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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Preis des Deutschen Architekturmuseums: welche Tendenz?

FAZ-Kritiker sieht einen ideologischen Hang zur Hässlichkeit

Von Uwe Kammann

Der seit 2007 verliehene Preis des Deutschen Architekturmuseums bietet einen Überblick über die jeweils aktuellen Formen des Bauens in Deutschland, mit einer stufenweisen Verengung bei der Auswahl und Bewertung. Aus 100 Beispielen (Longlist) geht es zunächst zu 21 Bauten einer engeren Auswahl (Shortlist), woraus wieder fünf Finalisten ausgewählt werden, bevor schließlich ein Sieger den Zuschlag erhält. Das Verfahren beginnt sehr offen, mit vielen Einreichungswegen, auch über die einschlägigen Fachverbände, um am Schluss in die Hände und Köpfe einer Jury überzugehen, welche sich die Finalisten vor Ort anschaut, genauestens begutachtet und mit Beteiligten und Nutzern spricht.

Erster Preis für die umhüllende Stahl-Glas-Konstruktion eines ehemals leer stehenden Güterbahnhofs in Berlin-Moabit vomn Peter Grundmann, Foto: Petra Kammann

Hat es das beim Preis des Deutschen Architekturmuseums schon gegeben? Die Endergebnisse, die noch bis Mitte Mai im endlich sanierten Stammhaus am Schaumainkai zu sehen sind, fanden beim Architekturkritiker der FAZ, Matthias Alexander, ein geradezu vernichtendes Echo. „Verlässlich hässlich“ sei das Ergebnis bei der Suche nach preiswürdiger neuer Architektur. Die Auswahl zeuge von der “ideologischen Engstirnigkeit des Preisrichter-Milieus“. Es sei vor allem die „Abwesenheit von Schönheit“, die beim Gang durch die Ausstellung und beim Blättern des dazugehörigen Katalogs „verstört“.

Gesamtsicht des umgewandelten Güterbahnhofs , hier mit Matthias Alexander (re), Foto: Petra Kammann

Terminal 3 Frankfurt von Christoph Mäckler –  Innendecke, Foto: HGEsch

Das Echo auf seine Kritik, so Alexander – der gerade beim neuen Terminal 3 des Frankfurter Flughafens ein großes Loblied auf Christoph Mäcklers Architektursprache der klassischen Moderne angestimmt hat – sei zwiespältig gewesen, von Zustimmung bis zur Ablehnung. Die allerdings konnte heftig ausfallen, so bei der Publikation „swiss-architects“. Der derzeit sich vollziehende Umbruch in der Architektur hin zu einer „ressourcenschonenden Baukultur“ versetze „rückwärtsgewandte“ Kritiker „in Rage“.

Der von „swiss-architects“ gelobte „Wendepunkt“ wird hingegen so beschrieben: Viele junge Architekten „bauen lieber um statt neu und erhalten nicht nur Baudenkmäler, sondern auch wenige kunstvolle Alltagsbauten“; sie verwendeten gebrauchte Bauteile, benutzten „Naturbaustoffe wie Holz und Lehm und entdeckten das Handwerk neu. Dies alles verändere den architektonischen Ausdruck „und fordert bisweilen Sehgewohnheiten heraus.“

Gewohnheiten herausfordern: das ist ein beliebtes Passepartout-Argument bei sich progressiv verstehenden Musik- und Kunstformen aller Art. In der Tat: „Schönheit“ (Alexander kleidet den Begriff in ironischer Selbstverteidigung als „horribile dictu“ ein) ist bei diesen sich in den Vordergrund schiebenden Modellen augenscheinlich nicht gefragt. Folglich findet sich im wie immer hervorragend editierten 2026er Begleit-„Jahrbuch“ zur Ausstellung und auch im umfassenderen „Architekturführer Deutschland 2026“ (beide bei DOM publishers erschienen) das Wort Schönheit kein einziges Mal. Obwohl ästhetisch Gelungenes nicht als Nullstelle gelten kann.

v.l.n.r.: Uwe Bresan (Fa. JUNG), enger Kooperationspartner des DAM,  Kuratorin Christina Gräwe und DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, Foto: Petra Kammann

Aber tatsächlich fällt in den Erklärtexten gerade auch im „Architekturführer“ auf, dass bestimmte Eigenschaften und Eigenheiten immer wieder als vorbildliche Qualitätsmerkmale hervorgehoben werden. Das liest sich bei einem begrünten ehemaligen Kriegsbunker in Hamburg beispielsweise so: Er verbinde auf einmalige Weise „die Aspekte Nachhaltigkeit, Stadtnatur, Multifunktionalität und Renaturalisierung“. Ähnliche Bewertungsmaximen finden sich bei vielen der vorgestellten Bauten aus allen Bereichen – insofern ist schon eine klare Tendenz bei den Urteilen in den verschiedenen Phasen der Auswahl zu erkennen.

