„Hidden History“: Verborgene Geschichte(n) urbaner Subkultur im Frankfurter Kunstverein
Vom „schlechtesten Theater der Welt“ – Blick hinter die Kulissen der Stadt von 1950 bis heute
Von Petra Kammann
„Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese Frage beschäftigt uns seit der legendären „Fettecke“ von Joseph Beuys. Wem aber gehört der urbane öffentliche Raum? Und wie kann man ihn sich durch künstlerische Eingriffe aneignen? Das Postulat von Beuys lautete: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Ist er das wirklich? Natürlich landen nicht alle Werke, die von Künstlern hergestellt werden, auch im Museum, und erst recht nicht im „White Cube“… Fragen, über die man ebenso tagelang diskutieren könnte wie über die vermüllte Stadt. In der derzeitigen Ausstellung aber wurden originell gestaltete Positionen gefunden. Heiner Blum, ehemaliger Professor an der HFG Offenbach, zudem Initiator des „Diamant / Museum für Urbane Kultur“, arbeitet seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Kunst, öffentlichem Raum und sozialen Prozessen. Er hat die vierwöchige Schau über die verborgene Geschichte der Stadt kuratorisch betreut. Entstanden ist daraus eine Kooperation mit Aktionen, Aktivierungen und Andockmöglichkeiten.

Die Ausstellungsidee entstand aus Gesprächen zwischen Kunstvereinsdirektorin Franziska Nori und Kurator Heiner Blum, Foto: Petra Kammann
Kultur wird meist in bleibenden Bildern und Texten überliefert. Flüchtiges und Nichtaufgezeichnetes verbreitet sich häufig eher durch mündliche Überlieferung. Im Fluss der Zeit verblassen und verschwinden dann Mythen und Geschichten. Dies gilt nicht nur für ferne Kulturen, sondern vor allem auch für unser Zeitalter der Überinformation. Ein Teil dieser in Museen nicht präsenten Geschichten, die im öffentlichen Raum entstanden,haben nun einen Ort auf Zeit gefunden – im Frankfurter Kunstverein.
Da geht es gleich schon im Eingangsbereich des einstigen Steinernen Hauses medias in res. Dort wird man von einer Aufenthaltslandschaft mit Wohnwagen, Campingmöbeln und Leuchtschildern empfangen: Sierretta Nevada Wanted! aus den 1990er Jahren von Annette Gloser und Silke Thoss, deren damalige Aktion hier eigens neu inszeniert wurde.

Annette Gloser berichtet aus ihren Erfahrungen, Foto: Petra Kammann
Gloser, eine der prägenden Figuren der Frankfurter Off-Szene, ist Pionierin vom Beginn der 1990er Jahre an und sie ist es bis heute. Sie organisierte damals, unabhängig von institutionellen und kommerziellen Rahmen, immer wieder neue, unkonventionelle, Räume auf Zeit, in denen Menschen einander begegnen können, um Kunst und Kultur unter freien und experimentellen Vorzeichen zu erleben. Ihre Projekte „Galerie Fruchtig“,„Muttertag“ und „Gartner’s“ sind nur einige ihrer Projekte, die im Gedächtnis der Frankfurter Kunstszene geblieben sind. „Give art a kick“ heißt es am Empfangstresen.

Sierretta Nevada Wanted! aus den 1990er Jahren wurde von Annette Gloser und Silke Thoss rekonstruiert, Foto: Petra Kammann
In dem Wohnwagen lebten die Künstlerinnen ganz real und fuhren quer durch Deutschland, um an Orten der Subkultur anzuhalten und dort Kunstwerke einer fiktiven Künstlerin zu zeigen, die sie über Nacht selbst geschaffen hatten. Aufbrechen, immer wieder neu Ankommen, Improvisieren. Das stand im Zentrum ihrer performativen Reise, auf der sie mit Mentalitäten verschiedendster Natur konfrontiert wurden.

Wie Leitlinien ziehen sich die farbigen Tapes von Rushy Diamond durch das gesamte Gebäude, Foto: Petra Kammann
Rushy Diamond, der eigentlich Architekt hätte werden wollen, wurde schließlich durch andere Interventionen im öffentlichen Raum bekannt. Seine Arbeitsweise entsteht unter Verwendung von farbigen Klebebändern (tapes) im urbanen Raum. Dabei entlehnt er seine Ästhetik den funktionalen Leitsystemen von Straßenmarkierungen. Hier im Kunstverein führen auf dem dunklen Boden quietsch-grüne, -rote und weiße, miteinander verbundene Streifen dann quer durch den Raum über die Treppe nach oben und durch die gesamte Ausstellung. Diese Tape Art findet man auch an verschiedenen Orten in der Stadt wieder. Sie leiten und verknüpfen Begegnungen.
Über die Streifen geht es dann ins erste Obergeschoss zurück in die 1950er Jahre. Im Gebäude entstand nämlich damals Die Schmiere als fahrende Theaterkompanie. Da war nämlich Rudolf Rolfs mit einem hölzernen Bauwagen durch das Land gezogen und am Römerberg just vor dem zerstörten Steinernen Haus, dem Sitz des heutigen Kunstvereins, gelandet. Hier machte er Station und gründete unter dem Motto „Die Schmiere – das schlechteste Theater der Welt“, die bis heute überlebt hat, wenn auch in einem anderen Keller.

