MISHPOCHA. The Art of Collaboration
Die selbstgewählte Familie oder Wahlverwandtschaften
Von Corinne Elsesser
Im Jüdischen Museum Frankfurt wird der jiddische Begriff „mischpóche“ einmal neu, interdisziplinär und multimedial re-interpretiert. Damit muss nämlich nicht nur die enge gewachsene Familie gemeint sein, sondern, wie hier in der englischen Version des Begriffs „mishpocha“, die selbstgewählte, neue, erweiterte Familie.

Museumsdirektorin Prof. Dr. Mirjam Wenzel und Mike D vor der Skulptur „OY/YO“ © Corinne Elsesser
Am Eingang des Museums weist eine leuchtend gelbe Skulptur „OY/YO“ der New Yorker Bildhauerin Deborah Kass auf derartige mehrfache Lesarten hin. Die etwas verkleinerte Version ihrer Grossskulptur im Brooklyn Bridge Park kann von zwei Seiten gelesen werden, einmal als das jiddische „Oy!“ und einmal als „Yo!“, eine in New York übliche slang-Begrüßung unter Freunden.
Das Thema Familie ist am Jüdischen Museum bereits in vielen Facetten präsent. In der ständigen Sammlung mit dem Erbe der Familien Rothschild oder Frank und in aktuellen Ausstellungen, wie zuletzt „What a Family“, einer künstlerischen Recherche der israelischen Fotografin Ruthe Zuntz zur eigenen Familiengeschichte.
Mike D (Michael Louis Diamond) von den Beastie Boys, der in den 1980er Jahren wohl einflussreichsten Punkrockband aus New York, hat die künstlerische Leitung der Ausstellung übernommen. Zusammen mit Stefan Weil von der Agentur Atelier Markgraph, James Ardinast und der Gastroagentur IMA Clique, und seitens des Museums begleitet von Kuratorin Dr. Franziska Krah, stellt er nun eine besonders schillernde Version des Begriffs vor, die „mishpocha“ als kreatives Zusammenwirken, das nicht zuletzt das Musikmachen in einer Band charakterisiert.
In vier Sequenzen basierend auf einer farbintensiven Raumgestaltung wird „mishpocha“ erfahrbar. Im ersten dunkelblauen Raum sind über eine von Jan Ove Hennig entwickelte Soundinstallation „The sound of mishpocha“ verschiedene statements zum Begriff zu hören. Unter dem Motto „roots“ folgen anschließend künstlerische Positionen, die „mishpocha“ vor dem Hintergrund von Auswanderung, Herkunft und dem Leben zwischen Kulturen Ausdruck verleihen.

Tammy Rae Carland, One Love leads to another, Digital C-Print, 2008 © Corinne Elsesser
Ein Kabinettraum zeigt mit Geoff McFetridge und Tammy Rae Carland zwei Künstler aus dem Umfeld der Beastie Boys. Durch einen pixelartig strahlend orangefarbenen Zwischenraum gelangt man schließlich zur Musik, die mittels einer lauten Mehrkanalvideoinstallation „Mix“ auditiv und visuell Punk, Riot Grrrl, Techno, Hip Hop und Rave überlagert – alle Aspekte also, die die Musik der Beastie Boys auszeichnen.
Hier können die Besucher selbst aktiv werden und an einem Schaltpult eigene Schwerpunkte setzen, bevor sie im nächsten orangegelben „Play“-Raum selbst zu Gestaltern eines eigenen Mixtapes werden können oder eben Teil einer elektronischen Session, die zusammen mit anderen Besuchern ad hoc entsteht – Musikhören, Mitmachen, Mitgestalten und für einen kurzen Moment Teil einer „family“ werden.
Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zum diesjährigen „World Design Capital“-Projekt und greift nicht nur in den Stadtraum aus, sondern auch in die Rhein-Main-Region. Es gibt zwei Satellitenausstellungen im Kunsthaus Wiesbaden („Memory in Action: Marcelo Brodsky“) und in den Opelvillen Rüsselsheim („Unter die Haut: Tatoos im Blick“) und ein weitreichendes Begleitprogramm mit Konzerten, Performances, Workshops, Künstlergesprächen, Vorträgen und Diskussionen auf einer offenen Bühne auf dem Bertha Pappenheim Platz vor dem Museum und an anderen Orten in der Stadt.
Blick in den Raum „Play“ © Corinne Elsesser
Eine eigens für die Ausstellung konzipierte Zeitschrift „Mishpocha Mag“ beleuchtet erfrischend kreativ in den Leitfarben Blau und Orange verschiedene Aspekte des Themas, u.a. mit einer literarischen Annäherung an die „mischpóche“ von Dmitrij Kapitelman, mit Interviews mit den beteiligten Künstlern und mit Mike D, zur Frage „.
——————
Bis 27. September 2026 im Jüdischen Museum Frankfurt, Berta-Pappenheim-Platz 1.
„Mishpocha Mag“, Magazin zur Ausstellung, Hrsg. Jüdisches Museum Frankfurt, Theresa Gehring, Dr. Franziska Krah, deutsch/englisch, 10 EUR.
Begleitprogramm abrufbar unter:

