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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Tschechien, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse  (7.-11. Oktober 2026) mit Literatur und tschechischer Kultur

„Tschechien: ein Land an der Küste“– „Böhmen liegt am Meer“

Von Petra Kammann

Böhmen, vor allem aber auch Mitteleuropa, wird in Frankfurt mit Tschechien, dem diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, zu Gast sein. Das umfangreiche Programm wurde diesmal in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt präsentiert. Allein 75 Autor:innen werden unter dem Motto „Tschechien: ein Land an der Küste“ auf der Messe, aber auch an anderen Orten präsent sein. Martin Krafl, Direktor des Tschechischen Literaturzentrums und Programmdirektor von CZECHIA 2026, stellte das vielversprechende Kulturprogramm ebenso vor wie auch das Pavillon-Design unter dem Motto „An den Grenzen der Vorstellungskraft“ (Architektenbüro JinJan). Und die Autorin Dora Kaprálová  gab einen kleinen Vorgeschmack auf das, was Tschechien literarisch zu bieten hat.

Das Tschechische Team: v.l.n.r. Jindřich Ráftl, Jiři Mašek, Martin Krafl, Dora Kaprálová, Tomáš Kubícek, Jana Hájková, Jan Tůma, Foto: Sabine Felber/Literaturtest

Frank Scholze, Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, sowie Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, und Kristina Larischová, die Generalkonsulin der Tschechischen Republik in Düsseldorf mit Zuständigkeit für Nordrhein-Westfalen und Hessen, sprachen in der DNB Grußworte.

Buchmessedirektor Juergen Boos fühlt sich dem Land sich schon lange verbunden, Foto: Petra Kammann

Sichtlich bewegt sprach der Buchmessedirektor Juergen Boos, der sich dem Land seit 30 Jahren verbunden fühlt. Er erinnerte sich nicht nur an die persönlichen Besuche im Land und nicht zuletzt an die ungewöhnliche Geschichte des Schriftstellers und Friedenspreisträgers Václav Havel, der Staatspräsident wurde: „Tschechien hat keine Küste auf der Landkarte, aber eine in der Literatur. Eine Küste, an der Sprachen, Geschichten und Ideen anlanden – mitten in Europa. Mehr als 70 tschechischen Autor*innen und Illustrator*innen reisen im Oktober mit ihren Geschichten nach Frankfurt. Sie bringen eine Literatur mit, die etwas zu erzählen hat: über Geschichte, über Gegenwart, über uns. Ich freue mich auf all die Begegnungen, die in den nächsten Monaten bei den zahlreichen Kulturevents in ganz Deutschland und auf der Messe, im fantasievoll gestalteten Ehrengast-Pavillon, stattfinden werden.“ 

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Martin Krafl, Direktor des Tschechischen Literaturzentrums und Programmdirektor von CZECHIA 2026, Foto: Petra Kammann

Krafl umriss den Auftritt des diesjährigen Ehrengastlands: „Das Programmkonzept von CZECHIA auf der Frankfurter Buchmesse 2026 stützt sich auf drei dramaturgische Hauptsäulen: starke Stimmen und gesellschaftlich brisante Themen, Vielfalt und Bildende Kunst sowie der Dialog zwischen AutorInnen und Fachleuten. Ergänzt wird all dies durch das ,Jahr der tschechischen Kultur‘ mit zehn Ausstellungen in bedeutenden hessischen Kulturinstitutionen sowie dutzenden Veranstaltungen aus den Bereichen Literatur, Film, Theater und Musik.“

Im Rahmen des Jahres der tschechischen Kultur werden bis zur Frankfurter Buchmesse selbst etliche Lesungen stattfinden. Bei weiteren Lesungen in Berlin, Köln, München und Wien können sich die Besucher*innen u. a. auf Iva Procházková, Miroslav Hlauco, Vratislav Manák, Marek Torcík und Sophia Marzolff freuen. Als diesjähriges Gastland bei den Texttagen Nürnberg vom 16. bis zum 19. Juli präsentiert sich Tschechien schon mit Jaroslav Rudis, Štepánka Jislová, Anna Řezniková, Alžbeta Stancáková, Jaromír Typlt, Jan Laštovicka und Vratislav Maňák.

Die Journalistin und Dokumentarfilmerin Dora Kaprálová aus Brünn, heute freie Publizistin in Berlin, schreibt auf Tschechisch, Foto: Petra Kammann

Zum Schluss fand ein Gespräch mit der Autorin Dora Kaprálová und ihrer Übersetzerin statt. Die in Berlin lebende und auf Tschechisch schreibende Autorin gewann in diesem Jahr den Magnesia-Litera-Preis und den European Union Prize for Literature .

Und vom 29. September bis zum 1. Oktober lockt außerdem das Literaturfestival „Ahoj! Tschechien setzt über“ (ein hübsches Wortspiel!) in Wien und Bad Ischl mit Lesungen mit Radka Denemarková, Lucie Faulerová, Dora Kaprálová, Michal Ajvaz, Petr Borkovec und anderen. Natürlich geht es nicht ausschließlich um Literatur.

