Das Städel präsentiert „BRUEGEL. PRINTED“
Fantastische Bildwelten voller erzählerischer Kraft und überraschender Details
Von Hans-Bernd Heier
Pieter Bruegel der Ältere (1526/30−1569) zählt zu den herausragenden Künstlern der niederländischen Kunst des 16. Jahrhunderts. Heute vor allem als Maler bekannt, machte er sich bereits früh mit dem Entwerfen von Druckgrafiken einen Namen. Seine Werke entführen die Betrachter in eine faszinierende Welt humorvoller Bildideen und rätselhafter Motive. Das Städel Museum versammelt in der Ausstellung „Bruegel. Printed“ rund 45 außergewöhnliche Druckgrafiken nach Bruegels Zeichnungen.

Pieter Bruegel d. Ä. „Geduld“ (Patientia) / Patience, 1557, gestochen von Pieter van der Heyden, Städel Museum Frankfurt
Die klar strukturierte Schau mit der ansprechenden Ausstellungsarchitektur ist in fünf Kapitel unterteilt: Sie bietet Einblick in das Leben und druckgrafische Werk Bruegels, beleuchtet die Tätigkeit seines Verlegers Cock, thematisiert die Landschaftskunst sowie die Darstellung der Tugenden und Laster in Bruegels Arbeiten. Seine narrativen Werke zeigen ihn als einzigartigen Erfinder und unverwechselbaren Erzähler: Seine Motive reichen von weiten Landschaften über weltliche und religiöse Sinnbilder bis hin zu Alltagsszenen. Bruegels Zeichnungen entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem kongenialen Antwerpener Verleger Hieronymus Cock und dessen Frau Volcxken Diericx. Sie vermitteln einen tiefen Eindruck von der unverwechselbaren Bildwelt des Künstlers, die Beobachtung und Fantasie vereint.
„Aus seiner Vorliebe für die kleinteilig-grotesken Motive des Hieronymus Bosch und seiner breiten Kenntnis von Bild- und Motivtraditionen entwickelt er neue Darstellungsformen für traditionelle Themen. Dabei bringen seine Kompositionen, die vielfach mit Übertreibungen arbeiten, das Publikum zum Lachen und regen zugleich zum Nachdenken an“, so Dr. Astrid Reuter, Leiterin der Graphischen Sammlung bis 1800 des Städel Museums. „Bruegel thematisiert menschliche Schwächen und Missstände, verweist auf die Größe der Natur und richtet den Blick zugleich auf das alltägliche Miteinander. Bis heute eröffnen seine Werke überraschend aktuelle Perspektiven auf grundlegende Fragen menschlicher Werte“.

Dr. Astrid Reuter, Leiterin der Graphischen Sammlung des Städel Museums bis 1800, erläutert das Blatt „Jedermann“, Foto: Petra Kammann
Den Ausgangspunkt der Präsentation in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung bilden die Druckgrafiken Bruegels aus der eigenen Sammlung, von denen rund 30 gezeigt werden. Ergänzt wird diese Auswahl durch Leihgaben aus der Albertina in Wien und der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Darüber hinaus sind in der Ausstellung zwei Gemälde seines Sohnes Pieter Brueghel d. J. sowie weitere Blätter aus dem eindrucksvollen Bestand niederländischer Druckgrafik des Städel Museums zu sehen, darunter Werke nach Frans Floris, Lambert Lombard und Raffael.
„Mit unserer Ausstellung zu Bruegels Druckgrafiken öffnet das Städel erneut den Blick auf die außergewöhnlichen Schätze seiner Graphischen Sammlung, die mit rund 100.000 Zeichnungen und Druckgrafiken vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in Deutschland zählt. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich auf eine eindrucksvolle Entdeckungsreise durch Bruegels vielschichtige Bildwelten voller erzählerischer Kraft, feinsinniger Beobachtungen und überraschender Details zu begeben“, sagt Städel-Direktor Dr. Philipp Demandt. Um die kleinteiligen Details genau in Augenschein nehmen zu können, liegen für die Betrachter Lupen bereit.

