Frankfurter Stadtzukunft inklusive Kulturmeile: eine einvernehmliche Präsentation
Drei Dezernats-Spitzen skizzieren ihre Perspektiven und Zielsetzungen
Beobachtungen/Anmerkungen/Kommentar von Uwe Kammann
Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig sieht das Vorhaben, für Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz und an der Neuen Mainzer Straße zwei Neubauten zu errichten, durch eine aktuelle Entscheidung der Stadt Düsseldorf nicht in Frage gestellt. Das Frankfurter Projekt, das mit einem Abriss des 60er-Jahre-Baus der jetzigen Städtischen Bühnen verbunden ist, habe parteiübergreifend Zustimmung gefunden. Sie sehe derzeit keine Bemühung, diese Entscheidung neu zu diskutieren, sagte Hartwig am 6. Juni auf einer Abendveranstaltung im Rahmen von World Design Capital (WDC) im Jüdischen Museum in Frankfurt, welche Perspektiven für die Stadtplanung und -entwicklung gewidmet war.

Die Präsentationsrunde (vl): Tina Zapf-Rodriguez, Marcus ewechenberger, Ina Hartwig, Moderator : DAM DirektorPeter Cachola Schmal, Foto:. Uwe Kammann
Der Oberbürgermeister von Düsseldorf, Stephan Keller (CDU), hatte am 5. Juni mitgeteilt, dass die Stadt die Pläne für einen Neubau der Oper auf dem Innenstadt-Gelände eines ehemaligen Kaufhauses aus finanziellen Gründen gestoppt habe. Die Stadt müsse ihre Investitionsplanung an den finanziellen Rahmenbedingungen ausrichten, zu denen gehöre, dass der städtische Haushalt eine Lücke von rund 470 Millionen Euro aufweise und eine Sperre verhängt sei.
Für einen Neubau, für den Düsseldorf eigens ein Grundstück aufgekauft hatte, war bereits ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben und auch – ohne Endergebnis – entschieden worden. Die Düsseldorfer Oper soll nun im bestehenden Bau am Hofgarten verbleiben und mit verschiedenen Maßnahmen für einen zukunftsfähigen Spielbetrieb ertüchtigt werden. Für den Neubau war ein Kostendeckel von 1 Milliarde Euro festgelegt worden; inklusive der auf 50 Jahre veranschlagten Finanzierungskosten hätte die Endsumme bei 1,8 Milliarden Euro gelegen. Die Sanierungskosten für den unter Denkmalschutz stehenden Altbau sollen nun im Detail ermittelt werden.
Diese zeitliche Überschneidung der Düsseldorfer Entscheidung mit dem Stand der zentralen und kostenintensivsten und Frankfurter Zukunftsaufgabe war überraschend. Aber das Thema wäre natürlich einer weiteren Erörterung wert gewesen. Denn derzeit ist bei den Frankfurter Bauplänen noch nicht alles in trockenen Tüchern. Vor allem das Grundstück für den geplanten Bau eines neuen Schauspielhauses spielt hier eine Rolle. Noch gehört es dem Sparkassen-Eigner, der Helaba, die es der Stadt auch nicht verkaufen, sondern lediglich in Erbpacht überlassen will – für 200 Milionen Euro und die Erlaubnis, satt des jetzigen u-förmigen Baus einen Turm errichrten zu dürfen, ein Baurecht, das natürlich einer beträchtlichen kommerziellen Aufwertung zu Gunsten der Bank gleichkäme. Ob dies mit EU-Auflagen sich stößt und als unzulässige Subventionierung gilt, unterliegt noch einer Prüfung.

