Museum Wiesbaden erwirbt bedeutendes Frühwerk von Jawlensky
Das Gemälde „Bahnhof-Füssen“ schließt Sammlungslücke
Von Hans-Bernd Heier
„Das ist heute ein sehr glücklicher Tag“, sagte Dr. Andreas Henning, Direktor des Museums Wiesbaden, bei der Präsentation des Gemäldes „Bahnhof-Füssen im März“, das einen Wendepunkt in Alexej von Jawlenskys Schaffen darstellt. Das Gemälde des Wegbereiters der Modernen Kunst zählt zu seinen frühen, impressionistisch angehauchten Arbeiten. Das Werk aus dem Jahre 1905 war bereits zweimal im Rahmen von großen Sonderausstellungen temporär im Landesmuseum zu sehen, musste aber danach wieder zurück in die Schweiz zu seinem Eigentümer reisen. Jetzt ist es mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Hessischen Kulturstiftung gelungen, das Gemälde zu erwerben, und bleibt dauerhaft im Sammlungsbestand.

Alexej von Jawlensky „Bahnhof-Füssen im März“, Öl auf Pappe, 1905; Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
Das Museum Wiesbaden beherbergt die bedeutendste Sammlung des Expressionisten und „Blauer Reiter“-Künstlers Alexej von Jawlensky. Insgesamt besitzt das Haus nun 116 Werke des Malers, der von 1921 bis zu seinem Tod im Jahre 1941 zwanzig Jahre in Wiesbaden lebte. Dank der Mitfinanzierung durch zwei Stiftungen gelang es dem Hessischen Landesmuseum jetzt, das bedeutende Frühwerk für 350.000 Schweizer Franken aus dem Nachlass des Malers zu erwerben. Das frühe, noch zwischen Impressionismus und Expressionismus einzustufende Landschaftsgemälde schließt eine Sammlungslücke.
Bislang fehlt im Bestand des Landesmuseums eine Arbeit aus Jawlenskys Füssen-Aufenthalt im März 1905. Diese Gemälde sind sehr rar: Es sind lediglich zehn Werke im „Catalogue Raisonne“ (Nr. 92-101) dokumentiert. Von diesen wenigen, im Allgäu geschaffenen Werken ist das Bahnhofsbild das mit Abstand am häufigsten in der Literatur publizierte und ausgestellte Bild.
„Das Gemälde markiert einen frühen, sehr entscheidenden Wendepunkt im Werk des Künstlers“, erläutert Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos der Klassischen Moderne am Museum Wiesbaden. Hatte Jawlensky bis dahin in München zunächst die deutschen Spätimpressionisten Lovis Corinth, Max Liebermann oder Max Slevogt rezipiert, im Anschluss daran die französischen Pointillisten um Georges Seurat, muss er spätestens 1904 die Arbeiten Vincent van Goghs im Original gesehen haben. Kurz darauf, nämlich während seines Füssen-Aufenthaltes, ändert sich durch diese „Begegnung van Gogh“ die Malerei Jawlenskys merklich, der Pinselstrich wird rhythmischer, die Malerei flächiger, die Farben werden klarer. Einige der in Füssen entstandenrn Bilder sind noch als impressionistisch zu bezeichnen, während andere bereits diese neue Auffassung zeigen. „Bahnhof-Füssen im März“ ist sehr wahrscheinlich aufgrund der im unteren Bilddrittel sich zurückziehenden Schneedecke am Ende des Aufenthalts entstanden, als der „Impuls van Gogh“ kreativ verarbeitet war. Ab diesem Moment ist Jawlensky, der als erster deutschsprachiger Maler das Potential des Holländers für sich und seine Malerei zu nutzen wusste, auf dem Weg, einer der ersten deutschen Expressionisten zu werden. Dieser doppelte Markstein – nicht nur im Werk Jawlenskys, sondern auch für die deutsche Kunstgeschichte – kann jetzt im Sammlungsrundgang am Beispiel des besonderen Landschaftsbildes vermittelt werden“.
„Mit dem Ankauf des Gemäldes ,Bahnhof Füssen im März‘ erweitert das Museum Wiesbaden seine herausragende Jawlensky-Sammlung um ein ganz wesentliches Werk, das aus einer Schaffensphase des Künstlers stammt, die bislang hier nicht vertreten war“, so Timon Gremmels, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur. Ein Erwerb dieser Größenordnung ist in Zeiten, in denen die Haushaltslage so angespannt ist wie aktuell, alles andere als selbstverständlich. Dass dieses Werk dennoch in die Sammlung des Museums Wiesbaden aufgenommen werden kann, verdanken wir der Unterstützung von Stiftungen und privaten Spenden. Dieses Engagement zeigt eindrucksvoll: Die Bewahrung unseres kulturellen Erbes gelingt nur gemeinsam.“

Kurator Dr. Roman Zieglgänsberger, Dr. Josephine Karg von der Kulturstiftung der Länder, Staatsminister Timon Gremmels, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung, sowie Museumsdirektor Dr. Andreas Henning (von links); Foto: Hans-Bernd Heier
Dem stimmt auch Museumsdirektor Dr. Andreas Henning zu: „Auf solch einem herausragenden Niveau sind Erwerbungen nur in einer gemeinsamen Anstrengung möglich. Wir danken gleichermaßen der Hessischen Kulturstiftung wie der Kulturstiftung der Länder, dass wir diesen Ankauf aus dem Nachlass des Künstlers in einer konzentrierten Aktion realisieren konnten. Ein entscheidender Entwicklungsschritt im Werk Alexej von Jawlenskys kann somit dauerhaft der Öffentlichkeit vermittelt werden, denn das Gemälde wird auch eine zentrale Rolle in der Neupräsentation dieses Expressionismus-Künstlers ,Alexej von Jawlensky. Privat‘, spielen, die wir im Herbst 2027 eröffnen werden.“
Auf den geringen Ankaufsetat in Hessen für den Erwerb neuer Kunstwerke wies auch Dr. Josephine Karg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kulturstiftung der Länder, hin. Umso erfreulicher sei, dass mit dem Erwerb des Gemäldes „Bahnhof-Füssen im März“ nun ein Schlüsselwerk aus einer Umbruchphase in den Bestand gelange. Damit werde das Museum Wiesbaden als zentraler Ort der Jawlensky-Forschung weiter gestärkt und es werden wichtige neue Möglichkeiten für die Erschließung von Werk und Nachlass eröffnet. Auch Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung, freut sich, dass mit dem Erwerb von „Bahnhof Füssen im März“ ein „für die künstlerische Entwicklung Alexej von Jawlenskys derart bedeutendes Gemälde in dessen Wahlheimat Wiesbaden bewundert werden kann und eine Lücke in der herausragenden Sammlung seiner Kunst im hiesigen Museum schließt“.
Das Gemälde „Bahnhof Füssen im März“ fügt sich hervorragend in die gegenwärtige Sonderausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker… Oder wie Kunst ins Museum kommt“ ein, die noch bis 26. April 2026 im Wiesbadener Museum zu sehen ist;
s. Bericht „Großartige Schau zur Klassischen Moderne im Museum Wiesbaden“ in: FeuilletonFrankfurt vom 11. Sept. 2025
