„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“. Regina Schillings schillerndes Filmporträt
Eine poetische Spurensuche: doppelgesichtig, modern und visionär
Von Petra Kammann
Anlässlich des 100. Geburtstags am 25. Juni 2026 von Ingeborg Bachmann entstand mit der Schauspielerin Sandra Hüller und der Regisseurin Regina Schilling ein filmisches Porträt von einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Hüller nähert sich der „Poetessa“, die ihre letzten Jahre in Rom verbringt, fast traumwandlerisch durch zeitgenössisch improvisierte Szenen an. Das so entstandene komplexe Porträt mit dem kenntnisreich zusammengestellten Archivmaterial, mit Interviewauszügen und Bachmanns eigenen Texten wie auch der unnachahmliche Bachmann-Sound im Background machen die Zerbrechlichkeit und die Kraft einer Künstlerin spürbar, deren Werk bis heute eine visionäre Wucht besitzt.

Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) hört Musik und tanzt beschwingt dazu am Ufer des Tibers in Rom.
Es muss sich – frei nach Kleist – um eine beflügelnde, „allmähliche Verfertigung der Gedanken“ beim Dreh gehandelt haben, die aus der konstruktiven freien Zusammenarbeit von Sandra Hüller und Regina Schilling entstanden ist. Als Hüllers Zusage und die passende Wohnung in Rom gefunden war, schien alles wie von selbst zu laufen. Hüller wollte nicht Bachmann spielen, nicht die historische Person darstellen und ihre Texte dabei rezitieren. Dennoch las sie zunächst die entscheidenden Texte ein und entschied sich dafür, diese mit dem Knopf im Ohr auf sich wirken zu lassen und in Gesten zu verwandeln. Sowohl Schilling als auch Hüller konnten während des 8-tägigen Drehs in Rom das Voice over hören und vor Ort an den Ufern des Tibers und den verborgenen Städten des antiken Roms dem Bachmann-Texten neue Bedeutungen zumessen.

Regina Schilling bei der Vorpremiere im Frankfurter Arthouse-Kino Cinema, Foto: Petra Kammann
Für Schilling war Bachmanns Aussage zum Roman „Malina“, den sie seit ihrer Jugend im Kopf mit sich herumtrug, ausschlaggebend:„Malina ist weniger eine Autobiographie als der geistige Prozess eines Ichs, aber nicht das Erzählen von Privatgeschichten und ähnlichen Peinlichkeiten“. So wurde auch der Film jenseits des Drehbuchschreibens für sie selbst eher zu einem geistigen Prozess…
Ja, und warum hat sich Schilling ausgerechnet für die unerklärliche Dreiecksgeschichte des Romans „Malina“ als wesentliche Grundlage des Films entschieden, galt Bachmann doch vor allem in der Nachkriegszeit als die Lyrikerin schlechthin? In diesem Roman, einer Komposition aus inneren Monologen, Märchen, Briefen, fiktiven Dialogen und Telefonaten, schildert die namenlose Erzählerin ihre tragische Liebesgeschichte zu zwei Männern – zu ihrem schönen unerreichbaren Geliebten Ivan, der sie aber faszinierte, und ihrem Gefährten Malina, dem nüchternen Militärhistoriker, mit dem sie die Wohnung teilt… mit der Folgeerkenntnis, dass die Einsamkeit dessen, der liebt, Teil der Geschichte ihrer Selbstfindung ist.
Nicht genug damit. Bachmanns rätselhafter Liebesroman, dem auch der Titel der Filmerzählung „Jemand, der einmal ich war“ entlehnt ist, endet mit dem berühmt gewordenen brutalen Satz „Es war Mord“, der auch gegen Ende im Film auftaucht, jedoch ganz unpathetisch. Er bezieht sich weniger auf eine Feststellung eines kriminellen Vergehens, als vielmehr auf ein Zitat aus dem Jahr 1960, wo Bachmann von der Sprache als „Mordversuch an der Wirklichkeit“ spricht. Zwar weist der Roman viele autobiografische Züge und möglicherweise erlebte Gewalterfahrungen auf, gilt aber auch heute noch als Zeugnis weiblicher Identitätssuche in Bachmanns ambivalenter Beziehung zu Männern, die sie in ihrem Roman Malina auf märchenhafte Weise verwob.

