Malerei von Fritz Scholder im MMK Tower
Heimgesucht – von der Bildmacht
Von Andrea Seppi
Kommt alle und sehet, wer Augen hat zu sehen – und wer nicht, auch dem kann hier geholfen werden, denn Namen und Bezeichnungen vermögen (genau wie Bilder) ganze Kulturen zu be-in-halten: Shoshone, Sioux, Hopi Luiseño u.s.w. So einige Titel der ‚Ten Indians Suite‘, einer Serie von Fritz Scholder (1937–2005), zu sehen in der aktuellen Ausstellung im MMK Tower.

Ein jeder Deutsche weiß sofort, worum es geht… Doch als die Gemälde des Amerikaners entstanden, war Winnetou noch gar nicht gedreht, die Ureinwohner als >Indianer< Nordamerikas bei uns lediglich von aus der Ferne beschrieben. Und genau die malt Scholder – „Indianer“, wie es früher hieß.
Er nennt ein frühes Portrait „Monster Indian“. Ich beschreibe hier bewusst nicht, was zu sehen ist und verweise nachdrücklich auf den eingangs Satz: wer Augen hat….
Wer ist das, dieser Maler mit dem deutschen Namen, der hierzulande unbekannt ist. Einer, der von sich sagt:“ ich male was ich sehe“, wenn er in die Gesichter seiner Zeitgenossen schaute. Wir sprechen hier noch nicht mal von gegenwärtigen Angesichtern, sondern von einem Werk aus den 60/70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wie kann das sein, dass es, dieser malerische Kosmos, ein halbes Jahrhundert nicht gesehen worden ist?
Anfangs noch leichtfüßig – ganz wie ein „Indianer“ – betritt man diese reichhaltige Universum von korrespondierenden Bildern, aber man gerät sehr bald in den Sog, den die intensiv farbigen Gemälde ausüben. Die ungeahnte Bildmächtigkeit dieses Oeuvres, das es hier zu entdecken gibt, ist die erste Sensation – die zweite ist eine sie begleitende, kostenlose Publikation in Form einer schmalen zweisprachigen Broschüre, die auf wenigen Seiten brillant zusammenfasst, was die amerikanische Tragödie ausmacht. Wovon dieses Land heimgesucht wird – bis heute.

Fritz Scholder, Monster Indian (Detail), 1968, © Fritz Scholder, Foto: Axel Schneider
Auch diesen Text werde ich hier nicht versuchen wiederzugeben, alleinig die Aufforderung, selber nachzulesen! Dichter und exzellenter kann kaum beschrieben werden, was sich tragisch in Form- und Farbgebung – insbesondere in der Leere auf den Leinwänden – beim Durchwandern der Ausstellung vor dem Rezipienten abspielt. Aus der Leichtfüßigkeit des Betrachters wird bald irdene Schwere, denn immer körperlicher verwandeln sich die abgebildeten Figuren ins Verzerrte, Verdrehte, irgendwie gehen sie kaputt; das Auge des Betrachters sieht Ungeheuerliches, er erlebt es geradezu in den halbszenischen Tableaus mit!
Obwohl – oder gerade weil – sich die Bilder dieser Ausstellung in einer vollkommen von der Wirklichkeit abgedichteten Galerie eines gläsernen Frankfurter Banktowers befinden, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg. Ein erschütterndes Zeitkapsel-Erlebnis, verursacht nicht durch eine „immersive“ Kunstshow, sondern durch eine Versammlung stiller Gemälde?
Wer Augen hat zu sehen, …der kann hier in einen nur vermeintlich stillen Dialog mit Bildern eintreten, die schreien. Und er wird – Triggerwarnung ! – mit schmerzendem Herzen entlassen. Wie gut nur, dass diese „Heimsuchungen“ endlich zu sehen sind. Es gibt nur einen Weg, sie zu befrieden, und der geht über das Aufdecken, Sichtbar-Machen, Zeigen und Zurechtrücken. Diese Macht hat Kunst, hat Malerei, können Bilder entfalten und bewahren.
Das derzeit, meines Erachtens: Wichtigste, was in Europa zu sehen ist.
FRITZ SCHOLDER
25. April – 25. Oktober 2026
TaunusTurm, Taunustor 1
60310 Frankfurt am Main
