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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Das 63. Theatertreffen 2026 in Berlin

Spagat zwischen individueller Freiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und Schauspielkunst

Von Walter H. Krämer

Das 63. Theatertreffen 2026 das am 17. Mai mit der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreis zu Ende ging, zeigte einmal mehr, wie gegenwärtig und politisch das deutschsprachige Theater sein kann. Zwischen großen Romanbearbeitungen, performativen Grenzgängen und psychologischen Kammerspielen stellten viele der eingeladenen Inszenierungen die Frage nach individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung in den Mittelpunkt. Und es war ein Fest großer Schauspielkunst.

Fräulein Else von Leonie Böhm und Julia Riedler, Regie: Leonie Böhm  Volkstheater, Wien © Marcel Urlaub

Das von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Festival unter der Leitung von Nora Hertlein-Hull begeisterte einerseits und öffnete gleichzeitig viele Diskussions- und Diskursräume.

Nora Hertlein-Hull in, Leiterin des Berliner Theatertreffens © Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn

Alle gezeigten Produktionen der 10er Auswahl – vom Theater Basel, Schauspiel Stuttgart, Volkstheater Wien, Staatstheater Cottbus, Schauspielhaus Zürich, den Münchner Kammerspielen (mit zwei Inszenierungen eingeladen), Hans-Otto-Theater in Potsdam sowie Studio Julian Hetzel in Koproduktion mit den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und dem Schauspiel Leipzig – fanden ihr Publikum und wurden vielfach auch kontrovers auf- und wahrgenommen. Die internationale Koproduktion „A Year without Summer“ in der Regie von Florentina Holzinger wird als TT-Nachspiel am 10. und 11. Oktober in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz gezeigt.

Fräulein Else von Leonie Böhm und Julia Riedler Regie: Leonie Böhm Volkstheater, Wien, Foto: © Lukas Gansterer BÜHNE

Mit „Fräulein Else“ gelang der Regisseurin Leonie Böhm am Volkstheater Wien eine radikal gegenwärtige Lesart von Arthur Schnitzlers berühmter Novelle. Im Zentrum steht Else, die versucht, die finanziellen Probleme ihrer Familie zu lösen und dabei in ein Machtverhältnis gerät, das ihren Körper zur Verhandlungsmasse macht. Die Inszenierung konzentriert sich nahezu vollständig auf die Präsenz der Schauspielerin Julia Riedler, die den inneren Monolog der Figur in einen direkten Dialog mit dem Publikum verwandelt. Dadurch entsteht eine beklemmende Nähe: Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden nicht nur Beobachter, sondern Mitverantwortliche eines Systems aus Scham, Macht und Abhängigkeit.

Bemerkenswert auch „Die Glasmenagerie“ vom Theater Basel in der Regie von Jaz Woodcock-Stewart. Tennessee Williams’ Erinnerungsstück wurde hier nicht nostalgisch erzählt, sondern als fragile Familiengeschichte voller unerfüllter Hoffnungen und emotionaler Verletzungen inszeniert. Besonders eindrucksvoll war die Art, wie die Bühne zwischen Realität und Erinnerung schwebte. Die Basler Produktion arbeitete mit feinen atmosphärischen Verschiebungen und schuf Bilder von großer Zerbrechlichkeit. Laura, Amanda und Tom erschienen nicht als bloße Figuren eines klassischen Familiendramas, sondern als Menschen, die verzweifelt versuchen, ihren Illusionen einen Halt zu geben. Überdeutlich wurde dies durch den Gebrauch von Powerplates, die im Raum verteilt waren und die die Schauspieler*innen beim Betreten ordentlich durchschüttelten.

Jette Steckel führte Regie in Mephisto, Foto: © Pascal Buening

Insgesamt zeigte das Theatertreffen 2026 eine bemerkenswerte – so auch ein Kriterium für die Auswahl! – Bandbreite zwischen klassischem Erzähltheater und experimentellen Formen. Viele Produktionen griffen literarische Vorlagen auf, suchten darin aber nach aktuellen politischen und gesellschaftlichen Konflikten. Damit bestätigte das Festival erneut seinen Ruf als wichtiges Forum für deutschsprachiges Gegenwartstheater.

https://www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen/das-festival/ueber-die-10-inszenierungen

In diesem Jahr zeichnete 3sat vier der ausgewählten Produktionen auf. Diese Aufzeichnungen sind noch bis Mai 2027 in der 3sat-Mediathek abrufbar:

  • „Fräulein Else“ vom Wiener Volkstheater
  • „Mephisto“ von den Münchner Kammerspielen
  • „Il Gattopardo“ vom Schauspielhaus Zürich
  • „Wallenstein“ von den Münchner Kammerspielen

Das Theatertreffen 2026 zeigte aber nicht nur wichtige Inszenierungen der Gegenwart, sondern würdigte auch außergewöhnliche künstlerische Leistungen auf der Bühne – in diesem Jahr die der Schauspielerinnen Katharina Bach und Paulina Alpen.

Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen  nach Friedrich Schiller, Regie: Jan-Christoph Gockel  Münchner Kammerspiele  © Armin Smailovic

Seit 1997 vergibt 3sat jährlich im Rahmen des Theatertreffens den 3sat-Preis für eine künstlerisch innovative Leistung an eine*n oder mehrere Künstler*innen aus dem Kreis der eingeladenen Ensembles. 2026 wurde die Schauspielerin Katharina Bach für ihre Darstellung in der Inszenierung „Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen“ an den Münchner Kammerspielen ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es:

„Jan-Christoph Gockels Wallenstein-Doppelbelichtung hat die Mechanik des Krieges und die Anatomie des Kriegers im Visier. Dass der sich nicht nur äußerlich panzern muss, sondern auch seelisch und mental, zeigt Katharina Bach als Wallensteins Feldmarschall Illo und in einem fulminanten Schlussmonolog, in dem sie sich all dieser Panzerungen auf eine Weise entledigt, dass man sich beim Zuschauen mit ihr quält. Im Musclesuit und mit Glatze ist Bach zunächst kaum wiederzuerkennen – und dann doch sehr, weil sie durch all die Kraftmeiereien dieses bis zum Stumpfsinn loyalen ‚Kriegsmenschen‘ dessen tiefe Verletzlichkeit durchschimmern lässt. Hinter seiner/ihrer/unserer Entschlossenheit lodert die Angst. Das ist schauspielerisch umwerfend und zeitlos wahr!“

Jan-Christoph Gockel inszenierte Wallenstein, Foto: © Sandra Singh

Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis würdigt jährlich im Rahmen des Theatertreffens die herausragende Leistung eines jungen Schauspielers, einer jungen Schauspielerin in einer der eingeladenen zehn Inszenierungen. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde zum Festivalabschluss in einer öffentlichen Matinee im Haus der Berliner Festspiele an die Schauspielerin Paulina Alpen vergeben. Juror war in diesem Jahr der Schauspieler, Hörbuchsprecher und Autor Matthias Brandt.

3sat-Preis 2026 für Katharina Bach, Foto: Fabian Schellhorn

Paulina Alpen erhielt den mit 5.000 Euro dotierten Alfred-Kerr-Darstellerpreis für ihre schauspielerische Leistung in der Inszenierung „Die Welt im Rücken“ in der Regie von Lucia Bihler, eine Produktion des Schauspiels Stuttgart.

In seiner Laudatio begründete Matthias Brandt seine Wahl: „Paulina Alpen spielt diese Figur, die denselben Namen trägt wie ihr Autor, mit einer erstaunlichen Genauigkeit im Wechsel von Anspannung und Kontrollverlust und gleichzeitig mit einer Offenheit, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Sie hat Kraft, aber sie stellt sie nicht aus. Sie ist nie ungenau, aber auch nie geschniegelt. Und was sie zeigt, wirkt nicht hergestellt, sondern sie riskiert was. Sie spielt diese Figur nicht als Fall, nicht als Diagnose, sondern als Mensch: mit Scham, Komik, Erschöpfung, Selbstbeobachtung, Gegenwehr, Stolz, Verletzbarkeit.“

Preisträgerin des Alfred-Kerr-Darstellerpreises 2026 Paulina Alpen mit Alleinjuror Matthias Brandt © Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn

Die beiden ausgezeichneten Schauspielrinnen stehen exemplarisch für zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen herausragende Schauspielkünste: die körperlich-radikale Transformation von Katharina Bach in „Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen“ und die emotional hochpräzise Innendarstellung von Paulina Alpen in „Die Welt im Rücken“ nach Thomas Melle.


Schlussapplaus bei „Die Welt im Rücken“ mit Paulina Alpen © Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn

Das nächste – das 64. Theatertreffen, findet vom 6. bis 23. Mai 2027 wieder in Berlin statt – diesmal ohne Frauenquote.

 

 

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