Ausstellungsansicht; Foto: Petra Kammann
Die Bilderfindungen Bruegels waren bereits zu seinen Lebzeiten überaus gefragt. Sie dienten nicht nur dem Vergnügen, sondern bildeten den Gegenstand gelehrter Diskussionen. „Der besondere Reiz seiner Werke entsteht durch das Zusammenspiel von Naturnähe, Einfallsreichtum und humorvoller Übertreibung“, erklärt Reuter. „Als fantasievolle Erfindungen und kritische Reflexionen menschlicher Werte und Verhaltensweisen geschätzt, laden sie bis heute ohne erhobenen Zeigefinger zum Entdecken, Nachdenken und auch zum Lachen ein.“
Obwohl Pieter Bruegel der Ältere bereits zu Lebzeiten große Anerkennung genoss, ist über sein Leben heute nur wenig bekannt. So fehlen etwa gesicherte Informationen zu seiner Geburt (1526/30?) und Herkunft. Bekannt ist jedoch, dass er 1551 in die Antwerpener Malergilde eintrat – ein entscheidender Schritt, der den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn markiert. Kurze Zeit später reiste er nach Italien, wo er sich bis 1554 aufhielt. Erste Erfolge erzielte er als Entwurfszeichner für Druckgrafiken, der Malerei wandte er sich erst ab Ende der 1550er Jahre zu. Nach seiner Hochzeit 1563 siedelte Bruegel nach Brüssel über, wo seine beiden Söhne, die Maler Pieter d. J. und Jan d. Ä., geboren wurden, und er 1569 starb.

Pieter Bruegel d. Ä. „Die großen Fische fressen die kleinen“, 1570, gestochen von Pieter van der Heyden, © Staatliche Graphische Sammlung München
Bruegels Schaffen entstand vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche: Unter Kaiser Karl V., zugleich König von Spanien, erlebte die Stadt Antwerpen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung, der mit einem wachsenden Interesse an Kunst und Wissenschaft einherging. Doch kam es in der Folgezeit zunehmend zu religiösen und politischen Auseinandersetzungen mit den von Brüssel aus regierenden Spaniern, die schließlich 1568 in den Achtzigjährigen Krieg mündeten. Die Darstellung der „Geduld“ (Patientia) von 1557 gehört zu den Werken Bruegels, in denen die politischen und religiösen Spannungen der Zeit angedeutet sind.
Bruegels Druckgrafiken wurden von Hieronymus Cock produziert und verbreitet. Der 1548 von ihm und seiner Frau Volcxken Diericx in Antwerpen gegründete Verlag „Aux Quatre Vents“ (Zu den vier Winden) entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten und modernsten Grafikunternehmen des 16. Jahrhunderts. Cock und Diericx etablierten ein neues Geschäftsmodell: Der Verlag vermittelte zwischen Entwerfern und Stechern, finanzierte die Herstellung der Druckplatten und organisierte den europaweiten Vertrieb der Grafiken. Damit prägten sie nachhaltig die Kunstproduktion ihrer Zeit. Das vielseitige Angebot des Verlags reichte von antiken, mythologischen und religiösen Motiven bis zu Landschaften, Genreszenen und Architekturprospekten. Besonders gefragt waren Grafiken im Stil des Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516). Auch Bruegel zitierte in seinen Werken Motive von Bosch, wie das 1557 entstandene, thematisch zeitlose Blatt zeigt, das eine weit verbreitete Redewendung eindrucksvoll ins Bild setzt.

