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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

LAZARUS – ein Musical von David Bowie und Enda Walsh im Staatstheater Darmstadt

Frei nach dem Roman „The Man Who Fell To Earth“ von Walter Tevis

von Walter H. Krämer

Der Sänger und Entertainer David Bowie begeisterte sich für Weltraumgeschichten und er war sich sicher, dass in den Weiten des Universums außerirdisches Leben existiert. Diese Gewissheit und seine Affinität zu den Sternen zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Thorsten Loeb und Aleksandra Kienitz, Foto: Staatstheater Darmstadt

 1969 erfindet Bowie Major Tom, einen Astronauten, der im All verloren geht („Space Oddity“). Dieser Song wurde fünf Tage vor der ersten Mondlandung veröffentlicht und machte David Bowie über Nacht berühmt. Major Tom taucht wieder auf in dem Song „Ashes to Ashes“ (1980) und auch in „Hallo Spaceboy“ (1995).

1972 erfindet der charismatische Sänger die Figur Ziggy Stardust, einen bisexuellen Alien, der als Rockstar auf die Erde kommt, um die Menschheit zu retten, aber am eigenen Ruhm zerbricht.

Bowies letztes Album „Blackstar“ (2016) ist voller Weltraum-Metaphern. Im Video zu „Blackstar“ liegt ein toter Astronaut auf einem fremden Planeten. Und Bowie inszeniert seinen Tod als Aufbruch ins All.

Im Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“, einem britischen Science-Fiction-Film von 1976 unter der Regie von Nicolas Roeg, verkörpert David Bowie den Außerirdischen Thomas Newton. Newton kommt auf die Erde, um die Wasservorräte auf diesem Planeten für seinen Heimatstern nutzbar zu machen.

Schnell gewinnt er, auch dank seiner überirdischen Fähigkeiten, an Ansehen und Macht. Diese kehren sich jedoch im entscheidenden Augenblick gegen ihn. Man nimmt ihn fest und erprobt an ihm vielfältige und schmerzhafte Experimente und Untersuchungen, um dem Geheimnis seiner Existenz auf die Spur zu kommen. Ohne Aussicht auf Rückkehr zu seinem Stern versinkt er in Lasterhaftigkeit und Trübsinn.

So war es nur konsequent, dass David Bowie Jahrzehnte später das Schicksal des Thomas Newton erneut aufgriff und zu einem vielbeachteten Bühnenstück formte. David Bowie hat das Musical LAZARUS zusammen mit dem Dramatiker Enda Walsh geschrieben. Es war Bowies letztes Projekt vor seinem Tod 2016. Die UA am 7.12.2015 in New York war Bowies letzter öffentlicher Auftritt. Wenige Wochen später – am 10.01.2016 – stirbt er an den Folgen seiner Leberkrebserkrankung.

Lazarus, Ein Musical von David Bowie mit Sebastian Graf, Foto: Staatstheater Darmstadt

In LAZARUS treffen wir Newton in seiner New Yorker Wohnung. Vereinsamt kämpft er, der sich dem irdischen Dasein längst ergeben hat, mit dem Alkohol und den Geistern der Vergangenheit. Längst ist ihm seine Unsterblichkeit zum Fluch geworden. Er sehnt sich nach Erlösung. Als plötzlich ein geheimnisvolles Mädchen in seinem Leben auftaucht, beginnt für Newton eine neue, rätselhafte Reise.

Zwischen Realität, Traum und Vision stellt sich die Frage, ob es für ihn doch noch einen Ausweg aus seinem Dasein gibt – mit Hilfe des Mädchens, die in ihm neue Hoffnungen auf eine Rückkehr auf seinen Heimatplaneten und in seine Familie weckt.

LAZARUS folgt keiner klaren Erzählstruktur, sondern zeigt mosaikartig Begegnungen, Erinnerungsblitze und Wahnbilder. Die Story wird erzählt als Fiebertraum mit starker Musik und traumartigen Bildsequenzen. Großflächige Video-Projektionen an die drei Seitenwände der Bühne werfen einen Blick auf heutiges Weltgeschehen, sie zeigen Bilder von Astronauten auf dem Weg ins All und visualisieren Newtons Innenleben: ausgebrannt, leuchtend nur in der Erinnerung.

Regisseur Sascha Hawemann setzt auf eine biografische Lesart, die Bowies Songs und das Thema des Sterbens in den Fokus rückt. Ein Trip durch den Kopf von David Bowie mit zum Teil verstörenden Bildern. Die Geschichte eines gestrandeten Außerirdischen wird dabei zu einer poetischen Reflexion über Einsamkeit, Sehnsucht und der Frage nach dem Sinn des Lebens.

Mit siebzehn Songs aus David Bowies umfassendem Gesamtwerk verbindet LAZARUS Musiktheater mit Rock, Pop und poetischer Erzählkunst. Die Inszenierung am Staatstheater Darmstadt zeigt diese ungewöhnliche Geschichte über Sehnsucht, Vergänglichkeit und den Traum vom ewigen Leben als atmosphärische Zeitreise.

Sascha Hawemann (Regie), Wolf Gutjahr (Bühne), Iris Burisch (Kostüme) Konrad Kästner (Video) sowie Alexander Kohlmann (Dramaturgie) sehen in LAZARUS einen zeitlosen Stoff. In der Inszenierung fügen sich die Geschichte vom gestrandeten Außerirdischen und Situationen aus dem Leben von David Bowie zu einem Erinnerungsraum alptraumartig zusammen.

