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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Stadt-Werke : Ein Ausstellungsprojekt im Berufsverband Bildender Künstlerinnen & Künstler (BBK) von Barbara Walzer und Mathias Kraus

Die Lebensbühne Stadt

Von Petra Kammann

Aus ihrem in vielen Jahren entstandenen Fundus zeigt die in Frankfurt lebende polnische Fotografin Barbara Walzer Schwarzweiß-Fotografien. Ihr mit dem Kameraauge verbundener Blick richtet sich auf die unterschiedlichsten Licht- und Schattenseiten von Städten wie Frankfurt, während der Künstler Mathias Kraus Stadt-Ansichten mit scharfer Klinge als Scherenschnitte herausarbeitet oder eine Gesellschaft unterschiedlichster Menschentypen mit Stift oder Pinsel auf Papier und Leinwand fixiert. Die Vernissage der Ausstellung „STADT-WERKE“ fand am 8. Mai in der Galerie des BBK statt.

Vor der Eröffnung: Die Journalistin Edda Rössler fotografiert Mathias Kraus und Barbara Walzer vor dem Wandgemälde, Foto: Petra Kammann

STADT-WERKE. Irritierend ist der Titel der Ausstellung schon: Haben hier die städtischen Versorgungsbetriebe die Hand im Spiel gehabt, weil wir uns in kritischen Zeiten befinden? Oder warum findet die Eröffnung ausgerechnet am 8. Mai statt, am Tag des Kriegsendes, der natürlich auch ein Tag der Befreiung ist? Um welche der Werke handelt es sich denn?  Werke, die in der Stadt, für die Stadt entstanden sind… Werke – Kunstwerke? Fotografisches, Grafisches, Gemaltes, Gezeichnetes? Und was verbindet sie miteinander?

Die Fotografin Barbara Walzer, FeuilletonFrankfurt-Herausgeberin Petra Kammann und Künstler Mathias Kraus nach der Eröffnung, Foto: Victor Naimark

Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Beide Künstler beschäftigen sich, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln, mit der Stadt als Lebensbühne. Es ist ganz schön viel los auf den Straßen der Mainmetropole, wenn man nur genau hinschaut. Aber nicht nur hier, auch in Berlin, in Lublin, in Barcelona oder in Warschau ist ständig alles in Bewegung. Vor allem sind es die Menschen, für die sich beide hier ausstellenden Künstler besonders interessieren mit ihren schwarz-weißen vertretenen Werken, gleich ob zeichnerisch oder fotografisch.

Gespräche während der Vernissage vor dem Genregemälde von Mathias Kraus, hier mit der Vorsitzenden des BBK Nadja Zweigler, Foto: Viktor Naimark

Dass beide auf Farben verzichten, hebt die Motive von den gängigen touristischen Städtedarstellungen ab. Während Matthias Schwarz schnelle Skizzen von Menschen auf das Wesentliche als Scherenschnitt bannt, verewigt Barbara Walzer Momente städtischen Lebens auf Straßen, Plätzen und Treffs mit ihrer Kamera atmosphärisch und ästhetisch.

Es sind die bewegten Skizzen, die Matthias Kraus, der 1982 mit einem Diplom für visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG) abgeschlossen hat, die dem Künstler jeweils als Grundlagen weiterer künstlerischer Verarbeitung dienen. Sie geben dem charakteristischen Moment einer Bewegung oder den schnellen Schritten andere Drehungen und Wendungen. Manchmal hängen die Schritte mit den schwarzen Hosenbeinen umgekehrt in der Luft zwischen den Bankhochhäusern in der Mainzer Landstraße.

Mathias Kraus, Neue Mainzer Straße

Betritt man den Ausstellungsraum, so fällt der Blick zunächst aber ganz unmittelbar auf sein riesiges Wandgemälde, auf der sich eine muntere Gesellschaft austobt. Er nennt die Genreszene „Der Sockendieb“. Da sitzt einer am Anfang völlig entspannt mit einem Huhn auf dem Schoß, während am hinteren Ende ein anderer mit dem Diebesgut der Socken in die entgegengesetzte Richtung entfleucht.

Was vereint die ganz unterschiedlichen Charaktere, die darauf versammelt sind? Sie alle sind trotz ihrer Verschiedenheit barfuß… Da ploppen Fragen auf wie: Sind sie bar aller Vernunft? Oder stehen sie auf einer unsicheren Basis gar nackt und blank da? Was bleibt von ihnen übrig, wenn ihre Hülle wegfällt?

Über die Jahre hat der Künstler mit seinem Lieblingswerkzeug, dem Zeichenstift, die einzelnen Typen aus seinem Umfeld skizziert und miteinander kombiniert, bevor er sie dann mit Pinseln auf das 2,10 m hohe und zehn Meter breite leinwandartige Gewebe mit Lack und Zementfarbe fixiert hat.

Blick ins Atelier von Mathias Kraus in Hasselroth, wo die farbige Zeichnung als Grundlage des großen Wandbildes entstand, Foto: Petra Kammann

Das Zusammenspiel von Bewegung, Raum und Zeit des in Fulda geborenen Künstlers Matthias Kraus kann man im krauskunsthaus in Hasselroth, in seinem offenen Atelier, einer Werkstatt für Zeichnung, Siebdruck und Plastik, ganz unmittelbar erleben. In seinem Ausdrucksvermögen sprengt er dort, wohin man schaut, im Haus inmitten eines natürlichen Paradiesgärtleins die Grenzen der zweiten und dritten Dimension.

Dom und Römer, Scherenschnitt von Mathias Kraus

Immer verortet er die Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld. Dort entstehen seine Bilder und Plastiken, eben auch zwischen dem Gegensatz vom Leben auf dem Land im Main-Kinzig-Kreis und in typisch städtischer Umgebung. Beides fasziniert ihn gleichermaßen. In seinen teils temporeichen Stadtimpressionen, auf die er sich in dieser Schau konzentriert hat, erkennen wir dann silhouettenhaft Gebäude oder Konstruktionen wie in Frankfurt etwa den Eisernen Steg oder den Kaiserdom, aber auch das Treiben der Städter.

Dem Berlin-Liebhaber, der in der quirligen Hauptstadt nach der Wende zeitweise ein Atelier unterhielt, gefällt natürlich so ein geselliger Ort wie das legendäre Clärchens Ballhaus, wo die Tanzwilligen und -wütigen zueinander fanden. Und selbst in Berlin verleugnet er seine bayerischen Wurzeln nicht. Da suchte er 2006 gerne seinen Lieblingsort Café Ilses Hühnchen auf und sagt hinter vorgehaltener Hand: „Da gab es nämlich die besten bayerischen Weißwürste.“

Barbara Walzer mit dem Künstler Martin Holzschuh, der zu vorgerückter Stunde zur Vernissage kam, Foto: Petra Kammann

Während Matthias Kraus immer mit dem Stift unterwegs ist, um in Windeseile städtische Momente festzuhalten, mit der Skizze als Ausgangspunkt für eine neue Arbeit oder gar Serie, erobert die seit über 30 Jahren in Frankfurt lebende und im polnischen Ryki aufgewachsene Fotografin Barbara Walzer die Stadt meist erst einmal mit dem Fahrrad, wo sie sich von der dort herrschenden urbanen Atmosphäre inspirieren lässt. Oft begegnet man ihr unterwegs mit dem geschmückten und bepackten Drahtesel, den Fotoapparat im Rucksack immer dabei.

Die Frankfurter KunstSäule in Sachsenhausen, Foto: Barbara Walzer

Unterwegs porträtiert sie mit ihrer Kamera auf ganz charakteristische Weise und feinfühlig Menschen aller Couleur, denen sie auf der Straße begegnet – gleich, ob jung oder alt, reich oder arm, sich versammelnd oder an besonderen Orten allein in sich versunken, solche mit Migrationshintergrund oder auch solche ohne Obdach. Da schaut sie nicht weg. Etlichen ihrer Porträtierten gibt sie in ihren Bildern die Würde zurück, die einigen von ihnen in der Gesellschaft versagt bleibt.

Immer sind es die Menschen, die wegen ihres Gesichtsdrucks oder ihrer Körperhaltung ganz unmittelbar zu ihr sprechen. „Ich treffe in Frankfurt ganz oft auf Menschen, deren Gesicht faszinierend ist, dann fühle ich ich mich sofort angesprochen“, sagt sie voller Überzeugung, denn „Jeder Mensch hat etwas Besonderes“. Das genaue Hinschauen und auch das sich in die Situation versetzen und das Mitfühlen spiegelt sich in ihren Fotos wieder.