Pieter Bruegel d. Ä., Der heilige Hieronymus in der Wildnis, ca. 1555 Radiert und gestochen von Jan und Lucas van Doetecum, Abb.: Städel Museum, Frankfurt am Main
Anfang des 16. Jahrhunderts etablierte sich die Landschaftsdarstellung in den südlichen Niederlanden als eigenständiges Kunstgenre. Pieter Bruegel d. Ä. spielte bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle: Seine von einem erhöhten Standpunkt aus wiedergegebenen Ansichten machen die Größe und Vielfalt der Natur auch im kleinen Format bewundernswert erfahrbar. Sie basieren auf Eindrücken, die der Künstler während seiner Alpenüberquerung sammelte. Doch handelt es sich nicht um eine getreue Wiedergabe konkreter Orte – es sind Phantasie-Landschaften. Vielmehr verdichtete der Künstler unterschiedliche Motive zu Gesamtbildern und macht so die Vielgestaltigkeit der göttlichen Schöpfung sichtbar. Bruegels Darstellungen gelten als Meilensteine in der Entwicklung der Landschaftskunst. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist die Druckgrafik „Der heilige Hieronymus in der Wildnis“ (um 1555). Während der dargestellte Heilige seine Umgebung keines Blickes würdigt, ist der kaum wahrnehmbare Wanderer links im Bild im Begriff, die großartige Landschaft zu erkunden.

Ausstellungsansicht; Foto: Petra Kammann
Die Serien der Laster und Tugenden gehören zu den größten verlegerischen Erfolgen von Hieronymus Cock. Sie wurden von Pieter Bruegel d. Ä. entworfen und von den Stechern Pieter van der Heyden und Philipp Galle in Druckgrafiken umgesetzt. In der Art von „Wimmelbildern“ komponiert wirken die Darstellungen auf den ersten Blick verwirrend. Die Blätter mit der außergewöhnlichen Detailfülle folgen jedoch einem klaren Aufbau: Die jeweils mittig im Vordergrund wiedergegebenen Personifikationen verkörpern die dargestellten Sünden beziehungsweise Tugenden. Sie werden durch lateinische Inschriften identifiziert und von Symboltieren begleitet. Dabei greift Bruegel für seine Darstellungen der Laster auf die fantastischen Bildwelten von Hieronymus Bosch zurück, der vielfach Sünde und Torheit thematisiert hat. Die Tugenden hingegen bettet er in sein eigenes flämisches Umfeld ein und verankerte sie so in seiner eigenen Zeit.

Pieter Brueghel d. J. nach Pieter Bruegel d. Ä., „Tanz auf der Bauernhochzeit“, ca. 1625
Die hohe Wertschätzung Pieter Bruegels d. Ä. zeigt sich in der großen Zahl von Wiederholungen, Variationen und Weiterentwicklungen seiner Werke. Einen Ausgangspunkt für diese breite Nachfolge bildeten neben Gemälden und Zeichnungen insbesondere die Druckgrafiken, wie sie in der sehr sehenswerten Ausstellung im Städel zu bewundern sind. Beliebt waren vor allem Szenen aus dem bäuerlich-ländlichen Leben, die wesentlich zu Bruegels Ruf als „Bauern-Bruegel“ beitrugen. Zur weiten Verbreitung dieser Bildthemen trug maßgeblich sein Sohn Pieter Brueghel d. J. (1564−1638) bei, dessen Werke den Kompositionen des Vaters oft verblüffend nahekommen. Große Popularität erlangte etwa der „Tanz auf der Bauernhochzeit“.
Auch Künstler wie Bruegels zweiter Sohn Jan Brueghel d. Ä., Jan Mandyn oder Lucas van Valckenborch führten diese Tradition mit ihren Werken fort. Sie bedienten so die große Nachfrage von Sammlern und Kunstinteressierten des frühen 17. Jahrhunderts und trugen zur weiten Verbreitung seiner Motivwelt bei. Die Begeisterung für Bruegels Kunst könnte man neudeutsch als „Bruegel-Boom“ bezeichnen.
Die Ausstellung „BRUEGEL. PRINTED“ wird durch die Förderung des Städelschen Museums-Vereins e. V. ermöglicht und ist bis zum 20. September 2026 zu sehen. Noch mehr Geschichten und Hintergründe zur Sammlung und den Sonderausstellungen zum Lesen, Sehen und Hören gibt es unter: stories.staedelmuseum.de
