Historisches Museum Frankfurt zeigt „Die Welt im Geld“
Finanzobjekte als „Schlüsselloch“ der Weltgeschichte
Von Hans-Bernd Heier
Geld ist weit mehr als nur Zahlungsmittel – es ist Speicher von Geschichte, Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und Ausdruck weltweiter Verflechtungen. Mit Blick auf hiesige Sammlungsobjekte eröffnet die Sonderausstellung „Die Welt im Geld – Globale Ereignisse im Spiegel Frankfurter Finanzobjekte“ neue Perspektiven auf die Globalgeschichte – überraschend, materiell greifbar und voller unerwarteter Zusammenhänge.

500 DM-Schein mit Maria Sibylla Merian, 1991, Front; © Deutsche Bundesbank
Besucher und Besucherinnen mögen sich zunächst fragen: Wie viel Welt steckt in einem Stück Geld? Erstaunlich viel! Die spannende Schau zeigt, wie wir anhand von Münzen, Banknoten, Aktien oder Kreditkarten in die Weltgeschichte von Handel, Macht, Migration, Technik und Wissen blicken können. Sie lädt dazu ein, finanzgeschichtliche Objekte wie ein „Schlüsselloch“ zur Globalisierung zu betrachten. Denn Münzen und andere Finanzobjekte sind weit mehr als Zahlungsmittel: Sie sind Miniaturarchive der Weltgeschichte. Aus einer Münze lässt sich die Welt erklären“, so Kuratorin Christina Bach.
Bei der Eröffnung der vielseitigen Schau sagte Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig: „Erstmals wird die Entwicklung Frankfurts in einen weltgeschichtlichen Kontext gestellt. Zudem kommt eine Ausstellung zur Globalgeschichte zur richtigen Zeit, denn die Globalisierung gerät durch harte Zollpolitiken und Kriege mal wieder ins Wanken“. Und Museumsdirektorin Dr. Doreen Mölders ergänzte: „Die Schau schafft Raum für Austausch und Diskussion zur historischen Tiefe globaler Vernetzungen. Gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen hilft Kultur, Zusammenhänge offenzulegen, die richtigen Fragen zu stellen und durch das Gelernte neue Wege in die Zukunft zu denken.“

Zweiergruppe aus Bulle und Bär als Börsenmarke; © HMF Foto, Horst Ziegenfusz
Die klar strukturierte Sonderausstellung reicht von Kauri-Muscheln, dem frühsten globalen Zahlungsmittel, über frühmittelalterliche Diplomatenkontakten zwischen den Karolingern und dem Kalifat von Bagdad über koloniale Handelsbeziehungen und die Bekämpfung von Pandemien bis hin zu hochaktuellen Themen wie digitalen Infrastrukturen und globalen Warenströmen. So wird etwa der Internetknoten DE-CIX als Beispiel für die Bedeutung Frankfurts im weltweiten Datenaustausch beleuchtet, während die globalen Folgen von Konsum anhand des Materials Plastik nachvollziehbar gemacht werden. Insgesamt sind über 300 Exponate zu sehen, darunter 80 Leihgaben.
In der in zwölf Bereiche gegliederten Schau lässt sich Frankfurt ganz neu entdecken als Knotenpunkt weltweiter Verflechtungen von der Antike bis in die Gegenwart. Geschichte wird nicht als menschliche Fortschrittserzählung, sondern als vielschichtige weltweite Verflechtungsgeschichte begreifbar. Der Zusammenhang lokaler Ereignisse mit globalen Phänomenen zeigt sich durch die Sammlungsobjekte: So erzählt eine Kreditkarte etwas über die Ökobewegung der 1970er Jahre, eine Aktie belegt die Zusammenhänge kolonialer Märkte des 19. Jahrhunderts oder eine Medaille die weltweiten Folgen eines indonesischen Vulkanausbruchs.

Von Jacob Marrel aquarellierte kostbare Tulpen, Foto: Hans-Bernd Heier
Die „Tulpenmanie“ in den Niederlanden gilt als weltweit erste dokumentierte Spekulationsblase. Preise für seltene Tulpenzwiebeln stiegen in den Jahren 1634 bis 1637 auf das Niveau von Häusern, getrieben durch Gier und Termingeschäfte. Der Künstler Jacob Marrel, Stiefvater von Maria Sibylla Merian, hat im17. Jahrhundert herrliche Aquarelle von Tulpen gemalt.
Auch koloniale Expansion, Krieg, Migration oder Klimakatastrophen fließen in die Betrachtungen ebenso ein wie Globalisierungen und Deglobalisierung sowie technologische Innovationen und kultureller Wandel. Der Plural „Globalisierungen“ ist dabei vom Ausstellungs-Team bewusst gewählt worden, weil Geschichte nicht einheitlich und geradlinig verläuft, sondern in überlappenden Bewegungen.
Am Beispiel einer „Frankfurter Teuerungsmedaille“ aus dem Jahr 1817 lässt sich das Spektrum der Ausstellung gut verdeutlichen: Auf der Rückseite der Medaille ist vermerkt, wie teuer die Preise für Getreide und andere Lebensmittel waren. Hintergrund zu diesem Jahr des Hungers 1817 war allerdings ein Vulkanausbruch auf Indonesien zwei Jahre zuvor. Die enorme Aschewolke, die der Vulkan ausstieß, verdeckte die Nordhalbkugel langfristig, sorgte für nasse Bedingungen und zerstörte 1816 durch vermehrte Unwetter großflächig die Ernten. Viele Mythen, aber auch handfeste Theorien ranken sich um dieses historische Weltereignis und werden mit ihm in Zusammenhang gebracht. So könnte es sein, dass aufgrund des zerstörten Getreides mehr Pferde geschlachtet wurden, was die Durchsetzung des Fahrrads beschleunigte.

Physicher Bitcoin, Konrad Zuse. © Deutsche Bundesbank
Möglicherweise lässt sich auch die Geburt Frankensteins auf das globale Wetterereignis zurückführen, denn Mary Shelley war während einer Reise in die Schweiz wegen der nassen Wetterbedingungen dazu gezwungen, viel Zeit drinnen zu verbringen. Zum Zeitvertreib schrieb sie Horrorgeschichten, darunter Frankenstein. Auch die dramatischen Sonnenuntergänge in den Bildern der Biedermeier-Zeit lassen sich vielleicht auf die Aschepartikel des Vulkanausbruchs, die noch Jahrzehnte in der Umluft blieben, zurückführen.
Diese und weitere Zusammenhänge lassen sich durch einen gründlichen Blick in die Objekte entdecken und mit Hilfe der knappen Beschilderung der Exponate lassen sich auch die Verflechtungen der Welt gut nachvollziehen – auch schon weit vor einer Zeit, die wir heute als „Globalisierung“ verstehen. Die fundierte Schau verbindet auf den ersten Blick vielleicht unscheinbare Objekte mit spannenden Kontexten, Geschichte mit Gegenwart – und Frankfurt mit der Welt – sie ist eine Einladung zum Staunen, Hinterfragen und Neudenken – dafür sollten interessierte Besucher und Besucherinnen entsprechende Zeit einplanen.
Weitere Informationen unter:
www.historisches-museum-frankfurt.de
