Retrospektive Yayoi Kusama im Museum Ludwig in Köln
Punkte retten ein Leben
Von Margarete Berghoff
Es war einmal ein kleines Mädchen, das litt so sehr unter den ständigen Streitigkeiten ihrer Eltern, dass sie eines Tages, als sie auf eine gepunktete Tischdecke schaute, plötzlich nur noch Punkte sah. Die Welt und sie selbst lösten sich auf in mehr als tausend Punkten. Das Mädchen war 10 Jahre alt und es geschah, dass sie von da an immer öfter viele bunte Punkte sah. Sie begann, die Punkte zu malen und zog sich immer mehr in ihre innere Welt zurück. Später wurde aus ihr eine berühmte Künstlerin. Viele Museen richteten Ausstellungen für ihre Kunstwerke aus, weil die Menschen so viel Freude an ihren lustigen bunten Punkten hatten. Sie malte weiter und weiter. Heute ist sie 96 Jahre alt und sie malt immer noch jeden Tag ein Bild.

Yayoi Kusama bei der Arbeit an My Eternal Soul (2009–21), 2017 © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts, David Zwirner
Das Leben und die Kunst von Yayoi Kusama haben etwas Märchenhaftes. Sie selbst ist wie eine Märchenfigur auf einer langen Reise, auf der sie mutig und voller Phantasie immer wieder eine neue Richtung eingeschlagen hat.
Die Botschaft, die ich euch, meinen geliebten Menschen,
durch meine Kunstwerke vermittle, ist die Freude am Leben.
Frieden für die Menschheit. Menschen auf dieser ruhigen Erde,
auf der es keine Kriege gibt.
Für diese Menschen werde ich weiterhin meine Kunst anbieten.
Yayoi Kusama
Eine große Retrospektive der Kunst von Yayoi Kusama, mit 300 Arbeiten, ist jetzt in Köln im Museum Ludwig zu sehen. Hervorragend kuratiert von Stephan Diederich. Chronologisch durchläuft der Besucher das Leben und die Kunst von Yayoi Kusama. Betritt dabei Installationen und verspiegelte Endlos-Räume.
Malerei, Skulpturen, Installationen, Mode, Literatur, Performance und Happenings, viele Kunstformen hat Yayoi Kusama in ihren fast 80 Jahren für die Kunst, für sich entdeckt und entwickelt. Die Polka Dots, ein Begriff aus der Mode, der schwarze, weiße oder auch bunte Punkte auf einem unifarbenen Untergrund bezeichnet, wurden ihr Markenzeichen. Inspiriert von den gepunkteten Blusen, die die Frauen in Polka Clubs beim Tanzen trugen.
Erstaunlicherweise sind Kusamas Polka Dots plakativ ohne oberflächlich zu sein, denn sie bringt sie in einen sinnhaften Zusammenhang.
Ihr Leben und ihre Kunst sind untrennbar miteinander verbunden und verwoben. Sie malte mit 10 Jahren ein Porträt ihrer Mutter, worauf sie sie mit Punkten übersäte. Eine Halluzination, in der sich ihre Mutter in Punkte auflöste. Eine andere Erfahrung war, dass sie am Fenster ein Netz sah, welches sich, als sie es berührte, auf ihren ganzen Körper legte.
Sie begann ganz intuitiv zu malen, was sie in ihren frühen Halluzinationen erlebte. Das war ihre Rettung, dadurch konnte sie die traumatischen Erfahrungen mit ihren Eltern und die ihrer frühen Jugend verarbeiten. Punkte und Netze ziehen sich bis heute durch ihr Werk und es ist faszinierend, welche vielfältige Bedeutung sie diesen einfachen Formen in ihrer Kunst gibt.
Ihre große Begabung zeigt sich bereits in ihren frühen Werken, die oftmals ihre Halluzinationen und ihr Erfahrungen mit Krieg zum Thema haben.
Yayoi Kusama, Self-Portrait, 1972, Collage, Pastell, Kugelschreiber und Tusche auf Papier 74,4 × 44 cm. Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA
Aufgewachsen in einem wohlhabenden konservativen Elternhaus, mit patriarchaler Prägung, fühlte sie sich schon früh eingeengt und nicht verstanden. Sie litt unter den ständigen zermürbenden Streitigkeiten ihrer Eltern. Ihre Mutter war sehr streng. Sie schickte Yayoi als kleines Mädchen zum Ausspionieren der Machenschaften ihres Vaters, der gerne zu Prostituierten ging. Was sie dort sah, traumatisierte sie so sehr, dass sie ein Leben lang keinen Sex haben wollte und konnte. Sie musste unter schwersten Bedingungen, wie Hunger und Dunkelheit, mit 13 Jahren zwei Jahre lang in einer Fabrik Fallschirme für den Krieg nähen. Sie erlebte die Militarisierung Japans und das Grauen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.
Die Eltern waren trotz Yayois großer Begabung, gegen ihren Wunsch, Künstlerin zu werden. Aber sie setzte sich durch und malte obsessiv, zeitweise bis zu 50 Bilder an einem Tag. Sie studierte japanische Nihonga Malerei, doch bald konnte sie mit dieser Art „Schönmalerei“ nichts mehr anfangen. In Japan hatte sie zwar mehrere Ausstellungen mit ihren Frühwerken, die ihr eine gewisse Anerkennung brachten, aber sie spürte, dass sie sich hier nicht verwirklichen konnte.

Yayoi Kusama, Accumulation of the Corpses (Prisoner Surrounded by the Curtain of Depersonalization), 1950
Öl und Emailfarbe auf Saatgutsack 72,3 × 91,5 cm, The National Museum of Modern Art, Tokio © YAYOI KUSAMA
Für Yayoi Kusama waren die Punkte ein Schutz vor Auflösung. Sie kontrollierte damit ihre Halluzinationen und sie gaben ihr Sicherheit. Gleichzeitig waren sie Symbol für ihre Sehnsucht nach Verschmelzung mit dem Universum. Kusama gibt uns mit ihren philosophischen Texten eine Hilfe, ihre Kunst zu verstehen. Das vielschichtige Werk von Yayoi Kusama erzeugt Freude und Neugierde. Es ist bunt und voller verrückter Ideen. Hinter der verspielten Fassade hat es immer eine tiefere Bedeutung. Es war ihr ein Anliegen, mit ihrer Kunst positive Botschaften in die Welt zu senden.
Polka-Dot-Café im Universum
Alles in einem Café mit rosa Polka Dots zu bedecken, das ist mein Wunsch.
Polka Dots im rosafarbenen Raum erfüllen die Herzen aller mit der Freude ewiger Liebe.
Im Universum sind der Mond und die Sonne nur zwei dieser Polka Dots.
Die Erde, auf der wir leben, und mehrere hundert Millionen Sterne werden durch Zaubersprüche rosa.
Selbstauslöschung durch Polka Docs. Ich nenne dies „Kusamas Selbstauslöschung“.
Yayoi Kusama
Sie hatte eine Vision. Sie wollte nach USA und eine berühmte Künstlerin werden. Sie nahm Kontakt mit der von ihr sehr verehrten Georgia O’Keeffe auf.
Es gelang ihr, 1957 eine Ausstellung in Seattle zu bekommen. Danach flog sie nach New York und fand trotz großer Geldsorgen Anschluss an die etablierte New Yorker Kunstszene. Bei einem Besuch des Empire State Building spürte sie noch einmal den großen Wunsch, die Welt mit ihrer Kunst zu erobern.
Auf ihrem Flug von Japan nach New York hatte sie das unendliche Meer unter sich gesehen. Das inspirierte sie zu großformatigen monochromen Bildern, auf denen sie ihre endlosen Wiederholungs-Muster in wochenlanger Arbeit aufmalte. Punkte, Blüten, Netze, ihre Infinity-Net Bilder trafen den Nerv der Zeit und fanden in etablierten Galerien Aufmerksamkeit. Das brachte sie künstlerisch und finanziell ein Stück weiter.

