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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Büchners „Leonce und Lena“ im Staatstheater Wiesbaden, inszeniert von Stefan Pucher

Barockes Pop-Spektakel zwischen Melancholie, Dekadenz und digitaler Selbstinszenierung

Von Walter H. Krämer

Georg Büchner hinterließ, als er 1837 im Alter von nur 23 Jahren starb, ein erstaunlich umfangreiches Werk: Wissenschaftliche Arbeiten, Briefe, Erzählungen, drei dramatische Texte und nicht zuletzt die politische Kampfschrift „Friede den Hütten. Krieg den Palästen“ – deretwegen er gesucht und außer Landes fliehen musste. Nach dem umjubelten „Woyzeck“ setzt Stefan Pucher seine Büchner-Arbeiten am Hessischen Staatstheater Wiesbaden nun mit „Leonce und Lena“ fort – und in der kommenden Spielzeit folgt mit „Dantons Tod“ schließlich auch noch der dritte große Büchner-Text. Dass damit das gesamte dramatische Werk Georg Büchners in Wiesbaden zu erleben sein wird, ist ein bemerkenswerter Coup und zugleich ein Verdienst der Intendantinnen Dorothea Hartmann und Beate Heine, die dem Schauspielprogramm damit eine klare Handschrift geben und dem Dichter Büchner den Platz einräumen, den er verdient.

In Büchners Lustspiel“ Leonce und Lena “ v. l. n. r. Trang Dông, Jonas Grundner-Culemann, Tabea Buser, Christian Klischat, Lennart Preining, Felix Strüven,  Foto: Laura Nickel

Leonce, Königssohn aus dem Reiche Popo, und Lena, Königstochter aus dem Reiche Pipi, sind zwei verwöhnte und gelangweilte Königskinder, die nun gegen ihren Willen zwangsverheiratet werden sollen. Dies gefällt beiden nicht und sie fliehen ihr enges Zuhause und machen sich beide, ohne voneinander zu wissen, auf den Weg nach Italien. Leonce in Begleitung von Valerio, sein gleichgesinnter Freund, und Lena in Begleitung ihrer verständnisvollen Gouvernante. Unterwegs treffen die beiden aufeinander, ohne sich zu erkennen, und verlieben sich ineinander. Derweil werden in der Heimat Hochzeitsvorbereitungen getroffen. Weil der König sein Wort halten will, werden vermeintlich zwei Automaten miteinander verheiratet, die sich später als Leonce und Lena entpuppen. Und so nimmt das Schicksal, dem die Königskinder entfliehen wollten, doch seinen Lauf.

Hannah Lindner als 2.Schulmeisterin und Lennart Preining als Prinz Leonce von Popo , Foto: Lukas Anton

Der Regisseur Stefan Pucher verwandelt Büchners Lustspiel in ein grell funkelndes Pop-Spektakel zwischen Melancholie, Dekadenz und digitaler Selbstinszenierung. In seiner Inszenierung sind zwei super-reiche Kinder auf der Flucht vor ihren eigenen Privilegien und der damit einhergehenden Verantwortung. Doch ihr Ausbruch in die Natur hält nicht das, was er verspricht: „Wir haben Alles wohl anders geträumt mit unseren Büchern hinter den Mauern unseres Gartens, zwischen unseren Myrthen und Oleandern. – O die Welt ist abscheulich!“

Leitmotivisch gedacht ist wohl der Song „Super Rich Kids“ von Frank Ocean, den das Leonce und Lena-Ensemble live auf der Bühne performt:

Start my day up on the roof
There’s nothing like this type of view
Point the clicker at the tube
I prefer expensive news
New car, new girl
New ice, new glass
New watch, good times, babe
It’s good times, yeah

(…)
Too many bottles of this wine we can′t pronounce
Too many bowls of that green, no Lucky Charms
The maids come around too much
Parents ain’t around enough
Too many joyrides in daddy′s Jaguar

Too many white lies and white lines
Super rich kids with nothing, but loose ends
Super rich kids with nothing, but fake friends

(…)

Die barocke Bühne von Nina Peller wird zur Spielwiese einer gelangweilten Wohlstandsjugend, irgendwo zwischen TikTok-Ästhetik, Musikvideo und Konzertarena. Die Videos rechts und links von der Bühne erweitern das Spiel mit phantasievollen Bezügen zu den einzelnen Szenen. Intelligente und witzige Ideen, ein Feuerwerk an Assoziationen.

Die Kostüme von Annabelle Witt bewegen sich stilistisch zwischen Trash, Punk und Barock. Es gibt viel zu sehen, witzig und symbolhaft kombinierte Mode von Barock bis heute, verrückte Frisuren und grelle Haarfarben.

Immer wieder brechen Popsongs und Live-Musik in den Abend hinein, Videos überlagern das Bühnengeschehen, Smartphones werden zu Requisiten permanenter Selbstbeobachtung. Büchners Sprache wird dabei durch aktuelle Anspielungen, Social-Media-Sprech und Gegenwartsreferenzen erweitert, ohne dass der Grundton des Stücks verloren geht. Gerade die Verbindung aus romantischer Leere und heutiger Überreiztheit macht den Abend so treffend.

Vor allem aber lebt die Inszenierung von der enormen Spielfreude des Ensembles. Lennart Preining gibt den Leonce als coolen, innerlich ausgebrannten Erben einer saturierten Welt. Mit lässiger Präsenz und feinem Gespür für Komik zeigt er einen jungen Mann, der an seiner eigenen Überfülle erstickt. Tabea Buser setzt dagegen als Lena eine wunderbar wache, zugleich verletzliche Energie. Zwischen Ironie und Sehnsucht entwickelt sie eine starke Bühnenpräsenz, die den emotionalen Mittelpunkt des Abends bildet.

