HERE IS THERE – Doppelabend der Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC) mit neuen Werken von Ioannis Mandafounis und Thomas Bradley
Große Stille und ein Tohuwabu
Von Petra Kammann
Für die letzte Show der aktuellen Spielzeit war die DFDC mit der Uraufführung von „Here is there, “ untermalt vom Trompetensound des österreichischen Komponisten HK Grube und vom Sound Design von Zachary Mentzo in die Stadtmitte, ins Schauspiel Frankfurt, gezogen. Ein Novum: Zum ersten Mal hat ein Ensemble-Mitglied eine eigene Bühne bekommen: Thomas Bradley, seit 2023 bei der Company, der sich neben seiner Arbeit als Tänzer auch immer wieder für die interessanten Bühnenkostüme hervorgetan. Im zweiten Teil des Abends war die Neukreation „This Beautiful Messy Thing“ von Ioannis Mandafounis mit einem fulminanten Schlagzeugsolo von Philipp Danzeisen zu erleben.

„Several Rhythms Sort Thoughtfully”, mit Ichiro Sugae, Solène Schnüriger, Marina Kladi, Nastia Ivanova, Sam Young-Wright, Foto: Dominik Mentzos
Teil 1: „Several Rhythms Sort Thoughtfully”
Gespannte Stille. Kein Huster, kein Mucks ist im großen Zuschauerraum zu vernehmen. Und auf der minimalistisch gestalteten Bühne bewegen sich Figuren in ihren schillernden Kostümen und wirken mit den auf die Brust geschnallten schwarzen Herzen wie gepanzert. Der in Australien geborene Tänzer und Bühnenbildner Thomas Bradley, seit 2023 Ensemblemitglied der Dresden Frankfurt Dance Company, hat in diesem Jahr nicht nur ein Auge auf die Kostüme geworfen, sondern auch ein eigenes Werk für die Company und dem Titel „Several Rhythms Sort Thoughtfully” entwickelt und choreografiert.
Bradley lässt fünf Tänzer:innen (Nastia Ivanova, Marina Kladi, Solène Schnüriger, Ichiro Sugae und Samuel Young-Wright) in einem offenen und weiten, minimalistisch gestalteten Raum aufeinandertreffen. Fast ein ZEN-Setting. Innerhalb dieser Grenzen verändern sie ständig ihre Positionen und improvisieren nach dem Prinzip „Come“, „Go“ and „Stay“. Mal streben die Tanzenden fast nostalgisch aufeinander zu mit ihren teils eleganten, teils sehnsüchtigen, teils verdrehten Bewegungen, dann wieder wieder auseinander und erschaffen auf de,m begrenten Tanzboden ständig neue Formationen. Eine eigentliche Story hält die sich verändernden Bewegungen nicht zusammen. Prallen am sozialen Spiel der Bewegungen pur Zeichen wie auch Bedeutungen oder tiefgehende Emotionen ab?
Oder wie lassen sich die angedeuteten Handbewegungen verstehen? „Komm nur her zu mir“ oder „Adieu, das war’s?“ Anziehung und Abstoßung zugleich scheint die auf der Bühne Agierenden miteinander zu verbinden. Sind sie überhaupt der Bindung fähig? Bradley beschäftigte sich intensiv für diese Choreographie mit den Stilen des japanischen Tanztheaters Butoh und Bewegungsübungen aus der von Haruchika Noguchi entwickelten Seitai-Methode. Er sieht sich daher weniger als Choreograf, der anderen Körpern seinen Geschmack aufdrängen möchte, sondern vor allem als Ermöglicher.
Wenn man etwas genauer hinschaut, kann man auch in scheinbar zufälligen Handlungen Muster, teils Kampfhandlungen , erkennen, von denen manche noch Erinnerungsspuren an klassischem Ballettmuster hinterlassen wie beim Pas de deux, aber eben verrenkter. Alle verfolgen ihre eigenen Strategien, treffen aber in dem bewusst strukturierten Raum, der auch von akustischen Elementen bespielt wird, immer wieder aufeinander, sei es durch das zarte Vogelgezwitscher, das knarzende Geräusche der Zerlegung eines Elektrogeräts oder durch die aus der Tiefe des Raumes kommende in manchen Momenten sehnsuchtsgetränkte Solo-Sonate für Trompete des österreichischen Komponisten HK Gruber. Der Applaus nach der Stille erschien überwältigend.
Teil 2 : „This Beautiful Messy Thing“
Nach der Pause dann folgte mit der Neukreation von Ioannis Mandafounis der komplette Kontrast. Noch während die Plätze vom Publikum wieder eingenommen wurden, wurde wild und voller Spaß auf der Bühne mit allen Beteiligten getanzt zum Beispiel zum ItaloHit „Volare. Oh oh ..“, der von einem Mann handelt, der sich von der Leichtigkeit eines Flugs in den Himmel hineinträumt – zweifellos eine Metapher für Sehnsucht und die Befreiung aller irdischen Sorgen. Unter den Tanzenden befand sich auch der anvisierte Drummer Philipp Danzeisen, dessen Schlagzeuge zunächst scheinbar herrenlos neben dem Bewegungsraum dastehen wie glänzende Skulpturen.