Plakat mit der Doppelgesichtigkeit Bachmanns
Natürlich ist der Film nicht chronologisch, sondern eher assoziativ angelegt. Zunächst geht es geradezu sprunghaft und bruchstückhaft mit einzelnen Szenen quer durch Bachmanns Leben. Mal sehen wir sie, behütet von ihrem Nazi-Vater, hinten auf dem Fahrrad sitzen, der sie durch die weiten Felder Kärntens fährt.
„Beim Rudern sich vom Wasser getragen fühlen. Von früher träumen, als man hinten auf Vaters Rad saß und es in die Fremde ging. Der Aufbruch ins Neue. Von Klagenfurt nach Italien. Wie beschwerlich, wie wunderbar. Überhaupt Italien. Das andere Land, das eigentlich Begehrte, in dem man anders lebte. Der Klang der Sprache schon bald vertraut. Die Sonne stand steiler. Die Märkte waren üppiger. Die Menschen lauter. Die Wanderungen voller Entdeckungen“, sagte Bachmann rückblickend über ihre Kindheit in Klagenfurt und ihren Wunsch, in der Fremde zu leben.
Dann wieder geht es um die ersten Bomben, die im Zweiten Weltkrieg über ihrer Geburtsstadt Klagenfurt niedergingen und von dem Kind als feurige Christbäume angesehen wurden, die tiefe Spuren der Gewalt, ein langes Schweigen und Traumata hinterlassen.
Mal erleben wir die Schriftstellerin, wie sie in ihrer Wienerischen Wohnung in Rom einzelne Sätze fast trotzig in die Schreibmaschine hackt und um Worte ringt, wozu ihre radikale Aussage passt: „Ich werde es erzwingen, dass die Wand sich öffnet“… Oder :„ich bin nicht, wenn ich nicht schreibe.“ Und dann wieder sachlich resümierend: „Ich schreibe, dazu brauch ich Papier, Feder, eine Schreibmaschine, einen ausgeschlafenen Kopf, und der Rest ist Arbeit“.
Diese Erkenntnis zieht sich durch die gesamte Filmerzählung und ist für eine Frau ihrer Generation alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Unbeirrbar glaubte Bachmann an die Magie der Worte. Und immer liegt eine melancholische Grundstimmung über dem Film, in dem die tieftraurigen dunklen Augen aus Bachmanns flächigem Gesicht herausstechen und einen anschauen. Aber es gibt auch immer wieder gelöste, heitere Momente in ihrem Verliebtsein oder an den Höhepunkten ihres Erfolgs als Schriftstellerin.

In Frankfurt traf Schilling auf die Kulturdezernentin sowie Bachmann-Biografin Ina Hartwig („Wer war Ingeborg Bachmann?“), Foto: Petra Kammann
Wir erleben sie, nachdem sie sich im Wien der Nachkriegszeit im wahrsten Wortsinn hoffnungslos in Paul Celan, einen staatenlosen Juden aus Czernowitz, der den Holocaust überlebte und dessen Eltern in deutschen Konzentrationslagern umgebracht worden waren, verliebt hat. Dem war wegen des Aufeinanderprallens so verschiedener Welten zwischen 1948 und 1961 ein jahrelanger Briefwechsel – gewissermaßen gegen das Schweigen – gefolgt, der indirekt im Film mitspielt. Lediglich eine kurze Begegnung zwischen Celan und Bachmann in Niendorf an der Ostsee wird angedeutet, wo 1952 die Gruppe 47 tagte, was der Lyrikerin zwar zu Ruhm verhalf, aber persönlich für sie in einer Katastrophe endete. Die verletzende Konkurrenz zweier Dichter wird im Film nicht auserzählt, wie vieles in der Schwebe bleibt. Diese Beziehung wird vor allem durch die Songs der bekannten Wiener Sängerin Anja Plaschg (Soap&Skin) heraufbeschworen.
