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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Polaris – Irre werden im ewigen Eis

„Erschrecken und Erstaunen“

Von Simone Hamm

Bei den Ruhrfestspielen wurde „Polaris“, eine Zusammenarbeit der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater Berlin und dem Théâtre National du Luxembourg unter der Regie von Jan-Christoph Gockel uraufgeführt. In diesem Jahr lautet das Motto der Ruhrfestspiele: „Erschrecken und Erstaunen“. Und genau das trifft auf einProjekt von Jan-Christoph Gockel zu.

Julia Gräfner und Wolfram Koch in der Antarktis, Foto: Lion Bischof

Die Antarktis ist fast vollständig mit einem Eisschild bedeckt. Wohin man blickt. Es gibt keine territorialen Ansprüche, niemand darf nach Rohstoffen suchen, die militärische Nutzung ist verboten, so der Antarktisvertrag. In dieser unwirtlichen Landschaft gibt es nur einige Forschungsstationen.

Und es gibt die Station „Weltfrieden“: Hier können Atomtests gemessen werden. Es kann auch gemessen werden, wenn so ein Test nicht stattgefunden hat. Wenn behauptet wird, es habe einen Atomtest gegeben, können die Antartktis Wissenschaftler nachweisen, ob das wirklich so gewesen ist oder eben nicht.

Eine Station ist die russische Bellinghausen Station. 2018 machte sie Schlagzeilen. Der russische Forscher Sergej Savitskij stach seinen Kollegen Oleg Beloguzow nieder. Er soll  außer sich gewesen sein, weil dieser ihm die Enden der Romane aus der Bibliothek verraten hatte.

Regisseur Jan-Christoph Gockel, die Schauspieler Julia Gräfner und Wolfram Koch und der Kameramann Lion Bischof flogen auf eine andere Antarktis Station, die deutsche Station Neumeyer III. Dort leben Wissenschaftler das ganze Jahr über.

Hier wollte das Theaterteam die Geschichte von Oleg B. und Sergej S. als Schauspiel inszenieren, während Rechercheur Serge Okunev nach Sankt Petersburg reiste, Täter und Opfer ausfindig machte und interviewte. Diese Interviews wurden eingearbeitet. Bischof drehte vierzig Stunden Videomaterial, die immer gleißend weiße Landschaft, die Kantine, den Maschinenraum, das Labor, die Wissenschaftler, die Schauspieler.

Musikalisch wird der Abend von Anton Berman begleite. Die elektronischen Sounds passen sehr gut zur so fremden Antarktis.

Die Bühne (Julia Kurzweg) ist weiß, betont einfach, bewusst witzig gehalten. Weiße Bettücher, Styropor.

Julia Gräfner kommt im Blaumann auf die Bühne und stellt sich vor. Ich bin Oleg, Schweißer, sagt sie trocken. Oleg ist bodenständig. Er hält sich an alle Regeln. Wolfram Koch als Sergej im roten Einteiler kommt hinzu. Er will sein eigenes Ding machen, rechnet schon mal Koordinaten falsch aus, meldet sich nicht ab, wenn er die Station verlässt.

Schon von Anfang an verhält er sich – nach außen den fröhlichen Elektroingenieur gebend – außerordentlich merkwürdig, fuchtelt mit Messern herum. Und langsam, ganz langsam wird er irre. Und man fragt sich, wie man in dieser Umgebung nicht irre werden kann.

Julia Gräfner und Wolfgang Koch spielen herausragend, nuanciert. Sie lassen ihren Figuren Zeit, sich zu entwickeln. Je perfekter Oleg die Routinen einhält, desto diabolischer wird Sergej. Sie sind auf der Bühne zu sehen und in Videofilmen. Wenn eine reale Wissenschaftlerin im Schnee ein Ballett tanzt, machen sie mit. Immer wieder zitieren sie aus Stanislaw Lems dystopischen „Solaris“.

Darin findet ein Psychologe auf der Raumstation oberhalb des Planeten halbwahnsinnige Forscher vor, die fremd und vertraut zugleich sind. Und sie zitieren aus Herman Melvilles „Moby Dick“, jenem Kampf von Mensch und Wal auf offener See.

Es gibt unendlich viel zu sehen, zu erfahren und zu entdecken an diesem Abend, Erschreckendes und Erstaunliches..

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