„Von London nach Venedig“ im Fokus der Internationalen Tage Ingelheim
Whistlers detailreiche Grafiken in spannendem Dialog mit Masuyamas Fotomontagen
Von Hans-Bernd Heier
James McNeill Whistler revolutionierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Radierungen und Lithografien die künstlerische Grafik. Die Ausstellung im Kunstforum Ingelheim beleuchtet nach über 25 Jahren erstmals wieder in Deutschland jenes faszinierende, ausgefeilte und innovative Schaffen des US-Amerikaners. Im Rest der Welt berühmt, gilt es hierzulande, Whistler wiederzuentdecken. Dazu haben Kunstfreunde in der Ingelheimer Schau „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama“ beste Gelegenheit. Seine ausgewählten Grafiken treten in einem spannungsreichen Dialog mit den beeindruckenden Fotomontagen des japanischen Künstlers Hiroyuki Masuyama, der im letzten Jahr an identischen Stellen, an denen Whistler damals seine Grafiken radierte, Fotografien der gegenwärtigen Situationen anfertigte.

James McNeill Whistler „The «Adam and Eve“, Old Chelsea, 1878, Radierung; Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett; © Hamburger Kunsthalle / bpk; Foto: Julia Bau
Der US-amerikanische Maler und Grafiker James McNeill Whistler (1834–1903) gilt insbesondere in den USA und in Großbritannien aufgrund seiner zu Ikonen der Kunstgeschichte zählenden Werken als einer der bekanntesten Künstler des 19. Jahrhunderts. In Museumssammlungen im deutschsprachigen Raum ist er dagegen unterrepräsentiert und mit signifikanten Gemälden überhaupt nicht vertreten.
„So sind es nur drei Kupferstichkabinette, die bereits zu Lebzeiten des Künstlers bedeutende Konvolute erwarben und den Ankauf weiterer Blätter nach dessen Tod fortsetzten“, schreibt Dr. Katharina Henkel, Leiterin der Internationalen Tage Ingelheim, in dem opulenten Begleit-Katalog. Die größte Sammlung mit 154 Grafiken von Whistler besitzt die Hamburger Kunsthalle. Aus diesem reichen Konvolut präsentiert die Ingelheimer Ausstellung, die bis zum bis 5. Juli 2026 im schmucken alten Rathaus zu bestaunen ist, 67 ausgewählte Blätter des produktiven Künstlers.

Ein riesiges Plakat an der Vorderfront des Alten Rathauses wirbt für die sehenswerte Ausstellung; Foto: Hans-Bernd Heier
Im Fokus stehen Whistlers Radierungen und Lithografien mit den Ansichten von London und Venedig. Personendarstellungen aus seinem persönlichen Umfeld zeigen als weiteren Themenbereich die einfühlsame Seite des als exzentrisch und streitbar geltenden Künstlers. Die präsentierte Motivvielfalt offenbart die Meisterschaft seiner ungewöhnlichen Techniken. Whistlers Leben war geprägt von zahlreichen Reisen, die ihm immer wieder neue Motive boten und in grafischen Arbeiten direkt vor Ort festgehalten wurden. Denn der Künstler führte im Reisgepäck stets Druckplatten mit, so dass er die Ansichten sofort künstlerisch umsetzen konnte.

Hiroyuki Masuyama after Whistler „The Adam and Eve“, Old Chelsea 1879, 2025, 2025, Digitalfotografie auf Papier; courtesy Hiroyuki Masuyama; © Hiroyuki Masuyama
Nach seiner Übersiedelung als 21-Jähriger von der Ostküste der USA nach Paris ließ er sich 1859 in London nieder. Über seine Kunst erkundete er die Stadt an der Themse und schuf bis Ende der 1890er Jahre zahlreiche Grafiken, die vor allem verschiedene Ansichten des Flusses, seiner Uferzonen und Brücken, Schiffe und Hafenszenen sowie Menschen in ihrem Alltag mit großem Detailreichtum zeigen.
Reisefreudig bis ein Jahr vor seinem Tod, hielt sich Whistler immer wieder länger in verschiedenen europäischen Städten auf und war deshalb ein gut vernetzter Künstler. So lebte und arbeitete er 1879/80 über ein Jahr lang in Venedig, obwohl zunächst nur ein dreimonatiger Aufenthalt in der Lagunenstadt geplant war. Häufig von der Wasserseite aus gesehen, schuf er Radierungen von prächtigen Palästen, typischen venezianischen Brücken und besonders mit Motiven von Höfen oder Werkstätten jenseits der touristischen Attraktionen.