So soll die Kulturmeile einmal aussehen, vom Jüdischen Museum bis zur Alten Oper, Foto: Uwe Kammann
Im gerade unterzeichneten Koalitionsvertrag der neuen politischen Dreier-plus-Eins Konstellation (CDU, SPD, Grüne, Volt) ist – wenn man genau liest – das Vorhaben auch noch nicht unverrückbar fixiert. Zwar wird bekundet, dass man „die getroffenen Beschlüsse zum Bühnenneubau umsetzen“ wolle. Doch folgen dann Einzelpunkte, welche erkennen lassen, dass dies von einer Reihe von Voraussetzungen abhängt. So heißt es im direkten Anschluss, dass diese Umsetzung geschehen solle: „Indem“ wir „Aufführungsbauten der Kulturmeile mittels effizienter Planung, Architektenwettbewerben und den Bau des Interimsstandortes sowie des Lager- und Logistikzentrums forcieren,
• ein Konzept zur Finanzierung von Planung und Bau vorlegen.
• energiebezogene und nachhaltige Aspekte beim Bau berücksichtigen und Klimaneutralität des Gesamtprojekts anstreben.
• eine finanzielle Beteiligung des Landes an den Projektkosten anstreben.
• Oper und Schauspiel als öffentlich zugängliche Häuser konzipieren.“
Die Bauten „forcieren“ zu wollen: Das ist eine Begrifflichkeit, die aufhorchen lässt. Denn „forcieren“ kann nur bedeuten, dass es eine Reihe von Unsicherheiten in diesem angestrebten Prozess der ‚Umsetzung‘ gibt. Zu dem eben Vorplanungen, Abrissphasen, Wettbewerbe, Interimsbauten und -zeitfernster Bau- und Ausführungsplanungen gehören, undund: Das alles braucht seine (lange) Zeit, bevor tatsächlich die ersten Vorhänge in Oper (neu) und Schauspiel (neu) sich heben würden.
Dass dies alles in einem großzügig zu veranschlagenden Zeitraum gelten soll, wurde auf der Präsentation sowohl in Richtung Kulturmeile als auch auf die räumlich sich darauf beziehende Stadtplanung deutlich. Es gehe um eine Marge von gut fünfzehn Jahren, so hieß es, also um ein angepeiltes Realisierungsziel um das Jahr 2040 herum.

Setzt auf Mischfunktionen bei neuen Türmen: Planungsdezernent Marcus Gwechenberger, Foto: Uwe Kammann
Was die in diesem Zeitrahmen angestrebte weitere „Verdichtung“ mit Hochhäusern betrifft – dazu zählen nach Gwechenberger auch Möglichkeiten im Osten der Stadt, bezogen auf die EZB –, so nannte der Planungsdezernent auch einen Baurhythmus. Pro Jahr sei mit der Errichtung von einem Hochhaus zu rechnen. Anzustreben sei immer die Zielsetzung, dort verschiedene Nutzungen in sich vereinen, also die Häuser multifunktional am Himmel kratzen zu lassen, ebenso, auch die schon vorhandenen Bauten möglichst in dieser Form weiterzuentwickeln und sie auch in den Boden- und Sockelpartien zu öffnen.

Der Planungsdezernent zeigt die Verbindung von Hochäusern und Kulturmeile auf, Foto: Uwe Kammann
Doch nicht nur die Frage nach dem Zeitraum schwebt über dem Plan. Die Dehnungen sind in Deutschland anscheinend gerade bei Kulturbauten völlig normal. Siehe beispielsweise das Pergamon-Museum in Berlin, das erst 2035 wieder als Ganzes fertiggestellt sein soll. Ähnliches gilt für das Münchner Kulturzentrum Gasteig und dessen Konzertsaal, vom früher geplanten neuen Konzerthaus ganz zu schweigen. Aber auch dessen ursprünglich veranschlagte Kosten von 1,5 Milliarden Euro haben dieses Projekt inzwischen sterben lassen, so wie die stets in ähnliche Sphären steigenden Finanzierungsannahmen für die Stuttgarter Oper das Projekt ins Schlingern gebracht haben. Das Kölner Trauerspiel bei Theater und Oper nähert sich bei den Gesamtkosten (inklusive der Finanzierung) 1,5 Milliarden, das 2012 gestartete Projekt ist immer noch nicht fertiggestellt. Hier wie anderswo fragt man sich: Wie nur war es möglich, die durch Feuer stark zerstörte Kathedrale „Notre Dame“ in Paris innerhalb von fünf Jahren wieder aufzubauen, und das für rund 700 Millionen Euro?
Doch nicht nur all’ die Negativbeispiele schweben über dem Frankfurter Neubauvorhaben. Gerade auch der für das Schauspielhaus selbst vorgesehene Standort auf dem jetzigen Sparkassengrundstück an der Neuen Mainzer Straße wird von vielen Bürgern in Frage gestellt, weil er wegen verschiedener Faktoren für unglücklich und ungeeignet gehalten wird. Eines der Gegenargumente: Stationen der öffentlichen Verkehrsmittel sind weiter entfernt als am zentralen Willy-Brandt-Platz. Das Hauptargument jedoch hat noch wesentlich mehr Gewicht: Die Neue Mainzer ist eine schluchtartige Hauptverkehrsachse, beidseits mit geschlossenen Fassaden der Hochhäuser; das Ganze wirkt alles andere als einladend.