Experiment-Bau im Senckenberg-Hof: The Frankfurt Prototype, Foto: Uwe Kammann

In Frankfurts Mitte entstand vor anderthalb Jahren im Hof des Senckenberg-Museums ein Bau, der geradezu idealtypisch diese Tendenz verkörperte. Es war ein Projekt der (Kunst-) Städelschule und der Frankfurt University  of Applies Sciences, deklariert als Experiment. Es sollte in der Zusammenarbeit von Studenten und Ingenieuren und Architekten der Frage nachgehen, „wie eine neue urbane Bautypologie aussehen kann, die bezahlbar und nachhaltig ist und den sozialen Zusammenhalt fördert“. Als Materialien wurden wiederverwendeter Stahl und gebrauchtes Schalungsholz eingesetzt, um Schadstoff-Emissionen beim Bauen möglichst gering zu halten.

Das mit diversen Staats- und Stiftungsgeldern geförderte und mit der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters geadelte experimentelle Projekt trug den Titel „The Frankfurt Prototype“. Gegen den Abriss der immer nur als ‚temporär‘ eingestuften Konstruktion protestierten Beteiligte, die das Ganze als vollen Erfolg deklarierten. Doch der scharf formulierte Protest konnte die formal eingezäunte Tristesse im Museumshof nicht verhindern.

Der DAM-Preis ist da natürlich wesentlich handfester, zeichnet nichts aus, was nicht auf Dauer angelegt ist und nach der Realisierung praktisch Bestand hat. Aber natürlich will auch er über das Sichtbare hinaus zukunftsträchtige Perspektiven aufzeigen und über seine Positiv-Auswahl für junge Büros Aufmerksamkeit erzeugen, um ihnen jene Öffentlichkeit zu verschaffen, die ein erfolgreiches Weiterarbeiten ermöglicht und fördert. Als Erfolg dieser Handlungsmaxime verweist DAM-Direktor Peter Cachola Schmal auf die 2024er Preisträger, die nach dem Frankfurter Erfolg auch den europäischen Mies-van-der-Rohe-Preis bekommen hätten und inzwischen ein erfolgreiches Büro führten.

Mit Blick auf den diesjährigen Hauptpreis unter den fünf Finalisten schränkt dann Schmal allerdings einen Punkt ein: Die jetzigen Fotos könnten nicht jenen Eindruck vermitteln, der sich bei der Besichtigung eines solchen Projektes direkt vor Ort einstelle. Hier ist es eine umhüllende Stahl-Glas-Konstruktion eines ehemals leer stehenden Güterbahnhofs in Berlin-Moabit zu einem „ZK/Zentrum für Kunst und Urbanistik“ (Peter Grundmann Architekten). Das Gebäude überzeugt nach Schmal „architektonisch-räumlich ebenso wie konstruktiv-ästhetisch“. Es demonstriere, dass „ehrliche, haptische Konstruktion und ökonomische Planung nicht im Widerspruch zueinander stehen können – sondern sich gegenseitig ergänzen, um großartige Architektur neu zu definieren“.

Sieger beim DAM-Preis: Peter Grundmann, Foto: Petra Kammann

Wie ein solches Objekt auch durch die anderen Mitglieder der Jury gesehen, gelesen und bewertet wird – mit vielfältigen Facetten –, das ist bestens  und erhellend in dem die Ausstellung (noch bis 10. Mai) begleitenden „Deutschen Architektur Jahrbuch 2026“ zu lesen. Eine solche Lektüre ist eigentlich unabdingbar, um die in die engere Auswahl gekommenen Bauten (21 sind es, nach einer 100er-Longlist) bei diesem, seit 2007 veranstalteten, sicher ambitioniertesten Unternehmen des Deutschen Architekturmuseums,  beurteilen zu können und damit der Quintessenz bei der Beurteilung des aktuellen Baugeschehens näher zu kommen.

Im endlich sanierten DAM-Stammhaus am Schaumainkai kann sich der Besucher wieder auf große Schautafeln mit erläuternden  Texten, weiter auf Filme und teils auch auf Modelle konzentrieren. Ergänzend zu sehen sind noch zwei Bauten deutscher Architekten im Ausland und ein Erweiterungs- und Sanierungsprojekt des DAM-Kooperationspartners beim Preis, der Firma Jung.