Wegen des Detailreichtums der kleinformatigen Grafiken empfiehlt Kuratorin Dr. Katharina Henkel für den Ausstellungsrundgang eine Lupe, die Besucher sich kostenlos an der Rezeption ausleihen können; Foto: Hans-Bernd Heier
Wie andere Künstlerinnen und Künstler des Impressionismus sammelte auch Whistler japanische Holzschnitte, die für ihn Inspirationsquelle waren. Seine intensive Beschäftigung damit wird im Bildaufbau seiner eigenen Werke erkennbar. Ausgesuchte Beispiele namhafter japanischer Holzschnittkünstler wie Utagawa Hiroshige, Katsushika Hokusai oder Kitagawa Utamaro flankieren deshalb einzelne seiner Grafiken in allen drei Themenräumen.
Zur kunsthistorischen Kontextualisierung sind außerdem Whistlers Arbeiten ausgewählte Grafiken einiger britischer, französischer und US-amerikanischer Weggefährten zur Seite gestellt: Die Blätter von Seymour Haden, Frank Short, Édouard Manet, Camille Pissarro, Marcellin Desboutin oder Joseph Pennell lassen die wechselseitigen stilistischen Einflussnahmen nachvollziehen.

James McNeill Whistler „The Piazzetta“, 1879/80, Radierung; Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett; © Hamburger Kunsthalle / bpk;Foto: Julia Bau
Der in Düsseldorf lebende japanische Künstler Hiroyuki Masuyama (*1968) spannt den Bogen zur Gegenwart. Er wurde von der Leiterin der Internationalen Tage beauftragt, eigens für die Ausstellung in Ingelheim neue Arbeiten zu schaffen. Im vergangenen Jahr reiste dieser nach Venedig und London, um an identischen Stellen, an denen Whistler seine Grafiken radiert hat, Fotografien der gegenwärtigen Situationen: mit heutigen Bauten, Fahrzeugen, Schiffen oder Menschen anzufertigen.
Die aus diesem Material neu entstandenen schwarz-weißen Arbeiten sind Montagen, in denen die aktuelle Ansicht jener Orte von Masuyama über die historischen Grafiken von James McNeill Whistler gelegt und eingepasst sind. Sie offenbaren, wie erheblich sich etwa das Themse-Ufer in den rund 150 vergangenen Jahren entwickelt hat, und wie geringfügig sich dagegen die Veränderung der italienischen Lagunenstadt ausnimmt.

Hiroyuki Masuyama, after Whistler “The Piazzetta“ 1879/80, 2025, 2025, Digitalfotografie auf Papier; courtesy Hiroyuki Masuyama; © Hiroyuki Masuyama
„In diesen neuen Arbeiten visualisiert Masuyama die jüngste Version seines Hauptthemas, das sich seit 1997 durch sein künstlerisches Schaffen zieht: die Verbindung von Raum, Zeit und Veränderung“, so Henkel. Diese aktuellen Arbeiten hängen zwischen Whistlers Grafiken aus London und Venedig.

Hiroyuki Masuyama after Leonardo da Vinci „Storm No.1“, 2013, Leuchtkasten; courtesy Hiroyuki Masuyama; © Hiroyuki Masuyama
Zum besseren Verständnis seines Kunstschaffens bildet eine Gruppe älterer Werke das vierte Kapitel mit teils begehbaren Installationen, großformatigen Lichtkästen oder filigranen Arbeiten aus Papier. Sie verbinden zwar kein konkretes Motiv mit Whistler, aber sie eint die Idee, dass sich jeder Raum – ob klein wie ein Rasenstück oder groß wie die Metropole London – mit dem Lauf der Zeit kontinuierlich, wenngleich unterschiedlich intensiv verändert.
Die Arbeiten beider Künstler sind die Einladung zu einer »Reise«, in der sich Vergangenheit und Gegenwart immer wieder berühren, durchblenden, ergänzen und zu bedeutenden Zeitdokumenten verbinden.
Die beeindruckende Schau „Von London nach Venedig: Whistler & Masuyama“ ist bis zum 5. Juli 2026 im Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus zu sehen; weitere Informationen unter:
