Clara und Robert Schumann: eine Liebe in Briefen und Musik
Ein Klavierabend mit Lesung überzeugte in der Villa Bonn als neues ‚Format‘
Vom Uwe Kammann
Kann man sich das heute vorstellen? Gut 20.000 Briefe haben Robert und Clara Schumann geschrieben, viele davon natürlich auch mit ganz professionellen Adressen im verzweigten europäischen Musikleben. Die schönsten allerdings, die haben sie sich gegenseitig geschickt, in einem, auch für heutige Mail-Zeiten geradezu atemberaubenden Rhythmus. Doch den Antrieb und den Grund dürften auch heutige Zeitgenossen verstehen: Es waren Liebesbriefe, Zeugnisse des Naheseins auch in der Ferne, innige schriftliche Annäherungen in einer Phase, die so intensiv wie aufregend war wie sonst keine im Leben des Paares, das für Romantik in der Musik steht wie sonst wohl kein zweites in Deutschland.

Wechselspiel zwischen der Pianistin Catalina Butcaru und der Sprecherin Nora Solcher, Foto: Petra Kammann
Was das bedeutete, damals, im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und wie sich das las, wie sich das in der Musik der beiden jungen Menschen anhörte, das durfte ein beseeltes Publikum in einem ganz neuen ‚Format‘ der Clara und Robert Schumann Gesellschaft erleben: einem „Klavierkonzert mit Lesung“. Der Titel des Abends deutete schon einiges an: „Stimme aus der Ferne“. Und der Untertitel versprach dann noch mehr: „Clara und Robert Schumanns intensive junge Liebe“.
Jung, sich verstärkend im jugendlichen Überschwang, das war sie tatsächlich, nach einem ganz frühen Beginn. Denn Clara hatte Robert schon im Jahr 1828 kennengelernt, da war sie noch keine neun Jahre alt. Robert zählte an Jahren doppelt, wohnte ab dem Herbst 1830 ein Jahr lang in ihrem elterlichen Hause, ließ sich von ihrem Vater, Friedrich Wieck, unterrichten; und dabei nahm die Geschichte – die 1835 in den ersten zärtlichen Kuss mündete – ihren Lauf. Der allerdings mehr als gefährdet war, denn Vater Wieck suchte, die Verbindung mit allen Mitteln zu verhindern, auch durch räumliche Trennungen, durch Tourneepläne für seine Tochter, die einem Versteck und einer Verschickung gleichkamen. Nicht zuletzt wollte er einen Briefwechsel der beiden Liebenden unterbinden. Allein: vergeblich. Die Botschaften wechselten hin und her.

Die Pianistin spielte größere Solopartien, Foto: Petra Kammann
Und genau auf einen Höhepunkt dieser Korrespondenz konzentrierte sich der Abend in der altehrwürdigen Frankfurter Villa der ehemaligen Bankiersfamilie Bonn. War deren zentraler Empfangssaal mit der umlaufenden Empore vielleicht zu dunkelprächtig für die hin- und hereilenden Liebesbotschaften aus der noch jungen Zeitspanne 1838 bis 1840. Nein, ganz und gar nicht. Dies lag sicher vor allem daran, dass die Pianistin Catalina Butcaru eine sehr treffende, markante und jugendfrische Auswahl aus dem Briefwechsel von Clara und Robert zusammengestellt hatte; und dass sie diese Auswahl mit Musikstücken – wie soll man sagen? – interpretierend begleitete, welche den ganzen Reichtum des musikalischen Kosmos spiegelten, der das Schaffen von Robert und Clara ausmachte.
So waren Ausschnitte aus dem Klavierzyklus „Carnaval“ zu hören, Romanzen auch, dann weiter Beispiele aus den Charakterstücken für Klavier, die Robert Schumann im engen Zusammenhang mit den „Kinderszenen“ komponiert hatte und die er Novelletten nannte. Eine ungewöhnliche Bezeichnung, gewiss, aber bewusst mit Bezug auf die literarische Gattung der Novelle gewählt, um, wie der Komponist selbst erläuterte, „größere zusammenhängende abenteuerliche Geschichten“ zu erzählen. Spaßhaft erklärte Robert seiner Clara, mit der er inzwischen verlobt war, dass es Noveletten sein müssten, „weil Du Clara heißt und Wiecketten nicht gut klingt“.

Nora Solcher schlüpfte in die Rolle von Robert und in die von Clara, Foto: Petra Kammann
Solche spielerischen Tonarten klingen in seinen Briefen an Clara immer wieder an, allerdings auch viel Inniges, Poetisches, Zartes. Claras Briefe haben stärker prosaische Züge, zeigen eine leicht rationalere Grundierung – Charakterlinien, die auch im späteren Leben der beiden durchscheinen, das stark durch die Tüchtigkeit Claras geprägt war, welche den nicht einfachen Alltag mit sieben Kindern und ihrer eigenen außerordentlichen musikalischen Arbeit trug, während Robert unter seinen Suchterscheinungen litt.
Das allerdings zeichnete sich in dem frühen intensiven Briefwechsel nicht ab, der von der Schauspielerin Nora Solcher im Wechselspiel vorgetragen wurde, in einer überzeugenden Verkörperung sowohl der männlichen als auch des weiblichen Parts. Ein Kunstgriff, der überzeugte. Denn mit dieser engen personalen Verflechtung erschien die Kombination aus Lesung und musikalischem Klaviervortrag als ungemein intensiv empfundene Einheit. Sicher hatte es auch damit zu tun, dass Nora Solcher auch in der Theater-, Film- und Konzeptarbeit engagiert ist und aus allen Erfahrungen eine starke Präsenz schöpft. Eine Präsenz, die auch das Spiel von Catalina Butcaru auszeichnet.

Dr. Edgar Wallach dankte den beiden Akteurinnen, Foto: Petra Kammann
In jedem Moment dieses außergewöhnlichen Abends zeichnete sich ihre Interpretation der Schumann-Musik durch eine ebenso hohe Intensität wie reife Spielkultur aus, und dies in einem variationsreichen Bogen von hohem Temperament bis zu den zartesten Anspielungen und dem feinsinnigen Auskosten träumerischer Gedanken. Musikkenner wissen, dass sich die Musik unter dem Namen Schumann – und das gilt sowohl für Robert als auch für Clara – keineswegs durch einfache Tonlagen auszeichnet, sondern dass sie höchst komplex ist, mit vielen Variationen und feinen Strukturen sowohl in den Verläufen als auch in den Tempi. Das alles arbeitete die in Rumänien geborene, in Wien lebende Butcaru mit höchstem Können heraus, sehr souverän, dazu absolut kompositionstreu in allen Passagen.

Dr. Edgar Wallach, Vorsitzender der Robert und Clara Schumann Gesellschaft, möchte neue Wege gehen, Foto: Petra Kammann
Kein Wunder, dass ein äußerst lang anhaltender Beifall den Vorsitzenden der Robert und Clara Schumann Gesellschaft – seit letztem Jahr trägt sie auch den Namen der so bedeutenden und damals überaus fortschrittlichen Musikerin –, Edgar Wallach, darin bestätigte, dass dieses neue ‚Format‘ in der Kombination von Musik und Lesung ein vielversprechendes Modell ist. Und ohnehin, der Abend in der Villa Bonn an der Siesmayerstraße im Westend war ein weiterer Beleg dafür, in welch’ hohem Maße das Frankfurter Kulturleben durch bürgerschaftliches Engagement bereichert wird. Das wiederum verdient den Titel ‚Alte Liebe‘. Und zeigt, wie überzeitlich das sein kann, was wir Kunst nennen.
