„Frankfurt liest ein Buch“- „Herzlandschaft. Marie Luise Kaschnitz und Italien“
Wie klingt Marie-Luise Kaschnitz auf Italienisch? Und wie liest sie Rom?
Von Petra Kammann
Zu dem Thema gab es eine ungewöhnliche Veranstaltung in der Deutsch-Italienischen Vereinigung“ in der Arndtstraße, wenige Schritte entfernt vom langjährigen Wohnort Wiesenau 8 der in diesem Jahr wiedergelesenen Miniaturen „Gott und die Welt“ von Marie Luise Kaschnitz im Rahmen von Frankfurt liest ein Buch. Dr. Caroline Lüderssen, Vorsitzende der Deutsch-Italienischen Vereinigung, hatte vorausschauend die Autorin Julia Zieger eingeladen, die sich mit dem Rom- und Italienbild der Autorin, der Meisterin der „kleinen Form“, des Gedichts, des Essays, der Skizze, des Hörspiels, ausgiebig beschäftigt hat, dazu Giuliano Lozzi, den Übersetzer von „Engelsbrücke“ („Ponte Sant‘ Angelo“), der Passagen aus den 168 Miniaturen der deutschen Rom-Flaneurin Kaschnitz auf Italienisch vortrug und erläuterte. Eine andere Kaschnitz!

Begrüßung durch Dr. Caroline Lüderssen, Vorsitzende der Deutsch-Italienischen Vereinigung, v.l.: Autorin Juliane Ziegler, Moderatorin Anna Nuzzolo, Übersetzer Giuliano Lozzi, Foto: Petra Kammann
Am „Tag des Buches“ (und gleichzeitig am „Tag des Bieres“, wie Lüderssen humorvoll ergänzte) war der Veranstaltungsraum des Deutsch-Italienischen Instituts bis zur letzten Lücke gefüllt. Sogar der italienische Generalkonsul Massimo Darchini und seine Stellvertreterin haben es sich nicht nehmen lassen zu kommen. Beteiligt waren sie wohl auch bei der Unterstützung des Zustandekommens der Veranstaltung, wofür Lüderssen ihnen dankte.
Eine Etage höher lädt in der Westend Galerie noch bis zum Ende des Monats unter dem Titel „Glühen“ die sehenswerte Ausstellung des Südtiroler Künstlers Arthur Kostners mit den elegant geschwungenen minimalistisch gestalteten Objekten und geheimnisvoll schimmernden glänzend lackierten Holztafeln ein. Den Büchertisch im Hochparterre hatte die Inhaberin der kleinen feinen Wiesbadener Buchhandlung Angermann Cornelia Lüderssen organisiert.

Blick in die Ausstellung „Glühen“, der von Galerieleiterin Barbara Thurau kuratierten Schau von Arthur Kostner im Obergeschoss, Foto: Petra Kammann
Es bewahrheitete sich, was Dr. Caroline Lüderssen, Vorsitzende der Deutsch-Italienischen Vereinigung, in ihrer Begrüßung hervorhob: „Unsere Vereinigung ist ein lebendiger Ort der Begegnung, des Austauschs und des gegenseitigen Verständnisses“. Denn die binationale Vereingung feiert ihr inzwischen 60-jähriges Bestehen unter dem Jubiläumsmotto „Resonanzen – Risonanze“.
Mit diesem Widerhall hat die Vereinigung neue Projekte, Kooperationen und eine junge Generation im Visier, welche die gewachsene deutsch-italienische Freundschaft mit frischen Ideen fortsetzt. Und das bezieht sich gleichermaßen auf die verschiedensten musischen Bereiche wie Kunst, Literatur und Musik und natürlich auch die Lust an der schönen italienischen Sprache, die man im Institut nicht nur lernen, sondern auch perfektionieren kann.

