„Armenian Soul“ mit dem hr-Sinfonieorchester und dem virtuosen Geiger Sergey Khachatryan unter der Leitung von Alain Altinoglu in der Alten Oper
Starke Musik mit komplexen Rhythmen, horrender Klangkraft und lyrisch-leisesten Tönen
Von Petra Kammann
Die Familie von Alain Altinoglu, dem 1975 in Paris geborenen Chefdirigenten des hr-Sinfonieorchesters, stammt aus dem vielgestaltigen Armenien, was ihn mit dem 10 Jahre jüngeren, in Frankfurt aufgewachsenen und aus Eriwan stammenden virtuosen Geiger Sergey Khachatryan verbindet, so dass aus dem Dialog der beiden der Programmakzent „Armenian Soul“ entstand. In der Alten Oper wurde Aram Khatchaturians Adagio aus „Spartacus und Phrygia“ und dessen Violinkonzert in d-Moll präsentiert. Nach der Pause folgte das 1913 in Paris uraufgeführte revolutionäre Ballett „Sacre du printemps“ von Igor Strawinky. Und zum Schluss noch ein kammermusikalisches Nach(t)konzert mit Alain Altinoglu als Solist am Klavier und Sergey Khachatryan an der Geige. Das Duo spielte armenische Kompositionen von Komitas Vardapet und Aram Chatschaturjans Säbeltanz – aus dem Ballett „Gayaneh“. Ein atemberaubender Konzertabend.

hr-Sinfoniekonzert „Sacre du printemps“ am 16.04.2026 Foto: © hr/Sebastian Reimold
Der 1903 in Tiflis, dem heutigen Tbilissi, geborene Komponist Aram Khatchaturian ist der einzige Armenier, der hin und wieder auf den internationalen Konzertprogrammen auftaucht. Khatchaturians Adagio aus dem dreiaktigen Ballett Spartakus und Phrygia erinnert in manchem an Filmmusik. Sein 1940 entstandenes dreisätziges Violinkonzert in d-Moll, das der Komponist 1940 eigens für den aus Odessa stammenden David Oistrach, einem der herausragendsten Geiger des 20. Jahrhunderts, geschrieben hat, ist von hoher Virtuosität geprägt und eine gewaltige Herausforderung für jeden Solisten, weil es dem Geiger alles abverlangt: Dynamik, Brillanz ebenso wie den leichten, aber immer spürbaren folkloristischen Einschlag, denn es steckt zudem voller armenischer Volksmotive, die teilweise durch Khatschaturjans Besuch in Armenien im Jahr 1939 inspiriert wurden.
Virtuos sind nicht nur Kadenz und der Solopart gestaltet, sondern auch der exzeptionnelle Orchesterpart mit seinem farbigen Klangteppich, den 3fach besetzten Holzbläsern, dem 3 -4-fachen Blech, der Harfe und dem reichlich bestückten Schlagzeug, was für eine Menge bravouröser Klangeffekte sorgte.

Anne-Sophie Bertrand, die profilierte Solo-Harfenistin des hr2-Sinfonieorchesters, Foto: Petra Kammann
Sergey Khachatryan meisterte die sperrigen Doppelgriffe ebenso wie auch die blitzschnellen Läufe (man nimmt ihm sofort ab, dass er gerne auch Rennfahrer geworden wäre), aber auch die schroffen Registerwechsel oder die rauschenden Arpeggien, dann im zweiten Satz, dem Andante die sehnsuchtsvollen Solopartien, die von den herausragenden Klarinetten und Streichern in Szene gesetzt wurden. Ein wahres Feuerwerk an Virtuosität und Vitalität entfachte Khachatryan schließlich im Finale, was das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Kein Wunder, dass er, der schon 2005 den Ersten Preis beim Königin-Elisabeth-Wettbeweb in Brüssel gewann, international bei den renommiertesten Orchestern der Welt so begehrt ist.

Die beiden Solisten im Nach(t) konzert mit Altinoglu, Foto: © hr/Sebastian Reimold
Ekstatische Zuckungen statt graziler, tänzerischer Leichtigkeit
Nach der Pause dann das legendäre „Sacre du Printemps“, bei dem mir die Bilder von Pina Bauschs Inszenierung, nicht aus dem Kopf gehen wollten, weder das einschmeichelnd verführerisch tänzerische Anfangsmotiv mit dem Fagott-Solo, welches das Aufkeimen des Frühlings ankündigt, noch das rituell-orgiastische Stampfen einer choreographierten Masse von Menschen bzw. TänzerInnen in fleischfarben durchsichtigen Kleidern, die auf dem vibrierenden Bühnenboden mit dem aufgeschütteten Torf stampften. Da opfert sich am Ende eine Jungfrau für den Frühling und tanzt sich zu Tode.

Szene aus Pina Bauschs „Sacre du Printemps“ im Tanztheater Wuppertal 2007, Foto: Petra Kammann
Es war die einzige „echte“ Ballettmusik, welche die innovative Choreographin Pina Bausch in Szene gesetzt hat: Ein Meilenstein. Erregung, Aggression und Leiden brachte sie damit auf einen allgemeingültigen Nenner: elementar, barbarisch, direkt. In der Gestaltung und Intensität des einprägsamen, sich ständig wiederholenden Ritus stehen sich der Tanz und die Musik in den beiden Aufführungen in nichts nach.