Gleichwohl, es empfiehlt sich unbedingt, ausgiebig die längeren Texte im Jahrbuch zu lesen. Zudem bietet es – über die detaillierten Projektvorstellungen und über die einführenden und einordnenden Vorworte des DAM-Direktors Peter Cachola Schmal und der beiden Preis-Kuratoren und Publikations-Editoren Christina Gräwe und Yorck Förster (†2026 )hinaus – wieder einen Essay (diesmal dem völlig veränderten Umgang mit Kirchenbauten gewidmet) und außerdem einen umfangreichen Service- und Informationsteil.

Cover Deutsches Architekturjahrbuch 2026, DOM Publishers, 38 EUR

Ebenso notwendig ist es, den „Architekturführer Deutschland 2026“ zu studieren, weil er über die 100 Bauten der überhaupt in die Auswahl gelangten Nominierten das ganze vielfältige, breit aufgefächerte Spektrum aufzeigt: von Schulhäusern über Kultur- und Ausstellungsbauten, auch über Verkehrsbauwerke bis hin zu  sehr verschiedenen, in der Regel heute auf Offenheit zielenden Wohnformen – das alles immer verbunden mit den heute viel diskutierten Themen wie Sanierung, Transformation, Sozialverankerung, Funktions-Variabilität und Nachhaltigkeit. Immer eingeschlossen mitzudenken: Collage, Assemblage und Hybridverliebtheit.

Cover Architekturführer Deutschland 2026, DOM Publishers, 28 EUR

Wer nach Schönheit sucht, wird – von der vermeintlichen/offensichtlichen Jury-Grundhaltung einmal abgesehen – auch fündig werden. Das schneeweiße Reinhart-Ernst-Museum des japanischen Altmeisters Maki in Wiesbaden wäre ein solcher Kandidat gewesen, ganz sicher auch der SAP-Garden (3XN / Latz+Partner) im Münchner Olympiapark – eleganter lässt sich eine Sportarena nämlich sicher nicht gestalten, einkleiden und einbetten.

Unter verschiedenen Aspekten (auch den sozial-funktionalen) hätte auch der am Traditionellen orientierte Groß-Wohnblock MK6 in München ins Ästhetik-Fach gepasst, ebenso wie die filigran-schöne Sanierung und Transformation einer Magdeburger Multifunktionshalle aus der DDR-Moderne (Hyparschale). Allerdings, hier hätte mit gmp – Architekten von Gerkan, Marg und Partner wieder ein etabliertes, vielfach ausgezeichnetes Büro Lorbeeren eingeheimst, so wie beim Münchner Wohnblock der altbekannte Name Steidle geleuchtet hätte – ganz konträr also zur erklärten Intention, junge Büros ins Rampenlicht zu setzen, so wie mit der containermäßig zusammengesetzten Doppelschule von PPAG Architects in Berlin.

Die beiden Architektinnen vom Büro Hild und K, Foto: Petra Kammann

Überhaupt, Berlin, München, Süden, Osten: RheinMain hat da derzeit nicht die besten Karten. Ob das im nächsten Jahr anders aussieht, mit dem zweifellos attraktiven, der klassischen Moderne verpflichteten Flughafen-Terminal von Christoph Mäckler? Allerdings, das wäre wieder ein prominenter Name, auch einer, der mit den derzeit so hochgehandelten Themen nicht unbedingt verbunden ist. Aber es könnte ja mal wieder eine Abwechslung sein, so wie auch die Heroen gmp (mit dem Dresdner Kulturpalast) oder Chipperfield Architekten aus Berlin, die das Eingangsbauwerk JamesSsimon Galerie gebaut hatten und dafür 2020 den preis erhielten.

Sprich: Für eine Überraschung sollte sie immer gut sein, diese nun schon traditionshaltige Auszeichnung, auch für eine argumentationsreiche Diskursermächtigung. Das weiße Traditionshaushaus am Main mit seinem immer jungen Team ist prädestiniert dafür. Auch wenn Cachola+Co. sicher noch einige Zeit dem improvisierten Interimsquartier im Ostend nachtrauern werden.

 

Eines sollte in diesem Jahr bei diesem Stichwort nicht vergessen werden: Denn mit Yorck Förster ist ein höchst kundiger, überaus engagierter Mitarbeiter des DAM verstorben, der (nicht nur) den Preis in vielfältiger Funktion – vor allem als Kurator, Herausgeber und Autor, auch als stets präsenter Vermittler – begleitet hat. Gute Architektur ohne kluge Köpfe: Das ist nicht denkbar. Und deshalb sagen alle, die Yorck Förster gekannt haben und ihm begegnet sind, so schlicht wie aufrichtig: Danke.

So haben viele den Kurator Yorck Förster (1964–2026) in Erinnerung, Foto: DAM

 

Ausführliche Informationen zum Preis und zu den (Archiv-)Ergebnissen seiner Geschichte sind auf der Webseite

dam-preis.de zu finden.

 

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