Anhand von aussagekräftigem Archivmaterial erleben wir die damaligen Heroen der Gruppe 47 und in den darauf folgenden Jahren, vor allem Männer, welche die Nachkriegsliteratur wesentlich bestimmten und die für die junge Dichterin bedeutsam wurden. Filmisch erlebt man sie förmlich live durch eingespielte Dokumentarszenen wie den Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der überzeugt ist, dass Frauen nicht für die Schriftstellerei gemacht seien, allenfalls nur wenige für die Lyrik. 1972 schreibt er gnadenlos über ihren Prosaband „Simultan“, Bachmann sei eine „gefallene Lyrikerin“ , dann sehen wir den oberlehrerhaft “ Die gestundete Zeit“ analysierenden Walter Jens beim Dozieren zu, ein anderes Mal lauschen wir den Worten des legendären Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld – lauter Szenen, die wegen des damit verbundenem Pathos und der Heftigkeit nicht einer gewissen Komik entbehren.
Als Bachmann in Rom lebte und dort für Radio Bremen und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung als Korrespondentin arbeitete, hatte sie inzwischen Literaturpreise bekommen, nicht zuletzt den begehrten Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen. Ihr Gedichtband Die gestundete Zeit hatte ein großes Publikum begeistert, später auch die „Anrufung des Großen Bären“. Für weitere Popularität sorgte 1954 Der Spiegel, der ihr Gesicht wirkungsvoll auf seiner Titelseite präsentierte. Sie wurde zu einer Art Pop-Dichterin gekürt. Im Sommer 1955 war sie Stipendiatin der Harvard Summer School gewesen, in Cambridge hatte sie Siegfried Unseld, ihren späteren Verleger, kennengelernt und pflegte eine Art Freundschaft mit dem Programmdirektor der Summer School Henry Kissinger. Kurz: Sie war gefragt, vielfach beschäftigt und weltgewandt, was man in dieser Zeit Frauen nicht zutraute…
Ihr Selbstbewusstsein spiegelt Sandra Hüller auf zeitgenössische und völlig unprätentiöse Weise, wenn sie etwa kerzengerade mit dem E-Roller durch die alten Gassen saust, wenn sie an den Ufern des Tibers tanzt, wenn die Einsame sich zum Schluss im Nachtleben Roms herumtreibt und sich entsprechend ausgiebig dafür schminkt. Dann in den befreienden Szenen am Meer oder in der etruskischen Nekropole Ceveteri, in der sie sich verkriecht und – wie mehrfach nach Panikattacken – auf den Boden legt. Und immer wieder spielt sie ganz heutig in Szenen voller Selbstzweifel über ihre Identität. Mal spielt sie in weiblich schwingenden Kleidern mal im männlich strengen Hosenanzug und stellt sich die Frage, ob sie etwas Dimorphes sei. Dann wieder sieht man sie am Boden liegend und um Atem ringend, einmal liegt ein Handy auf ihrer Brust.

Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) sitzt, nachdenklich auf das Wasser schauend und rauchend, am Ufer des Tiber in Rom, Foto: Elliott Kreyenberg
Und wiederholt versucht sich die Schriftstellerin an der Liebe wie ab 1958 mit dem Schriftstellerkollegen Max Frisch, mit dem sie zunächst „zwischen Intimität und Öffentlichkeit“ in seinem schweizerischen Zürich und dann gemeinsam in „ihrem“ selbstgewählten Exil in Rom lebt. Auch diese Liebesbeziehung ist zum Scheitern verurteilt, weil für Frisch das Leben „mehr als die Literatur“ ist. Doch „was literarisch entworfen wird, kann lebend niemals eingeholt werden“. Bachmanns Rom stellt für den männlich bewussten Frisch zunehmend eine Überforderung dar. Er verlässt sie, was sie in tiefe Depressionen stürzt, so dass sie einen Totalzusammenbruch erlebt.
Von anderer Natur ist dann die Begegnung mit dem ebenfalls in Italien lebenden Komponisten Hans-Werner Henze. Doch unter ihrer Freundschaft oder Vertrautheit mit dem homosexuellen Henze litt sie ebenso wie unter den mehrfach ins Auge gefassten und nie verwirklichten Heiratsplänen. Eine Freundschaft eben, in der Bachmann sich nicht als Frau fühlen konnte, auch wenn Henze ihren sprachgewaltigen Monolog „Undine geht“ aus ihrem Erzählband „Das dreißigste Jahr“ von 1961 und teils ihre Gedichte teils als Chorphantasien vertonte wie „Die Lieder von einer Insel“. Seine Musik schwebt ganz zart im Hintergrund, so wir auch eine traumhafte Tanzszene der Choregraphin Margot Fonteyn eingeblendet ist. Henze, dem Vertrauten, schreibt sie auch ganz alltagsnah in erschütternd klaren Worten, beispielsweise von ihrem Selbstmordversuch und ihrer Uterus-Operation nach der Trennung von Frisch.
