass es diese Idylle nicht geben kann, nur den Traum davon.

Simon Le Borgne, Foto: Evangelos Rodoulis
Stühle werden herein- und wieder heraus getragen. Das hat fast etwas Manisches. Frauen in edlen Kleidern wippen auf Tischen auf und ab. Männer springen von Gerüsten auf Stapeln von Kartons. Naomi Brito läuft als Akkordeonspielerin in Unterhosen durch die Blumen.
Liebe ist gefährlich. Liebe ist grausam. Männer mit Schäferhunden bewachen das Nelkenfeld. Überhaupt sind die Männer in Pina Bauschs „Nelken“ meist mächtig, ja brutal. Andrey Berezin fragt nach den Pässen der Tanzenden. Das hat, gerade heute, etwas Beklemmendes.
Die Tänzer und Tänzerinnen erklären, warum sie Tänzer geworden sind: Weil ich nicht zum Militär gehen wollte. Weil ich mich in eine Tänzerin verliebe habe. Es war Zufall.
Und dann tanzen sie wieder, als ginge es um ihr Leben. Und vielleicht ist das ja auch so.
„Sweet Mambo“
„Sweet Mambo“ von Pina Bausch aus dem Jahre 2008 wird wieder am Wuppertaler Theater gezeigt.
Weiße Stoffbahnen wehen im Hintergrund. Alte Schwarzweißfilme, hier eher grau, laufen. Das wirkt, als befänden sich die Tänzer und Tänzerinnen in einem Traum. Das kann ein feiner, filigraner Traum sein oder ein Albtraum. Beides zeigen sie.

Das Ensemble in ‚Sweet Mambo‘ – Foto:Laszlo Szito
Männer ziehen Frauen hinter den Vorhang – zurück oder hervor, ergreifen sie wie Puppen und drehen sie.
Wie bringt man ein Stück von Pina Bausch auf die Bühne, wenn zwei der wichtigsten Tänzer nicht dabei sein können? Die große Julie Shanahan konnte nicht auftreten, Reginald Lefebvre hatte sich verletzt.
Julie Shanahan ist eine der sechs Tänzer innen, die schon bei der Uraufführung dabei waren und noch immer „Sweet Mambo“ tanzen. Mit Andrey Berezin, Daphnis Kokkinos, Nazareth Panadero, Julie Anne Stanzak und Aida Vainieri stehen noch weitere fünf Tänzer auf der Bühne, die vor achtzehn Jahren bei der Premiere dabei waren, Tänzer, die das Pina Bausch Ensemble entscheidend geprägt haben. Sie sind inzwischen Mitte fünfzig bis Ende sechzig und immer noch grandios.
Reginald Lefebvre ist Mitte dreißig und tanzt viele wichtige Rollen in diversen Bausch Choreografien. Tänzer wie er und Naomi Brito fügen sich perfekt ins Ensemble ein. Dennoch: Ich habe Julie Shanahan und Reginald Lefebvre sehr vermisst.Denn in „Sweet Mambo“ teilen die Tänzer sehr persönliche Momente miteinander und mit dem Publikum.
Sie treten meist einzeln nacheinander auf, sind Solisten. Sie verkörpern Einsamkeit, Sehnsucht, Ängste. Und dann wieder Lebenslust, Tanzeslust. Männer ziehen Frauen hinter den Vorhang zurück oder hervor, ergreifen sie wie Puppen ergreifen und drehen sie.

Julie Anne Stanzak und Andrey Berezin. ‚Sweet Mambo‘, Foto: Karl-Heinz Krauskopf
Tänzerinnen in fließenden Roben, in weißen und schwarzen Abendkleidern trinken aus Sektflöten. Naomi Brito sagt laut ihren Namen. Den sollen wir nicht vergessen.
Maria Giovanna Delle Donne, die einige Parts von Julie Shanahan übernommen hat, rennt über die Bühne, wird von zwei Männern ergriffen und zurückgetragen. Wieder und wieder. Bei jedem Mal wirkt sie verzweifelter.
Drei Tänzerinnen bieten Tänzern ihren nackten Rücken dar. Die schlecken daran. Andrey Berezin gibt den kühlen, ziemlich emotionslosen Kerl. Alexander López Guerra, ist im wahrsten Sinne des Wortes eingesprungen für den verletzten Reginald Lefebvre. Er zeigt ein großes, sehr artistisches Solo, wirbelt auf der Bühne herum.
Es gibt keine großen Erzählungen, keine großen Gruppenchoreografien. „Sweet Mango“ – das sind kleine Splitter einer Geschichte, die sich in den Köpfen der Zuschauer zusammensetzt.
