Nominiert für den International Booker Prize 2026 – Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“
„Was Simone gerade liest …“
Unsere Theater-, Opern- und Tanzkritikerin Simone Hamm, die auch eine begeisterte Leserin ist, stellt besondere Bücher vor, wie zum Beispiel den bei uns bereits 2016 erschienenen Debütroman von Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“. Er wurde erst jetzt ins Englische übersetzt und kam auf die Shortlist des Internationalen Bookerpreises. Der internationale Bookerpreis geht in diesem Jahr an die taiwanische Schriftstellerin Yang Shuang-zi für ihren Roman „Taiwan Travelogue“ und an Lin King für die Übertragung des Buches ins Englische, wovon es noch keine deutsche Übersetzung gibt. Auf der shortlist, auf der insgesamt sechs Romane nominiert waren, stammen zwei von deutschsprachigen Autoren; Daniel Kehlmanns “Lichtspiel“ und Shida Bazyars vielschichtiger Debütroman: „Nachts ist es leise in Teheran“ (Kiwi).

Shida Bayzar ©Tabea Treichel
Shida Bazyar, die 1988 in Rheinland-Pfalz geboren ist, erzählt die Geschichte einer iranischen Familie in vier Kapiteln über vier Jahrzehnte aus der Perspektive von vier Protagonisten. Shida Bazyar gibt jeder und jedem eine andere Stimme, einen anderen Ton. In den achtziger Jahren fliehen Behsad und Nahid mit ihren kleinen Kindern Laleh und Mo in die Bundesrepublik Deutschland. Dort wird Tara geboren.
Im erste Kapitel, das 1979 spielt, erzählt Behsad. Als junger Lehrer steht er den Kommunisten nahe. Nach dem Sturz des Schahs hatte er Hoffnung gespürt. Trügerische Hoffnung. Unter Ayatollah Khomeini wird sein Leben noch schwieriger. Immer mehr Männer tragen Bärte. Sie glauben an die neue Herrschaft der Mullahs. Darunter sind auch Bekannte. Wem kann er trauen? Ein Riss geht durch Familie und Freundeskreis. Der Bruder seines besten Freundes schließt sich dem Regime an. Freunde verschwinden in Gefängnissen. Als dann sein bester Freund verhaftet wird, verläßt Behsad mit seiner Familie den Iran. In Deutschland wird der einst so kämpferische Mann müde, ja lethargisch.
Shida Bazyar zeichnet die Figur des Behsad sehr fein in all seinen Widersprüchen, einen Mann der sich schuldig fühlt, weil er in Deutschland lebt, während seine Freunde im Iran für die Freiheit kämpfen.
Zehn Jahre später, 1989, im zweiten Kapitel ist Behsads Frau Nahid die Erzählerin. Es ist hart für sie in Deutschland. Sie liebt die persische Sprache und deren Poesie. Jetzt lernt sie das in ihren Ohren klingende hart klingende Deutsch und kann sich lange nicht so gekonnt ausdrücken, wie sie es möchte. Obwohl sie Hilfe erhält, können die freundlichen Ökolinken sie doch nie ganz verstehen. Nahid hingegen versteht sehr gut, was in den zuvorkommenden Deutschen mit den selbstgestrickten Pullovern vorgeht und nimmt es mit Humor. Shida Bazyar zeigt eine sehr kluge, zielstrebige Frau.
Wieder zehn Jahre später ist es die älteste Tochter Laleh, die ihre Gedanken teilt. Sie reist mit Mutter und Geschwistern (für den Vater ist es zu gefährlich) nach Teheran, besucht Verwandte. In diesem Kapitel geht es Bazyar um die Suche nach Identität. Laleh fühlt sich fremd (vieles hat sich verändert in Teheran) und doch zu Hause zugleich. Sie fragt sich, wer sie ist, wo sie hingehört. Sie ist gern mit den Frauen zusammen, die kleine Geheimnisse mit ihr teilen. Ihre kleine, in Deutschland geborene Schwester Tara hingegen kann die Rituale bei den Besuchen bei Verwandten, das unaufhörliche Teetrinken, kaum ertragen. Das äußert sie unverhohlen.
2009, noch einmal eine Dekade später, geht es um Sohn Mo Party. Er verliebt sich, schläft und träumt in den Tag hinein. Mos Sprache ist flappsig. Er demonstriert halbherzig gegen Studiengebühren. In Teheran ist es die Zeit der grünen Revolution. Hunderttausende gehen auf die Straße. Ihr Protest wird brutal niedergeschlagen. Da erwacht auch er.
Es gibt noch eine kurzen Epilog, die jüngste Tochter Tara ist voller Hoffnung. Das Regime der Mullahs wird fallen.
Shida Bazyar ist es gelungen, einen politischen Roman außerordentlich poetisch zu schreiben. Das macht ihn besonders. Ihre Perpektivwechsel sind gelungen, man nimmt jeder Person ihre Sichtweise ab. Shida Bazyar erzählt in fünf völlig unterschiedlichen Sprachweisen. Und jede ist gekonnt. Ja, so erzählt ein Mann voll von Schmerz, ja so erzählt eine Mutter, die weiterkommen will und vor allem will, dass ihre Kinder weiterkommen. So fühlt eine junge Frau, die persische Wurzeln hat, wenn sie Teheran besucht. So spricht ein junger, unausgegorener Student und so seine starke kleine Schwester.

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein Buch der Dekaden. 2016 in Deutschland erschienen, wurde genau zehn Jahre später für den internationalen Bookerpreis nominiert Und Bookerpreis hin oder her. „Nachts ist es leise in Teheran“ sollte man unbedingt lesen. Gerade jetzt.
Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran.
KiWi Taschenbuch.
288 Seiten. 13.00 €.
