„Unter die Haut. Tattoos im Blick“ der Opelvillen
Körperkunst als weit verbreitetes Ausdrucks- und Kommunikationsmittel
Von Hans-Bernd Heier
Tattoos sind allgegenwärtig – nicht nur beim Anblick von Menschen, denen wir begegnen, sondern auch in den Medien, in der Werbung, Literatur und Gegenwartskunst. In der ausgesprochen beeindrucken Ausstellung „Unter die Haut. Tattoos im Blick“ in den Opelvillen in Rüsselsheim werden zum ersten Mal Kunstschaffende vorgestellt, die ihre künstlerische Praxis im Tattoo erweitern. Ob Papier, Leinwand, Druckplatte oder menschliche Haut – stets ist die Zeichnung der Ausgangspunkt. Linien, Striche und Formen werden im Stechen oder Perforieren übertragen. Mit rund 120 Gemälden, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Videos von 13 tätowierenden Künstlerinnen und Künstlern aus sieben Ländern bildet die Schau, die zu sehen ist, ein vielfältiges und spannendes Spektrum ab.

Ruth Marten, No. 91, aus der Serie »All about Eve«, 2025, Gouache auf Heliogravüre von 1923, Sammlung »I.CH« Hennecken, Köln; © Ruth Marten, Courtesy Van der Grinten Galerie
Tätowierungen sind ein weit verbreitetes Ausdrucksmittel, das Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund verbindet. Dies wollte schon der Tätowierer und Porträtfotograf Herbert Hoffmann zeigen. Nicht nur Seeleute und im Hafen Arbeitende kamen in seine „Älteste Tätowierstube“ in Hamburg, sondern auch Akademikerinnen und Akademiker sowie Politiker und Hausfrauen. Herbert Hoffmann wurde zur Tattoo-Legende und zum Chronisten der besonderen Art. Über Jahrzehnte fotografierte er voller Passion tätowierte Menschen und schrieb ihre Lebensgeschichten auf. Eine breite Auswahl seiner bedeutenden Schwarz-Weiß-Fotografien ist Teil der Ausstellung, die nicht nur Tattoo-Geschichte dokumentiert, sondern auch einen Blick auf seine brillante Porträtfotografie wirft. Die von Dr. Beate Kemfert entwickelte Schau knüpft an Herbert Hoffmanns fotografischen Nachlass an.

Kuratorin Beate Kemfert erläutert beim Presserundgang neue Tendenzen im Tätowierungsprozess; Foto: Hans-Bernd Heier
Die Direktorin der Opelvillen stellte gleich zu Beginn der Pressekonferenz klar: „Ich bin nicht tätowiert und werde mich nicht tätowieren lassen“. Ihre Abneigung geht auf ihren Großvater zurück, der im KZ eine Zwangstätowierung wie eine Brandmarkung hinnehmen musste. Dennoch stellte sie sich professionell als Kuratorin der Aufgabe und hat sogar einige Künstlerinnen und Künstler überzeugen können, eigens für die Ausstellung Tattoos zu kreieren. Der Fokus der eindrücklichen Schau liegt auf aktuell tätowierenden Künstlerinnen und Künstlern, die eine Ausbildung an Kunstakademien absolvierten und Papier ebenso nutzen wie menschliche Haut. Von ihnen sind Leinwände, Zeichnungen, Fotografien oder Videos zu sehen.

Herbert Hoffmann, Emma & Oskar Manischewski, Berlin 1958; Courtesy GRAUWERT Hamburg & Galerie Gebrüder Lehmann Dresden
Neben bekannten Namen der Tattoo-Geschichte wie Herbert Hoffmann (1919–2010), die New Yorker Tattoo-Pionierin Ruth Marten (geboren 1949), Dr. Lakra (geb. 1972) oder Duke Riley (geb. 1972) sind zahlreiche bislang weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler wie Rita Salt, Michele Servadio, Franziska Nast, Itoyo Kinoshita, David Schiesser und Sarah Dubná zu entdecken. Sie werden in den Opelvillen jeweils mit einer repräsentativen Auswahl ihrer Arbeiten vorgestellt. Darüber hinaus sind VALIE EXPORT und Jan Zappner mit fotografischen Schlüsselwerken vertreten und die Künstlerin und Fotografin Sandra Mann hat eine ortsspezifische, partizipative Installation entwickelt.
Neue Arbeiten eigens für die Präsentation in Rüsselsheim hat auch die New Yorker Künstlerin Ruth Marten gefertigt, die sich seit der AIDS-Krise ausschließlich der Zeichnung widmet. Marten hatte in den 1970er-Jahren maßgeblich den Weg geebnet, Tätowieren als Kunstform wahrzunehmen. Zu einer Zeit, als in New York das Tätowieren illegal war, begann Marten als einzige Frau in dem Metier aktiv zu werden und wurde in New York innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten Underground-Tätowiererin. Da Marten aufgrund des Verbots nur im Privaten tätig war, wurde unter ihrer Nadel das Tätowieren zu einer inklusiven Performance. Zu ihrem Kundenkreis zählten sich emanzipierende Frauen, aber auch Homosexuelle aus dem Kreis der Befreiungsbewegung, der späteren Punk- und der Kunstszene. Ihr wohl bekanntestes Tattoo war auf dem Rücken von Ethyl Eichelberger zu sehen, einem homosexuellen Schauspieler, der als Dragqueen auftrat.
Wie Ruth Marten stellt auch der amerikanische Künstler und Tätowierer Duke Riley Bezüge zur Geschichte der Seefahrt her, der ein komplexes Werk, bestehend aus Installationen, Performances, Videos, Skulpturen, Zeichnungen und Tattoos, schafft. Sein Ziel ist es, durch die Gegenüberstellung von maritimer Volkskunst mit modernen Bezügen den Betrachtenden auf die katastrophalen Auswirkungen aufmerksam zu machen, die die heutige Industrie durch Einwegkunststoffe auf die Umwelt hat. Seine Serie„Poly S. Tyrene Memorial Maritime Museum“, 2025, besteht aus an Stränden aufgelesenen Fundstücken, mit denen Riley die historische Scrimshaw-Handwerkskunst der ursprünglich von Seeleuten geritzten Tuschezeichnungen neu interpretiert. Der Begriff Scrimshaw stammt aus der Ära der Walfänger, die sich im 18. und 19. Jahrhundert mit der Verzierung von Walknochen und -zähnen auf Reisen und auch zu Land ihre freie Zeit vertrieben. Die einst für die Miniatur-Ritz- und Gravurtechnik üblichen Materialien ersetzt Riley durch weggeworfene Plastikbehälter, Waschmittelflaschen oder andere Abfälle.

