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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Blut und Strafe, Musik und Tanz

Barrie Koskys Revue über Franz Kafka bei den Ruhrfestspielen 2026

Von Simone Hamm

Die Ruhrfestspiele 2026 standen unter dem Motto dem Motto “Erschrecken und Erstaunen“. 600 Künstler aus aller Welt sind gekommen. Ein Schwerpunkt bei den Ruhrfestspielen ist seit Jahren der „Neue Zirkus“, Spitzenartisten unter der Zirkuskuppel.

Paul Herwig, Constanze Becker, Gabriel Schneider, Alexander Simon, Joyce Sanha, Kathrin Welisch, Alma Sade, Foto: Joerg Brueggemann

Jéme Bels holte für seine „Gala“ ausgebildete und nicht ausgebildete Tänzer*innen, Menschen mit und ohne Behinderung, Rentner*innen und Kinder aus Recklinghausen und der Region auf die Bühne. Dies habe, so der Intendant Olaf Krick, einmal mehr die Gemeinschaft betont.

Der innovativste spanische Flamencotänzer Israel Galvan und der marokkanisch-französische Theatermacher Mohamed El Khatib, ein promovierter Soziologe, haben etwas gemeinsam: Ihre Väter lehnten sie ab. Berührend tanzen und spielen sie die Verwundung und Enttäuschung der Söhne. Doch sie können auch lachen.

Beim „Ausklang auf dem Grünen Hügel, waren etliche Produktionen aus Neuem Zirkus, Musik und Theater unter freiem Himmel zu sehen – bei freiem Eintritt.

Zum Abschluss gab es Barrie Koksys Produktion K. Zu sehen. Barrie Kosky, der sein jüdisches Erbe betont, will Franz Kafkas Auseinandersetzung mit dem Judentum auf die Bühne bringen. Barrie Kosky inszeniert meist Opern und Operetten. Mit dem Berliner Ensemble führt er eine brillante Dreigroschenoper auf.

Jetzt hat er sich, gemeinsam dem musikalischen Leiter Adam Benzwi und der Dramaturgin Sibylle Baschung. an eine Revue gemacht: „Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas ‚Prozess‘“.

Wieder mit dem Berliner Ensemble. Kathrin Wehlisch singt und steppt und spielt drei Stunden lang. Sie trägt einen Männeranzug und eine Melone und die Assoziation mit Charlie Chaplin ist gewollt. Sie ist einfach großartig.

Am Anfang steht sie in Herrenunterwäsche auf der Bühne und versteht so gar nicht, warum sie gefangen genommen werden soll: „Jemand muss mich verleumdet haben, denn ohne, dass ich etwas Böses getan hätte, wurde ich eines Morgens verhaftet“ .

Die Schauspieler zitieren aus „Der Prozess“ „Das Urteil“, „Ein Hungerkünstler, „In der Strafkolonie“ und aus Eintragungen aus Kafkas Tagebüchern.

In den ausgewählten Texten geht es um Gesetze, Gerichte, Strafen, die niemand wirklich versteht. Die anonyme Obrigkeit hüllt sich in Schweigen. Der Einzelne muss ertragen, was er nicht begreifen kann. Er ist ohnmächtig.

Unverständliche Hieroglyphen? Foto: Joerg Brueggemann

Für Kosky sind Kafkas Texte die Auseinandersetzungen mit jüdischen Gesetzen und Traditionen. Im Judentum gibt es 613 Gebote und Verbote.

Das langatmige Zitieren aus Kafkas Werk wird – vor allem im ersten Akt, dann doch etwas langweilig.

Wohl um dem vorzubeugen, lässt Kosky singen und tanzen, so viel es nur geht. Die Schauspieler singen jiddisch (selbst Schubert Lieder mit Heine Texten), die einzige Sängerin ist die brillante Alma Sadé von der Komischen Oper in der Rolle der Dora Diamant, Kafkas letzter Geliebter, der Frau, von der es heißt, dass Kafka mit ihr nach Palästina gehen wollte,  lässt uns in die Welt des jiddischen Vaudeville eintauchen, eine Welt, die Kafka vor dem ersten Weltkrieg in Prag kennengelernt hat.

Foto: Joerg Brueggemann

Aber die nachdenklichen Texte mit einer  bunten  Revue zu verknüpfen, bei der Rabbiner aus einem Toraschrein hüpfen, dem heiligsten Ort in einer Synagoge, bei der Frauenfiguren ihre Röcke wieder und wieder lupfen, und Kafka und Dora im Schrein Sex miteinander haben, das geht einfach nicht auf. Nummer folgt auf Nummer. Einen roten Faden habe ich nicht erkennen können.

Die großartigen Schauspieler des Berliner Ensembles tragen den Abend. Sie schlüpfen in verschiedene Rollen. Constanze Becker ist die Vermieterin, Leni, die Vertraute des Advokaten und sie tragen kühl aus der grausamen Kurzgeschichte „in der Strafkolonie“ vor. Der Angeklagte muss das Urteil hinnehmen. Von einem Apparat, der Egge genannt wird, wird er stundenlang gefoltert, immer tiefer wird ihm das Gebot, dass er übertreten haben soll, in die Haut geritzt, bis er schließlich stirbt.

Und dann wieder Musik und Tanz.

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