Juliane Ziegler, die Autorin von „Herzlandschaft“ (ebersbach & simon), Foto: Petra Kammann
So ging es dann um die Wahlrömerin Marie-Luise Kaschnitz, die von sich behauptete, drei Heimatsorte zu haben: das badische Bollschweil, ihren Familienort, aus dem sie raus wollte, Frankfurt, wo sie von 1941 bis 1974 im Frankfurter Westend wohnte und von dort aus das Nachkriegszeitgeschehen in allen Umbrüchen beobachtete. Und immer wieder war es Rom, das sie lockte und wo sie am Ende auch starb.
Dort hatte sie sich freigeschrieben, hier war sie Gast in der Villa Massimo, konnte Kontakte zu anderen deutschen intellektuellen Größen wie Ingeborg Bachmann oder Günter Grass knüpfen, aber auch das dort so andere Leben beobachten wie zum Beispiel einfache Bauersfrauen, spielende Kindern, die mit Zitaten aus der „Göttlichen Komödie“ malträtiert wurden.
In ihren italienischen Momenten geht es nicht nur um das dolce far niente, nach dem sich so viele Deutsche nach dem Krieg sehnten, auch nicht um das Roma eterna der gebildeten Schichten, dem ihr Mann sich als Archäologe verpflichtet fühlte, das sie aber auch in ihre Texte einfließen lässt. Aber sie verschloss nicht die Augen vor dem alltäglichen Rom mit all seinen Schattenseiten, der bitteren Armut nach dem Zweiten Weltkrieg.„Hier herrscht Vitalität und tödliche Schwermut, brausende, lärmende Gegenwart, Augenfreude und die Erfahrung sozialer Not“, heißt es bei ihr.

Das Buch von Juliane Schnabel erschien 2024 im Verlag ebersbach & simon
Mit diesem ambivalenten Kaschnitz-Gemisch aus „Verzauberung“ und „Entzauberung“, wie es die charmante italienische Moderatorin Anna Nuzzole auf den Begriff brachte, hatte sich die Autorin und Journalistin Juliane Ziegler im Rahmen ihrer mehrjährigen Recherche im Marbacher Literaturarchiv für ihr 2024 erschienenes Buch „Herzlandschaft“ (ebersbach & simon) beschäftigt und konnte kompetent Antwort darauf geben, wie es dazu kam.
Sie hatte im Marburger Literaturarchiv das eher unbekanntere Bildmaterial aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchforstet, wie auch die ungeheuer umfangreiche Korrespondenz der bestens vernetzten Autorin, die sie anfänglich mühsam zu entziffern suchte. Kein leichtes Unterfangen bei rund 4000 auszuwertenden Schriftstücken der Autorin.
„Königlich, Rom, hast Du mich empfangen“ heißt es im Deutsch-Italienischen Institut bei der Präsentation auf dem Bildschirm und der auf Deutsch geführten Diskussion, die Giuliano Lozzi mit den von ihm übersetzten Passagen aus „Engelsbrücke“- „Ponte Sant’Angelo“ auf Italienisch las und damit lautlich ein Quäntchen mediterraner Atmosphäre und Lebensart zur Veranstaltung beisteuerte. Dabei waren die raffiniert konstruierten und oft auch anspielungsreichen Kaschnitz-Sätze in ihrer Zwiespältigkeit und ihrem Understatement für ihn alles andere als leicht zu übersetzen.
Projizierte Textpassage über Rom auf Deutsch bei der Veranstaltung, Foto: Petra Kammann
Juliane Ziegler ließ das Leben von Marie Luise Kaschnitz, geb. von Holzing-Berstett anhand zahlreicher, zum Teil bisher unveröffentlichter Originaldokumente als Entwicklungsgeschichte der Autorin mit Mädchennamen Marie Luise von Holzing-Berstett noch einmal Revue passieren, wie zum Beispiel deren Ausbildung als Buchhändlerin in der Klassikerstadt Weimar. Dabei interessierte sie sich ausgerechnet an diesem geschichtsträchtigen Ort nicht etwa für Schiller und Goethe, sondern vielmehr für das experimentierfreudige Bauhaus und die dazugehörige Künstlerszene: So traf sie in der Thelemannschen Buchhandlung dort auf Kunden wie Paul Klee und Kandinsky, und sie begeisterte sich eher für Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“.
Als in der Weimarer Republik die Stimmung zu kippen drohte, zog es sie in den Süden nach München, wo sie dann eine Stelle im Verlag fand. Die Unterkunft, die sie dort mietete, hatte zuvor der Archäologe Guido Kaschnitz von Weinberg aus Wien bewohnt. Er hatte bei der Übergabe seines Zimmers an Marie Luise deren Aufmerksamkeit geweckt, woraufhin sie ihn zum Tee einlud. Er wiederum verabschiedete sich von ihr wegen anstehender Ausgrabungen in Rom mit einer Visitenkarte. Von Stund an übte die italienische Metropole eine große Faszination auf sie aus. Sie konnte zwar kein Italienisch und hatte auch „keinerlei Kenntnis“, dafür aber jede Menge Fernweh, was ihre weitere Neugier anstachelte und den damit verbundenen Wissensdurst.

Es ging hin und her zwischen Deutsch und Italienisch bei den Romeindrücken von Marie Luise Kaschnitz, die Anna Nuzzolo (Mitte) geschickt moderierte, Foto: Petra Kammann
1924 macht sie sich nach einer Antiquariatsarbeit in Florenz alleine auf den Weg nach Rom, wo sie den Wiener Archäologen Kaschnitz von Weinberg wiedertrifft, den sie auch schon kurz darauf 1925 ehelicht. Nach ihrer Heirat begleitet sie ihren Mann auf Studienreisen durch Italien, Griechenland, Nordafrika und die Türkei.
Und während er ständig arbeitet und forscht, fängt sie an, Kurzgeschichten und Gedichte zu schreiben und Ideen für einen Roman, der im faschistischen Italien spielt, zu sammeln: „Liebe beginnt“. Im Laufe der Geschichte emanzipiert sich die Protagonistin zusehends und befreit sich aus alten Rollenmustern, damit oder weil der ehrgeizige Ehemann seine Karriere in Rom weiter verfolgen kann. Guido hatte sie übrigens durchaus ermuntert, so weiterzumachen. Autobiografische Züge des in Vergessenheit geratenen Romans sind da unübersehbar.
Bis 1932 blieb das Ehepaar Kaschnitz insgesamt in Italien, kehrte danach zunächst wegen der Forschungsaufträge und der inzwischen geborenen Tochter, die teilweise in der Familie in Bollschweil betreut wurde, nach Deutschland zurück, zunächst nach Königsberg und Marburg und ab 1941 dann nach Frankfurt. Aber Anfang der 1950er Jahre zieht es sie wieder nach Rom. Und dann wieder nach Frankfurt.
1958, nach dem Tode ihres Mannes Guido von Kaschnitz-Weinberg , hielt Marie Luise Kaschnitz sich abwechselnd in Frankfurt, auf dem Familiengut Bollschweil im Breisgau und in Rom auf, wohin sie – inzwischen als berühmte Autorin – zurückgekehrt war, zunächst aber ernüchtert vom Anblick der zerstörten Stadt war mit dem aufkeimendem Tourismus und dem Elend der modernisierten Außengebiete. Schließlich stirbt die begeisterte Schwimmerin 1974 in Rom an den Folgen einer Lungenentzündigung nach einem zu kühlen Bad im Meer. Nicht zuletzt der Tod in Rom verbindet die erste Büchnerpreisträgerin mit der späteren Büchnerpreisträgerin Ingeborg Bachmann.

Anna Nuzzolo befragt Giuliano Lozzi, Dozent an der Università degli Studi di Roma Tor Vergata, nach den Schwierigkeiten der Übersetzung der Texte ins Italienische, Foto: Petra Kammann
Dass eine bekannte Autorin, die schon mehrere Jahre in Rom lebte und mit Ingeborg Bachmann, derer sie sich in besonderer Weise annahm, befreundet war, erst 2025 auf Italienisch übersetzt wurde, ist schon erstaunlich. Eigentlich saß Giuliano Lozzi auch schon seit 2007 an den Übersetzungen von „Engelsbrücke“. Römische Betrachtungen („Ponte Sant‘ Angelo. Osservazioni romane“), hatte aber nie ausgiebig Zeit, dranzubleiben, weil er zunächst halbtags als Lehrer arbeitete und erst spät den kleinen Verlag del vecchio editore gefunden hatte, der sich dafür interessierte. Besonders schwierig sei es auch gewesen, die langen und teils raffiniert verschachtelten Sätze ins Italienische zu übertragen, sagt Lozzi.

Cover der italienischen Ausgabe der „Römischen Betrachtungen“
Vielleicht war es aber auch ein Rom, das Kaschnitz schildert, entfernt vom Postkartenkitsch, vielmehr die Modernisierung der Stadt und die Schattenseiten wahrnehmend, den schnellenTourismus, das alltägliche selbstvergessene Spiel der Kinder, das in „Dante par coeur“ mit den grausamen den Versen des „heiligen“ Dichters bestraft wird in, dem sie sich auf besondere Weise genähert hat, denen sie sich mit Augen und Ohren hingegeben hat und einer Hand, die das Gehörte aufschreibt:
„Solamente occhi, orechie che ricordano. E un mano che scrive“.
„Frankfurt liest ein Buch“ bei der Eröffnung des Lesefestivals
Schon der Start von Frankfurt liest ein Buch mit den Aufzeichnungen von Marie-Luise Kaschnitz „Gott und die Welt“ (edition weiss) in der Deutschen Nationalbibliothek hätte besser nicht sein können – u.a. mit kenntnisreichen Grußworten der Kulturdezernentin Ina Hartwig, die schon als Schülerin die Autorin entdeckt hatte, der amüsanten späten Annäherung von Ex-Suhrkamp-Lektor Rainer Weiss, dem heutigen Verleger der edition w, denen der engagierten Vorsitzenden Sabine Baumann, die mit ihrem Team über 100 Veranstaltungen für das regionale Lesefest auf die Beine gestellt hat.
Die Lesungen mit den verschiedenen besonderen Stimmen ließen Kaschnitzens Beobachtungen aus der Wiesenau und der Angst um den Verlust der eigenen Wohnung ganz vielfältig und heutig werden. Herausragend die Lesung des Ehrenpräsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und einstigen Suhrkamp-Lektors Klaus Reichert, der die wortfindende Poetin aus „Gott und die Welt“ hervorhob, die der Schülerin des Adorno-Gymnasiums, Sara Mokhlesgerami, dann die teils selbstironischen und spitzbübisch vorgetragenen Stellen über das Witwen-Dasein zwischen Freiheit und Alleinsein („Witwe – kein Ehrentitel“) der Vorsitzenden der Bingel-Stiftung, der Nachbarin aus der Wiesenau 10 Barbara Bingel.

v.l.: Nichte Amelie Schnebel, Stiefenkel Andreas Schnebel, Klaus Reichert, Caroline Lüderssen bei der Eröffnungsveranstaltung von „Frankfurt liest ein Buch“, Foto: Petra Kammann
So bereichernd wie erheiternd waren vor allem die Beobachtungen zweier Nachfahren der Autorin: Andreas Schnebel, Stiefenkel der Autorin, und die der Marie Luise Kaschnitz nahestehenden verbündete Nichte Amelie Schnebel, die die ruhelose, fein beobachtende Raucherin und intellektuelle Morgenschreiberin Kaschnitz in ihrem Alltag lebendig werden ließ. Sie schilderten die weitsichtige Autorin mit Humor und Chuzpe auf dem grünen Biedermeisersofa in Bollschweil, Rom und in Frankfurt. Eine Kaschnitz, die zum Beispiel Reservestangen Zigaretten hinter den Pullovern versteckte, die Ungerechtigkeit hasste, aber auch befreundet und bestens vernetzt war mit Persönlichkeiten wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Theodor W. Adorno, Peter Huchel, Grass & co..
Ja, die so aktuell gebliebene Autorin Marie Luise Kaschnitz hat in Frankfurt, das für die Weltbürgerin zur intellektuellen Heimat wurde, wahrlich ein Denkmal verdient!