Duke Riley, No. 465, 470, 471 of the Poly S. Tyrene Memorial Maritime Museum, 2025, bemalt, wiederverwerteter Kunststoff, Tinte, Wachs / Rahmen aus Holz, Stoff und Glas; Courtesy Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois
Ebenfalls mit Fundstücken beschäftigt sich der mexikanische Künstler und Tätowierer Dr. Lakra (geboren 1972 als Jerónimo López Ramírez), der Flohmärkte und Buchläden auf der ganzen Welt nach Bildvorlagen durchstöbert, auf denen er zeichnen kann, darunter Vintagedrucke, Zeitschriften, Postkarten, Filmplakate und Fotografien. Diese oft politisch und kulturell aufgeladenen Materialien zeigen Porträts von Politikern, verführerische Bilder aus der Werbung oder mexikanische Popkulturfiguren. Auch ein aus Deutschland stammendes Vintageblatt fand Eingang in sein von Tätowierungen inspiriertes Œuvre. Seiner Zeichnung „Ohne Titel (Fatalitas)“, 2007, liegt die Darstellung eines entblößten, männlichen Oberkörpers zugrunde, den der Künstler mit unzähligen Tätowierungen unterschiedlicher Herkunft übersät. Die Brandmarkung mit dem lateinischen Schriftzug »Fatalitas« auf der Stirn, der mit „Verhängnis“ übersetzt werden kann, könnte auf ein Todesopfer verweisen.

Dr. Lakra, Ohne Titel (Fatalitas), 2007, mit Tinte überarbeitete Lithographie auf Papier, Sammlung Deutsche Bank; © Dr. Lakra
Aktuell ist zu beobachten, dass im Tätowierungsprozess verschiedene Disziplinen miteinander verschmelzen und Mediengrenzen ausgelotet werden. Der in London lebende Künstler Michele Servadio begann beispielsweise 2014, künstlerische Praktiken wie Tätowieren, Musik und Performancekunst zu verbinden und entwickelte mit „Body of Reverbs“ (B. O. R.) „New ceremonies for contemporary bodies“, eine Tattoo-Sound-Performance-Reihe, in der Tätowierer und Musiker kooperieren. „Das Tätowieren wird zum Musizieren, der Körper zum Musikinstrument, indem die Vibrationen der Nadeln auf der Haut in Klänge umwandelt werden, die von einem Klangkünstler mit Synthesizern und Soundeffekten verstärkt werden. Das Ergebnis ist eine vielschichtige Komposition, mit der die Verbindung zwischen Körper, Klang und Raum eindringlich erfahrbar wird“, so Kemfert.
Faszinierend auch die Arbeiten der Künstlerinnen und Tätowiererinnen Rita Salt oder Itoyo Kinoshita. Mithilfe von Gesten des Stechens, Kratzens und Perforierens lotet die tschechische Künstlerin und Tätowiererin Sarah Dubná die Grenze zwischen Zerstörung und Heilung aus. Auch David Schiesser ist Künstler und Tätowierer. Sein primäres Medium ist die Linienzeichnung, die er nicht digital, sondern frei Hand ausführt. Konzentriert auf die reine Linie lenkt der in Berlin lebende Schiesser seinen Stift auf Papieren in unterschiedlichen Formaten bis zu Panoramabildern mit zehn Metern Länge. An raumbezogenen, großen Dimensionen ist auch die Hoffmann-Schülerin Franziska Nast interessiert, die als bildende Künstlerin, Designerin und Tätowiererin tätig ist. Bahnbrechend für ein feministisch motiviertes Körperbild war die Künstlerin VALIE EXPORT, die zu den Pionierinnen der feministischen Kunstbewegung zählt. Die österreichische Avantgardistin ließ sich vor über fünfzig Jahren öffentlich auf einer Bühne von dem Tätowierer Horst Streckenbach ein rot-schwarzes Strumpfband auf den linken Oberschenkel stechen – ein Fetisch für Männerfantasien.

Sarah Dubná, Ohne Titel, aus der Serie »At every dreamhouse, a headache«, 2023, Ölfarbe auf Leinwand, mit Tattoonadeln ausgeführt; © Sarah Dubná, Foto: Lenka Glisníková
Anlässlich der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 widmen sich die Opelvillen als Partnerinstitution von „MISHPOCHA. The Art of Collaboration“ des Jüdischen Museums Frankfurt dem Phänomen der Tätowierung (s. dazu Bericht vom 7. Mai in FeuilletonFrankfurt: „Die selbstgewählte Familie oder Wahlverwandtschaften). Der Bogen zur Ausstellung im Jüdischen Museums wird durch Sandra Mann und Jan Zappner gespannt, deren Arbeiten sowohl in der Frankfurter als auch in der Rüsselsheimer Schau gezeigt werden.
Informationen zu dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm unter:
