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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Manouche-Jazz über den Dächern der Stadt beim Düsseldorfer Schumannfest

Heimat – eine Erinnerung, ein Klang, der uns vereint?

Von Angelika Campbell

Was bitte war da los beim Skyline Konzert IV Ende Juni, das im Düsseldorfer Hochhaus Forty Four sein Publikum von den Sitzen riss? Reflexionen über einen der zahlreichen Höhepunkte des Schumannfests 2026, bei dem der österreichische Violinist Benjamin Schmid und sein Jazz Quartett auftraten – virtuos, hochprofessionell, cool und gut gelaunt.

Skyline Konzert IV im Hochhaus Fourty Four mit herrlichem Blick auf die Stadt,  Foto: Voßhenrich/Schumannfest 

Meine Güte, der Asphalt glüht, 40 Grad! Ich schleppe mich über die Roßstraße, Fächer in der linken, Wasserflasche in der rechten Hand. Wäre ich nicht besser zu Hause geblieben? Aber da ist ja schon das Bürohaus Rolandstraße 44! Mit dem Fahrstuhl in den achten Stock, hin zu den Räumlichkeiten des Sponsors die developer, einem bekannten Düsseldorfer Projektentwickler. Angenehm klimatisiert, es gibt gekühlte Getränke. Der Blick über die Stadt von drei Seiten aus ist umwerfend. Da, der Rhein, da, der Flughafen, da, die Johanneskirche! Und wo ist jetzt Oberkassel, wo die Innenstadt?

Julian Wohlmuth, Martin Heinzle, Diknu Schneeberger und Benjamin Schmid, Foto: Voßhenrich/Schumannfest 

Die schicke Hochhaus-Location entspricht dem Konzept des Schumannfestes, das in diesem Jahr mit 40 Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Spielorten die Musik von Robert und Clara Schumann, ihrer Ahnen und ihrer Erben gefeiert hat. Düsseldorf wurde wieder zur Musikstadt, die man mit offenen Ohren erkunden konnte – vom Konzertsaal hinaus in die Straßen, über Brücken, Plätze und Ufer. Intime Liederabende und große Symphonik, Pop-up-Konzerte in der Altstadt und pulsierende Sessions im Jazzclub, eine Gruselnacht in der Kirche und eben jene Skyline-Konzerte über den Dächern der Stadt – alles ging!

Jedenfalls, das Skyline-Konzert IV beginnt, aber ich bin noch nicht so recht angekommen. Die ersten beiden Stücke plätschern eher locker an mir vorbei, instrumentaler Jazz halt, kein Gesang. Aber dann, auf einmal macht es Klick. Ich höre, ich fühle – und ich staune! Bringt mich diese Musik auf eine Zeitreise? Ich sehe plötzlich ein Pariser Tanzlokal in den 1930er Jahren vor mir, das Bal Bullier vielleicht oder das mondäne Chez Florence. Dort traten der Sinto Django Reinhardt und seine Band mit Jazz-Manouche auf, einer rein akustischen Spielart des Swing, die heute als der erste in Europa entstandene Jazzstil gilt. Begleitet wurde Reinhardt häufig vom Geiger Stéphane Grappelli, seinem kongenialen Partner, mit dem er auch im legendären „Quintette du Hot Club de France“ am Montmartre spielte.

Wer wohl ging damals zu den Auftritten dieser Vollblutmusiker– und mit Django Reinhardt, aufgewachsen in einer Roma-Wohnwagensiedlung am Stadtrand von Paris, einem Mann, der mit zwölf Jahren seine Karriere als Profi begann? Das Neue und Besondere an seiner Musik war die Mischung aus drei verschiedenen Musikstilen, dem New-Orleans-Jazz der 1920er Jahre, den französischen Valses musettes und der traditionellen Spielweise der Sinti. Wer im Paris des Art déco hörte das so gern? Ich stelle mir junge Männer mit Menjou-Bärtchen und gegeltem Haar vor, dunkle Anzüge, Krawatte, Zigarette im Mundwinkel. Sie stehen um die Bar herum, schnippen mit den Fingern und nicken ein wenig im Takt der Klänge von der Bühne, bewegen sich aber ansonsten nur verhalten. Die Demoiselles sind da aktiver: Sie schwenken die weiß bestrumpften Beine und hochhackigen Spangenschuhe, schütteln ihre Bubikopffrisuren, lassen die Fransen an ihren schockierend kurzen Kleidern vibrieren. So feiern sie die neue Freiheit der Frau, während ihre Mütter zu Hause im noblen 16. Arrondissement die Hände ringen und verzweifelt auf die Rückkehr der unartigen Töchter warten…