Sebastian Graf zeigt Newton als menschliches Wrack: Schlurfender Gang, zittrige Hände, und immer wieder der Griff zur Flasche– Gin säuft er tagsüber literweise. Bei dem Song „Lazarus“ flüstert er sich fast selbst in Grab und bei „Where Are We Now?“ spürt man förmlich seine Verbitterung über die letzten 40 Jahre.

Laura Eichten und Sebastian Graf, Foto: Staatstheater Darmstadt

Laura Eichten als Mädchen hat etwas Entrücktes. Sie taucht aus dem Nichts auf, hat keinen Namen und weiß alles über Newton. Sie gibt ihm Hoffnung auf seine Rückkehr. Zeichnet eine Rakete an die hintere Bühnenwand. Eine Rakete, wie man sie des Öfteren von Kindern gemalt sehen kann.

Stimmlich ist sie der Gegenpol zu Sebastian Graf: glasklar, hell, jugendlich. Ihr „Life on Mars?“ ist ein emotionaler Höhepunkt. Bei ihr klingt es wie ein Kinderlied aus einer anderen Welt. Bringt Ruhe in das oft hektische Treiben auf der Bühne und ihre Tanzeinlage ist preisverdächtig.

Aleksandra Kienitz als Elly ist Newtons persönliche Assistentin und Geliebte. Hasst ihn für seine Gleichgültigkeit ihr gegenüber. Schwankt zwischen Fürsorge und Wut, zwischen Begehren und Ekel. Liefert sich heftige Wortgefecht mit ihrem Ehemann (Thorsten Loeb). Zeigt sich als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs mit humorvollen Einlagen – beispielsweise beim Staubsaugen summt sie das Motorengeräusch.

Stefan Schuster ist als Valentine Newtons Gegenspieler. Spielt die Rolle mit diabolischem Vergnügen und taucht gegen Ende als Todesengel mit viel zu großen Flügeln auf. Er ist der Auftragskiller, angeheuert von Newtons Assistentin Elly. Seine Aufgabe: alle zu töten, die Newton helfen wollen. Er soll alleine bleiben und leiden, damit sich Elly weiterhin um ihn kümmern kann.

Nicht zu vergessen: Drei schwarz gekleidete Teenage Girls als Background Sängerinnen mit Tanzeinlagen; Schlägertypen, ganz in Weiß mit schwarzer Melone auf dem Kopf und Stock in der Hand (könnten dem Film „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick entflohen sein) und ein schwarzer Mercedes Benz – stehen für Sex, Gewalt und der Gier nach Reichtum und Macht. Verhaltensweisen, an denen Newton auf der Erde gescheitert ist und die zu seinem Verfall beigetragen haben.

Die Band ist mit sieben Musiker*innen unter der Leitung von Xell gut besetzt und macht sich lautstark bemerkbar. Viel zu laut – wie die Apple Watch meines Nachbarn permanent bestätigte: Die Dezibel Stärke von Gehör schädigenden 90 Dezibel wurde überschritten.

Sarah Steinmeier, Annika Nethorn und Statisterie, Foto: Staatstheater Darmstadt

David Bowie wollte bewusst kein Jukebox-Musical mit Greatest Hits. Er und Enda Walsh haben die Songs gezielt nach Inhalt und nicht nach Bekanntheitsgrad ausgewählt. Vier der Songs extra für LAZARUS geschrieben. Die Texte der Songs – gut deshalb die Übertitel mit deutscher Übersetzung – sollten inhaltlich zu den Themen Tod, Isolation, Erlösung passen.

Die unbekannten Songs lassen allerdings keine Partystimmung aufkommen, sondern bringen das Publikum dazu, zuzuhören / mitzulesen statt mitzusingen.

Kein leichter Abend – doch letztlich einer mit Tiefgang. Musikalisch allerdings wäre weniger Lautstärke gefragt, auch um die Verständlichkeit der Texte von David Bowie und der einzelnen Sänger*innen zu erhöhen. Auch könnten die Arrangements der einzelnen Lieder musikalisch differenzierter dargeboten werden.

LAZARUS Ein Musical von David Bowie und Enda Walsh nach dem Roman „The Man Who Fell To Earth“ von Walter Tevis / Deutsch von Peter Torberg /

N EW T ON Sebastian Graf

M Ä D C H E N Laura Eichten

E L LY Aleksandra Kienitz

VA L E N T I N E Stefan Schuster

M IC HA E L / Z AC H Thorsten Loeb

B E N Hubert Schlemmer

M A E M I / T E E NAG E G I R L 1 Sarah Steinemer

T E E NAG E G I R L 2 Victoria Isabel Pfitzner

T E E NAG E G I R L 3 Annika Netthorn

STAT I ST * I N N E N Florentine Schirdewan, Tatjana Schneider, Anita Bar, Leonie Stolp, Tania Martynova, Shawnté Danisha Schlüter, Miriam Hahn, Elisabeth Fink, Niloofar Bijanzadeh

M U SI K E R BA N D Emanuel Abanto, Thea Florea, Katharina Groß, Elija Kaufmann, Luca Micetta, Gesa Schulze, Karoline Vogt

M U SI KA L I S C H E L E I T U N G Xell.

R E G I E Sascha Hawemann

BÜ H N E Wolf Gutjahr

KO ST ÜM Ines Burisch

V I DE OA RT I ST Konrad Kästner

DR A M AT U R G I E Alexander Kohlmann

DAU E R ca. 2 Stunden und 10 Minuten, keine Pause

Nächste Aufführungen
am 21. + 30. + 31. Mai + 12. + 20. + 25. Juni

https://www.staatstheater-darmstadt.de/veranstaltungen/lazarus-ein-musical-von-david-bowie-und-enda-walsh.2046/?spielzeit=2025-2026

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