Rolfs‘ Tochter Effi B. Rolfs erläutert die Kellersituation der Schmiere in der Anfangszeit, Foto: Petra Kammann
Damals war die Schmiere in das feuchte und kalte Kellergewölbe des durch die Bombenangriffe stark zerstörten Steinernen Hauses gezogen, auf dem man noch heute die Wandmalereien der einstigen Schmiere entdecken kann. Die schlichten Stühle und ein einfacher Tisch – auch sie sind im FKV ausgestellt – war seinerzeit das Theatermobiliar, auf dem das unangepasste, teils kabarettistische Programm improvisiert wurde. Zu sehen sind in der Schau auch die damaligen „Marketingmaßnahmen“, die teils köstlichen Flugblätter, Pamphlete und Bücher der Schmiere.

Die Flugblätter geben etwas vom Spirit der Zeit wieder, Foto: Petra Kammann
Rolfs betrieb das Theater bürgernah, innovativ und mutig. Bewusst verzichtete er daher auf eine institutionelle Förderung, um wegen seiner widerständigen Haltung das Programm davor zu schützen, dass es nicht der Zensur zum Opfer fällt. „Wenn es eine ‚Subkultur‘ in der Bundesrepublik gibt, begann sie 1950 mit der Schmiere“, hieß es in der 1985 erschienenen Chronik des Theaters.

Selbst ein echtes Motorrad wurde auf die Bühne geschleppt, Foto: Petra Kammann
Heute wird Die Schmiere von Rolfs‘ Tochter Effi B. Rolfs und Matthias Stich im Karmeliterkloster weitergeführt. Und das mit Kabarett, Satire und wechselnden Formaten. Die beiden Organisatoren geben im Rahmen der Ausstellung in einer Lecture Einblicke in diese Kontinuität bis heute. In der Nacht der Museen am 25. April 2026 wird dann dieser Raum zur Bühne junger weiblicher Hip-Hop- Artists aus der Rhein-Main-Szene.

An der Theke im Foyer des Obergeschosses mit Hannibal Tarkan Daldaban, DJ, Event-Kultur, Foto: Petra Kammann
Abenteuerlich ist auch die Geschichte von Hannibal Tarkan Daldaban, geboren als Sohn türkischer Eltern in Frankfurt Höchst, freigegeben zur Adoption schon vor der Geburt, er wurde bei einer Pflegefamilie versteckt, besuchte nie ein Kinderheim, wurde auch nicht adoptiert, stattdessen aber stattdessen als Assistent der Pflegeeltern zur Sozialisierung des Familienbetriebs herangezogen und stärkte hier wesentlich seine kommunikativen Fähigkeiten.
Immer war es Theken, an denen er sich verwirklichen konnte, und das in den unterschiedlichsten Jobs. Er gründete Clubs, eröffnete Bars, baute Bühnen. Da er die Theke als das „ehrlichstes Möbelstück der Welt“ empfindet, ist er auch hier mit einer einfach gebauten Theke vertreten, deren Vorderfront herausnehmbar ist, um die Trennlinie zwischen Gebenden und Nehmenden zu unterbrechen – ohne Front, ohne Verkleidung, ohne Erklärung. Hannibal, der selbst zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, kennt das Gefühl, auf der falschen Seite einer unsichtbaren Linie zu stehen, nur allzu gut. So hatte er angefangen, Brücken durch Gespräche zu bauen. Hier wird er an der Stelle als Performer und Barkeeper zu erleben sein…
Im nächsten Raum ist auch der Kurator, der Konzeptkünstler und Preisträger des Binding-Kulturpreises Heiner Blum selbst als Foto-Künstler zu entdecken. Der immer schon experimentierfreudige Fotograf und einstige Chemielaborant Heiner ließ es in seinen jugendlichen Jahren gerne knallen und zischen, so auch in der B-Ebene, was er dann auch s.u. fotografisch dokumentierte.

Heiner Blums Fotos aus der B-Ebene, Foto: Petra Kammann
Immer interessierte er sich dafür, was unter unter dem Pflaster liegt, und spiegelt damit einen Teil des damaligen Zeitgeistes. Kein Wunder, dass der Name des erfolgreichen Frankfurter Stadtmagazins den Namen Pflasterstrand (1976 bis 1990), das Daniel Cohn-Bendit damals gegründet hatte, trug.

Blums room, mit tapezierten Fotos, die den Zeitgeist spiegeln, Anne Imhoff inklusive, Foto: Petra Kammann
Zu sehen sind in dem großen Raum mit Blick auf die neue Altstadt seine straßennahen Arbeiten von 1974 bis heute als raumfüllende Fotocollage an den Wänden, nicht zuletzt mit Motiv-Schildern, die an die Mitverantwortung für den öffentlichen Raum appelieren.

