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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Donnerstag der Großherzogin“ – Ausstellung von Helmut Werres im Kunstverein EULENGASSE

Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Zeichnen

Rede der Kunstwissenschaftlerin Brigitta Amalia Gonser zur Vernissage 

Helmut Werres ist ein vielseitig aktiver und ausgezeichneter Künstler der Darmstädter Sezession und zugleich Mitglied des Kunstvereins EULENGASSE. Als solcher lädt er in die Galerie EULENGASSE ein zu musikalischen und literarischen Interferenzen in seinem künstlerischen Schaffen der letzten Jahre.

Feldzeichnung und Portrait der Großherzogin vom Helmit Werres

Wir folgen dem Künstler und dem „allmählichen Verfertigen seiner Gedanken beim Zeichnen“ in seinen Portrait- und Gelegenheitszeichnungen und bewundern die Strahlkraft seiner Farbfeldzeichnungen.

Die Farbfeldzeichnungen entstehen während eines meditativen Flow-Prozesses, beim intensiven Hören von Musik, aber auch beim Vogelgezwitscher, als verdichte Klangzeichnungen: Linien, Felder und Strukturen werden zu visuellen Spuren eines Moments. Ausgeführt werden sie mit schwarzen, weißen oder farbigen Geltintenstiften auf sehr leichtem japanischem Washi-Papier, meist beidseitig dicht bezeichnet und jeweils fünfmal gefaltet. Frei aufgehängt, von Licht und Luft durchflutet und bewegt, schaffen sie schwebende Immersionsräume zum Verweilen.

Amorphe Zeichnung von Helmut Werres

Hinzu kommt, dass der „Donnerstag“, als gelbe Farbfeldzeichnung, auch aus synästhetischen Assoziationen des Künstlers entstanden ist.

Beim nächtlichen Hören von Thomas Manns Roman »Königliche Hoheit« – Hören – Einschlafen – Aufwachen – Hören –  prägte sich Helmut Werres der Satz ein »der Donnerstag der Großherzogin«, den er beeindruckt und inspiriert zum Titel seiner jetzigen Ausstellung wählte.

Hier das Zitat aus dem Roman:

„…. Aber bei den Konzerten, die jeden zweiten Donnerstag unter dem Namen „Donnerstage der Großherzogin“ im Marmorsaal stattfanden … bei den Konzerten durften Klaus Heinrich und Ditlinde zuweilen festlich gekleidet eine Nummer und Pause lang im Saale sein, und dann zeigte Mama, dass sie sie lieb habe, zeigte es ihnen und allen so innig und ausdrucksvoll, dass kein Zweifel blieb …“

Unter dem „Gelben Donnerstag“ erstrahlt also in der Ausstellung das zeichnerische Porträt der „Großherzogin“, zumindest hat Helmut Werres sie so genannt. Dazu sagt er:

„Ich liebe dieses Gesicht sehr und habe es mehrfach in unterschiedlichen Zusammenhängen zeichnerisch portraitiert. Das Originalportrait ist mir vor Jahren in einer Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt begegnet. Ich weiß nicht mehr, wer sie ist, noch wer sie gemalt hat.“

 „Aber der Donnerstag ist bei mir – und war es schon immer – verhalten gelb. Da ich synästhetisch begabt bin, hat jeder Klang, jeder Ton – somit auch Tage, Monate, Zahlen – seine eigene Farbe: der Donnerstag ist gelb.“

Was den Zeichner Werres so beschäftigt…

„Königliche Hoheit“ ist der Titel eines 1909 veröffentlichten Gesellschafts- und Entwicklungsromans von Thomas Mann. Der Roman spielt um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem fiktiven deutschen Großherzogtum. Erzählt wird die Sozialisation Prinz Klaus Heinrichs und – mit autobiographischen Bezügen – seine Liebe zur nicht standesgemäßen Milliardärstochter Imma Spoelmann. Mit ihrer Hochzeit verbinden sich privates Glück und Staatsraison.

Nach dem Tod des Großherzogs Johann Albrecht III. verändert sich die Familiensituation. Die bereits vor dem Tod ihres Mannes früh gealterte Großherzogin Dorothea zieht sich auf ein Landschlösschen zurück. Ditlinde heiratet als 20-Jährige, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, den geschäftstüchtigen, aber nicht standesgemäßen Prinzen Philipp zu Ried-Hohenried und entscheidet sich damit für ein großbürgerliches Leben im Wohlstand. Die Krone geht zwar auf den ältesten Sohn Albrecht II. über, der – schwächlich und introvertiert – überträgt die Repräsentationspflichten aber seinem 21-jährigen, beim Volk beliebten Bruder, Klaus Heinrich, und dieser darf ebenfalls mit „Königliche Hoheit“ angesprochen werden.

 

Um die Ecke gedacht – die Präsentation der bedeutsamen „Frauen“ in der Galerie, Abb. Helmut Werres

Helmut Werres ist auch stets aufs Neue fasziniert von Jean Paul, dem deutschen Schriftsteller und Dichter zwischen Klassik und Romantik, geboren am 21. März 1763 in Wunsiedel, verstorben am 14. November 1825 Bayreuth. So entstand im Hinblick auf den 200. Todestag des Poeten Helmut Werres‘ Serie von suggestiven Portraitzeichnungen der Frauen, die durch Jean Pauls Leben gingen.

Denn Jean Paul widerspiegelt das gesamte weltanschauliche Spektrum seiner Zeit. Seine Werke prägen abschweifende, teilweise labyrinthische Handlungen, mit großartigen Metaphern, poetischen und philosophischen Reflexionen, aber auch mit witzigen und skurrilen Einfällen. Geistreiche Ironie und bittere Satire stehen unvermittelt nebeneinander und milder Humor neben nüchternem Realismus, verklärende, oft auch ironisch gebrochene Idyllen neben Gesellschaftskritik und politischen Positionierungen.

Besonders Leserinnen schätzten seine Romane, zeigt Frank Piontek in seiner Untersuchung zu „Jean Paul & die Frauen“. Dies lag vor allem an der Empathie, mit der Jean Paul die 21 Frauenfiguren in seinen Werken gestalten konnte: Nie zuvor waren in der deutschen Literatur weibliche Charaktere mit einer solchen psychologischen Tiefe dargestellt worden. Allerdings finden sich auch nirgends sonst derart vergnüglich-misogyne Sticheleien wie bei Jean Paul.

Ähnlich vielgestaltig und verwirrend wie viele seiner Romane muss auch Jean Pauls Charakter gewesen sein. Er war ein kauziges Dichtergenie, das von hochmögenden, hochgebildeten Zeitgenossinnen sehr gefördert wurde, einige waren sogar verliebt in ihn. Auch war er mehrmals verlobt, löste die Verlobung aber immer wieder auf und sagte dazu: „Sie passten nicht zu meinen Träumen“, bis er auf die Frau traf, die seinem idealen Frauenbild entsprach: Karoline Richter, geborene Mayer. 1801 sollte er dann mit ihr in Berlin “die Treppe zum Ehebette“ besteigen.

Einige der Frauen, die für Jean Pauls Karriere wichtig waren, sowie bedeutende Zeitgenossinnen, hat nun Helmut Werres in Portrait-zeichnungen mit Geltintenstift auf Papier zu revitalisieren versucht. Und das ist ihm bewundernswert sensibel gelungen!

Bedeutende Zeitgenossen –  die Frauen für Jean Paul: hier aus der Sicht von Helmut Werres s

In dieser Ausstellung hängen sie in Goldrahmen über den Zeichnungen zu Jean Paul selber. Goldrahmen oder Rahmen mit Goldanteil wählte er, wie er sagt, um die Portraits hervorzuheben und die Portraitierten zu feiern:

Königin Luise von Preußen, begeisterte Leserin Jean Pauls Werken

Charlotte von Kalb, die ihn 1796 nach Weimar einlud

Henriette Gräfin von Schlabrendorff, mit der er eine anhaltende erotisch intensive Begegnung pflegte

Theresia Gräfin von Schlabrendorff

Emilie von Berlepsch, Schriftstellerin und 1797 Verlobte, zu der er sagte „Einige Monate meines Lebens in der Nähe dieses genialistischen engels-guten Menschen zu verleben, ist schön genug.“

Anita Augspurg, Feministin

Ellen Ammann, Politikerin

Ethel Smith, Komponistin

Louise Farrenc, Komponistin

Clara Peeters, Malerin

Juliane von Krüdener, Schriftstellerin

Johanna Schopenhauer, Schriftstellerin

Lena Christ, Schriftstellerin

Karoline Richter, geborene Mayer, Jean Pauls späte Ehefrau, wie sie sich Werres jung vorstellt.