Ihr scharfsinniger Intellekt lässt sie an anderer Stelle sagen: „Ich bin keine Frau. Ich will sagen, ich bin nicht ganz eine Frau. Ich bin ein Irrtum“. Umso inadäquater wirkt die Frage eines Journalisten, der sie fast populärpsychologisch fragt, ob der Beatles-Song „All you need is love“ für sie von Bedeutung gewesen sei. Es liegt ihr, der stilbewussten und eleganten Dichterin so völlig fern, dass sie geradezu unverständig lächelnd darauf reagiert, das sei ihr nicht in den Sinn gekommen.
Interessant dann die kurze Begegnung mit ihrer in Rom lebenden Schriftstellerkollegin Marie-Luise Kaschnitz, der ersten Büchnerpreisträger-in, die ihre begonnene Schreibarbeit ständig aus lebenspraktischen Gründen unterbrechen muss, wie sie im Gespräch bekennt. Bachmann wird die zweite Büchner-Preisträgerin der Nachkreigszeit sein.
Besonders aber auch die Szene, als sie unter lauter blinden kriegsgeschädigten Herren und Politikern im Bonner Bundeshaus 1959 ihre berühmte und vielzitierte Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden für ihr ausgezeichnetes Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ hält: „Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern, weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zu Wege bringen, dass uns in diesem Sinn die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“

Ingeborg Bachmann (Sandra Hüller) in ihrer Wohnung in Rom
Für das Zaubern und Bezaubern, das Zumuten der Wahrheit hat die große Dichterin einen hohen Preis gezahlt. Zum Schluss erfahren wir von der starken Raucherin, die sich missverstanden fühlt, alkohol- und drogenabhängig und mit 47 Jahren vereinsamt nach einem Brandunfall in einer römischen Klinik stirbt.
Hüller verleiht ihr dabei – ganz ohne falsche Sentimentalität – eine hohe körperliche Präsenz. Sie legt ihre Schminkmaske ab und macht uns klar, dass viele der die Dichterin beschäftigenden Fragen auch heute noch aktuell sind.
Buchtipps zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann:
Im C.H. Beck Verlag ist gerade die vielschichtige Biografie „Dieses unruhige Ich: Ingeborg Bachmann“ des Germanisten Dieter Burdorf erschienen. Burdorf rekapituliert darin Bachmanns Leben anhand der von ihm akribisch ausgewerteten Korrespondenzen die jeweiligen Beziehungen, darunter auch die neuesten Editionen ihres Briefwechsels, die noch einmal neue Einblicke in Bachmanns Leben und in ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin werfen. Bachmanns „unruhiges Ich“ fand seinen Ausdruck in unterschiedlichen Beziehungen von existenzieller Intensität – von tief emotionalen Liebesbeziehungen bis hin zu nüchternen Arbeitsverhältnissen. Diese Korrespondenzen gewähren nicht nur beeindruckende Einblicke in Bachmanns Gedankenwelt, sondern werfen auch ein Schlaglicht auf den deutschen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit.
und eine
Biographie von Andrea Stoll Zwei Menschen sind in mir im Piper Verlag.
Stolls Biografie beleuchtet das unübersehbare Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen von seinen Ursprüngen her und führt uns vor Augen, wie diese ikonische Dichterin in eine Spirale von Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geraten konnte. Dabei stützt Stoll sich neben wissenschaftlichen Recherchen auf Gespräche mit Zeitzeugen und die Auswertung jüngst veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge.
Ingeborg Bachmanns Roman Malina ist im Suhrkamp Verlag wieder neu aufgelegt worden
Filmstart für den absolut sehenswerten Film ist der 25. Juni 2026. Ein glungenes postumes Geburtstaggeschenk!
