Zero-Museales beim 8. Sinfoniekonzert des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters
Unerhört: eine ungewöhnliche Kombination von Schlagzeug-Virtuosität und Mahler-Emotionen
Von Uwe Kammann
Ob es manche der treuen Besucher der Montagskonzerte des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters verschreckt hatte, vor dem Namen Gustav Mahlers und der Ankündigung seiner Fünften Sinfonie das Werk eines ungarischen Komponisten zu hören, der mit Altbekannten eher wenig bis gar nichts zu tun hat? Denn tatsächlich ist Peter Eötvös nur den Eingeweihten und den Kennern neuerer Musik vertraut. So blieben im ersten Teil des Konzerts eine Reihe von Sesseln in der Alten Oper unbesetzt, die dann nach der Pause alle belegt waren – Mahlers Fünfte ist einfach ein Zugpferd, nicht zuletzt, weil dessen Adagietto zu den Musikklassikern gehört, die ein ewiges Filmleben feiern. Und wer kennt es nicht, dieses psychoschmeichelnde Stück, das in Viscontis Verfilmung von Thomas Manns „Tod in Venedig“ den Seelenschmerz des einer Knabenliebe verfallenen Schriftstellers verbrämt und in die die süßesten Zonen der Todesnähe führt?

Der Schlagzeuger Alexej Gerassimez, Foto: Nikolaj Lund
Doch bevor sich im zweiten Teil des Montagskonzerts das Publikum dieser von Thomas Guggeis betörend dirigierten Seelenausdeutung hingeben konnten, war Anfangs das genaue Gegenteil angesagt: ein Parforceritt durch harte bis härteste, auch dissonantere Klangwelten. In Reinübersetzung seiner Intentionen hat der in der zeitgenössischen Musikwelt hochgeschätzte ungarische Komponist Péter Eötvös (1944 – 2024) ein in jeder Hinsicht fulminantes Werk „Speaking Drums“ genannt. Nun, zum Sprechen brachte das auf dem vorderen Podium aufgebaute, multiinstrumentale Schlagwerk ein im schwarzen T-Shirt erscheinender Musiker, dessen Namen inzwischen bei Perkussions-Performances mit gleicher Bravour verbunden wird wie zuvor der von Martin Grubinger (der jetzt allerdings nicht mehr live auftritt, sondern am Mozarteum in Salzburg seine Kunst lehrend weitergibt). Wobei Alexej Gerassimez nicht nur die Trommeln zum Sprechen (?) brachte, sondern auch mit seinen eigenen Stimmbändern unterschiedliche Laute (zudem unterschiedlich laut) produzierte, besser oder eher noch: hervorstieß.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Thomas Guggeis, Foto: Uwe Kammann
Ließen diese Laute einen Sinnzusammenhang erkennen? Nein, eigentlich nicht. Obwohl Péter Eötvös sein 2013 erstaufgeführtes Werk als „Vier Gedichte für Solo-Schlagzeug und Orchester“ untertitelt und damit auch in gewisser Weise methodisch klassifiziert hat, ist höchstens eine Inspiration durch Zeilen des ungarischen Dichters Sándor Weöres zu erahnen. Im Programmheft wurde auch auf hinduistische dichterische Hintergründe aus dem 12. Jahrhundert verwiesen – nun gut, man mag sich beim Hören vieles vorstellen. Richtig ist aber sicherlich, dass man unwillkürlich und intuitiv Assoziationen und Beschwörungen erstellen konnte, dass die Klänge – gerade in der Kombination Schlagzeuge/Orchester/Stimme – eine hohe Suggestionskraft entwickelten, dass Schamanismus durchschien.
Und dies bei einer Virtuosität des Instrumentalen, das nie auch nur im geringsten Moment ein Verweilen erlaubte. Umso verblüffender, dass dieses fast diabolisch zu nennende, durchdringende Schlagwerk mit einer geradezu unheimlich anmutenden Präzision im Orchester seinen Widerhall und seine verlängernden Variationen fand. Zwischen den Solo-Klängen und den Einsätzen der Musiker schien – von einigen Pausierungen und Zeitinseln abgesehen – niemals mehr als eine Tausendstel Sekunde zu liegen; nicht umsonst bedankte sich der Perkussionist bei diesem „großartigen“ Orchester, das – ebenso wie dessen spannungsgeladener Dirigent Thomas Guggeis – auch sichtlich tiefgründigen Spaß hatte an diesem außergewöhnlichen Zusammenspiel mit immer wieder überraschenden Tempowechseln und rhythmischen Kehrtwendungen.