Yayoi Kusama, No. N2, 1961, Öl auf Leinwand, 125 × 178 cm, Privatsammlung
Es umgab sie eine kindliche Aura von Unschuld und sie fiel auf in der Kunstszene von New York.
In New York tobten sich in den 60er Jahren die Aktionskünstler aus. Sexuelle Befreiung und politische Statements gegen den Vietnamkrieg waren die Themen der Happenings und Performances. Yayoi kreierte 70 Performances und Happenings, die alle Aufmerksamkeit der Presse bekamen. Bodypainting-Aktionen, in denen sie nackte Männer mit Punkten bemalte, die mit den gepunkteten Räumen verschmolzen. Yayoi war die Einzige, die dabei bekleidet blieb. Flowerpower war angesagt, das war ganz die Welt von Yayoi. Liebe leben und Verschmelzung mit dem Universum, mit der Unendlichkeit, das war ihre Sehnsucht und ihre Botschaft.
Sie verarbeitete ihre Angst vor Sex und nähte Tausende von phallischen Säckchen und bestückte Kleider, Puppen, Stühle und Schuhe damit.

Yayoi Kusama Anatomic Explosion -Happening auf der Brooklyn Bridge, New York, 14. August 1968 Getty Research Institute, Los Angeles Schenkung der Roy Lichtenstein Foundation im Gedenken an Harry Shunk und Janos Kender/Foto: Shunk-Kender © J. Paul Getty Trust
Mit der Installation „One Thousand Boats Show“ übersäte sie ein Boot mit diesen Stoffphalli und ließ sich nackt von hinten dazu fotografieren. Alle Phalli schickte sie damit aufs Meer hinaus und kehrte ihnen den Rücken zu. Andy Warhol war begeistert.

Yayoi Kusama in der Installation Aggregation: One Thousand Boats Show (1963), Gertrude Stein Gallery, New York, 1963, Fotografiert von Rudy Burckhardt
1966 flog sie nach Venedig, mit 1500 Spiegelbällen im Gepäck. Ohne geladen zu sein, verschaffte sie sich Zutritt zur Biennale. Sie beeindruckte die Besucher mit der Performance „Narcissus Garden“. Sie lag in einem ihrer 70 Kimonos inmitten der Spiegelbälle und verkaufte die Bälle für 2 Dollar das Stück. Sie eröffnete eine Boutique für erotische Mode und gab ein Magazin heraus, „Kusama Orgy“. Sie schrieb Theaterstücke, die nie zur Aufführung kamen. Sie schrieb 10 Bücher.

Yayoi Kusama posiert in Untitled (Dress) mit ihren Phallic Sculptures in ihrem New Yorker Atelier, 1971, Foto: Tom Haar © YAYOI KUSAMA
Sie fand neue Formen, ihre inneren Erfahrungen in Kunst zu verwandeln. Sie schuf die „Spiegelräume“, später „Infinity-Rooms“ genannt. Verspiegelte Räume mit Installationen, die sich in die Unendlichkeit spiegelten. Die durften zum Teil nur einzeln betreten werden. Drinnen kann der Betrachter zwischen Verwirrung und Faszination Yayoi Kusamas Visionen selbst erfahren.

Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room—The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025, Detail Mixed media Maße variabel, Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts 
Yayoi Kusama machte ihre inneren Welten für uns sichtbar. Sie war die erste, die weiche Skulpturen nähte, die erste, die verspiegelte Räume in Installationen einsetzte. Interessant ist, das sie damit nicht berühmt wurde, sondern andere Künstler, die sie eindeutig imitierten, damit zu reichen Superstars der Kunstszene wurden. Das kränkte sie zutiefst.
Als Frau hatte man es damals, auch in New York, in der Kunstszene immer noch sehr schwer. Die Anerkennung, die sie für ihre bahnbrechenden Arbeiten bekam, war ihr nicht genug. Unter den Künstlern herrschte Eifersucht, Neid und Missgunst. Dazu kamen verstärkt ihre Depressionen, Panikattacken und Halluzinationen, die Kusama stark belasteten.
1973 kehrte sie ernüchtert nach Japan zurück. Ihre psychischen Probleme hatten zugenommen und 1977 entschloss sie sich, in eine Psychiatrische Klinik zu gehen.
1993 gestaltete sie den japanischen Pavillion auf der Bienale. Sie lebt heute immer noch in der Klink und mit 96 Jahren arbeitet sie hier noch täglich, mit ihren Helfern in ihrem Atelier, welches sie durch Verkäufe finanziert. Viele ihrer Ideen wurden in große Rauminstallationen umgesetzt. An einem gemalten Tagebuch im Großformat arbeitet sie jeden Tag.
Sie ging mit den Polka Dots von der Fläche in den Raum und schuf viele Installationen. 2000 entstand „I’m Here, but Nothing“.
Wenn man den Raum betritt, taucht man ein in die Wahrnehmungswelt von Yayoi Kusama. Ein luxuriöses Schlafzimmer, verdunkelt mit Schwarzlicht. Das Auge ist irritiert, denn es sieht in dieser Dunkelheit tausende von fluoreszierenden kleinen Punkten. Die Möbel, nur als Schatten erkennbar, treten in den Hintergrund und die Punkte tanzen vor den Augen, als wären sie kleine lebendige Kugelwesen. Die Punkte, aus Klebefolie auf die Möbel aufgeklebt, wirken aber wie in der Luft schwebend. Diese Rauminstallation ist eine Initialzündung zum Verständnis ihrer Kunst. Auflösung, Unendlichkeit und Verschmelzung mit dem Universum, die Erfahrungen ihrer frühen Halluzinationen.

Yayoi Kusama, Museum Ludwig Köln, 2026 I‘m Here, but Nothing, 2000/2026 Fluoreszierende Aufkleber, ultraviolettes fluoreszierendes Licht,Haushaltsgegenstände Dimensionen variabel Sammlung der Künstlerin Courtesy of Ota Fine Arts
Obwohl Yayoi Kusama schon sehr früh unter Halluzinationen, Panikattacken und Depressionen litt, entwickelte sie ihre Kunst auf geradezu geniale Weise. Sie durchlief Phase um Phase und erfand sich dabei immer wieder neu. Die Anzahl ihrer Werke ist riesig. Bevor sie mit 29 Jahren in die USA ging, zerstörte sie leider mehr als 2000 ihrer Bilder. Durch ihre unaufhaltsame Schaffenskraft und ihre oftmals überraschende Spontanität war sie fähig, trotz ihrer psychischen Erkrankung, ihre Ideen umzusetzen.
Ihr Glück war, dass sie ihre Halluzinationen als solche erkannte und bewusst erleben konnte. Dass sie sie als Inspiration für ihre Kunst nahm. Und ihre Kunst, die so fröhlich und bezaubernd daherkommt, ist Ausdruck ihrer verletzten Seele, ihrer großen Sehnsüchte, ihrer Überzeugungen. Sie sendet liebevolle Botschaften in die Welt und wünscht sich in die Unendlichkeit des Universums, in ihre endlosen Welten aus Punkten und Netzen. Ihre Kunst ist nur aus ihren Lebenserfahrungen heraus zu verstehen. Sie folgte immer ihrem Innersten. Wer sich mit ihrer Kunst beschäftigt ,wird reich belohnt.
Heute ist sie ein Superstar, eine Ausnahmekünstlerin, die auch in den Sozialen Medien großen Erfolg hat. Ihr sehnlichster Wunsch, die Welt mit ihrer Kunst zu erobern, ist in Erfüllung gegangen.

Yayoi Kusama The Heart Buried in a Flower Garden, 2009 Acryl auf Leinwand 194 × 194 cm Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts
Die Ausstellung Yayoi Kusama im Museum Ludwig in Köln läuft noch bis zum 2. August 2026. Danach wandert sie weiter nach Amsterdam ins Stedelijk-Museum und ist dort vom 11.09.26 – 17.01.27 zu sehen.

