Letzte Impressionen der gelungenen Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ im Städel (2)
Was eine Welle auslösen kann…
Ein kurzer Blick vor Tores Schluss. Von Petra Kammann
Der französische Dichter und Kunstkritiker Charles Baudelaire sprach 1863 in seinem berühmten Essay „Peintres de la vie moderne“ von den „Malern des modernen Lebens“, die das Flüchtige, das Wesentliche des Moments, festhalten. Die in der Städelschau ausgewählten tiefenscharfen Schwarz-Weißfotos wie die des Pioniers der Fotographie Alphonse Davanne (1824-1912), sind der Malerei gegenübergestellt. In einer Zeit des Umbruchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprechen sie eine andere Sprache. Die beiden unterschiedlichen Medien schaffen ein neues Sehen und neue Formen der Malerei.

Nochmal ein Blick Étretat. Die Wäscherinnen, 1920, das ungewöhnliche Gemälde von Henri Matisse in der Städelschau, Foto © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge
Nach den Bildern vom Wald um Fontainebleau, wo die Maler der Schule von Barbizon eher eine erdige Stimmung hervorriefen, hellte sich die Farbpalette der Maler am Meer – hier in Étretat – zunehmend auf. Sie passte sich dem Wetter oder dem wechselnden Tageslicht an, während die Bilder der Fotografie eher das Augenmerk auf präzise Details in der täglich sich verändernden, auch sozialen Wirklichkeit lenkten.

Courbets Welle immer eine Referenz. Wie verändert die Fotografie die Malerei noch heute?, Foto: Petra Kammann
Als Claude Monet zwischen 1864 und 1886 mindestens sechsmal nach Étretat kam, rang er mit seinem großen Vorbild Gustave Courbet, der schon vor ihm ganz unmittelbar dieselben Klippen und beeindruckenden Wellen während eines Wirbelsturms von seinem Fenster aus gemalt hatte.
Beide Maler haben in der Städel-Schau jeweils einen in sich zusammenhängenden Ehrenplatz bekommen mit ihren typischen ikonischen Motiven, Courbet mit den Wellen (u.a. Die Woge, 1869 aus der Städel Sammlung) und Monet mit den charakteristischen Felsformationen aus Kalkstein, die als Motiv zu einer Touristenattraktion wurden, bei Monet zum seriellen Spiel mit dem Licht.
„Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Neben den in den verschiedenen Medien immer wiederkehrenden Motiven der charakteristischen Felsnadel, dem Manneporte und dem Felsentor von Aval wagte Monet es aber auch, motivunabhängig nichts als die sich kräuselnden Wellen und Wolken, in unterschiedlichem Licht auf die Leinwand zu tupfen, deren Hauch von Leichtigkeit man förmlich atmen kann. Diese Bilder wie auch Monets Pastelle aus dem Jahr 1885 lassen sich als echte Vorläufer der abstrakten Malerei der „Moderne“ werten. „Das Motiv ist für mich nur eine unbedeutende Sache, was ich wiedergeben möchte, ist das, was zwischen dem Motiv und mir liegt“, so Monets Credo um 1895.
Sein neuartiger Stil wurde auch zum Vorbild für andere Künstler wie zum Beispiel für den Welschschweizer Félix Valotton (1865 – 1925), der 1899 den Strand in eine völlig fahle, leicht bläulich schimmernde Farbfläche verwandelte, nur getrennt durch einen schmalen weißen Streifen vom grünen Meer, und vor allem befreit von jeglichem „dekorativ“ dinglichem Ballast. Seine Wäscherinnen, die den Pariser Badetouristinnen Platz gemacht haben, sind nicht mehr individuell erkennbar, während sich das mondän urbane Outfit der Pariserinnen auf den Fotografien bestens studieren lässt.Sie werden zur Spur einer Erinnerung.
Auf dem Ölgemälde Valottons schrumpfen die Wäscherinnen ebenfalls zu einer Kompoision aus Farbtupfen. Erste Ansätze solch konkreter Auflösung von Konturen konkreter Menschen am Strand entdecken wir auch in einem Gemälde bei dem hierzulande wenig bekannten Maler aus Honfleur Eugène Boudin (1824-1898), dem Pionier der Pleinairmalerei und einstigen Mentor von Claude Monet. Ihm diente offenbar eine Postkarte als Vorlage, deren Seiten er „vertauschte“, d.h. die Perspektive des Malers wurde eben eine andere. Die Maler wiederum schulten ihr Auge an den detailreichen Naturstudien und ließen sich von der neuen Bildsprache großformatiger Abzüge der Fotografie inspirieren.