Barbaras Fotografien spiegeln somit einen Querschnitt durch alle gesellschaftlichen Schichten der Stadt, was ihr die Auswahl der ausgestellten Motive für die derzeitige Ausstellung nicht gerade leicht gemacht hat. Jeder und jede von ihnen sei ein Teil Frankfurts und präge den multikulturellen und weltoffenen Charakter der Stadt, der sich an Orten wie den Yok-Yok-Kiosken, um den Bahnhof oder am Römerberg zeige.

Genaues Hinschauen lohnt, Foto: Viktor Naimark

Immer strahlen Menschen etwas aus, gleich ob sie vergnügt vor der Alten Oper Tango tanzen, ob sie gepierct, bemalt verhüllt oder gar nackt sind wie der Maler, der im Ausstellungsraum von Familie Montez unter der Honsellbrücke so konzentriert wie beschwingt sein Fresko ganz unbeschwert und unmittelbar auf die Wand malt, was überhaupt nicht anzüglich wirkt.

Und natürlich kommt Barbara Walzer über ihren Beruf häufig auch immer wieder in Kontakt mit bekannten Künstlern, Theatermachern und anderen Persönlichkeiten und  ebenso mit den dazugehörigen typischen Hallen der Kultur, der Museen und Konzertsäle. Köstlich, wie sie Museumsbesucherinnen mit der Kamera beobachtet hat, die geradezu Teil des von ihnen betrachteten Kunstwerks selbst werden wie zum Beispiel in den Ausstellungshallen des Städel, der Schirn oder im Museum für Moderne Kunst.

Die bekannte Bildhauerin Wanda Pratschke und der Fotograf Peter Grün (NachtGrün) betrachten die Museumsszenen, Foto: Viktor Naimark

Aber Barbara Walzer erinnert uns mit ihren Schwarzweißfotografien auch immer wieder an poetische, von der Natur vorgegebene Szenen, die sie von den Ufern des Main aus wahrnimmt, dann wieder an die Stille, die durch den ersten Schnee im Winter entsteht, wo sogar Bulle und Bär –  für den Wirtschaftsstandort Frankfurt so typisch – ins Staunen geraten. Immer wieder hält sie die besonderen Lichtstimmungen fest, die auf Dinge und Menschen fallen. Und schärft damit unsere Sinne, uns für sie zu öffnen und zu erleben, dass auch die Natur, welche die Szenerie der Stadt beeinflusst, das Tempo vorgibt.

Stille im Schnee am Unicampus, Foto: Barbara Walzer

Ebenso faszinieren sie immer wieder die im wahrsten Wortsinne herausragenden Gebäude der Stadt, die Hochhausspitzen, die im zarten Morgennebel geradezu sanft und entrückt erscheinen. Die Architektur wirkt in ihren Fotos oft wie modelliert. Sie greift die Haltung der Menschen in Museen auf, dann wieder an Litfasssäulen, sucht nach formalen Korrespondenzen.

Vernissage im Museum für Moderne Kunst, Foto: Barbara Walzer

Walzers sanft modellierende Fotografien korrespondieren in der BBK-Schau mit den kühnen Scherenschnitten und luftigen Sprüngen und Schritten von Mathias Kraus. Ihre ausgewählten Stadt-Werke ergänzen einander.

Die Bewegung in der Stadt führt auch dazu, dass wir, die Besucher der Schau, bewegt sind, weil wir am Schicksal Einzelner oder ganzer Gruppen teilhaben und auch ein wenig innehalten, wenn die Natur es vorgibt.

Rush hour Kulturfestival im Atelier Frankfurt – das wachsame Auge sieht auch die Freude, Foto: Barbara Walzer

In diesem Sinne lohnt sich ein zweiter Rundgang durch die Ausstellung mit dem veränderten Blick auf unterschiedliche Darstellungen der Lebensbühne Stadt mit ihren spezifischen Orten und Menschen, auf die Natürlichkeit von Situationen und für die Stadt so typische Paare und Passanten…

INFO

Die Ausstellung Stadt-Werke ist geöffnet vom 8. bis 31. Mai 2026

Öffnungszeiten:

Freitag 16 – 19 Uhr,
Samstag und Sonntag 14 – 18 Uhr

Galerie BBK Frankfurt
Hanauer Landstr. 89
60314 Frankfurt am Main

Krauskunst@web.de

Barbara.walzer@web.de

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