Dikknu Schneeberger (Gitarre) und  Benjamin Schmid (Geige), Foto: Joshua Voßhenrich / Schumannfest

Doch genug der Nostalgie. Denn Benjamin Schmid mit Supertalent Diknu Schneeberger an der Gitarre, Martin Heinzle am Bass und Julian Wohlmuth an der Rhythmusgitarre haben den klassischen Gypsy-Jazzsound genial weiterentwickelt. Sie nutzen ihn als Grundlage für hinreißende moderne Soli und schaffen so eine Verbindung zwischen der damaligen Invention und dem heutigen Jazz. So haben die trotz der extrem hohen Temperaturen zahlreich erschienenen Musikfans das Vergnügen, zwei Stunden mit swingendem Jazz voller Spielfreude und packenden Improvisationen zu erleben. Sie merken: Dieser Sound passt in unsere Zeit! Er begeistert mit Interpretationen von Stücken nicht nur von Django Reinhardt, sondern u. a. auch von Cole Porter, Niccolo Paganini, Kurt Weill und Fritz Kreisler.

Ich weiß jetzt nicht, welchen der Musiker da vorne ich am meisten bewundern soll. Diknu Schneebergers Soli an der Gitarre lassen mir den Atem stocken, Martin Heinzle am Bass sorgt mit dem dunklem Pochen der Saiten für Gänsehaut, Julian Wohlmuth feuert mit den starken Rhythmen seiner Gitarre die Kollegen richtig heftig an. Er macht lässig den Job, den bei den meisten Jazz-, Rock- und Popmusik-Gruppen das Schlagzeug übernimmt – typisch für Django Reinhardts Gypsy-Jazz,

Und dann: der Chef vons Janze, Benjamin Schmid! Aber nein, er ist nicht nur ein netter Musikus, der uns an einem heißen Sommerabend mit seiner Geige fasziniert und verzaubert, sondern viel mehr als das: ein weltbekannter Violinist mit einer großen Bandbreite von Klassik bis Jazz, Schwerpunkt Mozart. Im Rahmen des diesjährigen Schumannfests in der NRW-Landeshauptstadt hat Schmid insgesamt vier Skyline-Konzerte gestaltet, die heute mit einer Jazz-Ausgabe enden. Bei den vorherigen Konzerten waren Werke von Robert Schumann zu hören (wohl selbstverständlich, denn schließlich wird ein Schumannfest begangen!), außerdem Kompositionen von Gustav Mahler, Beethoven, Bach und anderen Koryphäen der klassischen Musik.

Einfach genial und cool dazu – der Violinist Benjamin Schmid, Foto: Voßhenrich/Schumannfest 

Muss so ein Promi, vielfach ausgezeichnet und bekannt in den Konzertsälen von Salzburg, Wien, London, Amsterdam, Leipzig und Zürich, nicht absolut arrogant und schrecklich abgehoben sein? Nein, ist er nicht! Nach Standing Ovations und Zugabe will ich vor den Heimweg noch einen Rundblick über Düsseldorf im Sonnenuntergang genießen und treffe den Maestro auf dem Weg zu den Fenstern. Ich klatsche instinktiv in die Hände, als ich ihn sehe, und bedanke mich bei ihm für einen großartigen Abend. Wir kommen locker ins Gespräch und plötzlich will ich wissen, warum seine Finger nicht vom Geigenspiel total lädiert sind. Was für eine blöde Frage!

Aber Herr Schmid lacht nur, hält zur Demonstration seine (unversehrten) Hände hoch und meint: „Ach, wissen Sie– alles nur Übung!“

 

Das Schumannfest 2026 (6. bis 26. Juni 2026)

stand unter dem Motto „HEIMATEN“ mit Fragen wie: Was bedeutet Zuhause heute? Ist es ein Ort – oder eher eine Erinnerung, eine Beziehung, eine Stimme, ein Klang? Im Dialog von Robert und Clara Schumann mit heutigen Stimmen stellte sich das Festival u.a. die Frage  wie Musik Heimaten bewahren, hinterfragen oder neu erfinden kann.

www.tonhalle.de

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