Enge Verbindung von Kulturmeile und Hochhäusern, Foto: Uwe Kammann
Dem hielten Ina Hartwig und auch Planungsderzernent Marcus Gwechenberger entgegen: Hier lasse sich vieles ändern. Hartwig hatte früher einmal der dunklen Schlucht New-York-Feeling zugebilligt. Diesmal fiel das Wort Central Park. Vielleicht, weil die Planer sich vor allem von einem Element räumliche Aufenthaltsqualität versprechen: einem Durchgang in Form eines kleinen Vorplatzes des Theaters. Dies sei auch als Verlängerung zu sehen vom jetzt fertiggestellten Hochhauskomlex „Four“ in Richtung Wallanlagen. Überhaupt, gerade auf dieses Umfeld ziele die weitere Verdichtung, mit einem Cluster von neuen oder auch aufgestockten, in die Höhe verlängerten bestehenden Hochhäusern, die sich zudem in den Sockeln öffnen sollten. Und: Es werde auch veränderte Mobilitätskonzepte geben. Was vermutlich heißen soll: viel weniger Autos in der wichtigen Süd-Nord-Verbindung.
Gwechenbergers verbal ausgebreitete und im entsprechenden Entwicklungsplan niedergelegte Hochhaus-Vision – mit der Zielvorgabe von Mischfunktionen (Gastronomie, Wohnen, Hotels, Aussichtsplattformen, Sport, Läden) hört sich für viele (unabhängig von einer aufgewerteten Postkarten-Skyline) sicherlich attraktiv an. Aber ob sie der Stadt wirklich gut tut? Denn diese Hochhäuser sind immer in sich geschlossene, hochkomplexe und energieintensive technische Bauten mit starkem Vertikalverkehr. Sprich: Es sind geschlossene Systeme – siehe den massiven Komplex „Four“ –, wenig familien- oder gar kinderfreundlich, dazu extrem teuer, in jeder Hinsicht, auch im Unterhalt. Ob solche hermetischen Türme im Umfeld zum Flanieren einladen? Wohl kaum. Ein Pluspunkt hingegen: Der Moderator der Präsentation, DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, raumte mit einem gängigen Urteil auf. Entgegen der üblichen Annahme sorgten Hochhäuser für klimafreundliche Aufwinde.
Immerhin: eine informative Neuigkeit. Doch beim Hauptpunkt dieser Nachmittagsrunde im Jüdischen Museum – der abermaligen Präsentation der Kulturmeile (Komplementärbegriff zum Museumsufer) durch Dezernentin Ina Hartwig (SPD) – gab es nichts Neues, auch nicht hinsichtlich der innerstädtischen Diskussion. Es blieb bei der in schönen Folien verfestigten Vision, eine Handvoll Kultureinrichtungen an einer Süd-Nord-Linie aufzureihen (ausgehend vom Jüdischen Museum über einen Opernneubau am Willy-Brandt-Platz, dann ein neues Schauspielhaus an der Neuen Mainzer Straße, weiter über einen Ableger des Weltkulturenmuseums am Endknick der Straße bis schließlich zur Alten Oper).
Pikant dabei: Ina Hartwig selbst hat immer bei Neubauten für Oper und Schauspiel eine so genannte „Spiegellösung“ mit zwei diagonal gegenüberliegenden Häusern am Willy-Bandt-Platz gelobt. Das allerdings scheitete in der bisherigen Koalition an den Grünen. Sie wollten keinen Quadratzentimeter der Wallanlagen dafür hergeben, dort, wo jetzt das Euro-Zeichen steht. Dass gegenüber der Platz der jetzigen Oper im Gegenzug hätte begrünt werden können: für die bis zur jetzigen Wahl größte Fraktion kein Argument. Mit dem folgenden, nun von Hartwig akzeptierten Kompromiss, das Schauspiel-Projekt weit nach Norden an die Neue Mainzer zu verschieben.