Das Publikum war fasziniert und begeistert, wollte gar nicht mehr aufhören mit dem Beifall, der schließlich zu einer fast meditativen Trommel-Zugabe führte. Natürlich, es war nicht zu unterscheiden, ob der frenetische Applaus vor allem dem Stück des Komponisten galt, das in seinen Linien und Verknüpfungen wahrlich nicht leicht zu verfolgen oder gar zu entschlüsseln war; oder ob die Faszination doch eher dem virtuosen Spiel (Sport?) galt, mit seiner tatsächlich atemberaubenden Schlagtechnik, die sich zu irrsinnigen Geschwindigkeiten steigern konnte. Ein „wilder Ritt“, ein „akrobatisches Spektakel“, so klassifizierte ein Kritiker das Gehörte, das Solist und Orchester erzeugt hatten: so mit Trommeln, Bongos, Becken, Schlagsteinen, Vibraphon, Kuhglocken, Gongs, Triangeln, Zimbeln, aber eben auch mit Streichern, Bläsern, Harfe und Celesta. „Speaking Drums“ – das war höchstens die halbe Wahrheit bei dieser mehr als außergewöhnlichen Darbietung.
Vertrug sich dieser Auftakt mit den fünf Sätzen des sehr komplexen Werkes Gustav Mahlers mit seiner – ausgenommen das berühmte, eigentümlich betörende Adagietto – gewaltigen Orchestrierung? Ja, vielleicht auch, weil die dichte Instrumentenanordnung auf dem Podium ein von fünf Musikern exerziertes ausgedehntes Schlagwerk einschließt, das immer wieder intensiv zum Einsatz kommt. Was nun das besondere Dirigat des so überaus jugendlichen Thomas Guggeis ausmacht, das kommt indirekt in einem Zeugnis der kanadischen Violinistin Meghan Nenniger zum Ausdruck, die seit zwei Jahren Stellvertretende Stimmführerin der 2. Violinen im Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ist. Man spüre einfach, dass viele der gespielten Komponisten hier „gelebt und gewirkt“ hätten: „Das verleiht dem Musizieren eine besondere Tiefe. Es gibt hier eine Spielkultur, die ich als sehr lebendig empfinde.“

Thomas Guggeis hebt immer wieder einzelne Spieler hervor, Foto: Uwe Kammann
Genau das vermittelt Thomas Guggeis mit jeder Geste, jeder Mimik, jeder Bewegung, in jedem noch so kleinen Moment: Tiefe und Lebendigkeit. Und genau diese Kombination ist es, die gerade einer Musik wie jener Mahlers zugutekommt. Sie kann ja – Beispiele gibt es genug – überdramatisiert wirken, pompös überhöht, bis zur dröhnenden Übermacht; eine Gefahr, die droht, weil ja alle Momente, Facetten und Farben der menschlichen Existenz ausgebreitet, ausgemalt, verbunden werden.
Nichts davon bei Guggeis, zu keiner Sekunde. Er lässt das Werk analytisch erklingen, mit größtmöglicher Präzision bei allen Einzelheiten – ohne jedoch das zusammenklingende Ganze aus dem Blick zu verlieren. Ob Trauermarsch, ob Scherzo, ob Adagietto oder finales Rondo: Guggeis verlieh allen Teilen eine klare Durchhörbarkeit, ließ auch selbst die abschließende Jubel-Apotheose als zwar grandios vielversprechendes und auftrumpfendes, letztlich aber doch reflektiertes Erlebnis erklingen und nicht als Szenario einer Überwältigung.
Sicher, um es auf die knappste Formel zu bringen: Mahler bleibt Mahler – aber eben mit einem oft übersehenen Reichtum der Einsichten und Ausdrücke. Die brillante Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle bringt dies im Programmheft gerade in der Charakterisierung auf den Punkt. „Das turbulente musikalische Geschehen des Rondos“, so schreibt sie, „steuert mehrfach auf einen großen Durchbruch zu, den überraschende Wendungen auf dramaturgisch raffinierte Weise zu verhindern wissen. Erst ganz zum Schluss löst sich die Spannung in der Coda, wird der lang erwartete Choral aus dem zweiten Satz in einer hymnischen Apotheose zur Schau gestellt.“ Nun folgt ein entscheidender Punkt: „Doch die Feierlichkeit ist unecht, die ironische Brechung behält das letzte Wort.“
Nicht, dass Thomas Guggeis hier die Intention einer durchgehenden ironischen Distanzierung nachgesagt werden soll. Aber die bei allem musikalischen Glanz bis zum Äußersten getriebene Detailschärfe und die durchleuchtende Kraft seiner Interpretation in der Alten Oper dürften derzeit in der Mahler-Auslegung ziemlich einmalig sein. Was schlichtweg heißt: Ein Glücksfall für die Musikwelt. Und ein ganz großes Glück für Frankfurt.