Großer Applaus für alle nach der gewaltigen Darbietung des „Sacre du printemps“, Foto: Petra Kammann
„Anbetung der Erde“ und „Das Opfer“ – lauten die Titel der beiden Teile von „Le sacre du printemps“ („Das Frühlingsopfer“). Einfach genial ist der Anfang mit der schlichten Phrase des Solofagotts zum Auftakt des Frühlings, dem eine raffinierte Klangdramaturgie und vertrackte sich wiederholende Rhytmik folgt. So wird „Die Anbetung der Erde“ durch einen Frühlingsreigen, durch männlich-protzige Wettkampfspiele und durch rituelle Tänze musikalisch zelebriert.
Im zweiten Teil des Werks, der zunächst verhalten beginnt – eine Art Ruhe vor dem dramatischen Moment –, in dem das Mädchen ausgewählt wird, an dem das eigentliche Opferritual vollzogen wird, bevor es sich durch die rasante Steigerung und Wiederholung musikalischer Motive in wilder Ekstase zu Tode tanzt. Im Orchester werden selbst die Instrumente anders genutzt. So werden die Streichinstrumente hier quasi als Schlagwerke verwendet.
Nur zum Schluss im vorletzten Takt gibt es noch ein kurzes Innehalten, das einem förmlich den Atem raubt, dem dann ein grauenerregender Akkord folgt: D-E-A-D, also ‚Dead‘, als ein Symbol für den Tod, der das abrupte Ende herbeiführt.
Man kann sich vorstellen, wie die Zuhörer im Paris 1913 dieses hochemotionale systemsprengende Ballett „Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky empfunden haben mögen, die ungeheure Wucht dieses Werks bei der Uraufführung im Théâtre des Champps Elysées in der Choreografie von Waslaw Nijinski, wo förmlich ein Tumult ausbrach. Und das ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dieses ausgesprochen kühne Werk, das mit den Traditionen des Tütü-Balletts und mit der bislang vorherrschenden Harmonik radikal brach und mit der brutalen Rhythmik, den Dissonanzen und mit den ständigen rituellen Wiederholungen eine „neue Zeit“ aufscheinen ließ, erzeugte eine fast rauschhafte Stimmung, die jegliche Vernunft außer Kraft setzte. Bilder aus dem heidnischen Russland heraufbeschwört. Musik von einer solch primitiven Urgewalt, die das Archaische im Menschen anzusprechen scheint.
Auch mehr als 100 Jahre später erscheint dieses Werk, das die Auferstehung der Natur feiert, aber gleichzeitig den Preis des Lebens fordert, noch immer ganz unmittelbar. Die hr-Sinfoniker und ihr Dirigent Altinoglu, der hochkonzentriert und voller Energie mit jeder kleinsten Faser und Geste seines Körpers Akzente setzte, gaben einfach alles. Das war an Intensität nicht mehr zu toppen.

Großer Applaus auch für den Dirigenten Altinoglu, Foto: Petra Kammann
Dass dem noch ein weiteres Kammerkonzert als Nach(t)konzert folgen sollte, mochte man sich kaum mehr vorstellen. Das wiederum aber schlug den Bogen zum ersten Teil des Konzerts und machte auf armenische, bei uns ziemlich unbekannte Musikstücke aufmerksam, welche, vorgetragen von so brillanten Musikern und Solisten wie Alain Altinoglu als Pianisten und dem virtuosen Geiger Sergey Khachatryan eine besondere Authentizität erlangten und den Wunsch nach mehr auslösten. Dem Publikum jedenfalls wird sich der Abend tief ins Gedächtnis eingegraben und eine kleine Ahnung von dem vermittelt haben, was die armenische Seele bewegt. Das Interesse daran könnte sich nach diesem besonderen Abend ändern.

Alain Altinoglu, der französische Dirigent, Pianist und Organist mit armenischen Wurzeln, derzeit hr-Chefredirigent in Frankfurt, Foto: Petra Kammann
„Die Armenier leben seit sehr langer Zeit in der Diaspora“, weiß Alain Altinoglu auch aus seiner eigenen Geschichte: Er selbst wurde in Paris geboren, wohin seine Eltern vier Jahre zuvor aus der Türkei ausgewandert waren. Dort kam er selbst übrigens zum ersten Mal schon als Jugendlicher mit dem „Sacre du Printemps“ in Berührung durch die Einspielung von Pierre Boulez, die ihn tief prägte. Und dennoch steckt in ihm eine armenische Seele. „Meine Familie bestand seit mehreren Generationen aus Armeniern aus der Region Türkei, wie es früher viele gab. Meine Muttersprache ist daher Armenisch. Bevor wir zu Altinoglu türkisiert wurden, also bis Anfang des 20. Jahrhunderts, lautete unser Familienname Altounian.“
Und die Musik von Komitas Vardapet, diesem Priester, Sänger und Komponist –„eine Legende unter armenischen Musikern“ – so Altinoglu, sei absolut vergleichbar mit Bartók in Ungarn. Er gelte nicht nur als der Begründer der modernen klassischen armenischen Musik, sondern gleichermaßen auch als Musikethnologe und Person der Zeitgeschichte. Er habe Volkslieder transkribiert und damit schriftlich festgehalten.
„Bei jedem Fest, jeder Hochzeit, jedem Familientreffen habe ich diese Musik gehört, sie hat mich immer begleitet“, ergänzt der Dirigent, der dem hiesigen Publikum die Ohren für andere unbekanntere Welten öffnet. Natürlich möchte er seine Erfahrungen und Prägungen teilen. Ein Glück für die Frankfurter und eine Chance, mehr darüber aus so berufenem Munde und mit live gespielter Musik als lebendig personfiziertes Beispiel zu erfahren.