Fröhliche Leichtigkeit des Seins der Kompanie unter dem Gleitschirm, Foto: Petra Kammann
Und dann ging es voller Power und Lautstärke weiter mit dem zweiten Stück des Abends „This Beautiful Messy Thing“ des gebürtigen Griechen Ioannis Mandafounis, der die DFDC seit 2023 leitet und schon mit William Forsythe zusammengearbeitet hat. Der englische Titel dieser Choreographie lässt sich auf Deutsch etwa mit „Dieses schöne, chaotische Ding“ übersetzen, was die komplexe Gemengelage der aktuellen Situation oder das unvollkommene eines nicht strukturierten Lebens beschreibt.
Nach dem fröhlich poetischen Pausenbild mit dem luftigen Gleitschirm, Symbol der über allem schwebenden Freiheit, der über den sich rasend schnell bewegenden Tänzer:innen aufgezogen wurde, senkte sich nun der riesige und bedrückend dunkle Bühnenhimmel über die Tanzenden, deren Bewegungsradius er zudem einschränkte.

„This Beautiful Messy Thing“: Philipp Danzeisen am Schlagzeug, Audrey Desmurs, Foto: Dominik Mentzos
Das wiederum wurde durch improvisierte Samples der verschiedenen Geräusche mit den Sounds der Trommeln von Philipp Danzeisen akustisch so eindringlich kommentiert, dass die rasant, teils akrobatischen Tänze beim Spiel mit Grenzen und Grenzüberschreitungen durch das Einschlagen der Tänzer:innen auf Objekte Energien freisetzten, statt von ihnen gebremst zu werden.
„Alle zehn Tänzer*innen haben richtig Spaß. Das verspielte Stück haut sich im besten Solo gegen Ende selbst in Trümmer, wenn ein Tänzer Sachen schmeißt, die metallisch krachend landen“ , schrieb die Tanzkritikerin Wiebke Hüster von der FAZ resümierend dazu.
Eindrucksvoll auch die lebendige, atemberaubend quicke Körperlichkeit der Tänzer:innen, die sich bis zur Erschöpfung verausgabten. In ihrer hohen Präzision ihrer Bewegungen wirkten sie teils fragil, teils kraftvoll. Herausragend dabei der so strahlende wie komödiantisch begabte Tänzer Yan Leiva.
Von Spannungen wie vom Drang nach Veränderung bleiben die Bilder und ausgestoßenen Laute der Tänzer:innen wie auch die durchdringenden Trommelschläge von „This Beautiful Messy Thing“ als Erinnerungsspuren im Kopf oder Hinterkopf zurück und lösen Fragen aus.
Wohin führt der Drang nach Veränderung ? Es geht nicht um Darstellung, sondern um Erlebnisse und Beziehungen, so das Credo von Mandafounis, das sich mit diesem Abend in eine längerfristig angelegte Entwicklung einreiht, die der Künstlerische DFDC-Leiter seit einiger Zeit verfolgt, in dem er immer weiter an seiner Improvisationspraxis arbeitet. Mit der aufgeladenen Bedeutung der frontalen klassischen Bühnensituation und dem damit verbundenen visuellen Geschehen möchte er durch die spontan entstehenden flüchtigen Bewegungen, Beziehungen und Situationen brechen.
Das ist ihm mit diesem Auftakt gelungen. Der intensive Beifall jedenfalls scheint ihm recht zu geben.