Beim Gang durch die Ausstellung promeniert man förmlich mit den Badengästen und speichert sie auf sein eigenes Handy, Foto: Petra Kammann
Ebenso wenig konkret ist ein Bild in gemalten Farbflächen von Henri Matisse, der sich um 1920 ebenfalls vom Motiv der Wäscherinnen am Strand inspirieren ließ. Abstrahierend mit wenigen Strichen und reduzierter Farbpalette fängt er die charakteristischen Elemente des Strands ein und verbindet sie mit dem „Elefantenrüssel“-Felsen im Hintergrund.
Dank Gustave Courbets Wellen, die ganz dicht und unmittelbar an die Betrachter dringen, wird beim Flanieren durch die Ausstellung nachvollziehbar, was Malerei in Zeiten der sich entwickelnden Fotografie bedeuten kann, die nicht mehr auf die Reproduktion der Wirklichkeit angewiesen ist. Sie hat eigene Gesetzte und innewohnende Energien.
Natürlich hat nicht allein die neue Reproduktionstechnik der Fotografie die Entwicklung der Malerei beeinflusst, sondern auch die immer industrieller werdende Zeit mit der rascheren Erreichbarkeit von Orten im Zuge zunehmender Industrialisierung. Man musste nur noch in den Zug steigen, um schnell ins Grüne, an die Seine oder ans Meer zu gelangen, mit der Staffelei und den Farbtuben im Gepäck.

Werbeplakate für das luxuriöse Leben am Meer, das man per Zug schnell erreichen konnte, Foto: Petra Kammann
Die neuen Eisenbahnen waren gegenüber den früheren Pferdekutschen blitzschnell und brachten die Pariser in sage und schreibe vier Stunden aus der seit der Haussmann’schen Modernisierung unter undefinierbarem Lärm, Qualm, Schmutz und Armut leidenden Metropole raus in die Sommerfrische an die Küste der Normandie, wo in dieser Zeit etliche Fotografien, auch Postkartenmotive mit den einschlägigen Sehnsuchtsmotiven entstanden. Diese sollten die Urlaubssehnsüchte der Städter ankurbeln, die dann wiederum von Paris aus vermarktet wurden.

Das Pariser Strandleben des 19. Jahrhunderts fasziniert die Besucher, Foto: Petra Kammann
Aufgegriffen im 21. Jahrhundert hat die fotografische Tradition des Touristenortes Étretat der einstige und jüngste Schüler der Düsseldorfer Becher-Schule Elger Esser, Träger des Oskar-Schlemmer-Preises 2016. Schon in der Rotunde im unteren Raum der Ausstellung nimmt uns seine großformatige Fotografie von der Manneporte aus der Jahrtausendwende gefangen. In Essers so stillen wie intensiven Kompositionen spiegelt sich auf poetische Weise die unverwechselbare Ästhetik und ruhige Atmosphäre der damit verbundenen Meereslandschaft wider.

Blick in die Rotunde im unteren Ausstellungsraum des Peichl-Gebäudes, Foto: Petra Kammann
Seine großformatigen Aufnahmen entstehen im Stil historischer Fotografie, d.h. als Langzeitbelichtungen, mit farblichen Verfremdungen und Retuschen, mit dem experimentellen Einsatz ungewöhnlicher Materialien als Bildträger wie der versilberter Metallplatten und alter Druckverfahren wie zum Beispiel der Heliogravur. Auf diese Weise verschränkt der Fotograf in seinen Bildern das Momentane durch eine gedehnte Wahrnehmung und Reflexion mit dem Vergehenden und Vergangenen und macht auf den durch Overtourisme bedrohten Ort und das bröckelnde Felsgestein aufmerksam.

Die Führerin macht auch auf die besonderen großformatigen zeitgenössischen Fotografien aufmerksam, Foto: Petra Kammann
Die großformatig mit traditioneller Technik entstanden Fotografien von Elger Esser strahlen trotz starker Wellen eine große Ruhe und Intensität aus.
Eigentlich muss man diese Ausstellung mehrfach besuchen, um die verschiedenen Aspekte wie die Bedrohung der Natur wahrzunehmen, ganz zu schweigen von der sie begleitenden Literatur. Immerhin bleiben noch wenige Tage, an denen man herausragende Werke dort noch erleben kann.Wer weiß, ob so manche Werke künftig noch so leicht von Museum zu Museum reisen können? Also carpe diem. Am 5. Juli werden die Türen der wunderbaren Schau definitiv geschlossen.
→ „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ im Frankfurter Städel
Erweiterte Öffnungszeiten ab nächster Woche:
Von Dienstag, 23. Juni, bis Sonntag, 5. Juli, ist die Ausstellung täglich bis 21.00 Uhr geöffnet.
Montags bleibt das Museum geschlossen.
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