Heiner Blum, Flying Glass 2026, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2026
Photographer: Michael Franzen, ©Frankfurter Kunstverein
Eine Erinnerungsbrücke und Gedächtniskultur ins Hier und Jetzt schafft Blum mit seiner Fensterarbeit, die durch eine einfache Technik besticht. Auf den großen Fensterscheiben hat er mit einfachem Klebeband eine geometrische Komposition geschaffen, durch die man auf die neue Frankfurter Altstadt schaut. Die Bezüge sind so aktuell wie historisch. Während der letzten beiden Weltkriege hatten nämlich Menschen ihre Fenster mit Papierstreifen zum Schutz vorm Zerbersten bei den Bombenexplosionen beklebt. Damit bringt Blum das Bedürfnis der Menschen nach Struktur und Schönheit zum Ausdruck: „Flying Glass“ nennt er die flächenfüllende Tape-Installation an der Fensterfront des Frankfurter Kunstvereins.

Heiner Blum und Rushy Diamond, Foto: Michael Franzen©Frankfurter-Kunstverein
Im selben Ausstellungsraum finden sich u.a. auch Bilder des Projekts Labelstore, das 1997 gemeinsam mit Leonard Kahlcke entstand. Unter diesem Brand-Namen wurde eine fiktive Modemarke präsentiert, die Konsum, Markenlogik und Authentizität auf deren Formsprache und Ästhetik hin untersucht wurde. Die dazu entstandene fiktionale Werbekampagne wurde von Nadine Fraczkowski fotografiert. Performance-Künstlerin Anne Imhof, lange, bevor sie die auf der Biennale von Venedig 2017 den Goldenen Löwen erhielt, war seinerzeit gemeinsam mit anderen Top Models noch in Sportklamotten Markenbotschafterin des Labels.

Franziska Nori und Schwarzi mit seinen grün rot bemalten Skates, Foto: Petra Kammann
Im 3. Obergeschoss treffen wir dann auf Schwarzi, einem der wichtigen Aktivisten der Skateboard-Subkultur, deren Vertreter das brutalistische Betonareal an der Hauptwache für sich vereinnahmten und es als zentralen Treffpunkt der Skateboard-Szene Deutschlands etablierten. Die Farben Grün und Rot hat Schwarzi „als kollektive Erinnerungsmarker“ an U- und S-Bahn-Linien als Orientierungssystem der zentralen U-Bahn-Station entlehnt, überträgt diese Farb- und Formencodes ins T-Shirt- und Skateboarddesign seines Labels Hauptwache 2.0. Zusammen mit einem Hauptwache 2.0-Obstacle stellt er seine Boards und Shirts im Raum aus und wagt so den Versuch, die urbane Subkultur in institutionelle Räume zu übertragen.

Vorhang zu und Ende offen – das kollektive Schlussbild, Foto: Petra Kammann
Der letzte Raum ist dann dem Künstler und Aktivisten Oguz Sen und der Performerin und Choreografin Honji Wang gewidmet. Die beiden entwickeln gemeinsam eine partizipative Arbeit an der Schnittstelle von Zeichnung und Performance. Als Work in Progress entsteht im Raum über mehrere Wochen dort eine großformatige Wandarbeit, entwickelt von unterschiedlichen Gruppen, u.a. von Menschen mit Suchterfahrung, Wohnungslosen, Menschen mit Migrationserfahrung sowie Kindern und Jugendlichen aus betreuten Kontexten, die ihre eigenen Erfahrungen, Perspektiven und Ausdrucksformen in das Wandgemälde einbringen. Sie setzen zeichnerisch fort, was andere begonnen haben. So werden die Zeichnungen ergänzt, überlagert oder weitergeführt, so dass am Ende ein kollektives Bild ohne festen Abschluss entsteht.

Kontakt zur Straße von Leonard Kahlcke, Foto: Frankfurter Kunstverein
Kontakt zur Straße gewährt schon als Hingucker im Windfang am Eingang des Frankfurter Kunstvereins ein von der Decke hängender Kubus mit beweglichen Bildern: das Ladenschild des Geschäfts von Atelier Leonard Kahlcke in der Neuen Mainzer Straße 22 in Frankfurt. Es zeigt sowohl Kahlckes eigene frühe künstlerische und straßennahen Arbeiten als auch die von ausgewählten Künstlern wie Dan Kwon, hier mit seinem Werk Shoes Life.
Mit der Ausstellung lädt der Frankfurter Kunstverein alle Besucher dazu ein, neue Perspektiven urbaner Kultur zu entdecken und sich spielerisch zu beteiligen. Für Kinder und Jugendliche gibt es außerdem ein umfangreiches Workshop-Programm mit KünstlerInnen der Ausstellung, das jenseits der digitalen Gewohnheiten die Stadt und ihre Zeichen als Erlebnisraum neu entdeckt und analoge Möglichkeitsräume eröffnet. Auf die Wirkungen dieses Experiments darf man gespannt sein.
Hidden History – Facetten der Subkultur in Frankfurt Rhein Main.
noch bis zum 17. Mai 2026
Weitere Infos unter:
