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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

60 Jubiläum der Marielies Hess-Stiftung und das Finale des Marielies Hess-Kunstpreises

Ein Resumee des Marielies Hess-Kunstpreises, Teil 3

von Brigitta Amalia Gonser

Nun zu dem Marielies Hess-Kunstpreis, den die Marielies Hess-Stiftung seit 2011 im zweijährigen Rhythmus auslobt, einen Preis für ältere, arrivierte, hessische Künstlerinnen und Künstler, dotiert mit 4.000,- €. In Verbindung dazu wird eine repräsentative Ausstellung des Künstlers in Kooperation mit einem adäquaten Ort in Frankfurt am Main organisiert.

Brigitta Amalia Gonser, Kuratorin der Marielies Hess-Stiftung, Foto: Paul Alexander Englert

Als Kunstvermittlerin arbeite ich schon seit zwanzig Jahren kuratorisch mit der Marielies Hess-Stiftung zusammen und begrüße diese Entscheidung von sozialer und kulturpolitischer Tragweite. Ein Preis für die Generation 40/50+ der älteren, namhaften Künstler und Künstlerinnen aus Hessen. Darauf möchte ich etwas ausführlicher eingehen.

1.

Der Marielies Hess-Kunstpreises 2011 ging an die damals außergewöhnliche, heute renommierte Darmstädter Künstlerin Annegret Soltau. Gezeigt wurde ihre Ausstellung „Generativ“, vom 27.05. bis 26.06.2011 täglich in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks als repräsentativer Überblick ihres Oeuvres.

Annegret Soltau, 2025  in ihrer Restrospektive „Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive“im Frankfurter Städel, Foto: Petra Kammann

Es waren aus der Reihe ihrer als positiv-negativ Collagen und Decollagen mit Fotoübernähungen respektive Vernähungen die vier triptychonartigen Installationen von „Generativ“ und „Generativ negativ“ (1994/2005) sowie „Trans-Generativ“ und „Trans-Generativ negativ“ (2005). Dies sind Soltaus Selbst-Konfrontation mit den Generationen – bei versatzartigem Vertauschen von Körperteilen untereinander – mit Großmutter, Mutter, Tochter einerseits und andererseits mit Mann, Tochter und Sohn. Außerdem wurden gezeigt:  ihre miniaturhaften „Zeit-Erfahrungen“ und die große Projektion der „female und trans hybrids“.

Annegret Soltau ist eine Collagekünstlerin der Body-Art. Ihr exemplarisches und nicht exhibitionistisches Medium ist der Körper, ihr eigener sowie der ihrer Nächsten. Sie arbeitet mit deren fotografischem Material. Darin spiegeln sich versatzstückhafte Verbundenheit und die radikalen Vanitas-Erfahrungen von vier Generationen.

Annegret Soltau, Trans-Generativ negativ, Foto Liz Rehm

Ihre dennoch provozierenden Werke fanden breites Echo bei dem Publikum des hr-Sendesaals; waren aber für die Frankfurter Kantorei und einen Iranischen Verein obszön, so dass sich die Kommunikationsabteilung des hr dazu entschied, die Werke für diese Besucher an zwei Abenden mit großen Tüchern zu verhüllen, was übrigens dazu führte, dass dieselben neugierig dahinter lugten. Annegret Soltau sagt zu ihrem künstlerischen Schaffen: „Mein zentrales Anliegen ist, körperliche Prozesse in meine Bilder miteinzubeziehen, um Körper und Geist als gleichwertig zu verbinden“.

2.

Der Marielies Hess-Kunstpreis 2013 ging an die außergewöhnliche Frankfurter Künstlerin Bea Emsbach,gezeigt wurde ihre Ausstellung “Human Nature” im Frankfurter Dommuseum als repräsentativer Überblick ihres Oeuvres, vom 24.05. bis 30.06.2013. Ein Gemeinschaftsprojekt der Marielies Hess-Stiftung mit dem Dommuseum Frankfurt mit Prof. Dr. August Heuser.