Rückblickend wird Jean Paul zu seinen Liaisons sagen: „Sie kamen wie ein Traum. Sie flohen wie ein Traum, und ich lebe noch in einem Traum.“

Die Zeichnung ist für Helmut Werres zugleich eine sehr intuitive und geistige Angelegenheit, wovon sein umfangreiches Œuvre an „ambulanten Reise-, Geist- oder Gelegenheitszeichnungen“ – wie er sie nennt – zeugt.

So erscheint in dieser Ausstellung Jean Paul nicht nur in geistiger Fusion mit E.T.A. Hoffmann, sondern auch visionär mit Sprechblase, Strahlenkranz und Doppeladler, aber auch stets der Hase sowie andere Chimären und politische Wasserköpfe der bedrohlichen Krisenherde unserer Gegenwart. Dabei verwendet Helmut Werres für diese intensiven Zeichnungen seine speziellen japanischen Geltintenstifte und erzielt damit jene besondere Farbintensität und malerische Expressivität, wie sie für Aquatinta-Radierungen charakteristisch ist.

Träumendes Selbstbildnis von Helmut Werres : die Ente

Und es freut uns: Malerei ist auch dabei: ein Selbstportrait und das Portrait einer Ente. Darin outet sich Helmut Werres als Meister der Introspektion:  dieser nach innen gerichteten Selbstbeobachtung und Analyse eigener psychischer Vorgänge, wie Gedanken, Gefühle, Motive und Erinnerungen, als Weg der Selbsterkenntnis.

Hier zeigt Werres als Autofiktion eines seiner berühmten „Selbstbildnisse“, er nennt es „träumend“, u. zw. ein meditierend in sich ruhendes, aus der Reihe der „Emotionen“, quasi als Triptychon, komplementär flankiert von einem roten und einem grünen Buddha.

Die Buddha-Figur als Vorlage zum Selbstbildnis

Vorlage für letztere bildete eine kleine Buddha-Figur, die er mal vor etlichen Jahren von seiner Patentochter geschenkt bekommen hatte und die er mehrmals gezeichnet und gemalt hat. So entstand dieses Triptychon, das zu seiner Reihe der Wochenbilder gehört.

Auch das Entenportrait basiert auf einer sehr kleinen Spielfigur (7 cm hoch, 2,5 cm Ø), die Werres vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt entdeckt, später fotografisch vergrößert und viermal in unterschiedlichen Formaten gemalt hat. Er liebt es, kleine Dinge zu vergrößern, um Einzelheiten zeigen zu können, die man sonst nie wahrnehmen könnte …

Inspirierende Gegenstände im Studio

Womit wir einen letzten neugierigen Blick auf seine ihn stets aufs Neue inspirierende Studioecke aus dem Atelier werfen, in der – wie an einem Strand – Allerlei angeschwemmt wird: Geschenktes. Gefundenes, Bearbeitetes, Gezeichnetes, Gemaltes.

So bietet uns Helmut Werres hier, mit seiner Ausstellung „Donnerstag der Großherzogin“, einen vielseitigen Überblick seines künstlerischen Schaffens der letzten Jahre mit Introspektionen und musikalischen und literarischen Interferenzen.

WEITERE TERMINE IM RAHMEN DER AUSSTELLUNG

Der Künstler führt persönlich durch die Ausstellung
»Über den Donnerstag und die Großherzogin«
im Ausstellungsraum EULENGASSE
Seckbacher Landstraße 16, 60389 Frankfurt am Main

Sonntags am 19.04., 26.04. und 03.05.
immer um 16 h (Eintritt frei)

 

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