Am 10. Oktober 2026 findet in der Alten Oper in Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern die deutsche Premiere mitWerken von Slavomír Horínka, Barbora Tomásková und Pavel Sabacký statt. Im Internationalen Theater Frankfurt und bei der Sonderausgabe des Festivals Drama Panorama zeigt sich Tschechien mit zeitgenössischer Dramatik.

In Zusammenarbeit mit den Arthouse-Kinos in Frankfurt am Main wird es zwei Filmvorführungen geben, die thematisch mit der tschechischen Literatur verbunden sind: „Durch die Landschaft der Literatur“ zeigt die Reise des Schriftstellers Jaroslav Rudiš quer durch Tschechien.

„Ich bürge für ein Wort mit meinem Leben“, heißt es bei der Schriftstellerin Radka Denemarková. Der tschechische Ehrengast ist zudem Partner der deutschsprachigen Premiere des zweiteiligen Fernsehfilms „Gerta Schnirch”, der von Kateřina Tuckovás Roman „Gerta, das deutsche Mädchen“ inspiriert und in Zusammenarbeit mit dem Tschechischem Fernsehen CT, ARTE und HBO entstanden ist.

Um die Worte der Freiheit und Gedanken geht es auch in anderen kulturellen Äußerungen, Foto: Petra Kammann

Den Ehrengastauftritt werden zahlreiche Ausstellungen in Kulturinstitutionen in Frankfurt und Umgebung begleiten: Die SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT widmet sich der Skulpturenkünstlerin Anna Hulacová. Das Museum für Kommunikation zeigt mit „Samizdat“ eine Auseinandersetzungmit der Unterdrückung des freien Lebens in der Tschechoslowakei. Im Klingspor Museum in Offenbach/Main zeigt die Ausstellung „Tschechisches Buchdesign und Illustration 1900 bis 2025“. Die Ausstellung „Beyond Paper Plan“ im Struwwelpeter Museum stellt außergewöhnliche Bilderbuchkunst aus Tschechien in den Mittelpunkt.

Das Deutsche Architekturmuseum DAM lädt mit einem Beitrag zu neuer tschechischer Architektur zu sich ein. Lyrisch wird es in der Deutschen Nationalbibliothek mit „Reiner Kunze und die tschechische Poesie“. Im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum lässt sich zeitgenössische tschechische Fotografie bestaunen. Und im Archäologischen Museum gibt es „Die Bronzeschönheit aus Kladina“.

Im Palmengarten können sich Besucher*innen mit Garten-Utopien im Werk von Veronika Richterová auseinandersetzen. Um widerständige Literatur aus Tschechien von Božena Nemcová bis Radka Denemarková geht es im Haus am Dom.

Der Ehrengast-Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse

Jindřich Ráftl und Jan Tůma vom Architektenbüro JinJan stellten das Konzept „Grenze der Vorstellungskraft“ für die 2.300 Quadratmeter große Ausstellungshalle vor. Der tschechische Ehrengast-Pavillon soll die Besucher*innen in eine Welt der Fantasie und Literatur einladen. Runde, aufblasbare Elemente in unterschiedlichen Größen werden den Raum strukturieren. Sie sollen als Sitzgelegenheiten dienen und die Vielfalt menschlicher Vorstellungskraft symbolisieren.

Czechia-Pavillon-Lighthouse, Foto:© JinJan

Ergänzt wird das Konzept durch interaktive Stationen wie „Bojen“ und einen „poetischen Leuchtturm“, die mithilfe von KI die tschechische Literatur erlebbar machen. Ein Roboter wird live Comics zeichnen und eine Ausstellung zeigt tschechische Illustrationen der letzten 30 Jahre. Gleichzeitig setzt der Ehrengast-Pavillon auf Nachhaltigkeit: Leichte, modulare Bauteile minimieren Transportaufwand, Materialverbrauch und Abfall.

„Ich hoffe, dass diese ‚tschechische Welle’ das Interesse am Ehrengast auf ein noch nie dagewesenes Niveau heben wird“, resümierte Martin Krafl sein Statement. Ingeborg Bachmanns visionäres Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ aus dem Jahr 1964 oder wie es 1611 im „Wintermärchen“ bei Shakespeare heißt: „Bohemia. A desert country near the sea“ verleiht dem kreativen Binnenland die inspirierende Vorstellungskraft.

„Was bleibet aber stiften die Dichter“, schrieb der andere deutschsprachige Dichter Hölderlin. Waren es doch immer wieder die Dichter, die dem Menschen ein bleibendes Gedächtnis, Sinn verleihen und Identität stiften. Das trifft auf die zu entdeckende vielfältige tschechische Literatur ebenso zu wie auf die deutsche, besser: auf Literatur und Kultur schlechthin. So können wir uns nach dem bereichernden Literaturfestival LiteraTurm auf den Herbst und die poetischen Leuchttürme freuen, die das Binnenland charakterisieren und den Herbst erhellen werden…

 

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