Bea Emsbach, Human Nature, Foto: Alexander Paul Englert

Bea Emsbach widmet ihr gesamtes Werk der Erforschung der menschlichen Natur, der zwischenmenschlichen Beziehungen und der gegenseitigen Abhängigkeiten.

Ihr spezifisches Medium ist die Zeichnung. Sie zeigte unter dem Motto „Human Nature“ – Natur des Menschen oder Krönung der Schöpfung – eine für das Dommuseum entwickelte monumentale Wandinstallation mit einer 3,80 m hohen x 7 m breiten, linearen Zeichnung auf Leinwand, außerdem rote lineare Tinte-Zeichnungen und malerische Kolbenfülleraquarelle und setzte plastische Akzente mit Buchsbaumobjekten und fragilen Figuren aus PVC-Knetmasse.

Für Bea Emsbach ist Zeichnen ein sowohl intuitiver als auch in hohem Grade gesteuerter Prozess: „Zeichnen als Ringen um die Bilder aus dem Bodensatz des allgemeinen Unterbewussten und der Mythen, aber aus einer bewussten Beschäftigung mit Anthropologie und Psychologie.“

3.

Den Marielies Hess-Kunstpreis 2015 erhielt der außergewöhnliche Frankfurter Künstler Manfred Stumpf. Gezeigt wurde seine Ausstellung „Hosianna“, vom 30.05. bis 02.08.2015, im Dommuseum Frankfurt als repräsentativer Überblick seines Œuvres.

Manfred Stumpf, Hosianna, Foto: Alexander Paul Englert

Ein Gemeinschaftsprojekt der Marielies Hess-Stiftung mit dem Dommuseum Frankfurt am Main: mit Prof. Dr. August Heuser und Dr. Bettina Schmitt.

Manfred Stumpf widmet sein gesamtes Werk der kritisch reflektierten ästhetischen Auseinandersetzung mit christlicher Ikonographie und archetypischen Symbolen. Dabei betrachtet Stumpf Religion als ganzheitliche Form der Kunst.

Er zeigte unter dem Motto „Hosianna“ serielle Handzeichnungen zum „Einzug in Jerusalem“ mit seinem Eselreiter, als wieder ins Paradies einziehenden neuen Adam, sowie zwei speziell für das Dommuseum entwickelte monumentale Installationen: einen „Sündenfall“ und eine „Taufe des Messias“, bei der er objekthaft und pop-artig, mit von farbigen Folien beschichteten Plexiglaseinsätzen eingegriffen hat in die Gestaltung der heute offenen gotischen Maßwerkfenster. Damit ermöglichte die Ausstellung ein sublimiertes Erleben des ehemaligen Kreuzgangs des Domes.

Der reflektierte Transfer ethisch-religiöser Moralvorstellungen in die Kunst, vermittels einer computergenerierten zeichnerischen Bildsprache, ist das Hauptanliegen im Schaffen des Konzeptkünstlers Manfred Stumpf. Wobei er sich vor allem auf die Linie konzentriert, als bedeutendes Element unserer universellen nichtverbalen Sprache: „Es gibt eine Linie, bevor es Form, Raum oder Zeit gibt.“ Mit seiner Ikone „Der Einzug in Jerusalem“ projiziert er eine gesamtkulturelle Vision einer anthropologischen Utopie, die wie ein Paradoxon wirkt.

4.

Der Marielies-Hess-Kunstpreises 2017 ging an die herausragende Frankfurter Fotografie- und Film-Künstlerin Laura J. Padgett. Gezeigt wurde ihre Ausstellung „somehow real“  vom 7. bis 27.08.2017 – inklusive Museumsuferfest –  im Museum Giersch der Goethe-Universität als repräsentativer Überblick ihres Œuvres. Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Dr. Manfred Großkinsky.

Laura J. Padgett, somehow real,  Foto Alexander Paul Englert

Unter dem Motto „somehow real“ präsentierte Laura J. Padgett ihr spezifisches Thema der sensiblen Rolle der Wahrnehmung in der ästhetischen Realitätsspiegelung des öffentlichen und privaten Lebensraumes. Ihre Fotografien und Filme sind vielschichtige Beobachtungen unserer Alltagswelt. Als Meisterin der Linse integriert sie Architektur und Kunstgeschichte in ihre eigenständigen zeitgenössischen Kunstwerke, die zwischen Nüchternheit und Traum oszillieren.