Vertritt das Konzept einer Kulturmeile: Kulturdezernentin Ina Hartwig, Foto:Uwe Kammann
Allerdings sind damit Bestrebungen, das ganze Vorhaben noch unter den Vorbehalt eines Bürgerbegehrens zu stellen, keineswegs vom Tisch. Dies könnte zum Ziel haben, doch wieder zu einer anfangs ventilierten Anfangslösung zu kommen: nämlich einer umfassenden Sanierung der jetzigen Doppelanlage, deren 120 Meter langes gläsernes Foyer (inklusive des inneren Wolken-Kunstwerks) inzwischen unter Denkmalschutz steht. Als damals (2017) in einer Machbarkeitsstudie erste Zahlen publik wurden, war das Erschrecken groß: 800 Millionen als allerunterster Einstieg bei verschiedenen Varianten. Dafür, so häufige Einwände, gäbe es nur ein ‚altes‘ Haus, nichts Zukunftsträchtiges, gerade so den neusten Vorschriften entsprechend (vom Arbeitsrecht bis zum Brandschutz). Besser also: Weg mit den alten Häusern, stattdessen zukunftsfest dem Neubau-Diktum‚ jederzeit publikumsoffen’ zu folgen. Dies auch mit bewundernden, neidischen Blicken auf Kopenhagen und Oslo, welche vielfältig offene Häuser als Zukunftsmodell zu bieten schienen.
In Frankfurt, so betonte es jetzt Hartwig noch einmal, gebe es wegen der parteiübergreifenden Zustimmung zum Neubauprojekt keine Zweifel an der Realisierung. Düsseldorf als Exempel, dass selbst ein bis dato vom dortigen Oberbürgermeister befürwortetes Projekt doch noch im letzten Moment wegen der hohen Kosten abgesagt werden könne: das sei nicht in Betracht zu ziehen. Dass sich höchst renommierte Architekten eine Sanierung in jeder Hinsicht (auch unter Kostengründen) für realisierbar halten und sich damit für den Erhalt der Doppelanlage aussprechen, dass sie damit auch die heutzutage viel zitierte Nachhaltigkeit fördern wollen: das schien der Präsentationsrunde keiner Erwähnung oder gar Diskussion wert.
Ebenso wenig, dass es mit dem Juridicum auf dem alten Bockenheimer Uni-Terrain ein krasses Gegenbeispiel gibt. Nämlich: eigentlich sollte der 60er-Jahre-Bau abgerissen werden, um das Gelände sinnvoll zu einem Kulturcampus zu transformieren. Nun aber setzt sich Planungsdezernent Marcus Gwechenberger mit dem Stichwort ‚Graue Energie’ prominent für den Erhalt und eine Umnutzung dieser abriegelnden, äußerlich banalen Hochhausscheibe ein, was den früher dort vorgesehen Bauplatz für die Hochschule für Musik extrem schmälert und eine sinnvolle Bebauung des gesamten Areals fast unmöglich macht. Und wie das in einer sich modern gerierenden Stadt so ist, soll nun ein „Zukunftslabor“ mit einem Expertengremium Aufschlüsse über die Zukunft geben, verantwortet von der University of Applied Sciences. Sie hat übrigens bislang auch dem grünen Mobilitätsdezernenten – dem eigentlichen König der Frankfurter Stadtplanung und -gestaltung – die Gutachten zu seiner forcierten Fahrradpolitik geliefert.

Umweltdezernentin Tina Rodriguez erläutert ihre Pläne mit den Wallanlagen, Foto: Uwe Kammann
Insofern: keinerlei Diskussion, keinerlei Einwände an diesem Nachmittag, der unter dem Veranstaltungs-Logo „World Design Capital“ lief, dieser Initiative, deren Sinn und Zweck sich vermutlich nur ihren Trägern und Funktionären erschließt und den Begriff Design missbraucht und ins Nebulöse verschiebt. Allein ein junger Architekt warf ein, man müsse viel weiter in die Zukunft blicken und entsprechende Fragen stellen, um Perspektiven der Stadtentwicklung auszuloten. Und eine grünbewegte Frau regte nach dem Vortrag der Klima-, Umwelt- und Frauendezernentin Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez zur Weiterentwicklung und Pflege der per Statut geschützten Wallanlagen an, doch auch die „Welle“ hinter der Alten Oper in die grüne Umfassung der Innenstadt einzubeziehen, statt lediglich eine Erweiterung um „Fitzelchen“ anzustreben. Ansonsten nichts Aufregendes bei diesem Thema – Entsiegelung, Biodiversität und bauliche Adaptionen zur Anpassung an angenommene klimatische Veränderungen gehören heute zum Standard. (Dass historische italienische Städte wie Siena steinern der Hitze standhalten, dass Brunnen beträchtlich zur (Ab)-Kühlung beitragen: anscheinend nebensächlich.)
Sicher ist eine solche Präsentation städtebaulicher Ziele keine schlechte Sache. Doch wenn sie ertragreich sein soll, dann sollten nicht nur positiv gemeinte Abziehbilder vorgestellt werden. Dann gehören auch weitere Perspektiven dazu, sprich: auch der Blick auf zentrale städtische Räume, ebenso auch jene mit unhaltbaren Zuständen, die starken Einfluss auf die Bürger-Voten und die Gesamtqualität haben. Die Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst hat, so erzählte sie vor einem Jahr bei einem Pressetermin mit statistischer Auswertung der Anziehungskraft Frankfurts, einst den Magistratsmitliedern den Vorschlag gemacht, einmal eine Woche lang gemeinsam durch die Viertel der Stadt zu gehen. Das Echo darauf? Zero.
Wenn jetzt, beim Stichwort Bahnhofsviertel, die Kulturdezernentin sich auf die mehr als schmale Aussage beschränkt, es gebe auch „soziale Probleme“, wenn sie das Wort „Angsträume“ (es kommt im neuen Koalitisonsvertrag vor) sofort politisch korrekt umlenkt und von ihrer Angst vor AfD-Dominanz spricht, ist das nicht zielführend, sondern reine Abwehr von kritischen Ansichten und alltäglichen Erfahrungen von „Normal“bürgern. Auch eine realistische Einbettung in den Budgetrahmen hätte dazugehört, ebenso eine vergleichende Abwägung mit vielen dringlichen Aufgaben der Stadt (zuvörderst Schulen und Bildung). Die alte Weisheit gilt, dass jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann.