Großartig die Szene, in der Leonce am Flügel spielt und sich lasziv auf dem Deckel des Flügels bewegt, die beiden sich sprachlich ihrer Liebe und Zuneigung bewusst werden – mit viel Humor, Slapstick und überraschenden Wendungen.

Lennart Preining als Leonce und Tabea Buser als Lena, Foto: Lukas Anton

Leonce: „Deine Augen, so hübsch und so lost, dein Mund, gottgleich, eine Vorlage für Schönheitschirurgen, deine Nase wie aus nem antiken Tempel geklaut, alles perfekt geformt – und dahinter: Funkstille.“ Lena: „Ein Kontrast zum Niederknien: deine Augen weit offen und ohne Inhalt, leer wie Kassen nach dem Zugriff. Man kann hineinfassen, findet aber nichts. Dein Mund: ein Organ der Zustimmung. Er sagt nichts, er hält hin. Dein Körper wie ein Denkmal, erbaut für den Gedanken, der nie stattgefunden hat.“

Jonas Grundner-Culemann ist als Valerio der anarchische Motor der Aufführung: charmant, musikalisch, ständig in Bewegung und nicht auf den Mund gefallen, besonders dann, wenn er die Ministerriege vorstellt und man sofort auch an heute denken wird / muss: „Wer tauscht seine Dummheit gegen meine Vernunft? Ich bin Finanzminister Spinne! Her mit dem Geld! Am liebsten von denen die sowieso nichts haben, dann sparen wir doppelt, am Geld und am Mitgefühl! Ich bin General Vollpfosten, lass Truppen marschieren! Vorwärts, rückwärts, scheiß egal, Hauptsache: Aufgerüstet, Hauptsache: Wehrverpflichtet! Ich bin Kulturminister Scherhand! Auch die Orchestrierung von Kürzungen braucht einen Dirigenten! Ich bin Zukunftsminister Lochschwarz! Die Zukunft gehört allen. Allen mit Startkapital und Aktienpaket: Und du fragst dich: Ist meine Rente sicher? Ich frage; wo bleibt mein Erbe?“

Tabea Buser als wache und verletzliche Lena. Foto: Lukas Anton

Trang Dông bringt als Valeria eine moderne, glamouröse Coolness ein und spielt mit sichtbarer Freude die mediale Selbstinszenierung ihrer Figur aus. Christian Klischat kostet den König Peter herrlich exzentrisch aus und macht aus dem Herrscher eine groteske Karikatur zwischen Barockfürst und Reality-Show-Patriarch. Besonders charmant, wenn er sich auf dem Steg, der bis in die vierte Reihe in den Theatersaal gebaut ist, an das Publikum wendet und endlich weiß, woran ihn der Knoten im Taschentuch erinnern sollte: „Ja, das ist’s – Ich wollte mich an mein Volk erinnern! Mein Volk. Mein unglaubliches Volk!“ Und man darf sich als Zuschauer*in durchaus angesprochen fühlen.

Auch die kleineren Rollen bleiben prägnant. Felix Strüven überzeugt mit trockenem Timing und feiner satirischer Schärfe, während Hannah Lindner zwischen Rosetta, Polizistin und Schulmeisterin mit verblüffender Wandlungsfähigkeit changiert.

Besonders stark ist zudem Abdul Aziz Al Khayat, der als Woyzeck-Figur gleichsam eine Brücke zu Puchers früherer Büchner-Inszenierung schlägt und dem Abend plötzlich eine melancholische Tiefe gibt und gemeinsam mit der Figur der Rosetta auf der kleinen Bühne rappt, was das Zeug hält. Da reißt es sogar die Marmorfiguren auf den Videos von ihren Sockeln und sie tanzen mit.

So ist „Leonce und Lena“ in Wiesbaden weit mehr als eine klassische Komödie: Stefan Pucher macht daraus ein überdrehtes Popkonzert über die Müdigkeit einer Generation, die alles hat und dennoch orientierungslos bleibt. Ein lauter, bildstarker und hoch unterhaltsamer Theaterabend, der zeigt, wie gegenwärtig Büchner noch immer ist.

 

Inszenierung: Stefan Pucher

Bühne: Nina Peller

Kostüme: Annabelle Witt

Musik: Christopher Uhe

Video Design: Ute Schall

Licht: Steffen Hilbricht

Dramaturgie: Hannah Stollmayer

Abendspielleitung / Regieassistenz: Paul Ansmann

Kostümassistenz: Ivet Duran Murillo

Meta-Human Design: Sebastian Lankes

Vermittlung: Valentina Eimer

Die Darsteller

Prinz Leonce von Popo: Lennart Preining

Prinzessin Lena von Pipi: Tabea Buser

Valerio: Jonas Grundner-Culemann

Valeria: Trang Dông

König Peter von Popo: Christian Klischat

Präsident, Polizist 1: Felix Strüven

Rosetta, Polizistin 2, Schulmeisterin: Hannah Lindner

Woyzeck: Abdul Aziz Al Khayat

Live-Musik: Benjamin Kolloch

 

Nächste Vorstellungen am 29.05. + 5. +12. + 27.06. im Kleinen Haus

https://www.staatstheater-wiesbaden.de/spielplan/a-z/leonce-und-lena/

 

 

 

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