Zu sehen waren Farbfotografien aus fünf formal unterschiedlichen aber stets malerisch narrativen Zyklen der letzten fünfzehn Jahre.

Außerdem wurden zwei ihrer Filme gezeigt: „ambient noise“ und „Solitaire“, der sich auflösende soziale und kulturelle Grenzbereiche der 60er Jahre zwischen privatem und öffentlichem Raum beleuchtet, die sich filmisch als fundamental erweisen, ausgehend von gezielter Recherche im Archiv des Hessischen Rundfunks aus Dokumentarfilmen der Zeit.

5.

Der authentischen Wahl-Frankfurter Bildhauer und Installationskünstler Marko Lehanka, der schon zu Zeiten von Kasper König und Jean Christophe Ammann das Frankfurter Kunstgeschehen kontinuierlich belebt hat, war der Marielies-Hess-Kunstpreisträger 2019. Er zeigte, vom 29.03. bis 12.05.2019, inklusive der langen Nacht der Museen, im Refektorium des Karmeliterklosters unter dem generischen Titel „Fundus“ eine für sein künstlerisches Schaffen repräsentative retrospektive Ausstellung, in der er sich als genialer homo ludens und Meister ironisch prickelnder Narration outete. Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main mit Dr. Evelyn Brockhoff und Dr. Markus Häfner.

Marko Lehanka, Fundus,  Foto: Alexander Paul Englert

Lehanka übernimmt den Part des Erzählers. Er arbeitet interdisziplinär, mit unterschiedlichsten Materialien und Methoden, von einzelnen Objekten über Installation bis hin zur Kunst im öffentlichen Raum. Dabei spielt die Trivialität und Banalität der Alltagskultur eine entscheidende Rolle.

Als scharfer Beobachter unserer Welt, mit all ihren Widersprüchen und Absurditäten, setzt Lehanka seine ästhetischen Mittel dazu ein, das Existierende zu radikalisieren. Provokation und Humor sind das künstlerische Prinzip seines Schaffens. Hinter Nachlässigkeit, Improvisation und Zufälligkeit steht präzises Kalkül.

Zu sehen waren fünf teils kinetische Installationen, eine 3D-Skulptur sowie 15 neue großdimensionale gesellschaftssatirische Bildplanen des Comics „Countryboy in Fränkytown“, die speziell für diese Ausstellung produziert wurden, und die Bildplane „Männerhospiz Drückeberger“. Diese Werke der letzten 15 Jahre sind so trashig, dass sie schon wieder Kult sind: irritierend verspielt und gleichzeitig tragikomisch.

Das war’s also?! Und nun wird die Marielies Hess-Stiftung e.V. nach ihrem 60. Jubiläum mit sofortiger Wirkung aufgelöst und ihre Tätigkeiten werden damit, zum Leidwesen vieler Künstlerinnen und Künstler, eingestellt.

Zukunftsweisend ist jedoch, dass der 2022/ 2023 von mir entwickelte und realisierte repräsentative interaktive Datenpool, auf der Basis der Digitalisierung des Archivs der Marielies Hess-Stiftung, bis 2030 zugängig sein wird über die von Zukunftssysteme programmierte Website www.marielies-hess-stiftung.de.

Wir würden uns freuen, wenn sich eine Institution bereit erklären würde, die Wartungs- und Hostkosten danach weiterhin zu übernehmen.

Der repräsentative Datenpool erschließt die Aktivitäten der Stiftung der Öffentlichkeit mit allen 88 MHS-Ausstellungen seit 1966, nach sieben Kategorien sowie insgesamt nach Datum, unter Angabe der Kunstgattungen der präsentierten Künstler. Interaktiv recherchieren kann man zurzeit zu 325 ausgestellten Künstlerinnen und Künstlern mit 445 Präsenzen.

Soweit also meine Präsentation der künstlerischen Highlights der Marielies Hess-Stiftung seit 2000.

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