Breite Unterstützung im Rahmen der World Design Capital, Foto: Uwe Kammann
Und eine allgemeine Bemerkung sei angesichts der äußerlich sonnenbeschienenen Präsentation gestattet. Kein politischer Verantwortungsträger verliert sein Gesicht, wenn er wegen eines Diskussionsverlaufs mit neuen Einsichten vorherige Entscheidungen ändert. Die frühere Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat trotz massiver Einwände und argumentativ seriöser Kritik von zahlreichen Fachleuten stur an ihrer Position festgehalten, das neue Berliner Museum der Moderne (Spitzname wegen der Form: die Scheune) mitten auf dem Kulturforum zu (de-)platzieren und dies mit einer 200-Millionen-Euro-Gabe vom Bund durchzusetzen. Hilfreich dabei sollte sicher auch der berühmte und jurorenprotegierte Architektenname Herzog & de Meuron sein.
Heute, wo die Baukosten schon die halbe Milliarde übersteigen und der Rohbau wegen starker Wasserschäden auf unbestimmte Zeit stillgelegt ist, wäre die Ex-Staatsministerin vielleicht froh, wenn sie auf die Kritik offen eingegangen wäre. Bereits angesichts der Daten schüttelt man den Kopf: erster Spatenstich 2019, Eröffnung – wenn überhaupt – jetzt wahrscheinlich 2030. Für die Sanierung von Schloss Bellevue und des nicht einmal dreißig Jahre alten Bundespräsidialamtes (1996-1998) werden acht (!) Jahre und 700 (mit Puffern) beziehungsweise 600 Millionen veranschlagt. Noch einmal zur Erinnerung: Der denkmalgerechte Wiederaufbau von „Notre Dame“ hat fünf Jahre gedauert und 700 Millionen Euro gekostet. Lag das nur am himmlischen Beistand? Oder läuft da in Deutschland mit seinen überbordenden Vorschriften (von der Klima-Effizienz über den Brandschutz bis zu zahlreichen technischen Normen) sowie überspannten Ansprüchen von Bauherrenseite etwas grundlegend verkehrt?
Wie auch immer: Das neue Stadtparlament sollte noch einmal den bisherigen Theaterbeschluss auf Null stellen und mit aller Sorgfalt – ohne Zorn, aber ernsthaft bemüht – offen über die Zukunft des langgestreckten Theater- und Opern-Doppels am Willy-Brandt-Platz nachdenken und dann neu entscheiden. Der Zeitfaktor ist inzwischen angesichts der weit in der Zukunft liegenden Zielvorgaben längst kein Hindernis mehr. Prominente Beispiele zeigen, was schiefgehen, was aber bei sorgfältiger und realistischer Planung auch gelingen kann, siehe das nagelneue Terminal 3 des Flughafens.
Was also ist einzufordern in der für Frankfurt so wichtigen Frage der Theaterzukunft? Ganz einfach: Mut, Aufrichtigkeit, Realismus. Und die Abkehr von politischen Positionen, die mit verengenden Scheuklappen immer weiter betoniert werden.

Das Foyer mit einem abgehängten Wolkenkunstwerk unter Denkmalschutz, Foto: Uwe Kammann
Nicht zu vergessen: Jede Stadt braucht identitätsstiftende Gebäude. Die Theater-Doppelanlage mit ihre markanten Glasfassade gehört in Frankfurt unbedingt dazu. Zusammen mit der Alten Oper bildet sie einen Kulturspiegel, verbindet Alt und Neu. Und dieses einmalige Ensemble soll abgerissen werden?
